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27.02.2013
Fachartikel

Rechte und Ansprüche des Pflegekindes

Was braucht das Pflegekiind - auf was hat das Kind einen Anspruch? Was steht dem Kind zu und was müssen wir ihm 'zubilligen' und geben?

Das Pflegekind hat ein Recht auf .....

Kind sein zu dürfen

Das Pflegekind hat ein Recht darauf, einfach ein Kind sein dürfen.
Ein Kind mit dem, was Kinder als Anspruch an Erwachsene haben: die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse auf

  • Entwicklung menschlicher (Liebes)Beziehungen
  • Kontinuität ( also auf Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit)
  • wachsen und sich entwickeln können (Förderung, Schritte ermöglichen und gehen dürfen).

Familie (Eltern):

Schon in der Präambel der UN-Konvention ist das Recht des Kindes auf eine Familie verankert. Die Unterzeichner-Staaten sind der Überzeugung, dass ein Kind seinen Bedürfnissen entsprechend am Besten in einer Familie aufwachsen sollte.

Auch das Kinder- und Jugendhilfegesetz verpflichtet sich diesem Gedanken, indem es vorrangig der Familie des Kindes Unterstützung anbietet und wenn dies nicht ausreichend sein sollte, für das Kind (besonders auch für entwicklungsbeeinträchtigte Kinder) Pflegefamilien sucht.

Hierbei wird die Familie als die pädagogische Möglichkeit anerkannt, gerade die Grundbedürfnisse eines Kindes besonders befriedigen zu können, denn Familie bedeutet Nähe, Bezugspersonen (Eltern) rund um die Uhr und mehr Normalität.

Pflegekinder können auch dann eine Pflegefamilie „genießen“, wenn sie vorerst oder auf Dauer ihre Herkunftseltern als Vater und Mutter im Herzen weitertragen wollen.

Gegenwart:

Kinder sind Menschen in der Gegenwart. Sie leben besonders im Hier und Jetzt. Gerade für die jüngeren Kinder ist die Zukunft noch kein Thema und Erfahrungen in ihrer Vergangenheit äußern sich in Reaktionen auf das Erleben in der Gegenwart. Auch Pflegekinder sind Kinder der Gegenwart, die im Hier und Jetzt leben dürfen, mit dieser Familie, mit diesen Freunden, an diesem Tag.

Berücksichtigung seiner Lebensgeschichte

Damit das Pflegekind in der Gegenwart verstanden und angenommen werden kann, ist besonders das Wissen um seine Lebensgeschichte und die Berücksichtigung eben dieser Geschichte notwendig.

Wir müssen akzeptieren, dass das Kind durch diese Lebensgeschichte manches mehr kann als andere Gleichaltrige

  • dass es viel selbstständiger ist, besonders wenn es Versorger der Familie war
  • oft mutiger, lauter, gewiefter, überlebensfähiger ist

und manches nicht so kann z.B.

  • an Erwachsene glauben und ihnen vertrauen können
  • sich selbst gut finden
  • sich realistische einschätzen können
  • Ausdauer und Konzentration zu haben
  • Grenzen und Forderungen zu akzeptieren.

Viele dieser Kinder haben eine Lebensgeschichte, die sie verwirrt, die sie Kraft und Zeit kostet, die sie dazu bringt, besonders viel Angst - oder eben auch gar keine Angst - mehr zu zeigen.
Diese Lebensgeschichte kann ein Verhalten des Kindes bewirken, welches sehr anstrengend für Andere sein kann.
Es hilft, besser mit diesem Verhalten des Kindes zurechtzukommen, wenn man von der Vorgeschichte des Kindes weiß und sich somit manches Verhalten erklären kann.

Erwartungen, denen das Kind entsprechen – und Forderungen, die das Kind erfüllen kann

Auf die Geschehnisse in seinem Leben gibt das Kind für es selbst passende Antworten. Beides zusammen, erlebte Fakten und gegebene Antworten (Überlebensstrategien) bilden die Lebensgeschichte des Kindes.

Erwartungen und Forderungen an das Kind müssen daher seinen Antworten, seinen Möglichkeiten und auch seinen „Un“möglichkeiten angepasst sein.

Ich kann von diesem (Pflege)Kind auch nur erwarten, was ihm (noch) möglich ist zu leisten, zu fühlen, zu glauben. Das Kind da abholen, wo es steht, seine Schritte mit ihm gehen.
Wir können uns dem Kind nur anbieten, nehmen muss es selbst.

Hilfe auf Bewältigung seiner Schwierigkeiten

Das Pflegekind hat aufgrund der oben beschriebenen Situationen ein besonderes Recht auf Hilfen zur Bewältigung seiner Schwierigkeiten. Es bedarf der besonderen Unterstützung in der Familie, in der Schule, im sonstigen Lebensbereich. Das bedeutet verschiedene Möglichkeiten von Stützen z.B. Therapien und deren Finanzierung. Hilfe für das Kind kann aber auch so aussehen, dass das Umfeld des Kindes, hauptsächlich seine (Pflege)Familie Stützung erhält.

Akzeptanz seiner Bindungen

Für ein Pflegekind ist es von besonderer Wichtigkeit, dass seine Bindungen akzeptiert werden.
Akzeptanz seiner Bindungen besonders durch die Erwachsenen um es herum gibt dem Kind Sicherheit und Zuversicht und hilft ihm, seine Position in seinem Leben zu finden. Leugnung von Bindungen stürzt das Kind in Loyalitätskonflikte und Schuldgefühle.

Existenziell notwendig ist die Anerkennung von neuen Bindungen zu seiner neuen Familie, also zur Pflege-/Adoptivfamilie, wenn es sich entschlossen hat, hier „zuhause“ zu sein, wenn es hier seine „innere Heimat“ findet, wenn Pflegepersonen zu PflegeEltern werden.

Zu akzeptieren sind jedoch auch die Bindungen an die Herkunftsfamilie. Je nach Lebensgeschichte sind Bindungsgefühle des Kindes an seine Herkunftseltern oft verbunden mit Verwirrung und Angst. Hier ist es wichtig, dass das Kind Akzeptanz und gleichzeitig Hilfe bei der Entwirrung seiner Gefühle erfährt.

Umgang mit Eltern, Verwandten, Bezugspersonen

Der Gesetzgeber betont das Recht des Kindes auf Umgang mit seinen Bezugspersonen. Dieses Recht respektiert die bisherigen Beziehungen des Kindes und unterstützt den Versuch, durch Erhalt von Beziehungen Kontinuität und damit Sicherheit in das Leben des Kindes zu bringen. Dies gilt jedoch nur insoweit, soweit diese Beziehungen dem Wohl des Kindes dienlich sind.

Umgang ist demnach auch nicht notwendigerweise gleichzusetzen mit Besuchskontakten. Umgang kann auch in anderer Form stattfinden z.B. durch Briefe, durch Telefonate durch Berichte Dritter.

Betrachtung seiner Herkunft

Das Pflegekind hat ein Recht auf

  • Wissen um die Herkunft
  • Akzeptanz der Herkunft
  • Beantwortung seiner Fragen z.B. warum bin ich hier nicht dort?
  • Stützen und Hilfe bei der Bewältigung dieses Wissens.

Dieser angemessene Umgang mit der Herkunft des Kindes ist auch für die Pflege/Adoptiveltern oft mit viel Fragen, Unsicherheiten und eigenen Ängsten verbunden. Daher erweitert sich das Recht des Kindes auf Beachtung seiner Herkunft auch auf die Hilfen für Pflegeeltern, damit diese altersentsprechend, wahrheitsgemäß und zu seiner Entwicklung passend mit ihm über seine Herkunft sprechen können.

Anerkennung seiner Identität

Mein Gefühl von mir selbst richtet sich nach dem Bild, was ich von mir selbst habe. Als Kind wird dieses Bild bestimmt durch die Art und Weise wie meine Umgebung mit mir umgeht. Der Wert, den das Kind sich selbst gibt, wird bestimmt durch den Wert, der ihm durch andere gegeben wird. Das Kind spiegelt sich im Anderen wieder.

Aufgrund ihrer schwierigen Lebensgeschichte und den negativen Erfahrungen glauben viele Pflegekinder von sich, dass sie schuldig seien, böse seien, wenig wert seien. Ihr Bild von sich selbst ist ein negatives Bild.

Manchmal erleben sie auch besondere Rollen in ihrem Leben, die sich dem Bild hinzufügen und ein Teil der Identität werden - z.B.

  • die Rolle des Versorgers bei schwachen, kranken Eltern
  • die Rolle des Versorgers für jüngere Geschwistern
  • die besondere Rolle sexuell missbrauchter Kinder,
  • die Rolle des Kämpfers ums Überleben,
  • die Rolle des übersensiblen ganz auf die Befindlichkeiten des Erwachsenen abgestellten Kindes bei andauernder Gewalterfahrungen,
  • die Rolle des grenzenlosen Kindes, das ohne Strukturen und Regeln aufwächst.
  • und, und und .....

Mit diesem Bild von sich kommt das Kind nun in eine neue Familie. Hier erfährt es anderes. Neue Erwachsene, die anders mit ihm umgehen, neues Verhalten, neue Regeln, neue Werte.

Die jetzigen Erwachsenen sehen es anders und behandeln es anders, als die vorherigen Erwachsenen.

Das Kind, das sich ja im Spiegel der Erwachsenen zu sehen gewohnt ist, sieht nun etwas anderes. Sein bisheriges Bild von sich wird in Frage gestellt. Es sieht nicht mehr nur das alte, es verändert sich. Es wird aber nicht nur das Neue. Es ist beides Es geht eine Verbindung ein mit Altem und Neuem Und hat es dabei oft sehr schwer, erlebt Stolpersteine und muss sich immer wieder neu „zusammensetzen“.

Bildung

Für das Gedeihen und die Entwicklung des Kindes ist es von ausschlaggebender Bedeutung, dass das Pflegekind Bildung in einer Form und Möglichkeit erhält, die gerade für dieses spezielle Kind angemessen und richtig ist.

Dazu gehört auch die Hilfe bei der Suche nach geeigneter Bildungsmöglichkeit (z.B. Schule, Vereine, Kurse, Einzelförderung) und das Ermöglichen dieser Bildung durch Finanzierung dieser individuellen Förderung (Schulen: Übernahme der Kosten für Privatschulen, Übernahme von Kosten für musische Erziehung, besonders Unterricht und Handwerkszeug (Instrument)).

Beschützt zu werden:

Das Pflegekind hat ein Recht darauf, Schutz zu erhalten. Schutz vor Gewalt, vor Misshandlung, vor Missbrauch.

Manchmal muss ein Kind solche Gewalt schrecklicherweise auch in einer Pflegefamilie erleiden. Das Pflegekind hat daher ein Recht auf eine besonders sorgfältige Vermittlung in eine klar überprüfte und passende Pflegefamilie, die mit seinen speziellen Verhaltensproblemen auch leben kann.

Im Recht des Kindes ist daher auch inbegriffen die notwendige Betreuung seiner individuellen Pflegefamilie. Notwendige Betreuung ist mindestens die Betreuung, die die Familie selbst fordert, denn Pflegefamilien werden oft durch Verhalten des Pflegekindes hochgradig gefordert.

Besonders Kinder mit Gewalterfahrung bringen Provokation und Gewaltherausforderung in die Familie und es ist von herausragender Bedeutung, dass Pflegeeltern auf solche Provokation nicht mit Gewalt reagieren. Dies können sie aber nur leisten, wenn sie beraten, unterstützt und mitgetragen werden.

Manchmal ist ein besonderes Hinschauen auch auf Besuchskontakte notwendig, denn auch Besuchskontakte können von Pflegekindern als ‚gewaltvoll‘ erlebt werden.

Schutz der Privatsphäre

Die UN-Konvention verlangt einen Schutz der Privatsphäre. Wie ist das mit der Privatsphäre von Pflegekind und Pflegefamilie?

Ist die Pflegefamilie eine derart öffentliche Einrichtung, dass dem Pflegekind keine Privatsphäre mehr gegeben werden kann? Was muss, was soll, was darf über und von dem Kind erzählt werden? Was sollte in den Akten stehen? Was wird das Pflegekind empfinden, wenn es einmal lesen kann, was über ihn und sein Leben geschrieben wurde?

Unversehrtheit seiner Person:

Das, was die Erwachsenen vom Kind erwarten und verlangen, muss den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Kindes entsprechen. Es darf sich nicht „verbiegen“ müssen, um den Wünschen der Erwachsenen entsprechen zu können. Wie ist das so gesehen mit dem immer wieder gehörten Ausspruch: „Bei Pflegekindern ist das eben so!“

Schutz vor Zwang und Überforderung

Das Kind hat ein Recht auf Schutz vor Zwang und Überforderung.
Das Kind darf nicht deswegen weil es ein Pflegekind ist, zu etwas überredet und gezwungen werden, was es eigentlich nicht möchte oder auch schon abgelehnt hat z.B. zu Besuchskontakten. Auch die Gesetzgebung lehnt Besuchskontakte unter Zwangsanwendung ab.

Eigene Wünsche und eigenen Willen

Das Pflegekind hat ein Recht darauf, dass es seine eigenen Wünsche und seinen eigenen Willen äußern kann, dass diese seine eigene Meinung Gehör findet und ernst genommen wird.

Eine eigenständige Vertretung:

Dieser aus meiner Sicht bedeutsamen Notwendigkeit möchte ich einen längeren Abschnitt widmen:

Das FAMFG kennt das Recht des Kindes auf eine eigenständige Vertretung, in dem es dem Kind in besonderen Verfahren einen Verfahrensbeistand an die Seite gibt.
Beginnt die Notwendigkeit der eigenständigen Vertretung des Pflegekindes jedoch erst in Gerichtsverfahren?

Einen Verfahrensbeistand wird es nur geben,

  • wenn es einen Konflikt zwischen den Beteiligten gibt, der dazu führt, dass eine Entscheidung für das Kind nicht von den Beteiligten selbst gefällt werden kann, sondern von einem Dritten (hier dem Richter) gefällt werden muss und
  • wenn man davon ausgehen muss, dass der rechtliche Vertreter des Kindes in diesem Konflikt in Interessenkollision zu dem Kind stehen könnte - z.B. der Herausgabewunsch der leiblichen Eltern bei einem Kind, welches schon längere Zeit in einer Pflegefamilie lebt

Der Konflikt, der hier bei Gericht gelandet ist, hat ja Vorstufen, die bis zum Gerichtsverfahren von den Beteiligten schon durchlebt und durchlitten worden sind.

Die Beteiligten:
Das sind die leiblichen Eltern, Fachkräfte von Jugendamt und Verbänden, Berater, Pflegeeltern und das Kind. Und das sind irgendwie auch die um jene einzelnen Beteiligten herumgruppierten Interessenten wie z.B. das Fachteam, Verwandte der Herkunftseltern, Verwandte der Pflegeeltern, Freunde, Gruppierungen, Interessenvertretungen

Sie alle beeinflussen das Geschehen der Erwachsenen um das Kind herum.

  • Wir alle wissen, wie einschneidend Verwandte, gerade Großeltern, die Position der Herkunftseltern beeinflussen können,
  • wir alle erleben, wie Fachkräfte durch persönliche Erfahrungen und unterschiedliche professionelle Auffassungen Geschehnisse einschätzen und Prinzipielles verfolgen
  • wir alle sehen, wie Pflegeeltern „natürlich“ ebenfalls unterschiedlich sind und handeln
  • und wir alle sehen auch, dass das Kind selbst dabei eigentlich nicht zu Wort kommt.

"Wer spricht für das Kind?"

Alle eben von mir benannten Beteiligten sagen:
„Ich vertrete das Kind, ich weiß, was für das Kind das Beste ist.“

Die Herkunftseltern sagen dies, weil es“ ihr“ Kind ist, ihr leibliches, ihr geborenes – da gehört man eben einfach zusammen und so äußern sie dies auch meist sehr klar.

Die Fachkräfte fühlen sich ebenfalls als Vertreter des Kindes. Sie richten sich nach Gesetzen, nach Vorgaben, nach Gegebenheiten und neuen Erkenntnissen, die die Gesellschaft als richtig für ein Kind ansieht und sind der Überzeugung, aufgrund ihrer Fachlichkeit, besonders aber auch ihrer emotionalen Distanz die Bedürfnisse des Kindes besser einschätzen zu können.

Die Pflegeeltern empfinden, dass sie für das Kind sprechen müssen, weil schließlich nur sie mit dem Kind leben und es daher am besten kennen und einschätzen können.

Die Position der Herkunftseltern
ist für den „Normalbürger“ nachvollziehbar und verständlich (sie sind ja schließlich die Eltern) und wird somit auch verstanden.

Die Position der Fachkräfte
ist unklar. Ihr Auftrag ist unklar. Ihre Arbeit betitelt sich zwar mit Namen in denen Kind oder Jugendlicher vorkommt (z.B. Jugendamt) aber vertreten sie auch immer die Kinder? Sieht man diese Vertretung deutlich in ihren Entscheidungen, ihren Stellungnahmen, ihren Hilfeplänen?

Können die Herkunftseltern, die Pflegeeltern und die anderen Beteiligten die Fachlichkeit der Fachkräfte als „zum Wohle des Kindes“ interpretieren? Verstehen sie, dass die Fachkräfte auf Veränderungen, auf Prozesse setzen, auf mühsame Kleinarbeit zum gegenseitigen Verstehen und Achten?
Glauben Herkunftseltern, glauben Pflegeeltern an den Erfolg einer solchen Arbeit? Erleben sie ihn als hilfreich für das Kind und für sich?

Die Position der Pflegeeltern
ist sehr verwirrend. Sie zeigt sich schon im Namen. Während der Gesetzgeber nur von Pflegepersonen spricht, spricht die Praxis von PflegeELTERN. In der Bezeichnung PflegeELTERN liegt eine Erwartung, ein Auftrag für die Pflegepersonen und auch für viele Fachkräfte. Für diese ist die Unterbringung in einer Pflegefamilie eine pädagogische Entscheidung und zwar dahingehend, dass das Kind gerade das bekommen soll, was Familie bietet: Nähe, stabile Bezugspersonen Dauerhaftigkeit, Normalität.

Obwohl Pflegefamilien dies bieten und Kinder eben deswegen in Familie untergebracht werden, soll das jedoch auch manchmal nicht so sein. Dies dann, wenn Fachkräfte oder Konzepte von öffentlichen oder freien Trägern Rückführungen immer vorrangig anpeilen und/oder sich eine Stabilisierung der Herkunftseltern ergeben hat.

Dann sind die Vorrangigkeiten und besondere pädagogische Möglichkeiten der Pflegefamilie nicht mehr erwünscht und nur noch störend. Dann wird Distanz zwischen Pflegepersonen und Kind gewünscht. „Sie hätten das Kind nicht so nah an sich ran lassen dürfen“ und die Bedürfnisse einer Familie und besonders die Bedürfnisse des Kindes nach dieser Familie werden nicht mehr wahrgenommen, weil andere Pläne angesagt sind.

Andererseits kann es natürlich auch passieren, dass Pflegepersonen als Eltern antreten, obwohl sie aber vom Kind nicht in diese Position der Elternschaft gebracht werden wollen oder können. Hier muss besonders sorgfältig überprüft werden, welche Bedürfnisse das Kind denn eigentlich an Familie hat.

Es ist jedoch auch unendlich wichtig, nicht nur hinzuschauen auf das Kind in solchen oben geschilderten Situationen sondern auch dann, wenn die Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie kritisch zu betrachten ist und gefragt werden muss, ob dies die richtige Familie für das Kind ist.

Wo stehen Kinder im Denken und Handeln dieses hochkomplexen Pflegekinderwesens?
Alles dreht sich UM das Kind, alles spricht ÜBER das Kind, aber bedeutet das auch, dass hier das KIND spricht? Was ist mit dem Kind im Getümmel der Erwachsenen?

Ich glaube, dass das Kind bzw. der Jugendliche manchmal auch einen eigenen Vertreter in Verfahren der Jugendhilfe brauchen würde, denn Kinder und Jugendliche verfügen nicht perse über die Möglichkeiten und das Können, ihre Interessen dazustellen und durchzusetzen. Wenn das Kind einen Vormund hat, könnte dieser klar diese Rolle übernehmen. Es ist deutlich seine Aufgabe, die Interessen seines Mündels aus dessen Bedürfnissen heraus zu vertreten. Aber kann er dies immer leisten? Kann der Pflegekinderdienst diese Aufgabe immer übernehmen oder wird auch er oft zerrieben zwischen den Bedürfnissen der Beteiligten und des eigenen Amtes?
„Noch eine Person mehr“ werden viele stöhnen – aber hat nicht auch das Kind in der Jugendhilfe manchmal eine Person nötig, die ausschließlich seinem Interessen verpflichtet ist und dies auch durchsetzungsfähig und klar rüber bringen kann? Sie ist ja nicht gegen die anderen, sie ist nur für das Kind/Jugendlichen. Derzeitig wird ja intensiv über die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung diskutiert und nach Wegen gesucht, die Kinder und Jugendlichen selbst zu befähigen. Da wo dies einem Kind nicht gelingt, muss es eine Person seines Vertrauens zur Seite haben, die von der Jugendhilfe akzeptiert und gefördert wird.

Auf Hilfe solange sie benötigt wird

Hier denke ich besonders an den Übergang des jungen Menschen in die Volljährigkeit. Wir sehen, dass die meisten jungen Menschen heute nicht mit 18 Jahren selbständig leben können. Dies gilt natürlich auch – und oft in besonderem Maße – für junge Menschen, die in Pflegefamilien leben. Sie haben einerseits häufig noch einen erheblichen Nachreifungsbedarf und benötigen weiterhin deutliche Begleitung und Betreuung und sind andererseits aus der bisherigen Hilfe zur Erziehung im Rahmen der Vollzeitpflege ‚herausgewachsen‘. Hier muss es klarere und deutliche auf den jungen Menschen bezogene Weiterführungen der Hilfe geben, oder geplante, verständliche und akzeptierte Übergänge in andere Hilfeformen.

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