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25.04.2014
Fachartikel

Mediation in Pflegeverhältnissen

Mediation als neuer Weg von Vereinbarungen im Pflegekinderwesen um besonders drei Bedürfnissen mehr Rechnung tragen zu können: Die Kinder wollen für die Herkunftseltern weiter wichtig sein, Herkunftseltern wollen eine eigene Rolle finden und Pflegeeltern brauchen Wertschätzung und Anerkennung.

1. Einleitung

Durch meine berufliche Tätigkeit als Dipl.-Sozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Dortmunder Jugendamtes gehören Rollenkonflikte im Sinne eines doppelten Mandats aus Hilfe und Kontrolle zu meinem Berufsalltag. Insbesondere bei Familien, in die der Staat bereits durch Zwangsmaßnahmen eingegriffen hat, gestaltet sich die vertrauensvolle und kooperative Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern (im folgenden überwiegend als Herkunftseltern bezeichnet), die für die weitere Entwicklung der betroffenen Kinder wesentlich ist, als schwierig. Die Zusammenarbeit ist oft konflikthaft, Herkunftseltern geben sich z.T. kämpferisch und verlieren dabei manches Mal ihre eigentlichen Bedürfnisse und die ihrer Kinder aus dem Blick. Andere haben resigniert, fügen sich oder ziehen sich gar ganz zurück.

In meiner Arbeit nehme ich wahr, dass Kinder oftmals auch dann, wenn sie nicht in ihrer Ursprungsfamilie aufwachsen können, für ihre Herkunftseltern wichtig und angenommen sein wollen und den Wunsch nach Nähe haben. Gelingt es den Herkunftseltern -aus welchem Grund auch immer- nicht, verlässliche Bezugspersonen zu sein, reagieren Kinder häufig mit Enttäuschung, manchmal auch mit Wut, Resignation und Rückzug. Pflegeeltern hingegen vermissen vermutlich des öfteren die nötige Anerkennung und Wertschätzung für die Aufnahme und Pflege eines ihnen fremden Kindes und das Bemühen für dessen Entwicklung.

Mit der Hilfeplanung steht den Jugendämtern ein Instrument zur Steuerung von Hilfeverläufen und zur Beteiligung von betroffenen Familienangehörigen und anderen Fachleuten zur Verfügung. Hier unterbleibt nach meinem Eindruck insbesondere im privaten Kontext einer Pflegefamilie oftmals die Auseinandersetzung über konfliktbeladene Themen, um keine Unruhe zu stiften. An dieser Stelle Barrieren zu überwinden, „Nebenkriegsschauplätze“ zu verlassen und stattdessen einen offenen und konstruktiven Weg zu gehen, ist mir spätestens seit der intensiven Beschäftigung mit der Methode der Mediation ein persönliches und fachliches Anliegen.

Die Anwendung von Mediation bei Konflikten um Pflegekinder ist ein in Literatur und Forschung bislang wenig beachtetes Gebiet der Familienmediation. Dies ist umso verwunderlicher, als das Konfliktpotential von Pflegeverhältnissen komplex und die Kooperation der verschiedenen Beteiligten nach dem Achten Sozialgesetzbuch (SGB_VIII) eine gesetzlich verankerte Pflicht ist. Parallel hierzu dreht sich die aktuelle Fachdiskussion im Pflegekinderwesen schon lange um ideologisch aufgeladene Perspektiven und Konzepte, welche die Beteiligung von und Kooperation mit Eltern, deren Kinder in einer Pflegefamilie leben, ins Stocken geraten lässt. Das Jugendamt hat in diesem Zusammenhang eindeutig eine Vermittlerrolle inne (vgl. insbesondere §§_36-38 SGB_VIII), aber auch das Familiengericht ist gesetzlich gehalten, mit den Beteiligten eine einvernehmliche Lösung zu erarbeiten, sofern es zu einem Rechtsstreit kommt (vgl. §_156 Abs._1 FamFG). In der Praxis scheinen fundierte Konzepte und praktikable Methoden zur konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Herkunftsfamilie und Pflegefamilie hingegen weiterhin zu fehlen.

Die Mediation als ergebnisoffenes und auf einer Kommunikation der Verständigung basierendes Verfahren scheint prädestiniert dafür zu sein, die Situation von Pflegekindern und ihren beiden Familien konstruktiv zu gestalten und die gesetzlich vorgegebene Kooperation umzusetzen.

Der folgende Artikel gibt daher einen Überblick über das Konfliktpotential von Pflegeverhältnissen, über die gesetzlichen Anforderungen hinsichtlich einer Beteiligung und Kooperation sowie über mögliche Kooperationsgewinne der Beteiligten. Im Anschluss wird das Verfahren der Mediation als Möglichkeit der Beziehungsgestaltung und Methode der Konfliktbearbeitung vorgestellt.

2. Konfliktursachen und -themen

„Mit Beginn eines Pflegeverhältnisses entsteht ein komplexes und störanfälliges Beziehungsgefüge mit unterschiedlichen strukturellen Widersprüchen und Ambivalenzen, das die Zusammenarbeit für alle Beteiligten erheblich erschwert und konflikthaft gestaltet.“

Welche Umstände sind für das hier angesprochene Spannungsverhältnis verantwortlich?

Maßgeblich sind in diesem Zusammenhang die Gründe und der Ablauf der Inobhutnahme des Kindes sowie der anschließenden Inpflegegabe. In der Regel steht vor der Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie eine Krise, die dazu führt, dass das Kind nicht mehr bei seinen Eltern leben kann. Das Kind verliert damit alle Sicherheiten seines bisherigen Lebenskontextes. Hinzu kommen möglicherweise vorangegangene körperliche und/oder seelische Verletzungen oder Vernachlässigung sowie andere traumatische Situationen. Zudem sind die sozioökonomische Lage und der biographische Hintergrund der Herkunftseltern häufig geprägt durch eine schwierige, konfliktreiche Familiensituation, psychische Erkrankung, Suchterkrankung, strittige Trennungssituation und/oder Überforderung.

Die Eltern haben in solchen Krisensituationen die Möglichkeit, beim Jugendamt die Fremdunterbringung in einer Pflegefamilie zu beantragen, was die Erkenntnis, selbst nicht angemessen für das Wohl ihres Kindes sorgen zu können, voraussetzt. Es ist aber auch möglich, dass die Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie durch die Herausnahme aus der Herkunftsfamilie und/oder im Zuge eines familiengerichtlichen Verfahrens beschlossen und durchgeführt wird. Hierzu ist ein teilweiser oder vollständiger Entzug der elterlichen Sorge gem. §_1666 BGB oder der Ersatz einer Erklärung des Personensorgeberechtigten denkbar. Bei einem derartigen Umstand erfolgt die Unterbringung gegen den Willen der Eltern, und wird von diesen in der Regel als Sanktion bzw. als Angriff von Außen gewertet und als traumatisches Ereignis und emotionaler Ausnahmezustand erlebt. Dies hat meist negative Auswirkungen auf die Kooperationsbereitschaft der Eltern.

Eine weitere Ursache für das vorliegende Spannungsfeld findet sich häufig in der Motivation der Pflegeeltern, ein fremdes Kind in den eigenen Haushalt aufzunehmen, zu versorgen und zu erziehen. Diese ist oftmals in der eigenen Kinderlosigkeit und dem Wunsch nach Familie begründet. Hinzu kann das Bedürfnis von Pflegeeltern kommen, das Kind vor negativen Erfahrungen und Einflüssen -und damit manchmal auch vor den Herkunftseltern- zu schützen, was es erschwert, diese als wichtige Bezugspersonen für das Kind zu sehen und deren Beziehung zueinander zu fördern. Folglich besteht die Gefahr, dass Herkunfts- und Pflegefamilie in ein Konkurrenzverhältnis zueinander treten, was beim Kind wiederum einen Loyalitätskonflikt mit negativen Auswirkungen auf seine Entwicklung verursachen kann.

Die Beteiligten befinden sich häufig in Rollenkonflikten, da für diese Familienform kaum gesellschaftliche Modelle existieren, an denen sie sich orientieren können. Die jeweiligen Rollen, d.h. Aufgaben, Beziehungen, Vorstellungen und Positionen müssen ausgehandelt und individuell entwickelt werden.
Für das Spannungsverhältnis ist es außerdem maßgeblich, dass die Rechtsnormen des Familien- und Jugendhilferechts durch zahlreiche ungeklärte Rechtsbegriffe und Ermessensspielräume, z.B. hinsichtlich der zeitlichen Dauer der Inpflegegabe, geprägt sind. Diese sollen es ermöglichen, auf die individuellen Lagen von Familien zu reagieren, sie sind aber durch ihre unterschiedliche Auslegbarkeit mitursächlich für das Konfliktpotential von Pflegeverhältnissen. Hinzu kommt, dass es in diesem Kontext gilt, unterschiedliche Rechtsgüter abzuwägen; hier sind insbesondere das grundgesetzlich verankerte Elternrecht (Art. 6 GG) und das Wohl des Kindes (vgl. insbesondere §_8a SGB_VIII sowie §§_1666 und 1697a BGB) zu nennen.

Im Zusammenhang mit Pflegeverhältnissen drehen sich typische und möglicherweise verhandelbare Konfliktthemen folglich um die Beziehungsgestaltung und den Umgang zwischen Herkunftseltern und Pflegekind sowie dessen Organisation. Hinzu kommt die Frage um den zukünftigen Lebensmittelpunkt des Kindes und somit die Entscheidung darüber, ob eine Rückkehr in den Haushalt der Herkunftsfamilie möglich ist, oder ob das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie verbleiben soll. Weitere Konfliktthemen können sich durch unterschiedliche Erziehungsvorstellungen ergeben, ähnlich den Themen, die oftmals zwischen getrennten/geschiedenen Eltern strittig sind.

Gelingt es Pflege- und Herkunftseltern auch mit Unterstützung des Jugendamtes nicht, Fragen des Umgangs oder des Aufenthaltes einvernehmlich zu klären, besteht die Möglichkeit, das Familiengericht anzurufen. Orientierungspunkt für familiengerichtliche Entscheidungen ist das Kindeswohl (vgl. §_1697 a BGB), was in der Rechtsnorm aber nicht näher definiert wird. Die familiengerichtlichen Instrumentarien werden hierzu in §_1684 BGB -Umgang des Kindes mit den Eltern-, §_1632 Abs._4 -Verbleibensanordnung bei Familienpflege- sowie §_1666 BGB -gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls- geregelt.

Zu diesen Konfliktfeldern kommt die strukturelle Problematik der beteiligten sozialen Dienste. Das deutsche Pflegekinderwesen ist von einer organisatorischen und strukturellen Vielfalt geprägt, welche die Festlegung auf Rahmenbedingungen und Weiterentwicklung von Qualitätsstandards erschwert. So sind beispielsweise deutliche Unterschiede in der Struktur der Pflegekinderdienste (PKD) und somit bzgl. der Fallführung, der personellen Ausstattung der Dienste, der Fallzahlen pro Mitarbeiter, der Konzeptionen sowie der jeweiligen Haltungen und persönlichen Überzeugungen festzustellen.

Die Pflegekinderdienste sind oft bei den Jugendämtern angesiedelt, wobei deren Organisation als spezialisierter Fachdienst oder als Unterbereich des ASD geläufig ist. Hinzu kommt die Wahrnehmung an den nicht hoheitlichen Aufgaben des Pflegekinderwesens durch freie und private Träger, z.B. bei der Auswahl geeigneter Pflegepersonen, in Vermittlungsprozessen, bei der Beratung und Begleitung der Herkunftsfamilien und der Pflegepersonen. Hier können verschiedene Traditionen und weltanschauliche Richtungen die Werte und Haltungen der Mitarbeiter beeinflussen.

Die Ausdifferenzierung des Aufgabenspektrums bringt unabhängig davon, ob die Trägerschaft öffentlich und/oder privat ist, einen erhöhten Kooperationsaufwand zwischen den beteiligten Fachkräften mit sich. Sauer spricht in diesem Zusammenhang von einem „Beziehungsdreieck aus Herkunftsfamilie, Pflegefamilie und Jugendamt, das den Verlauf der Kooperation zwischen Pflegefamilie und Herkunftsfamilie von Anfang an entscheidend beeinflusst.“ Sauer weist daraufhin, dass mit der o.g. Aufteilung der Zuständigkeit zwischen ASD und PKD häufig unterschiedliche konzeptionelle Orientierungen verbunden sind, die neben den strukturellen Differenzen häufig zusätzliche Konfliktpunkte für die Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie darstellen. Sauer geht davon aus, dass die Fachkräfte des PKD eher dem Ersatzfamilienkonzept anhängen, das den Fokus auf neue (teils vor den Herkunftseltern zu schützende) Bindungen in der Pflegefamilie richtet, während die Mitarbeiter des ASD eher herkunftsorientiert arbeiten und das Ergänzungsfamilienkonzept bevorzugen. Auch Pierlings weist beim Thema Besuchskontakte und Umgang mit der Herkunftsfamilie auf kontroverse Interessen der jeweiligen Fachkräfte und ideologisch geführte Debatten hin.

In diesem Zusammenhang ist außerdem die Rollenverteilung zwischen den Mitarbeitern der jeweiligen Dienste von Bedeutung. Ist die Aufteilung so geregelt, dass die Mitarbeiter des ASD für die Arbeit mit der Herkunftsfamilie zuständig sind, während die Mitarbeiter des PKD die Pflegefamilie betreuen und dem Pflegekind als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, besteht die Gefahr, dass durch eine übermäßige Parteinahme die Konflikte zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie auf die Fachleute übertragen werden. Die Fachkräfte können dadurch zu Konfliktbeteiligten werden.

Um diesen strukturellen Problemen entgegen wirken zu können, ist von den Fachkräften ebenso wie von den Herkunftseltern und Pflegepersonen die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Kooperation gefordert. Methodische Konzepte zur Gestaltung dieser Kooperationsprozesse fehlen offensichtlich bislang noch.

3. Das gesetzliche Beteiligungs- und Kooperationsgebot

Der Gesetzgeber hat die Jugendämter verpflichtet, die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie die Herkunftseltern und Pflegepersonen am Hilfeplanungsprozess und somit an maßgeblichen Entscheidungen zu beteiligen (§_36 SGB_VIII) und diese Prozesse zu gestalten und zu moderieren. Diese Vorschrift zielt auf einen Verständigungsprozess ab, der bereits vor der Gewährung einer Hilfe einsetzt und die Autonomie einer Familie respektiert. Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass gelingende Hilfemaßnahmen der Akzeptanz und aktiven Mitarbeit der Betroffenen bedarf, um Hilfeziele zu erreichen. In diesem Sinne ist die Hilfeplanung „ein partizipatorischer Gestaltungsprozess zwischen Leistungserbringer und sonstigen Leistungsempfängern sowie den Fachkräften im Jugendamt“ mit dem Ziel der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Hierbei sollen Sichtweisen, Erwartungen, Absprachen und Hilfeperspektiven der Personensorgeberechtigten, der Kinder und Jugendlichen sowie der betreuenden Einrichtungen, Dienste und Personen kommuniziert und dokumentiert werden.

Außerdem hat das Jugendamt die Aufgabe, die Zusammenarbeit zwischen Herkunftseltern und Pflegeeltern zum Wohl des Kindes zu fördern (§_37 SGB_VIII). Als integraler Bestandteil der Hilfeplanung wird hier das Erarbeiten einer zeitlichen Perspektive, konkrete Hilfeangebote für die Rückkehr oder den Verbleib sowie die Gestaltung von Kontakten zur Herkunftsfamilie genannt.

4. Welchen Gewinn bringt Kooperation den Beteiligten?

Kooperation i.S. eines „absichtlichen Zusammenwirkens auf ein gemeinsames Ziel hin mit wenig Konflikt und Konkurrenz“ kann realistisch gesehen nicht verordnet werden; sie muss sich für die Beteiligten lohnen, sie muss einen konkreten Nutzen haben, damit diese Herausforderung angenommen wird und nicht in Widerständen mündet, die ein destruktives Verhalten der Beteiligten verursachen können.

Für das Pflegekind kann eine gute Kooperation zwischen Herkunfts- und Pflegeeltern, die eine Verständigung über Konkurrenzgefühle und Konflikte einschließt, die Verringerung oder Vermeidung eines Loyalitätskonfliktes bedeuten, was wiederum Energie für Entwicklungsaufgaben frei werden lässt. Darüber hinaus können konkrete Vereinbarungen getroffen werden, die Klarheit schaffen und Sicherheit geben, z.B. hinsichtlich einer dauerhaften Lebensperspektive, der jeweiligen Elternrollen, der bestehenden Bindungen, einer kindgerechten Gestaltung von Besuchskontakten usw. Hinzu kommt für das Pflegekind die Möglichkeit, in einer kooperativen Atmosphäre heikle Themen, z.B. die Gründe für die Inpflegegabe, zu kommunizieren und aus der möglicherweise vorhandenen Übernahme von Schuld entlassen zu werden.

Bei den Herkunftseltern kann eine kooperative, eigenständige Beziehung und eine kontinuierliche Kommunikation nach der meist emotional belastenden Situation der Inpflegegabe zudem das subjektive Gefühl der Rehabilitierung als Eltern bewirken. Sie können möglicherweise einen Teil der Elternverantwortung für das Kind übernehmen, weiter eine wichtige Bezugsperson bleiben, und ihre Sorgen und Ängste können entkräftet werden. Ein Vertrauensverhältnis zur Pflegefamilie kann es ihnen ermöglichen, dem Pflegeverhältnis Legitimation und Kontinuität zuzusprechen, was sich wiederum stabilisierend auf dieses auswirkt. Wenn Herkunftseltern durch Kooperation dazu befähigt werden, Realitäten anzunehmen und für sich eine neue Rolle zu finden, können sie Teil des Hilfesystems werden und auch weiterhin eine relevante und aktive Stellung in der Biographie ihres Kindes einnehmen. Ein anderes Ergebnis könnte sein, dass Herkunftseltern im Zuge eines Beteiligungs- und Verstehensprozesses zu der Entscheidung kommen, sich aus ihrer aktiven Elternrolle zu verabschieden und dem Kind zu erlauben, angstfreie neue Bindungen zu den Pflegeeltern herzustellen. Dieser Schritt kann im Zuge von Kooperation selbstverantwortlich geschehen und erfolgt nicht auf Druck von außen. Ebenso ist es möglich, dass durch die erwähnte aktive Elternrolle und durch konstruktive Kooperation eine Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie realisierbar wird.

Pflegeeltern hingegen erhalten durch die Gestaltungsmöglichkeit, die eine kooperative Beziehung zu den Herkunftseltern mit sich bringt, die Chance, ihrem Gefühl der Ohnmacht und den als willkürlich erlebten Beschlüssen von Entscheidungsträgern entgegenzuwirken. Wenn der Kontakt zwischen Herkunftsfamilie und Pflegekind die Verwirklichung eines Pflegefamilienkonzeptes ohne Konkurrenz zulässt, kann sich für die Pflegeeltern die Möglichkeit zum dauerhaften Zusammenleben mit dem Kind ergeben. Sollte die Klärung der dauerhaften Lebensperspektive hingegen ergeben, dass ein Zusammenleben mit dem Kind nur auf Zeit möglich ist, so schafft die Kooperation mit den Herkunftseltern ggf. die Möglichkeit, nach der Rückkehr des Kindes in die Herkunftsfamilie den Kontakt und die Beziehung zu halten. Hinzu kommen Vorteile im Alltag, die eine Klärung von Verantwortlichkeiten und Absprachen z.B. bzgl. der Durchführung von Besuchskontakten mit sich bringen.

5. Das Mediationsverfahren

Bei der Mediation handelt es sich um ein außergerichtliches Konfliktbearbeitungsverfahren, das ergebnisoffen und kooperativ angelegt ist und auf einer Kommunikation der Verständigung basiert. Es scheint daher prädestiniert, die Situation von Pflegekindern und ihren beiden Familien konstruktiv zu gestalten und die gesetzlich vorgegebene Kooperation umzusetzen.

Montada und Kals definieren Mediation als „Möglichkeit, Konflikte in kultivierter Weise auszutragen und eine Beilegung auf der Basis gegenseitigen Verstehens zu erreichen und sozialen Frieden zu wahren oder zu stiften.“ Ziel ist dabei die nachhaltige Beilegung eines sozialen Konflikts durch einen Vertrag oder eine Übereinkunft der Konfliktparteien. Dies wird möglich, indem die Tiefenstruktur eines Konflikts herausgearbeitet und eine Annäherung der konfligierenden normativen Überzeugungen erarbeitet wird. Hierfür braucht es eine Kommunikation der Verständigung.

Der Ablauf

In der klassischen Mediation führt ein Mediator als unbeteiligter Dritter durch ein strukturiertes Verfahren und fungiert als Mittler und Kommunikationshelfer zwischen den Beteiligten. In der Literatur finden sich verschiedene, einander ähnelnde Phasenmodelle, exemplarisch wird hier in verkürzter Form ein 5-Phasen-Modell dargestellt:

1. Vorbereitungsphase: Initiierung des Verfahrens, Erwartungsklärung, Aufklärung der Parteien über Ablauf und Grundprinzipien der Mediation, Vereinbarung von Regeln, Prüfung der Geeignetheit des Verfahrens und Abschluss einer Mediationsvereinbarung einschließlich Gebührenvereinbarung.

2. Bestandsaufnahme: Sammlung der verhandelbaren Themen getrennt nach Streitparteien, Feststellen von Übereinstimmungen und Unterschieden, Einigung auf zu bearbeitende Themen und deren Reihenfolge, Informationssammlung.

3. Interessenfindung: Herausfinden von hinter den vertretenen Positionen stehenden Bedürfnissen und Interessen, Ermöglichen von gegenseitigem Verständnis, Identifizierung der jeweiligen Bezugs- und Wertesysteme.

4. Konfliktlösung: kreative Entwicklung von Lösungsoptionen, anschließende Bewertung der Optionen, ggf. Beratung durch andere Stellen (z.B. Rechtsanwälte), Entwurf einer Vereinbarung, die idealerweise „Gewinner-Gewinner-Lösungen“ enthält.

5. Ergebnis: Schriftliche Fixierung der vereinbarten Lösung (z.B. durch Vertrag) und Unterzeichnung durch die Parteien, ggf. spätere Reflexion/Evaluation der Vereinbarung.

Die Grundprinzipien

Das Mediationsverfahren beinhaltet fünf Grundprinzipien, die durch den Mediator zu Beginn und während des Verfahrens zu überprüfen sind:

Die Beteiligten können nur freiwillig, d.h. ohne äußeren Zwang, an dem Verfahren teilnehmen. Dies beinhaltet, dass die Konfliktbeteiligten (und auch der Mediator) ohne negative Konsequenzen aus dem Verfahren aussteigen können. Das Prinzip der Freiwilligkeit ist eine Voraussetzung für den erfolgreichen Verlauf einer Mediation und für die Einhaltung des Grundsatzes der Selbstverantwortlichkeit. Dieser wiederum beinhaltet, dass die Parteien inhaltlich eine eigene Lösung erarbeiten und dass der Mediator keine Befugnis (beispielsweise wie ein Schiedsrichter oder Schlichter) hat, inhaltliche Vorschläge zu machen, Bewertungen abzugeben oder gar Entscheidungen zu treffen. Hinzu kommt der Grundsatz der Informiertheit, was bedeutet, dass den Konfliktparteien alle entscheidungserheblichen Tatsachen sowie die jeweiligen Rechtsgrundlagen bekannt sein müssen. Als vierter Grundsatz ist das Prinzip der Vertraulichkeit zu nennen, womit gemeint ist, dass Informationen, die im Rahmen einer Mediation bekannt werden, nicht gegen eine Partei verwendet werden dürfen. Diese Situation könnte beispielsweise dann entstehen, wenn eine Mediation scheitert und der Konflikt zum Gegenstand eines anschließenden Gerichtsverfahren wird. Kann der Grundsatz der Vertraulichkeit nicht gewährleistet werden, besteht die Gefahr, dass dies negative Auswirkungen auf das Prinzip der Informiertheit hat, weil die Parteien möglicherweise Informationen, die für eine Lösung wichtig wären, vorenthalten.

Das Kernprinzip der Mediation ist die Neutralität, bzw. Allparteilichkeit des Mediators. Hiermit ist gemeint, dass nur Personen als Mediator in Frage kommen, die nicht selbst am Konflikt beteiligt sind und keine persönliche Betroffenheit oder Interessen am jeweiligen Konflikt oder dessen Lösung haben. Einseitige Sympathien oder Antipathien können die neutrale Haltung des Mediators gefährden. Der Mediator darf nicht parteiisch für eine Partei handeln (z.B. wie ein Rechtsanwalt), allerdings erlaubt der Begriff der Allparteilichkeit die „allseitige Unterstützung“ der Parteien. Besteht beispielsweise ein Machtungleichgewicht zwischen den Parteien, weil diese aus sozial, kulturell oder intellektuell unterschiedlichen Milieus stammen, ist es möglich, eine Partei intensiver dabei zu unterstützen, ihre Anliegen zu artikulieren und zu ergründen, um das Ungleichgewicht auszugleichen. Die allparteiliche Haltung würde dadurch nicht aufgegeben. Maßstab ist hier vielmehr, dass alle Beteiligten durch die Verfahrensführung des Mediators befähigt werden, ihre eigenen Anliegen und relevanten Überzeugungen in gleichem Maße in das Verfahren einzubringen und so die notwendige Selbstbehauptung der Medianten zu ermöglichen.

Betrachtet man in diesem Zusammenhang die vielfältige Struktur, Organisation und Rollenverteilung der beteiligten Sozialen Dienste ASD und PKD hinsichtlich ihrer Möglichkeiten der Kooperationsförderung und Vermittlung, so wird deutlich, dass die Berufsrollen im Hinblick auf das Grundprinzip der Neutralität kritisch zu sehen sind. Die Mitarbeiter sind in anderen beruflichen Rollen in den jeweiligen Familien tätig (z.B. eingreifend oder parteiisch) und werden in zukünftig möglicherweise stattfindenden Gerichtsverfahren beteiligt. Dies hat insbesondere auf die Grundsätze der Informiertheit und Vertraulichkeit massive Auswirkungen, da Herkunfts- und Pflegefamilien nicht den vertraulichen, geschützten Rahmen vorfinden, um eine kooperative und auf Verständigung ausgerichtete Basis aufbauen zu können. Stattdessen werden sie vermutlich bemüht sein, bei den entsprechenden Stellen ein vorteilhaftes Bild von ihrer Person, ihrer Kompetenz und ihrer Bindung zum Kind abzugeben. Dieser Umstand fördert eher eine Konkurrenzhaltung zwischen den Herkunfts- und Pflegeeltern. Sinnvoll wäre hingegen die Gewährleistung der Mediationsprinzipien im Hilfeplanprozess, beispielsweise durch bedarfsgerechte Hinzuziehung eines unabhängigen Mediators.

Die Anwendung von Gesprächstechniken

Voraussetzung für eine Verständigung im Sinne einer erfolgreichen Mediation ist das gegenseitige Verstehen, dass laut Montada und Kals durch Modelle guter, d.h. konstruktiver Kommunikation möglich wird. Diese finden durch echtes Interesse am Gesprächspartner, durch empathisches, nicht wertendes Verstehen sowie Wertschätzung und Akzeptanz Anwendung. Der Mediator fungiert durch seine Haltung und seine Gesprächsführung als Modell für die Medianten, die über die Lösung eines akuten Konflikts hinaus die Chance zum Erlernen neuer Kommunikations- und Kooperationsmethoden haben.

Neben der beschriebenen Struktur in Form von Mediationsphasen, die für Klarheit und Orientierung hinsichtlich der verschiedenen Problem- und Konfliktbereiche sorgt, gibt es verschiedene Gesprächstechniken, die eine Verständigung fördern. Exemplarisch genannt werden können beispielsweise die Techniken des Aktiven Zuhörens, des Zusammenfassens, des Fokussierens, des Normalisierens, des Paraphrasierens, des Partialisierens und des zukunftsorientierten Fragens. Hilfreich ist außerdem das Ermöglichen einer gegenseitigen Perspektivenübernahme, die Herstellung eines guten Rapports (d.h. eines „guten Kontakts“ zum Gesprächspartner), Methoden der Deeskalierung (z.B. die Unterbrechung direkter Kommunikation zwischen den Medianten) sowie Metakommunikation.

Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen wird durch eine solch wertschätzende und empathische Haltung, die in den o.g. Techniken zum Ausdruck kommt, ein Klima geschaffen, in dem die Betroffenen sich akzeptiert und verstanden fühlen, Einflussmöglichkeiten erleben, sich auf ihre Leistungen und Stärken besinnen können und in dem ein Gefühl von Anerkennung geweckt wird.

6. Vorteile eines Mediationsverfahrens

Vergleich mit Familiengerichtsverfahren

Montada und Kals identifizieren verschiedene Risiken der juristischen Streitbeilegung, da wesentliche Konfliktelemente wie verletzte oder bedrohte Interessen und Anliegen sowie normative Überzeugungen in Gerichtsverfahren nicht berücksichtigt werden. Komplexe Lebenswirklichkeiten werden stattdessen auf verletzte Rechtsansprüche reduziert, die Tiefenstruktur eines Konflikts bleibt demnach unbearbeitet.

„Der Konflikt wird in seiner Komplexität nicht erkannt, nicht bearbeitet und folglich nicht beigelegt. Das kann dazu führen, dass nach einer Gerichtsentscheidung der Konflikt wieder aufflammt, weil die juristische Konfliktkonstruktion für den Fall und für die Beziehung unerheblich war.“

Zudem besteht die Gefahr, dass eine gerichtliche Entscheidung, die oftmals einen Sieg für die eine und eine Niederlage für die andere Seite bedeutet, die Beziehung zwischen den Parteien zusätzlich belastet. Eine Folge hiervon kann wiederum eine „Vergeltung“ an anderer Stelle sein.

Mediation geht inhaltlich über justiziable Ansprüche hinaus. Das bedeutet, dass neben der Entwicklung einer von allen Beteiligten akzeptierten Lebensperspektive des Pflegekindes sowie der Ausgestaltung und Häufigkeit von Besuchskontakten z.B. folgende Themen bearbeitet werden können:

  • Weitergabe von Informationen zwischen Herkunfts- und Pflegeeltern,
  • andere Formen der Teilhabe von Herkunftseltern am Leben des leiblichen Kindes (auch indirekt),
  • wichtige Punkte in Fragen der Erziehung,
  • Einfinden in zu definierende Elternrollen,
  • Gründe für die Inobhutnahme und Fremdunterbringung, einschließlich der damit verbundenen Emotionen der Beteiligten.

Ein weiterer Vorteil von Mediation liegt in ihrer zeitlichen Perspektive: Während sich Familienrichter bei der Entscheidungsfindung oftmals psychologischer Gutachten bedienen, deren Erstellung viel Zeit benötigt und letztlich oft der „Wahrheitsfindung“ dient, können Mediationsverfahren deutlich zeitnaher durchgeführt werden. Außerdem zielen sie nicht nur auf die Beilegung des akuten Konflikts, sondern auch auf die Vorbeugung zukünftiger Konflikte ab. Gerade vor dem Hintergrund kindlicher Entwicklung und kindlichen Bindungsverhaltens ist die zeitliche Perspektive von maßgeblicher Bedeutung.

Berücksichtigung von Emotionen

Montada und Kals plädieren dazu, Emotionen im Mediationsverfahren besondere Aufmerksamkeit zu schenken, indem diese thematisiert, analysiert und geklärt werden. Emotionen sind Indikator für starke Betroffenheit im Konflikt und für die Identifizierung der Tiefenstruktur des Konflikts unerlässlich, da sie konstitutiver Teil sozialer Konflikte sind. Sie können Teil, Bedingung oder Ausdruck des Konflikts sein. Sie sind wichtig, um die subjektive Sicht der Betroffenen und ihre Bewertung der Realität zu verstehen und sie als Motivationsquelle für ihr Handeln zu begreifen. Wenn die Betroffenen sich nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, bleiben sie emotional belastet. Die Analyse und Bearbeitung von Emotionen im Rahmen einer Mediation kann für die Medianten Modellcharakter haben, da sie etwas über sich, die Dynamik ihrer Emotionalität und deren Steuerung sowie über die der anderen Partei lernen können.

Mediation als Entwicklungschance

„Eine produktive Konfliktarbeit wird nachhaltig wirken. Sie wird den Beteiligten als eine wichtige Lernerfahrung und als Modell im Gedächtnis bleiben.“

Montada und Kals konstatieren, dass Konflikte zwar Probleme wie Krisen, Fehlentwicklungen und Krankheit zur Folge haben können, wodurch zum einen hohe materielle, psychische und soziale Kosten entstehen und zum anderen die Kräfte und Ressourcen der Betroffenen gebunden werden. Sie stellen aber darüber hinaus dar, dass Konflikte produktiv genutzt werden können, wodurch die Beteiligten viel über sich, die andere Seite und ihre Beziehung zueinander sowie Modelle guter Kommunikation lernen können.

Sie benennen folgende Lerneffekte:

  • Gewinn an Selbsterkenntnis: sich bewusst werden über wichtige Anliegen und normative Überzeugungen, Stärken und Schwächen sowie Einstellungen zu anderen und Wahrnehmung des Selbst durch andere.
  • Gewinn an Wissen: z.B. über das relevante Rechtsgebiet.
  • Fähigkeit zur Perspektivenübernahme: als Voraussetzung für jede gelingende Kommunikation.
  • Gewinn an neuen Kompetenzen: als Lernen am Modell, z.B. zwecks Vermeidung kommunikativer Missverständnisse, zwecks Klärung des Erlebens von Ungerechtigkeit oder bei der Suche nach Gewinner-Gewinner-Lösungen.
  • Gewinn an Weisheit: bezogen auf den Umgang mit konfligierenden normativen Überzeugungen.

Berücksichtigt man diese Entwicklungschancen, so erscheint ein Einsatz von Mediation gerade für Pflegefamilien lohnenswert, weil diese oftmals mehrere Pflegekinder aus verschiedenen Familien aufnehmen und daher häufiger Konflikte mit unterschiedlichen Herkunftseltern erleben dürften.

Die Frage der Gerechtigkeit

Mediation beinhaltet verschiedene Aspekte der Gerechtigkeit. Prinzipiell dürfen Vereinbarungen nicht zu Lasten Dritter oder der Allgemeinheit getroffen werden. Vereinbarungen sind insofern dahingehend zu überprüfen, ob sie mit der gültigen Rechtslage vereinbar sind. Zudem besteht die Möglichkeit neben dem gültigen Recht individuelle Maßstäbe und Kriterien für Fairness und Gerechtigkeit zu entwickeln, auf dessen Grundlage eine vorläufige Vereinbarung überprüft werden kann. Ein weiterer Aspekt sind subjektive Rechtsüberzeugungen und Gerechtigkeitskonzeptionen. Hierbei ist das Empfinden subjektiv erlebter Ungerechtigkeit von Bedeutung, auf das in der Regel mit dem Gefühl der Empörung reagiert wird. Auch die Ungerechtigkeit gegenüber Dritten kann Protest und Feindseligkeit auslösen. Wie bereits dargestellt, sind Informationen über erlebte Ungerechtigkeiten wichtig für das Verstehen von Konflikten und das Erarbeiten von Konfliktlösungen. Als letzter Punkt ist der Aspekt der Verfahrensgerechtigkeit zu nennen. Diesbezügliche psychologische Forschung kommt zu dem Ergebnis, dass die Frage, ob ein Verfahren als fair erlebt wurde, anhand der Mitwirkungsrechte der Parteien (insbesondere der Frage nach gleichem Gehör) und der Möglichkeit, die eigene Sichtweise darzulegen, bewertet wird. Um Fairness zu gewährleisten, wird z.B. eine höfliche und respektvolle Behandlung der Parteien empfohlen.

„Die Mediation ist ein Verfahrensmodell, in dem viele Prinzipien der Verfahrensgerechtigkeit zum Regelwerk gehören. [...] Der Vertrag, den die Konfliktparteien in der Mediation schließen, setzt die innere Zustimmung zu den getroffenen Vereinbarungen voraus. Je fairer die Verhandlungsführung erlebt wird, umso eher werden die Parteien bereit sein, die Vereinbarungen als gerecht zu akzeptieren, auch wenn sie hinter ihren Ausgangsforderungen zurückbleiben.“

Kreativität von Lösungen

Mediationsarbeit ist ein kreativer Prozess, der komplexe Problemlösefähigkeiten und ein „Denken in Alternativen“ erfordert. In Konflikten kommt es oftmals zu einer „mentalen Einengung“, im Sinne einer Fixierung auf die Schuld der Gegenseite. Hier ist eine „mentale Transzendierung“ über den Konflikt hinaus nötig, um Lösungsoptionen zu generieren. Einem Mediator kommt dabei die Rolle des Kreativen zu, der bei den Medianten kreative Einfälle und Ideen mittels entsprechender Haltung und Techniken fördert.

Bezogen auf die Situation von Pflegefamilien ist zu konstatieren, dass konservative Familienmodelle für die Praxis oftmals nicht tauglich sind, da von Pflegefamilien erwartet wird, dass sie flexibel und offen auf die jeweiligen Anforderungen reagieren können. Hier wäre es hilfreich, unkonventionelles Denken zu ermöglichen und mit Flexibilität und Kreativität neue Perspektiven zu eröffnen und Lösungsoptionen zu entwickeln, die individuell zur Lebenssituation der betroffenen Familien passt.

Beteiligung von Kindern am Mediationsprozess

Die Beteiligung von Kindern am Mediationsprozess wird unter Fachleuten zum Teil kritisch bewertet, weil die Sorge besteht, dass Kinder dadurch altersunangemessene Verantwortung für einen Konflikt von Erwachsenen tragen, was sie sehr belasten kann. An diesem Punkt sei daran erinnert, dass Kinder im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen am Hilfeplanprozess beteiligt und zudem bei strittigen Familiengerichtsverfahren oftmals persönlich angehört werden. Zumindest letzteres dürfte eine größere Belastung für die Kinder darstellen als die Beteiligung in einem Mediationsverfahren, da sie mit ihrer Darstellung Einfluss auf ein gerichtliches Ergebnis nehmen, das in der Regel für oder gegen eine Partei ausfallen dürfte.

Nichtsdestotrotz ist die Beteiligung von Kindern mit Augenmaß vorzunehmen, wobei Alter und Entwicklungsstand zu berücksichtigen sind. Möglich ist grundsätzlich die Beteiligung der Pflegekinder, aber auch ihrer Pflegegeschwister, die somit überhaupt erst eine offizielle Gelegenheit zur Beteiligung bekämen. Eine grundsätzliche Bedingung für die Beteiligung von Kindern ist es, dass sie vorher mit den Erwachsenen thematisiert und von diesen gewünscht wird.

Dietz, Krabbe und Thomsen halten eine Beteiligung von Kindern in Mediationsverfahren bei der Themensammlung für geeignet, um den Anliegen der Kinder Raum zu geben. Sie beziehen Kinder außerdem bei der Entwicklung von Optionen und Wahlmöglichkeiten ein, da ihnen kreatives und unkonventionelles Denken oftmals leichter fällt als Erwachsenen. Einen Einbezug der Kinder bei der Konfliktbearbeitung lehnen auch Dietz, Krabbe und Thomsen ab, da Kinder hierdurch zu sehr belastet würden. Ein indirekter Einbezug der Kinder ist aber durch zirkuläres Fragen, beispielsweise beim Festlegen von Kriterien für Fairness und Gerechtigkeit möglich. Kinder können außerdem involviert werden, wenn es darum geht, ihnen vorläufige Ergebnisse vorzustellen sowie beim Entwickeln von Ritualen (denkbar sind hier z.B. Übergangs- und Abschiedsrituale bei Besuchskontakten).

Grenzen der Anwendbarkeit von Mediation

Der Einsatz von Mediation im Kontext eines Pflegeverhältnisses stellt sich vielversprechend dar, dennoch muss der Blick auch auf dessen Grenzen gerichtet werden, um seriös zu sein. Da die Grundprinzipien der Mediation zu Beginn, aber auch im laufenden Verfahren immer wieder zu reflektieren sind, wird sichergestellt, dass eine Mediation nicht mehr weitergeführt wird, wenn diese Prinzipien als Voraussetzung nicht mehr gegeben sind. Dem verantwortungsvollen Mediator bleibt in diesem Fall die Möglichkeit, das Verfahren selbst abzubrechen.

In welchen Situationen könnte die Mediation an ihre Grenzen kommen und daher kein geeigneter Weg der Konfliktbearbeitung sein?
Montada und Kals führen verschiedene Umstände an, unter denen nach allgemeinem Rechtsgefühl nicht vermittelt werden sollte. Dies ist dann der Fall, wenn (auf juristischem Weg) ein illegitimes dreistes Begehren zurückgewiesen werden muss, oder wenn die Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen trotz Bemühungen des Mediators nicht geweckt werden kann. Hinzu kommen Situationen, in denen ohne Rücksicht auf die Betroffenen und auf die Legitimität der Anliegen, die eigenen Interessen durchgesetzt werden sollen, sowie bei ausgeprägter Feindseligkeit zwischen den Konfliktparteien. Als Indiz für die Notwendigkeit eines Abbruchs bzw. Kontraindikation zu Beginn eines Mediationsverfahrens sind psychopathologische Störungen zu nennen, die Zweifel an der Selbstverantwortlichkeit sowie an der sozial verantwortlichen Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit einer Partei aufkommen lassen. Weiter sind eine ausgeprägte Unzugänglichkeit für Argumente, intellektuelle Überforderung, rigoroser Durchsetzungswille einer Partei sowie gehäufte Regelverletzungen zu nennen.

Bedenkt man nun, dass der Anlass für eine Inobhutnahme in manchen Fällen massive Verletzungen des Kindeswohls (z.B. sexueller Missbrauch) oder starke Beeinträchtigungen der Herkunftseltern (z.B. durch massive psychische Erkrankungen, geistige Behinderung, schwere Suchterkrankung) sein können, wird deutlich, dass im konkreten Konfliktfall sorgfältig abgewogen werden muss, ob ein Mediationsverfahren die geeignete Form der Konfliktbearbeitung ist.

Nichtsdestotrotz können in diesen Fällen die geschilderten Gesprächstechniken, Aspekte der Verfahrensgerechtigkeit und Maßnahmen der Deeskalation hilfreich sein, auch wenn es nicht zur Anwendung von Mediation in einem konkreten Konfliktfall kommt.

7. Ausblick

Sowohl die Praxis der Mediation als auch das Pflegekinderwesen verfügen noch nicht über den nötigen Umfang an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Hier wären gesicherte Kenntnisse und Erfahrungswerte in der Anwendung von Mediation in Pflegeverhältnissen und ihre Wirksamkeit wünschenswert.

Neben den Vorteilen und Gewinnen, die die Anwendung von Mediation in diesem Feld vor allem den betroffenen Kindern und ihren Familien bringen könnte, wenn es gelingt, die Beziehungsqualität von Herkunfts- und Pflegeeltern zu verbessern und diese zu einer konstruktiven und am jeweiligen Kind orientierten partnerschaftlichen Zusammenarbeit zu befähigen, gibt es einen weiteren interessanten Punkt: Es besteht die Chance mittels Mediation die möglichen indirekten, durch Jugendämter aufzubringenden Folgekosten häufiger gerichtlicher Auseinandersetzungen und ungeklärter Perspektiven in Form von kostenintensiveren Jugendhilfemaßnahmen einzudämmen.

Literaturverzeichnis

  • Blandow, Jürgen: Pflegekinder und ihre Familien. Geschichte, Situation und Perspektiven des Pflegekinderwesens, Weinheim und München 2004
  • Diez, Hannelore/Krabbe, Heiner/Thomsen, C. Sabine: Familienmediation und Kinder, 3. Aufl., Köln 2009
  • Flechsig, Angelika/Ponschab, Reiner/Schweizer, Adrian: Grundlagen der Mediation (Teil 2), Kursnummer 71051, 2011 FernUniversität in Hagen
  • Herr, Christina: Eltern ohne Kinder. Eine empirische Studie zu Bewältigungsformen bei der Unterbringung in einer Pflegefamilie, unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Siegen, 2005
  • Kracht, Stefan: Das Ethos des Mediators, Kursnummer 71053, 2011 FernUniversität in Hagen
  • Meysen, Thomas, in: Münder u.a., Frankfurter Kommentar SGB_VIII, Baden-Baden 2013
  • Montada, Leo/Kals, Elisabeth: Mediation. Ein Lehrbuch auf psychologischer Grundlage, 2. Aufl., Weinheim, Basel 2007
  • Pierlings, Judith: Dokumentation Leuchtturmprojekt Pflegekinderdienst, Köln 2011
  • Reimer, Daniela: Pflegekinder in verschiedenen Familienkulturen. Belastungen und Entwicklungschancen im Übergang, ZPE-Schriftenreihe Nr. 19, Siegen 2008
  • Sauer, Sabine: Die Zusammenarbeit von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie in dauerhaften Pflegeverhältnissen. Widersprüche und Bewältigungsstrategien doppelter Elternschaft, Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Bd. 5, Opladen und Farmington Hills 2008
  • Schweitzer, Jochen: Gelingende Kooperation. Systemische Weiterbildung in Gesundheits- und Sozialberufen, Weinheim, München 1998

Zur Autorin

Silvia Schäfer ist Mediatorin (Master of Mediation FernUniversität in Hagen), Dipl.-Sozialarbeiterin (FH) und Dipl.-Verwaltungswirtin (FH). Sie arbeitet seit 2008 als Bezirkssozialarbeiterin im ASD des Dortmunder Jugendamtes und ist dort u.a. für die Fremdunterbringung von Kindern in Pflegefamilien, die Steuerung von Hilfen zur Erziehung sowie für die Beteiligung der Betroffenen im Hilfeplanverfahren zuständig. Zurzeit macht sie das Angebot der kooperativen Konfliktbearbeitung in der Praxis der Jugendhilfe bekannt.

Weitere Informationen und Angebote finden Sie unter www.mediationsbuero-schaefer.de.
Persönlichen Kontakt können Sie über Email: kontakt@mediationsbuero-schaefer.de oder telefonisch unter 0231/4469315 aufnehmen.