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09.06.2017
Fachartikel

Nicht nur eine Frage der Feinfühligkeit - Bindung bei Kindern mit Hirnschädigung am Beispiel der Fetalen Alkoholspektrum-Störung

Die Bindungstheorie ist ein bekanntes und gut erforschtes Erklärungsmodell. Sie dient daher häufig als Grundlage, Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern zu erklären. Es ist auffällig, dass gerade Kinder mit FASD unabhängig von ihrer Vorgeschichte auffällig häufig die Diagnose einer Bindungsstörung erhalten.

Jan wurde mit wenigen Lebenstagen direkt aus dem Krankenhaus in seine Pflegefamilie vermittelt. Als er vier Jahre alt war, kam die Pflegefamilie auf Empfehlung des Adoptions- und Pflegekinderdienstes zur beziehungsfördernden Beratung. Im Kinderzentrum war neben einer Entwicklungsverzögerung eine reaktive Bindungsstörung diagnostiziert worden. Die Pflegeeltern liebten Jan, fanden ihn aber auch sehr anstrengend. Jan war leicht ablenkbar, motorisch extrem unruhig und impulsiv. Er konnte seine Gefühle nur schwer kontrollieren. Auf alltägliche Frustrationen reagierte er häufig mit Aggression oder tiefer Verzweiflung. Bei Jan fand sich ein komplexes, sehr variables Muster von neuropsychologischen und psychopathologischen Auffälligkeiten, die meiner Einschätzung nach nicht alleine durch eine Bindungsstörung zu erklären waren. Eine weitere Diagnostik in einer Spezial-Ambulanz ergab schließlich die Diagnose einer Fetalen Alkoholspektrum-Störung (FASD).

Ich arbeite als Psychologin in der Beratung von Pflege und Adoptivfamilien mit dem Schwerpunkt entwicklungsverzögerte/ behinderte Pflege- und Adoptivkinder. Hierbei ist mir aufgefallen, dass gerade Kinder mit FASD unabhängig von ihrer Vorgeschichte auffällig häufig die Diagnose einer Bindungsstörung erhalten.

Die Bindungstheorie

Die Bindungstheorie ist ein bekanntes und gut erforschtes Erklärungsmodell. Sie dient daher häufig als Grundlage, Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern zu erklären.

Kurz gefasst sind die Annahmen der Bindungstheorie folgende:

Durch die frühen Erfahrungen mit den Menschen, die sie versorgen, entwickeln Kinder individuelle Unterschiede in der Organisation von Bindung, d.h. sie entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang mit Belastung und emotionaler Verunsicherung.

Ob Kinder eine sichere, unsicher-vermeidende oder unsicher-ambivalente Bindungsstrategie entwickeln, hängt- entsprechend der Theorie- vom feinfühligen oder weniger feinfühligen Verhalten der Bezugspersonen ab (Bowlby 1973) Hierbei werden unsichere Bindungsstrategien nicht als Störung sondern als normale Entwicklungsvariante verstanden.

Sind die Bezugspersonen jedoch in ihrem Verhalten ihrem Kind gegenüber unberechenbar, d.h. die Eltern verhalten sich einmal feinfühlig dann wieder bedrohlich, entwickeln die Kinder eine sogenannte desorganisierte Bindung. (Ainsworth 1978) Das Kind weiß nie, ob die Eltern tröstend und liebevoll sind oder im nächsten Moment ungeduldig und aggressiv. Kinder, die dieses wechselhafte elterliche Verhalten erleben, entwickeln keine eindeutig erkennbare Strategie im Umgang mit Stress, sondern sie zeigen mal sichere dann unsicher-vermeidende oder unsicher-ambivalente Bindungsstrategien.

Das Verhalten dieser Kinder wird häufig in ihrem Umfeld als chaotisch und verwirrend erlebt. In einem Moment spielt das Kind friedlich, im nächsten Moment fliegt ohne ersichtlichen Grund der Baustein. (Vgl. Brisch 2015).

Warum zeigen jetzt gerade Kinder mit einer Hirnschädigung wie beim FASD häufiger desorganisiertes Bindungsverhalten?

Ein komplizierter Bindungsprozess

Eine der ersten Entwicklungsaufgaben des Säuglings ist es, emotionale und physiologische Erregungszustände zu regulieren. Das ist eine Voraussetzung sich der Umwelt offen zuwenden zu können. Diese sogenannten Regulationskompetenzen werden in frühen Bindungsbeziehungen entwickelt. Das Baby nutzt seine Mimik, seine Stimme und seine Bewegungen, um sich mitzuteilen.

Aufgabe der Bezugsperson / der Pflegeeltern ist es jetzt, diese Mitteilung feinfühlig zu beantworten¸ das bedeutet, sie wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren, angemessen zu reagieren und das auch noch möglichst schnell. Hat das Baby Hunger oder Durst, ist ihm zu warm oder kalt, fühlt es sich alleine und möchte Anregung oder ist ihm gerade alles zu viel? Hat es Schmerzen?

Normalerweise verfügen Menschen über eine intuitive Kompetenz, die Mimik und Gestik eines Säuglings- mit dem sie vertraut sind- zu erkennen und so entsprechend feinfühlig zu reagieren. Kinder mit einer erworbenen oder angeborenen Hirnschädigung unterscheiden sich jedoch in der Art und der Deutlichkeit ihrer Signale. So verwirren sie beispielsweise ihre Bezugspersonen durch ihre manchmal sehr langsamen, manchmal aber auch überschießenden Bewegungsmuster. Diese Kinder können auf dem Arm sehr schlaff oder sehr angespannt wirken. Die Pflegeeltern wissen jetzt nicht, ist das schlappe Kind zu müde zum Spielen, will das Kind mit hoher Muskelspannung, das sich im Arm nach hinten biegt vielleicht gar keinen Körperkontakt?
Probleme der Hirnschädigung sind neben der Regulierung der Muskelspannung auch die Schwierigkeit Wahrnehmung zu ordnen: Furcht vor Raum und Tiefe, körperliches Unbehagen bei aktiver oder passiver Bewegung, Schwindelgefühl, Unsicherheit.

Das Kind hat Schwierigkeiten die Grenzen seines eigenen Körpers zu erkennen. Seine Wahrnehmungstoleranz, d. h. die Fähigkeit, Wahrgenommenes zu ertragen, ist verringert.
Die meisten Kinder werden es als angenehm empfinden, geborgen auf dem Arm der Mutter getragen zu werden. Ein Kind mit FASD oder einem ähnlichen neurologischen Handicap empfindet möglicherweise schon die Rotationsbeschleunigung, wenn die Mutter sich umdreht, als unangenehmen Reiz, der eine Überstreckung auslöst.

Das sanfte Halten der Pflegemutter löst im Kind die Angst aus es falle, weil es ihren Griff als nicht sicher genug empfindet. Farben, Geräusche, Kleidung auf der Haut können als unangenehmer oder schmerzhafter Reiz erlebt werden: entsprechend unzufrieden verhalten sich die Kinder. Häufig weinen sie viel und sind extrem unruhig, oder sie reagieren kaum auf freundliche Ansprache.

Selbst wenn Pflegeeltern die Signale immer richtig erkennen, dass ein Kind durch einströmende Reize völlig überfordert ist, können sie wenig Einfluss auf die Fähigkeit des Kindes nehmen, Wahrgenommenes zu ertragen. Es ist fast unmöglich, den Kindern auf ihre Bedürfnisse konstant die richtige Antwort zu geben.

Feinfühligkeit alleine - als der Schlüssel zu einer eindeutigen Bindungsstrategie - reicht nicht aus. Es hängt auch von den Besonderheiten des Kindes ab, wie es das Verhalten seiner Bezugspersonen wahrnimmt.

Vor dem Hintergrund ihrer Wahrnehmungsprobleme sind die Kinder häufig nicht in der Lage, eine eindeutige Bindungsstrategie zu entwickeln. Das desorganisierte Bindungsmuster ist die Folge.
Wenn die Kinder älter werden.

Kinder mit einer Hirnschädigung sind rasch vom Leben überfordert, sie ziehen sich zurück und erleben das Gefühl, dass man ihnen etwas will, wenn sie überfordert sind. Dann verweigern sie sich, wollen ihre Jacke nicht anziehen oder bekommen bei kleinsten Frustrationen einen Tobsuchtsanfall.

Genauso wenig wie die Kinder in der Lage sind Alltagsfähigkeiten konstant zu zeigen, fällt es ihnen schwer, ein konstantes Bindungsverhalten zu zeigen. Im Sturm der Entrüstung „kennen sie keine Verwandte“, hauen, treten fluchen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Hinterher tut ihnen ihr Verhalten in der Regel fürchterlich leid.

Wenn die Kinder Vernachlässigung, Gewalt und wiederholte Bindungsabbrüche erlebt haben, beeinträchtigt das ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt noch zusätzlich und verschlimmert die Situation erheblich.

Was tun?

Die Kinder brauchen- wie alle Kinder- Konstanz, Verlässlichkeit und Rhythmus und fortwährende, ihrem Entwicklungsstand angemessene, Bindungsangebote. Nur so ist das Vertrauen in die Welt und in die Menschen zu schaffen, ohne die eine gute Entwicklung nicht möglich ist.

Für die Beratung der Pflegefamilie von Jan hieß das:
Jan benötigte sehr viel mehr Hilfe bei der Regulierung seiner Emotionen, seiner Beziehungsgestaltung und seiner Impulse als das bei altersgleichen Kindern der Fall ist.
Konfliktsituationen im Alltag wurden so umstrukturiert oder begrenzt, dass es zu einer Abnahme der Wutanfälle kam. Jan benötigte sehr klare Strukturen und einfache Verhaltensanweisungen. Hauptziel jeglicher Intervention war es, ein möglichst hohes Maß an Beziehungsqualität und –kontinuität für Jan sicherzustellen. Dazu gehörte auch, der Pflegemutter Sicherheit im Umgang mit Jan zu geben, damit sie zu ihren eigentlichen intuitiven Kompetenzen zurückfinden konnte.
Kinder wie Jan profitieren von einer ruhigen Umgebung ohne plötzliche Wechsel, viel Körperkontakt (so wie das Kind es erträgt) und einer guten Beobachtung seiner Signale (Motorik, Lautäußerungen, Hautfarbe etc.). Aufgrund ihrer langsamen Verarbeitung sind kurze Sätze und lange Pausen, eine freundliche, ruhige Stimme, und abwechselndes Sprechen und Handeln hilfreich.

Jan hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten an seine Pflegeeltern gebunden. Sein desorganisiertes Bindungsmuster war nicht Ausdruck mangelnder Feinfühligkeit der Pflegeeltern, sondern es war das Beste, das Jan bei seiner Hirnschädigung entwickeln konnte.
So gelten die abschließenden Worte von Bowlby nicht nur für alle Pflegekinder, sondern auch für die Pflegefamilien, die mit ihnen leben.

Menschen jeden Alters wirken am glücklichsten und nutzen ihre Begabungen auf die vorteilhafteste Weise, wenn sie die Gewissheit haben, dass mindestens eine Person hinter ihnen steht, die ihr Vertrauen besitzt und ihnen zu Hilfe kommt, falls sich Schwierigkeiten ergeben. (Bowlby 1973)

Literatur bei der Verfasserin

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