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28.08.2014
Fachartikel

Pubertät - Vorsicht Baustelle

Pubertät ist eine bedeutsame Entwicklungsphase, die besonders für Pflege- und Adoptivkinder und ihre Familien Herausforderungen beinhaltet.

Es gibt kaum eine Zeit in der Entwicklung eines jungen Menschen in der dieser so instabil, verletzbar und sensibel ist wie in der Pubertät. Neben Problemen in und mit der Familie sind auch die Bereiche Sexualität, Beziehungen, Probleme in der Schule, Konflikte mit Gleichaltrigen, Gefühle der Einsamkeit und Angst vor der Zukunft Themen, die Jugendliche beschäftigen. Einerseits ist der Jugendliche kein Kind mehr, er ist aber auch noch nicht erwachsen. Er muss sich in fast Allem neu orientieren und neu positionieren, und das immer wieder.

Dass das nicht leicht ist, liegt auf der Hand. Alle Kinder müssen in ihrem Leben unterschiedliche Probleme bewältigen und Entwicklungsaufgaben lösen. Pflegekinder machen da keine Ausnahme. Auch sie müssen Probleme und Aufgaben lösen, die alle Kinder in diesem Entwicklungsstand haben, darüber hinaus müssen sie jedoch mehr Probleme lösen und oft schwierigere Entwicklungsaufgaben schaffen – eben weil sie Pflegekinder sind.

Was passiert in der Pubertät?

Die Pubertät beginnt im Gehirn. Ein Hormon gibt im Hypothalamus den Startschuss. Dann wird eine Fülle weiterer Hormone ausgeschüttet. All diese Hormone bringen sowohl Veränderungen im Körper als auch im Gehirn mit sich.

Das Gehirn gleicht in der Pubertät einer Großbaustelle, denn es finden dramatische Umstrukturierungen statt. Etwa 50 % der Synapsen, die vor der Pubertät vorhanden waren, gehen verloren. Andere werden gestärkt und es entstehen neue Verbindungen zwischen entfernten Hirnregionen.

Die Veränderungen im Gehirn betreffen zunächst die Bereiche für Sprache und räumliches Denken, während sich vernunftgesteuertes Handeln, Entscheiden und Sozialverhalten(vor allem bei Jungen) zuletzt entwickelt.

Hirnreifung und Verhalten

Durch die Großbaustelle im Hirn verändert sich das Verhalten des Pubertierenden erheblich.

Von großer Bedeutung ist die Veränderung im Frontallappen, der zuständig ist

a) für die Hemmung und Steuerung von Impulsen und Abwägen von Konsequenzen

Verhaltensfolgen:

  • Türknallen, Wutausbrüche
  • Rüpelhaftes Benehmen
  • emotionales Ungleichgewicht

b) für Entscheidungen, Planen, Motivation und Sozialverhalten

Verhaltensfolgen:

  • Schwierige Entscheidungsfindung
  • Veränderte Problemlösestrategie (z.B. beim Zimmer aufräumen)
  • Motivationsverlust, Lustlosigkeit
  • Schwierigkeiten bei der Einschätzungen von Gefühlslagen anderer (vieles wird als unfair empfunden, was eigentlich gar nicht so ist)
  • Hohe Beeinflussbarkeit durch Jugendliche (Abnahme mit zunehmenden Alter

Dopamin

Dopamin ist eine Art Hormon und verantwortlich für die Feinmotorik oder die Körperbewegung, aber auch für psychischen Antrieb, Wohlbefinden, Lebensfreude, Mut, Konzentration und Vergnügen. Da uns durch das Dopamin nach gewissen Handlungen z.B. Essen und Sex Glücksgefühle überkommen, aktivieren wir diese Handlungen erneut, um uns mit dem Glücksgefühl dafür zu belohnen. Der Dopaminspiegel ist bei Jugendlichen höher als bei Erwachsenen. Dies bedeutet eine Überaktivierung des Belohnungs(suchenden)-Systems

Verhaltensfolgen:

  • Suche nach Lust- und Belohnungsgefühl, „Kick“
  • Bereitschaft, sich auf neue (riskante) Erfahrungen einzulassen
  • Nur Aktivierung durch starke Stimulation, ansonsten oft Lustlosigkeit

Gleichzeitig ist das Frontalhirn noch nicht fertig ausgebildet. Ehe der Umbau abgeschlossen ist, vergehen einige Jahre.

Was reift auf der Großbaustelle zuletzt – auf welches ‚Können‘ muss also der junge Mensch als auch seine Umgebung besonders lange warten?

  • Systemübergreifende Koordination
  • Kontrollinstanz: Verhaltens und Impulskontrolle
  • Arbeitsgedächtnis
  • Entscheidungsfähigkeit
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Einfühlungsvermögen
  • Vernunftgesteuertes Handeln
  • Sozialverhalten
  • Höhere geistige und emotionale Fähigkeiten

Eine auffallende Veränderung entsteht im Schlafrhythmus:

Die innere Uhr verschiebt sich („Delayed Sleep Phase Syndrome“). Der Zeitpunkt des Schlafengehens verschiebt sich tiefer in die Nacht, das Aufstehen immer weiter in den Tag. Melatonin - das schlafanstoßendes Hormon- wird bei Jugendlichen später und weniger ausgeschüttet. Daher fehlen dem Jugendlichen von dem benötigten Schlafpensum etwa 1 bis 2 Stunden. Er kommt abends spät in den Schlaf und morgens mühseliger in den Tag. Mit 14 bis 16 Jahren schlafen Jugendliche meist zu wenig, oft nur 5-7 Stunden. Mit etwa 20 Jahren erreicht der junge Mensch wieder die normale Schlafzeit eines Erwachsenen von rund acht Stunden.

Wozu ist die Pubertät notwendig?

Die Sexualreife dient der Sicherung der Fortpflanzung

Die Hirnorganische Veränderungen dienen der Sicherstellung der Übernahme komplexer Verantwortungen und Aufgaben als Erwachsene.

Ist der Großumbau vollzogen, hat der junge Mensch nachfolgende Möglichkeiten:

  • Realistische und selbstständige Lebenszielorientierung
  • Langfristige Zielverfolgung
  • Übernahme von Verantwortung
  • Einschätzung von Risikosituationen
  • und Abwägung geeigneter Reaktionen
  • Aufbau von Partnerschaften und Familie
  • Erwerb der dafür notwendigen Kompetenzen
  • Risiken erkennen
  • Alternativen abwägen
  • Werte begreifen und finden
  • Ziele abwägen und setzen
  • Konflikte erkennen und lösen oder damit leben
  • Planen / Organisieren

Nicht nur für die jungen Menschen, auch für deren Eltern ist die Pubertät wichtig,

A) um zu akzeptieren, dass Kinder

  • sich lösen,
  • Verantwortung übernehmen,
  • eigene Ziele und Wertesysteme entwickeln,
  • eigene Vorbilder suchen,
  • neue Personen für emotionale Nähe suchen.

B) um Loslassen zu können.

C) um sich auseinander zu setzen

  • mit der dritten Lebensphase
  • mit den stärker in den Vordergrund tretenden Lebens- und Partnerschaftsproblemen
  • mit neuen Lebensbedingungen und Zielsetzungen
  • mit der eigenen Zukunft

Einige Ratschläge an die Eltern pubertierender Kinder:

1. Kontakt suchen und halten!

  • Zeit nehmen
  • Interesse am Lebensalltag der Kinder haben und aktiv zeigen
  • Nachfragen, aber zunehmende eigene Lebensbereich achten

und dies schon lange vor der Pubertät beginnen.

2. Gesprächsform: „motivierender Dialog“

  • Themen besprechen
  • Regeln möglichst ansprechen und aushandeln, nicht vorgeben
  • Feste Regeln erläutern
  • (eigene) Sorgen besprechen
  • Regelverletzungen und Fehler besprechen und „durchdenken“ lassen, statt sofort bestrafen

Weder Laissez-faire noch eiserne Disziplin sondern einen tragbaren Mittelweg finden.

3. Vertrauen zeigen

  • Ihr Vertrauen ausdrücken
  • Zuhören, diskutieren, ernst nehmen
  • Akzeptieren, dass garantiert einiges „in der Probezeit“ schief gehen wird.
  • Geistige und emotionale „Abwesenheit“ der Kinder akzeptieren.

4. Verantwortung geben: Rechte und Pflichten

  • Tagesablauf, Taschengeld
  • Individuelle Interessen, Hobbies
  • Zimmerordnung
  • Waschen, bügeln, putzen
  • Einfaches Kochen, Tischdecken, einkaufen
  • Bettwäsche
  • Planungsaufgaben

5. Regeln vereinbaren

  • Kindern Vorschläge machen lassen
  • Im Dialog besprechen und vereinbaren
  • Probezeiten
  • Im Zeitverlauf neu besprechen und evtl. verändern

Mögliche Bereiche der Vereinbarungen:

  • Medienkonsum
  • Ausgehen, Uhrzeiten, Kontakte
  • Alkohol, Drogen, Zigaretten
  • Kleidung, Verhaltensregeln

6. Konfliktlösungen normalisieren

  • Konflikte nicht dramatisieren, bagatellisieren (anbiedern) und nicht durch einseitige Willkür „lösen“
  • Konflikte und Konfliktverarbeitung sind wichtige Lernprozesse für Kinder in ihrem Weg zum selbstständigen Erwachsenen
  • Konflikte ansprechen, Sorgen und Ärger ausdrücken, nach Lösungen fragen.

7. Eigenes Elternverhalten reflektieren

  • Ängste und Sorgen
  • Hilflosigkeit
  • Ablösungsprobleme
  • Mit Ehepartner oder Freunden besprechen

Nur wenn man stark ist, kann man helfen

8. Von Kindern nicht Perfektion erwarten

  • In der Übungszeit macht jeder Fehler
  • Wir schaffen kein (perfektes) Ebenbild
  • Gelegentlich sich selbst kritisch anschauen

Zusammenfassung einer Veröffentlichung der ‚Nymphenburger Schulen‘.

Sie erhalten die Publikation hier als PDF-Datei.

Pubertät bei Pflege- und Adoptivkindern

Die Pubertät ist natürlich auch für die Pflege- und Adoptivfamilie eine Zeit neuer Herausforderungen. Die angenommenen Kinder sind häufig emotional noch nicht wirklich altersgemäß entwickelt. Die hormonellen Veränderungen verwirren sie daher sehr. Zwischen kleinkindhaften Bedürfnissen und pubertärer Veränderungen schwanken sie hin und her. Oft sind die Bindungen zu ihren Pflege- und Adoptiveltern noch nicht gefestigt, oder können nicht eingegangen werden. Die Pubertät verunsichert bindungsgestörte Kinder mehr als andere. Es herrscht große Verunsicherung, schwaches Selbstbewusstsein und ein neues Bewusstwerden der Situation als Pflegekind oder Adoptivkind.

Es kommt zu einer starken Belastung der Beziehung Pflegekind/Pflegeeltern und zu einem Wiederaufbrechen alter Verhaltens-und Erlebnismuster: Hass, Wut, Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Selbstzweifel, Verzweiflung bis hin zu Selbstverletzung, Alkohol- und Drogenkonsum, Suizidideen oder -handlungen, Schulschwänzen, promiskuitives Verhalten.

Susanne Lambeck schreibt in ihrem Referat: Alles was kommt das geht auch wieder:

Schlecht gelaunt und muffelig, unordentlich und anspruchsvoll, aggressiv und verletzend, unnahbar und fremd. Nichts scheint mehr an diesem Kind zu stimmen, dass gestern doch noch ein netter kleiner Junge war. (Vielleicht war er auch nie ein netter kleiner Junge, aber gestern war er dagegen ja noch pflegeleicht.)

Die Pubertät ist eine Herausforderung, eine Phase des Übergangs- nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Eltern. Und wie jede Entwicklungsphase hält die Pubertät ganz bestimmte Entwicklungsaufgaben für diejenigen bereit, die sie gerade durchlaufen.

Entwicklung heißt Veränderung und beinhaltet damit eine Chance für Wachstum und Reife, aber auch für Krisen.

Wohl keine Zeit im Kinderleben wird von Pflege- und Adoptiveltern so sehr gefürchtet wie die Zeit der Pubertät. Häufig kommt nach einer harmonischeren und ruhigeren Phase in der Familie mit dem Kind plötzlich oder schleichend der Umschwung. Das Verhalten der Kinder wird trotziger, die Stimmung schwankt zwischen himmel-hoch jauchzend und zu Tode betrübt. Sie erzählen kaum oder gar nicht mehr, was sie außerhalb der Familie erleben. Sie scheinen ihre Individualität zu verlieren und die Meinung der Altersgenossen wird immer wichtiger. Eltern sind in dieser Zeit eigentlich nur noch peinlich.

 

Wie dramatisch eine Pubertät verläuft, hängt von verschiedenen Faktoren ab: den eigenen Fähigkeiten und der Persönlichkeit des Jugendlichen, seiner Vorgeschichte und welche schützenden Rahmenbedingungen geschaffen werden konnten. Ein Pflege- oder Adoptivkind, das vor dem sechsten Lebensmonat in seine neue Familie vermittelt wurde, sich dort gut gebunden hat, über ein ausgeglichenes Temperament verfügt und gut in der Schule und in Vereinen integriert ist, lässt auf eine nicht allzu stürmische Pubertät hoffen.

Anders ein traumatisiertes Kind, das innerlich unruhig immer schon Schwierigkeiten mit sich und der Welt hat, es auch mit normalen Gleichaltrigen nur schwer aushält und eh schon immer droht, aus sozialen Bezügen heraus zu fallen. Hier wird es vermutlich stürmisch werden.

Gerade für diese Kinder kann die Pubertät aber auch eine zweite Chance sein, wenn sie durch die Entwicklung höherer kognitiver Fähigkeiten in die Lage kommen, sich nicht nur gefühlsmäßig mit ihrer Geschichte auseinandersetzen zu können.

Die Fragen nach Ursachen, nach Werten, nach richtig oder falsch sind die zentralen Fragen der Adoleszenz, der Phase des Erwachsenwerdens. Ein vorher nicht gekanntes Bedürfnis nach faktischer Wahrheit taucht bei den Jugendlichen auf. Es liegt daher auf der Hand, dass viele fremdplazierte Kinder jetzt noch einmal intensiv auf die Suche nach ihrer Geschichte gehen. Hatten sie in den Jahren zuvor vielleicht noch ihre eigene Theorie, warum alles so gekommen ist wie es ist, wollen sie nun noch einmal genau wissen, warum sie weggegeben worden sind.

Hier reicht es aber nicht, ihnen allein die Informationen zu Verfügung zu stellen.

Die Kinder brauchen einen verlässlichen Menschen, der ihnen in ihrer Suche nach der Wahrheit beisteht und der begreift, dass sie das Gefühl durchleben müssen, das ihrer damaligen Situation angemessen ist. Dieses Gefühl kann von extremer Verzweiflung bis hin zu extremer Wut reichen. So unterschiedlich die Kinder und ihre Geschichten sind, so unterschiedlich aufregend kann ihre Pubertät verlaufen. Manchmal wird es in den Familien so stürmisch, dass eine zeitweise oder längere Trennung von Pflegefamilie und Pflegekind unumgänglich ist. Fatalerweise wird der für Pflegekinder häufig aus ihrer Geschichte heraus notwendige drastische Ablösungsprozess von ihrer Pflegefamilie von den betreuenden Sozialarbeitern als Scheitern des Pflegeverhältnisses interpretiert. Der Jugendliche wird aus der Pflegefamilie herausgenommen und das vielleicht schon seit 14 Jahren bestehende Eltern-Kind-Verhältnis als beendet erklärt. Dies entspricht aber erstens nicht der Dynamik der Ereignisse und ist zweitens eine unglückliche Wiederholung der frühen Erfahrung des plötzlichen Verlustes der betroffenen Kinder.

Für diese Jugendlichen wäre es jedoch im Gegenteil extrem wichtig, dass die Pflegeeltern Eltern bleiben, auch wenn das gemeinsame Wohnen unter einem Dach nicht mehr möglich ist.

Besonders schwierig kann die Pubertät mit jenen Kindern verlaufen, die aufgrund ihrer Vorgeschichte ihre Umgebung besonders bekämpfende und kontrollierende Kinder sind. Bei ihnen besteht die besondere Gefahr, dass sie aus den elterlichen Beziehungen gleiten, in die sie sich vielleicht aufgrund ihrer Vorerfahrungen erst gar nicht sicher begeben konnten.

Identität

Für Pflege- und Adoptivkinder wird in der Pubertät die Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie und die Frage »Warum wurde ich abgegeben?« zu einem ganz besonders aktuellen Thema. Die Jugendlichen zweifeln nun an der Liebe der Pflege- oder Adoptiveltern und stellen die Liebe oft auf eine harte Probe. Manche Jugendlichen, die früh von ihren leiblichen Eltern getrennt wurden, bleiben häufig sehr auf diese Eltern fixiert. Oftmals erleben die Pflege- und Adoptivkinder ein Durcheinander verschiedenster Gefühle von liebevoll, wütend, traurig und verunsichert sowohl den leiblichen als auch den annehmenden Eltern gegenüber.

Die Pubertät entfremdet Eltern und ihre Kinder. Leibliche Kinder können sowohl auf die biologische Zugehörigkeit, als auch auf die schon seit Geburt währende soziale Zugehörigkeit bauen, während die angenommenen Kinder ‚nur‘ die soziale Gemeinsamkeit haben. In sehr schwierigen Pubertätsentwicklungen kann dies das Verhältnis ganz schön belasten. Manche Jugendlichen beginnen die Herkunftseltern zu idealisieren und die Pflege- und Adoptiveltern ‚klein mit Hut‘ zu machen.

Einige Jugendliche suchen eine Annäherung an ihre Herkunft in dem sie sich Freunde genau aus dem Milieu ihrer Herkunftsfamilie suchen.

Häufig fühlen sich Jugendliche in Pflege- und Adoptivfamilien zwischen den verschiedenen Stühlen sitzen. Manche werden zu Grenzgängern und fühlen sich weder hierhin noch dorthin gehörend.

Die Jugendlichen brauchen in dieser Zeit Eltern, die einfach da sind. Die sie weiterhin halten und achten, auch wenn sie attackiert werden. Pubertierende fühlen sich freier und stärker, wenn sie das Gefühl haben, dass die Eltern trotz allem hinter ihnen stehen. Im Laufe der Pubertät ändert sich das Eltern-Kind-Verhältnis zu einem Verhältnis von Mensch zu Mensch. Eltern und Jugendliche brauchen für diesen Weg einen langen Atem, denn häufig wird die Reifung nach der Pubertät von den Jugendlichen erst spät, reichlich nach der Volljährigkeit erreicht.

Oft stellt sich erst in der Pubertät heraus, wie schlimm die seelischen Verletzungen und Traumatisierungen sind, mit denen die Pflegekinder zu kämpfen haben. Dazu müssen sie und ihre Eltern sich oft auch noch zusätzlich zu den pubertären Veränderungen mit den Ergebnissen von Alkoholschädigungen (FASD), eingeschränkten geistigen Fähigkeiten und seelischen Behinderungen auseinander setzen.

Manchmal kann die Pflegefamilie diese Zeit nicht mehr aushalten und sieht eine Lösung in einer Trennung. Ein Abbruch des Pflegeverhältnisses kann jedoch gerade in dieser Phase der Auseinandersetzung zu starken Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten bei den Jugendlichen führen und sie in dem Ablösungsprozess von Pflegeeltern und von Herkunftseltern blockieren. Auch für die Pflegeeltern ist ein solcher Schritt meist ein Horror. Pflegeeltern benötigen daher intensive Unterstützung, um die konflikthafte Dynamik und die Trennungsimpulse der pubertierenden Pflegekinder zu verstehen und mit den Jugendlichen auch über harte Auseinandersetzungen hinweg in Beziehung bleiben zu können. Auch die Pflegekinder und Adoptivkinder brauchen in dieser Entwicklungsphase Unterstützung durch Fachkräfte, um mit ihren ambivalenten Beziehungswünschen und den Nähe-Distanz-Impulsen besser zurechtzukommen.

Kriterien der Weltgesundheitsorganisation

Lebenskompetent ist, wer...

  • sich selbst kennt und mag,
  • sich in andere einfühlen kann,
  • kritisch und kreativ denkt,
  • kommunizieren und Beziehungen führen kann,
  • durchdachte Entscheidungen trifft,
  • erfolgreich Probleme löst und
  • Gefühle und Stress bewältigen kann.

Wie schreibt Susanne Lambeck in ihrem Aufsatz zum Schluss:

Alles was kommt, vergeht auch wieder. Auch wenn man es im Strudel der Ereignisse nicht glauben kann. Irgendwann ist auch die Zeit der Pubertät vorbei.

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