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31.07.2013

Eine Schule für alle, einschließlich für Kinder mit FASD? Herausforderungen vor dem Hintergrund der Inklusion

Inklusion ist ein pädagogisches Konzept von optimierter und erweiterter Integration, das beinhaltet, ein angemessenes Entwicklungs- und Lernumfeld für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen, einschließlich für Kinder und Jugendliche mit FASD.

Inklusion ist ein pädagogisches Konzept von optimierter und erweiterter Integration und bezieht sich auf das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 21.12.2008

Hierzu heißt es im Artikel 24 'Bildung':

1.Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundalge der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen. [...]

a) bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
[...]
e)in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Was beinhaltet das Konzept der Inklusion?
  • Inklusion ist Anerkennung der Gleichheit, Annerkennung des Rechts auf Gemeinsamkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung
  • Inklusion ist ein Prozess, der darauf abzielt, ein angemessenes Entwicklungs- und Lernumfeld für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Natürlich gilt dies auch für Kinder und Jugendliche mit FASD.
  • Inklusion ist der Anspruch eines jeden Kindes und Jugendlichen auf ungehinderten Zugang zu den Institutionen des allgemeines Bildungs- und Erziehungssystems

Anerkennung und Achtung der Gleichheit und der Besonderheit des einzelnen Kindes oder Jugendlichen

Gleichheit heißt nicht Gleichbehandlung. Gleichheit braucht als komplementäre Wertsetzung die Achtung der Besonderheit, damit sie nicht zur Quelle von Diskriminierung und Entwicklungserschwernissen verkommt.

Inklusion bedeutet Anerkennung der Heterogenität

Pädagogische Planungen, die für heterogene Gruppen keine Differenzierungen zulassen, sind lernhemmend und diskriminierend. Die
Anerkennung der Heterogenität bedeutet entwicklungsangemessene Lernangebote für jedes Kind; und entwicklungsangemessene Lernangebote erfordern Individualisierung und Flexibilisierung des Unterrichts

Perspektivwechsel durch Inklusion

Inklusive Bildung und Erziehung beinhaltet einen Perspektivwechsel von der Sichtweise, das Kind als Problem zu sehen zur Sichtweise, das Bildungs- und Erziehungssystem (die Schulklasse) als das Problem zu sehen, das durch inklusive Ansätze gelöst und verändert werden muss.

Inklusion ist kein Sparmodell

Verantwortliche Bildungs- und Erziehungsarbeit braucht gute Rahmenbedingungen, ausreichende Ressourcen und qualifizierte Pädagogen. Bei unzureichenden Ressourcenzuweisungen wird der Begriff Inklusion als Legitimation für Einsparungen benutzt.

Inklusion kann bestimmte Probleme nicht lösen

Inklusion kann aber nicht Probleme lösen, die hervorgerufen werden durch:

  • zu große Klassen
  • beschränkte Unterstützung der Schüler im Lernen
  • der von den Schülern einer Jahrgangsstufe geforderte gleiche Entwicklungsstand im Lernen und damit Unter- und Überforderung vieler Kinder und Jugendlicher
  • die hierarchisierende Bewertung (Noten) der Schüler, deren individuelle Leistung im Vergleich zur Konkurrenz keine Rolle spielt
  • die ungenügende Ausbildung und begrenzte Weiterbildung der Lehrer u.a. in Fragen der Unterrichtung heterogener Klassen

Inklusive Bildung kann nicht alle Schwierigkeiten lösen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Problemen:

  • die auf schwerwiegende Vernachlässigung und Traumatisierungen zurückzuführen sind,
  • die durch Bindungsstörungen verursacht wurden
  • die auf tiefgreifende spezifische Wahrnehmungs-, Verständnis-, Kommunikations- und Verhaltensstörungen zurückgehen
  • von Schülern mit FASD

FASD

FASD beeinflusst das Lernen, das Verhalten und die Sozialkompetenz der Schüler. Schüler und Schülerinnen mit FASD haben oftmals:

reduzierte Lernfähigkeiten

  • Schwierigkeiten mit der Informationsverarbeitung
  • Schwierigkeiten mit Planung und Organisation
  • Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis
  • Lernen ist nur in einem spezifischen Kontext möglich
  • Schwierigkeiten, Informationen bei Bedarf abzurufen
  • Schwierigkeiten mit Abstraktionen
  • Schwierigkeiten mit Mathematik
  • Schwierigkeiten hinsichtlich Textverständnis
  • Entwicklungsrückstand in der der Sprache, Motorik und im Sozialverhalten

reduzierte Sozialkompetenz

  • zeigen oftmals unangemessenes soziales Verhalten anderen Schülern als auch Lehrern gegenüber
  • sind oft frustriert, da sie häufig trotz Anstrengungen keinen Erfolg haben
  • Bedeutung von Gebärden Lautstärke oder Gesichtsausdruck werden missverstanden
  • Signale und Emotionen werden nicht richtig verstanden und interpretiert
  • sind nicht in der Lage angemessene sexuelle Grenzen einzuhalten
  • jegliche Aufmerksamkeit anderer wird als "wahre Liebe" aufgefasst

Verhaltensauffälligkeiten

  • Aggressions- und Wutausbrüche aufgrund von Frustrationen, die durch Lernschwierigkeiten entstehen,
  • Aufmerksamkeits und Gedächtnisschwierigkeiten aufgrund von
  • Reizüberflutung durch Licht, Geräusche oder Berührung
  • Kritik von Mitschülern oder Lehrern
  • Isolation innerhalb der Klassengemeinschaft

häufige Überforderung durch

  • Wechsel von einer Aktivität auf eine andere
  • Lehrerwechsel
  • Wechsel der Räumlichkeiten, der Sitzordnung oder äußere Veränderungen des Klassenraums
  • Häufige Wechsel der Lerngruppen
  • jegliche Wechsel oder Veränderungen des Stundenplans, insbesondere wenn diese Wechsel ohne lange Vorankündigung erfolgen.

Inklusives Lernumfeld für Kinder/Jugendliche mit FASD

Kinder und Jugendliche mit FASD eignen sich nicht gut als Schüler in unserem bisherigen traditionellen Schulsystem. Ihre Probleme sind weder mit dem System Regelschule noch zufriedenstellend mit dem System Förderschule zu lösen.
Inklusion heißt Anerkennung des Rechts auf Gemeinsamkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung, kein Mitmachzwang.
Inklusion heißt Schaffung eines Entwicklungs- und Lernumfeldes für alle Kinder und Jugendlichen, also auch für Kinder und Jugendliche mit FASD.
Inklusiver Unterricht bedeutet, dass alle Kinder sich Bildung mit aktiver pädagogischer Unterstützung (Vielfalt der Pädagogen) aneignen können.
Die Herausforderung für Eltern, Lehrer und Integrationshelfer besteht darin, den individuell richtigen und sozial tragbaren Weg für einen Schüler mit FASD zu finden. Ergänzungen und Alternativen zu bisherigen Formen der Beschulung sind notwendig.

Bei entsprechender Anpassung der schulischen Rahmenbedingungen können Schüler mit FASD erhebliche Verbesserungen und Lernfortschritte erzielen.

Schüler mit FASD benötigen:

  • eine in sich ruhende und stabile Struktur:
  • kleine Klassen, nicht mehr als 10 Schüler
  • ein Pädagogenteam, dem jeweils ein Lehrer, Sonderschullehrer und Heilpädagoge angehören
  • im Einzelfall einen Integrationsassistenten

erforderliche Kompetenzen von Lehrkräften für den Umgang mit Schülern mit FASD

Verständnis, Haltung und Fachwissen über FASD

  • Richtlinien für Lernen und Verhalten müssen klar vorgegeben werden. Wenn diese wegfällt, wirkt sich dies ungünstig auf ihre Lernfähigkeit und Verhalten aus.
  • erkennen, dass ein Schüler sich anstrengt, aber dennoch keinen Erfolg erzielt
  • Stärken des Schülers in der Vordergrund stellen, anstatt seine Defizite
  • Brücken und Hilfen anbieten, damit der Schüler sein Ziel erreichen kann
  • herausfinden, auf welche Weise der Schüler am besten lernen kann
  • herausfinden, welche Begabungen der Schüler hat und den Unterricht entsprechend anpassen
  • die Eltern einbeziehen, diese verstehen den Schüler besser als jeder andere
  • lernen unangemessenes Verhalten zu interpretieren, um den Schüler darin zu unterstützen, dieses abzustellen

Beständigkeit

  • gleichbleibende Routine entwickeln und diese das ganze Jahr beibehalten
  • Vermeidung unangekündigter Wechsel im Tagesablauf
  • gleichbleibende Signale bei Wechsel auf andere Aktivitäten
  • Sicherstellung der ständigen Beaufsichtigung des Schülers
  • regelmäßig Information der Eltern über Unterrichtsstil und Inhalte

Sozialverhalten

  • klare Anweisungen, was ein Schüler zu tun hat, anstatt zu sagen, was er nicht machen soll
  • Unterstützung von angemessenem Benehmen
  • direkte und kurze Konsequenzen als Folge von unerwünschtem Benehmen
  • Übertragung von Routineaufgaben zur Beschäftigung von Schülern, die ständig ihre Mitschüler stören,
  • 1 zu 1 Beaufsichtigung während der Pausen
  • Austausch mit Eltern, welche Strategien erfolgreich zu Hause zur Vermeidung unerwünschten Verhaltens angewendet werden.

Unterrichtsstil

  • Verwendung von Materialien und Methoden, die eher für Schüler gedacht sind, die zwei bis drei Jahre jünger sind
  • Benutzen konkreter Darstellungen im Unterricht
  • Ansprache verschiedener Sinne im Unterricht, Einbeziehung von Aktivitäten und audiovisuellem Material
  • ständige Wiederholungen von Lerninhalten
  • viel Zeit zum Üben geben, Ziel ist nicht Schnelligkeit, sondern Können
  • angemessene Menge an Hausaufgaben
  • die Aufmerksamkeit des Schülers im Blick haben
  • klare Anweisungen
  • ständige Kontrolle
  • Geduld
  • es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten einem Schüler etwas beizubringen, bei einem Schüler mit FASD können zahlreiche Möglichkeiten erforderlich sei, um dieses Ziel zu erreichen.

Räumlichkeiten

  • übersichtliche, schlicht eingerichtete Klassenräume (keine Bilder und Dekorationen, die die Schüler ablenken würden)
  • Beibehaltung der Sitzordnung für ein ganzes Jahr
  • passendes Mobiliar (Tisch und Stuhl müssen die richtige Höhe haben, Füße müssen den Boden berühren)
  • Informationsbrett muss sauber und übersichtlich sein
  • Hilfsmittel, die nicht im Gebrauch sind, sollten abgedeckt werden
  • Ruheecke, damit Schüler sich hier entspannen können (darf nie für disziplinarische Maßnahmen genutzt werden).
  • für einen niedrigen Geräuschpegel sorgen, z.B. Klassentür geschlossen halten

Talente und Fähigkeiten

Kinder mit FASD haben auch besondere Talente und Fähigkeiten. Das Augenmerk sollte darauf gerichtet werden, was Schüler mit FASD gut können, welche besonderen Begabungen sie haben, um diese zu fördern und zu stärken.
Erfolg ist nicht nur für den einzelnen Schüler, insbesondere den Schüler mit FASD notwendig, sondern auch für die Schulgemeinschaft. Jeder Schüler, sei er noch so verhaltensauffällig oder schwer zu unterrichten, braucht das Gefühl, in irgendetwas gut zu sein.

Nur so können Schüler mit FASD auf die Spuren des Erfolgs gebracht werden. Nur so kann Inklusion für Schüler mit FASD gelingen.

Literatur und Quellen:

  • UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2008
  • Reinhold Feldmann, Universitätsklinik Münster, Kinder und Jugendliche mit Fetalem Alkoholsyndrom in Schule und Ausbildung
  • Prof. Dr. Maria Kron, Universität Siegen 2012, Schule auf dem Weg zur Inklusion, Inklu-sion und Teilhabe, Schüler und Schülerinnen mit Autismus-Spektrum-Störungen im Gemeinsamen Unterricht
  • Center for Substance Abuse Prevention, Substance Abuse and Mental Health Services Administration 2006, Reach to Teach, Erfolgreich in der Schule, übersetzt für Fasworld e.V. Deutschland

Frauke Zottmann-Neumeister
Königswinter, 15.05.2013

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