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23.08.2021
Fachartikel

„Schau mir in die Augen, Kleines!“ „Heute kein Kuss und ich bin nicht Dein Schatz!“

Nähe- und Distanzerfahrungen im privaten und beruflichen Kontext

Für Eltern und Professionelle ist es wichtig zu wissen, dass nonverbal und unwillkürlich im Rahmen jedes Miteinanders die Herstellung einer passenden und für die Beteiligten annehmbaren und für sie „richtigen“ Entfernung eingenommen wird. Dies zu erkennen kann für das Beziehungsgeschehen nutzbar gemacht werden.

Nähe zu wagen ist ein schwieriger Balanceakt.
Wer zu weit geht oder nicht weit genug, entfernt sich vom andren.

Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer

Die Freundschaft ist eine Kunst der Distanz, 
so wie die Liebe eine Kunst der Nähe ist.

Sigmund Graff, deutscher Schriftsteller 1898

Nähe tut gut,
aber kann auch erdrücken.
Nähe ist nicht immer gleich.
Nähe ohne jegliche Distanz,
führt zur Distanz.
Nähe ist leise und sanft.
Nähe ist,
wenn zwei Seelen sich berühren.

Benno Blues

„Komm mir nicht zu nah!
Bleib mir vom Acker!

Deutsche Redewenden“

Das Einzige, wonach wir mit Leidenschaft trachten, ist das Anknüpfen menschlicher Beziehungen.
Ricarda Huch (1950)

In jeder menschlichen Begegnung und Kontaktaufnahme meint die deutsche Soziologin und Sozialpädagogin Margret Dörr (2019), wird nonverbal und unwillkürlich die Herstellung einer passenden und für die Beteiligten annehmbare und für sie „richtige“ Entfernung eingenommen. Es sei für Eltern und Professionelle gleichermaßen wichtig, dies zu wissen, zu sehen, zu akzeptieren, einzubeziehen und damit für das Beziehungsgeschehen nutzen zu können. 

Dörr betont weiter, dass es keine Nähe ohne Distanz gibt. Die Frage lautet von daher, wie es gelingen kann, diese Dualität nicht nur in privater als auch in professioneller Hinsicht leben und austarieren zu können.

„Schau mir in die Augen, Kleines!“

Als Einstieg in die Thematik dient dieser berühmte Satz im Film Casablanca aus dem Jahr 1946.Das sagt Rick (Humphrey Bogart) zu Ilsa (Ingrid Bergmann). Die beiden küssen sich zum Abschied. Nach Hall s. u. können sie als Liebespaar diese intime Zone zulassen.

Notwendige Distanzzonen

Der US-amerikanische Anthropologe und Ethnologe Edward T. Hall (1976) unterscheidet zwischen folgenden fundamentalen Distanzzonen (Proxemik) des Menschen, die für die Annäherung und Beantwortung der aufgeführten Überlegungen grundlegend sind.

  1. Die öffentliche Zone: 3,60 und mehr Abstand
  2. Die soziale Zone: 1,20 bis 3,60 Abstand
  3. Die persönliche Zone: 60 cm bis 1 Meter Abstand, Augenhöhe
  4. Die intime Zone: o bis 60 cm und weniger zwischen Paaren, Eltern und ihren Eltern
„Ich bin nicht Dein Schatz und heute kein Kuss!“

Neben diesem Zitat in der Überschrift stehen auch diese Äußerungen meines vierjährigen Enkels Frederick, der mich besucht und ich ihn mit „Hallo mein Schatz!“ begrüße. Seine spontane Antwort: „Ich bin nicht Dein Schatz und heute kein Kuss!“

Nach der Psychologin Lotte Schenk- Danziger (1987) handelt es sich hierbei nicht nur um die Sachinformation eines vierjährigen Kindes, sondern offenbart auch das emotionale also affektive Beziehungsgeschehen zwischen mir und ihm. Beim nächsten Besuch begrüße ich ihn mit: „Wie schön, dass Du zu uns kommst!“, worauf er keine Abwehrreaktion zeigt. Die notwendige Distanzzone ist damit gewahrt und er konnte sich dadurch mir im „Hier und Jetzt“ authentisch zuwenden.

Auffallend ist, dass er mich in der darauffolgen Zeit intensiver begrüßt und ebenso verabschiedet (vgl. nachgehende Führung Manfred Berger (2019) und Martha Schörl (1950).

Noch vor Jahrzehnenten war es in unserem Kulturkreis üblich, dass Erwachsene Umarmungen und Küsse des Kindes ohne weiteres einfordern konnten/durften. Störung in der Beziehung konnten die Folge sein.

Beobachtet man einmal diesbezüglich sich selbst, sowie die Umwelt mit den darin agierenden Personen, wird schnell klar, dass sich die Abstandsangaben bewahrheiten. Bei Nichteinhaltung können sogar Gefühle von Furcht und Aggression entstehen. Bei Polizisten, Gruppenleiter*innen, Lehrer*innen, Kolleg*innen, Ärzte*innen etc. verhält es sich ebenso.

Das angemessene Distanzverhalten wird von unserem Unterbewusstsein gesteuert und kann als eine Form des Dialogs angesehen werden (vgl. Fleischhacker (2010).

In der momentanen Pandemie ist leider genau das Gegenteil der Fall. Wir achten bewusst und willkürlich auf den für uns angemessenen Abstand.

Sogar spielende und kooperierende Kinder, hier die Geschwister (s. u. meine Enkel und Geschwister Luisa 2 Jahre mit Philipp 4 Jahre), halten den angegebenen Abstand ein. Ebenso verhält es sich bei Arbeitskolleg*innen, Freizeitaktivitäten mit Freunden, in einem Wartezimmer beim Arzt, im Park- oder Kaufhaus wahren wir ebenfalls den angemessenen Abstand, sodass keiner „Schulter an Schulter“ steht, sitzt oder geht. Bei Polizisten, Gruppenleitern Gruppenleiter*innen, Lehrer*innen, Kollegen*innen, Ärzt*innen verhält es sich ebenso. Wird der richtige Abstand nicht eingehalten, kann es nach Dörr zu Störungen innerhalb der Beziehung kommen.

Weiter betont Dörr, dass dies Geschehen als ein wichtiger Bestandteil innerhalb jeder Beziehung im Privaten als auch pädagogischer und therapeutischer Arbeit anzusehen ist und einen dementsprechenden wichtigen Stellenwert einnimmt. Und das besonders in pädagogisch-, und therapeutisch helfenden Beziehungen einen hohen Stellenwert und als unabdingbar für gelingende Beziehungen anzusehen ist und in der Berufsrolle innerhalb des Umgangs mit Patienten, Klienten, Jugendlichen und Kindern einnimmt. D. h. Die richtige Distanz zur Berufsrolle, d. h. aber auch zu Patienten, KlientInnen und Heranwachsenden (vgl. Cloos u.a.2019 und Abrahamezick u. a. (2013).

Eine zusätzliche Hilfe innerhalb der aufgeführten Szenarien ist die notwendige Achtsamkeit des Erwachsenen. Denn: „“Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss zum Gegenüber zu bringen“ Fallner, H., Pohl, M. (2005).

Zwei aktuelle erschreckende Beispiele für Nähe- und Distanzverletzungen
1. Stalking

Immer wieder geschieht es, dass ein ausgewogenes Nähe- und Distanzverhalten innerhalb einer Paarbeziehung massiv untergraben wird. Beim Stalking geht es um einen dynamischen Prozess, bei dem eine Reihe von Tathandlungen wie ständige Überprüfung, das sich ständige Zeigen, üble Nachrede, Belästigung, Anfeindungen zuhause und bei der Arbeit, Sachbeschädigung, Nötigung kommt. Führt dies zu einer Anzeige, wird dieses Vergehen strafrechtlich verfolgt. Anfangs erfolgt die Auflage, dass sich der Täter nur bis zu bestimmten Metern der Betroffenen nähern darf. Es besteht in den meisten Fällen meistens ein gerichtlich festgelegtes Kontakt- und Annäherungsverbot, damit die nötige Distanz eingehalten wird. Die soziale Distanzzone muss gewahrt werden s.o. Es geht hierbei um das krankhafte Zeigen von Dominanz und Kontrolle.

Oft sind es Betroffene, die sich von ihrem Partner getrennt oder damit gedroht haben. Sucht die Frau zu ihrem Schutz ein Frauenhaus auf, ist es dort das höchste Ziel, die Anonymität der hochgradig gefährdeten Frauen sicherzustellen.

Statistisch kam es in Deutschland 2020 zu 20000 Stalking Fällen, die polizeilich erfasst wurden. Die Tendenz ist seit vielen Jahren steigend und die Dunkelziffer ist hoch.

2. Femizide in Deutschland: Getötet, weil sie Frauen sind - Oder der Versuch, die verlorene Nähe wiederherzustellen

Auch in Deutschland setzt sich aufgrund des Tatbestands der Nähe Verletzung immer mehr der Begriff Femizid durch und steht für die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind.

Rechtlich und politisch wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte innerhalb der Verhinderung erzielt. Doch die Gewalt gegen Frauen ging nicht zurück, weder die häusliche Gewalt noch die Tötungsdelikte in der Partnerschaft.

„Alles, von dem wir wissen, dass es wirksam ist, muss in einer Präventions-Strategie zusammengefügt werden, wenn wir das Problem langfristig lösen wollen.“ sagt die Wissenschaftlerin. Und es brauche dringend mehr Täterarbeit, mehr Anti-Gewalt-Trainings, mehr Konfliktberatung. Und es braucht mehr Daten.

Daher gehört, laut Schröttle, die zu den Gründerinnen des European Observatory on Femicide, einer europäischen Beobachtungsstelle von Femiziden an, die in mehreren Ländern Daten sammelt und auswertet, damit im Vorfeld alles getan werden kann, um eine Gewalttat zu verhindern. In einer aktuellen Studie untersucht die Beobachtungsstelle auch den rechtlichen Umgang mit Femiziden.

Männer töten, um die Macht um die Frau zu behalten – so absurd das auch klingt. Wenn er sie schon nicht bekommt, dann soll sie auch niemand anderer,“ bekommen“. Frauen dagegen töten eher, um sich aus einer langjährigen Gewaltbeziehung zu lösen, sagt die deutsche Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in der interdisziplinären Gender-, Gewalt-, Menschenrechts- und Inklusionsforschung. Monika Schröttle, (2014 und 2016).

Sie meint, dass es für eine Frau, die ihren Partner verlässt, in Deutschland gefährlich ist. Alle 3 Wochen wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Ein Erbe des Patriarchats, denn noch immer wähnen sich Männer in dem Glauben, dass ihnen eine Frau gehöre, s.o.

Schröttles Forschungen zeigen, dass Täter wie Opfer aus allen sozialen Schichten kommen. Das Geschehen ist oft der grausige Höhepunkt einer langen Vorgeschichte. Häusliche Gewalt und Distanzverletzungen beginnen aber auch schon bei Beleidigungen, Demütigungen und auch dem Ausüben von wirtschaftlichem Druck.

Auch aus diesem Grunde, so Schröttle, befänden wir uns weiter in einem Geschlechterkampf.

Praxisbeispiele in KiTa und Schule

Die Frage lautet, wie Mädchen und Jungenschon frühzeitig achtsam miteinander umgehen, um notwendige Distanzen einzuhalten. Das kann sowohl beim Spielen und Toben geschehen als auch in Gesprächen. Z.B. „Hast du gemerkt, dass du deiner Freundin eben wehgetan hast?“

Für Erzieher*innen ist es erforderlich das Distanz und Näheverhalten zwischen Eltern, Kollegen*innen und Kindern in den Blick zu nehmen und sich dementsprechend zu verhalten, damit nicht zusätzliche Probleme innerhalb der komplexen Beziehungsarbeit entstehen und positive Beziehungen verhindert werden.

Ein einleuchtendes Beispiel ist das diesbezügliche Geschehen in einer Pflegefamilie. Denn diese Kinder erlebten in der Regel bei ihren leiblichen Eltern kein richtiges Nähe- und Distanzverhalten. Jetzt, im neuen Lebensabschnitt muss dies neu und positiv erfahren werden. Dies erfordert seitens der Pflegeeltern auch hierbei ein einfühlsames Verhalten, denn auch dadurch kann langsam ein Vertrauens- und damit neuer positiver, meist langwieriger Beziehungsaufbau gelingen.

Es wurde deutlich, dass der ausgewogene Umgang mit Nähe und Distanz eine große Feinfühligkeit erfordert und gleichsam als eine wichtige Form der Fürsorge und Professionalität angesehen werden kann.

Literatur, eine Auswahl

  • Abrahamezick u. a. (2013). Nähe und Distanz in der (teil) stationären Erziehungshilfe. Eine Ermutigung in Zeiten der Verunsicherung. Freiburg: Akademiker Verlag.
  • Berger, M. (2019). Schörl-/ Schmaus Pädagogik Ausgewählte Aspekte. NIfbe Beitrag vom Juni 2019.
  • Cloos, P., Thole, W., Marks S., Schmer (2019). Alltag, Organisationskultur und beruflicher Habitus. Zur Kontextualisierung von Nähe und Distanz im sozialpädagogischen Alltag. In: Dörr, M (Nähe und Distanz).
  • Dörr, M. (2019). Nähe und Distanz: Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
  • Fallner, H./Pohl, M. (2005). Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. Wiesbaden: VS Verlag. 
  • Fleischhacker, R. (2010). Die Sprache des Raumes: Was uns Konstellationen im Raum sagen können. Rostock: Frequenz.
  • Hall, E. (1976). Die Sprache des Raumes. Düsseldorf: Verlag Schwann.
  • Schenk-Danzinger, L. (1987). Entwicklung, Sozialisation, Erziehung; Von der Geburt bis zur Schulfähigkeit. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Schörl, M (1950). Aus meinem Kindergarten, in: Niegl, A. (Hrsg.): Gegenwartsfragen der Kindergartenerziehung, Wien 1950.

Autorin: Dr. Maria Thünemann-Albers