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01.04.2011
Fachartikel

Loyalitätskonflikte im Pflegekinderwesen

Wenn wir von Loyalitätskonflikten in Pflegeverhältnissen sprechen, denken wir vorrangig an Konflikte dieser Art bei den Pflegekindern. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es Loyalität und Loyalitätskonflikte in allen Bereichen und zwischen vielen Beteiligten gibt, die mit Pflegeverhältnissen zu tun haben – und das sind viel mehr Menschen als nur Pflegekinder, Pflegeeltern und Herkunftseltern.

Was bedeutet Loyalität?

Loyalität ist ein Begriff für Gefühle der Treue, der Achtung, der Akzeptanz, der inneren Verbundenheit einem Menschen oder einer Idee gegenüber.

Loyalität bedeutet, die Werte des anderen zu teilen und zu vertreten - auch dann zu vertreten, wenn man sie nicht vollumfänglich teilt. Loyalität ist immer freiwillig.

Der Begriff Loyalität wird oft im Sinne von Zuverlässigkeit und Anständigkeit gegenüber der Gruppe, der man sich verbunden fühlt, gebraucht, beispielsweise im Zusammenhang mit Dienstverhältnissen, bei denen sich ein Arbeitgeber bzw. Dienstherr auf die Treue seines Mitarbeiters verlassen können muss. Der Loyalitätspflicht des Mitarbeiters entspricht eine Fürsorgepflicht des Vorgesetzten.

Was sind Loyalitätskonflikte?

Problematisch wird Loyalität dann, wenn sie gefordert wird. Unterschiedliche Forderungen verschiedener Menschen oder Dienste führen zu Loyalitätskonflikten.

Ein Loyalitätskonflikt bedeutet also:

  • ich bin einer Sache, einem Menschen gegenüber loyal, gerate aber in einen Konflikt, weil ich zunehmend den Inhalten der Sache bzw. dem Menschen nicht mehr vertraue.
  • ich habe das Gefühl, mehreren Personen oder Ideen gegenüber loyal sein zu müssen die sich aber gegenseitig für mich nicht vereinbaren lassen oder sich sogar ausschließen. (Ich kann nicht Diener zweier Herren sein)

Wenn wir von Loyalitätskonflikten in Pflegeverhältnissen sprechen, denken wir vorrangig an Konflikte dieser Art bei den Pflegekindern. Meine Erfahrung in den vielen Jahren meiner Tätigkeit im Pflegekinderwesen zeigte mir jedoch, dass es Loyalität und Loyalitätskonflikte in allen Bereichen und zwischen vielen Beteiligten gibt, die mit Pflegeverhältnissen zu tun haben – und das sind viel mehr Menschen als nur Pflegekinder, Pflegeeltern und Herkunftseltern.

Beispiele von Loyalitätskonflikten im Bereich des Pflegekinderwesens

Jugendamt, ASD und Fachkräfte im Pflegekinderdienst

Konflikte im Pflegekinderwesen entstehen vorrangig durch unklare Anforderungen, Perspektiven und unterschiedliche Sichtweisen der Beteiligten.

Wenn ein Jugendamt z.B. die Rückführung des Kindes in seine Herkunftsfamilie als Ziel seiner Arbeit in der Vollzeitpflege formuliert, dann muss es auch die Bedingungen der Unterbringungen unter dieses Ziel setzen. Das Amt muss also die Fragen beantworten: „was ist befristet?“ „wie lange dauert: befristet?“ „Welche Bedingungen müssen erfüllt werden, damit ein Kind in eine befristete Vollzeitpflege kommt? – (Bedingungen für die Fachkräfte, die Herkunftseltern, die Pflegeeltern)“. „Was ist der Unterschied zwischen eine befristeten – also zeitlich begrenzten Unterbringung- und eine unbefristeten – also dauerhaften Unterbringung?“ usw.

Häufig haben Jugendämter einen amtsinternen Loyalitätskonflikt, der sich in einer problemhaften Zusammenarbeit zwischen ASD und PKD zeigt. Die Meinungen der Fachkräfte in den Diensten gehen weit auseinander. Hier hilft nur ein gemeinsam erarbeitetes Konzept zur Vollzeitpflege, dem sich alle Erwachsenen um das Pflegekinder herum verpflichtet fühlen.

Immer wieder habe ich auch erlebt, dass in Jugendämtern, die keinen speziellen Pflegekinderdienst haben, die Mitarbeiter des ASD in Konflikte geraten. Einerseits sehen sie die Bedürfnisse der Kinder und ihrer Pflegefamilien nach verantwortlicher Vermittlung, Beratung und Begleitung, andererseits sind sie aufgrund eigener Arbeitsbelastungen nicht in der Lage, hier angemessen zu reagieren.

Fachkräfte im Pflegekinderdienst haben häufig folgende mögliche Konflikte:

  • Sie sind um eine fachliche und daher manchmal zeitaufwendige Vermittlung eines Kindes in einer Pflegefamilie bemüht und verstehen gleichzeitig den Druck ihrer Kollegen im ASD, die dieses Kind schnell vermittelt haben wollen
  • Sie wollen nach guten Standards arbeiten und ihre Arbeit auch gut machen und sehen, dass ihr Arbeitgeber massive finanzielle Probleme hat
  • Eine Kollegin ist länger krank und sie bedauern sie auch, aber sie müssen nun deren Arbeit voll zu ihrer Arbeit mit übernehmen
  • Das Jugendamt vertritt eine Konzeption der Rückführungen von Pflegekindern, die Fachkraft kann dies aber nach ihren Erfahrungen mit ihren Pflegekindern eigentlich so nicht mittragen – also ein Konflikt zwischen Auftrag und Realität, zwischen Rückführung des Kindes und Erziehungsunfähigkeit der Eltern.
  • Pflegeeltern, denen sie ein Kind vermittelt hat, stellen sich als nicht wirklich geeignet heraus, das Kind ist aber schon längere Zeit in der Pflegefamilie
  • Es gibt einen Gerichtsbeschluss der Herausgabe des Pflegekindes an die Herkunftsfamilie und sie muss das Kind herausholen und ist von diesem Beschluss überhaupt nicht überzeugt
  • Sie muss Besuchskontakte vereinbaren und vielleicht auch begleiten, bei denen sie erkennt, dass diese dem Kind Schaden zufügen.

Pflegeeltern in Vereinen oder Gruppen

  • die sehen, dass es einem Pflegekind in einer Pflegefamilie nicht gut geht.
  • die ihrer Betreuerin durchaus loyal gegenüber stehen, aber mit den Arbeitsbedingungen im und durch das Jugendamt nicht zufrieden sind

Vormünder, Verfahrensbeistände, Richter, Gutachter

Auch sie wollen sich einerseits dem Kind gegenüber verantwortlich fühlen, andererseits seine Eltern aber nicht „verurteilen“.

Loyalitätskonflikte der Pflegeeltern

Loyalität hat natürlich ganz viel mit uns selbst und unseren eigenen Werten und Motivationen zu tun. Loyalität ist ein Wert und eine Stärke, kann aber auch Starrheit und Gestriges bedeuten. Es ist daher wichtig, dass ich mir meiner Werte bewusst bin und sie hinterfragen kann. Es ist notwendig, nicht nur Gefühle walten zu lassen, sondern auch das Gehirn einzuschalten.

Gegenüber den Herkunftseltern
Pflegeeltern haben Herkunftseltern gegenüber keine guten Gefühle, wenn sie darüber nachdenken, was ihr Pflegekind durch diese Eltern erlitten hat – andererseits sind sie nun aber die Eltern ihres Kindes.

Loyalität gegenüber Menschen zu ermöglichen geschieht auch dadurch, dass ich versuche, eine Situation mit den Augen dieses Menschen zu betrachten. Wenn ich das bei Herkunftseltern versuche sehe ich, dass viele dieser Eltern selbst geschädigte und traumatisierte Kinder waren und auch weiterhin sehr bedürftige Menschen sind. 95 % der Eltern traumatisierter Kinder sind selbst traumatisierte Kinder gewesen. Wird mir dies bewusst, werde ich diesen Herkunftseltern gegenüber weicher – aber bleibt es nicht trotzdem dabei, dass sie meinem Pflegekind Schaden zugefügt haben?

Aus diesem Konflikt kann ich heraus kommen. Ich kann sowohl der Mutter/dem Vater meines Pflegekindes, als auch meinem Pflegekind selbst gegenüber loyal sein, wenn ich versuche, klar zwischen Tat und Täter zu unterscheiden – zwischen dem, was ein Mensch ist und dem, was er getan hat; - und wenn es mir gelingt zu akzeptieren, dass dieser Mensch für das Pflegekind wertvoll ist, weil es von ihm abstammt.

Ich kann mich durchaus loyal einer Herkunftsmutter gegenüber verhalten wenn ich sie als Person nicht herabwürdige, sie achte, aber ihre Handlungen an dem Kind verdeutliche und mich stark dafür mache, dass das Kind diese Handlungen erst einmal verkraften darf und muss. Ist es dabei auf einem guten Weg, dann kann die Mutter wieder eine Rolle spielen. Ich bin nicht gegen sie, aber ich bin vorrangig dem Kind gegenüber loyal – ihm gegenüber bin ich verantwortlich – die Mutter muss von anderen aufgefangen und begleitet werden – aber ich erkenne durchaus ihre Not und ihre Sehnsüchte. Pflegeeltern können nicht für alles und alle verantwortlich sein. Ihre Verantwortung ist das Kind nicht die Herkunftsfamilie. Loyalitätskonflikte können durch klare Aufgabenverteilung vermieden werden.

Gegenüber den betreuenden Fachkräften
Das Pflegeverhältnis kann aus meiner Sicht nur gelingen, wenn die Beteiligten, besonders die Fachkräfte und die Pflegeeltern sich loyal zueinander verhalten. „Wir haben immer geglaubt, dass wir zusammen es schaffen werden. Ich bin offen zu meiner Betreuerin“, sagen die Pflegeeltern, „ich bin ehrlich zu meinen Pflegeeltern“ sagen die Fachkräfte. „Wir vertrauen uns“.

Pflegeeltern geraten jedoch sofort in einen Loyalitätskonflikt und ziehen sich zurück wenn sich zeigt, dass Fragen, Bedenken, Erschöpfung und Krisen dazu führen, dass es heißt: „Wenn Sie sich so überfordert fühlen, dann können wir das Pflegeverhältnis nicht weiter bestehen lassen“. Pflegeeltern, die im Vertrauen auf Partnerschaft und die Fachlichkeit der betreuenden Fachkraft um Unterstützung in ihrem schwierigen Alltag mit dem Pflegekind nachsuchen, sind dann wie vor den Kopf gestoßen. Die Loyalität ist dahin, sie werden zu Einzelkämpfern.

Was ist in letzter Zeit passiert, dass sich dieses Verhalten der Fachkräfte aus meiner Sicht gesteigert hat?

Die neue Kinderschutzdebatte und die Garantieleistung des JA zum Kinderschutz hat die Sozialarbeiter in eine neue – sogar strafrechtlich relevante – Situation gebracht. Wenn sie jetzt etwas übersehen, wenn sie jetzt etwas falsch machen, dann müssen sie persönlich dafür gerade stehen, oft sogar in der Öffentlichkeit. Die Fachkräfte haben das Gefühl sich nun schützen zu müssen, nur ja nicht in eine solche Situation zu kommen und reagieren daher auf angedeutete Schwierigkeiten in Pflegefamilien mit Unsicherheiten, die wiederum von den Pflegeeltern mit Unverständnis und oft als Drohung empfunden werden.

Gegenüber den eigenen Kindern
Pflegeeltern kommen in Loyalitätskonflikte zu ihren leiblichen Kindern, wenn das Pflegekind ZU problematisch ist und die Familie massiv „aufmischt“.

Hilfen:

  • VOR der Vermittlung genau hinsehen, ob das Kind zu den anderen Kindern in der Familie passt
  • z.B. kein Pflegekind aufnehmen, welches älter ist als die eigenen Kinder
  • kein Pflegekind aufnehmen in einer momentanen schwierigen Familiensituation evtl. durch Krankheit oder Tod eines Familienmitgliedes
  • kein Pflegekind aufnehmen, wenn der Funke beim ersten Treffen nicht fliegt

k*ein Pflegekind aufnehmen, nur um der Fachkraft einen Gefallen zu tun

  • NACH der Vermittlung sich ein Netzwerk schaffen, Austauschen, Hilfen einfordern

Gegenüber der eigenen Verwandtschaft und Freunden
Manchmal kann die erweiterte Familie die Aufnahme eines Pflegekindes nicht verstehen und fasst sich an den Kopf, dass der Sohn, die Tochter etc. sich dies antun. Das ist dann schwer für die Pflegefamilie und kann sogar zum Bruch mit der Verwandtschaft führen. Ähnliches kann mit Freunden passieren.

Gegenüber dem Pflegekind
Die Loyalität zum Pflegekind kann Pflegeeltern in Konflikte mit Anderen stürzen. Finden Fremde es seltsam, dass die Pflegeeltern sooo streng zu ihrem Pflegekind sind und auf Regeln bestehen, dann kann den Pflegeeltern dies ziemlich egal sein, sind es aber Nachbarn, die die Handlungen der Pflegeeltern dem Kind gegenüber nicht nachvollziehen können, sind es die Lehrer, Trainer, Berater mit denen man ja eigentlich gut auskommen möchte, dann haben die Pflegeeltern das Gefühl, sich ständig verteidigen zu müssen. Sie können dann nur noch dem Kind gegenüber loyal empfinden und werfen alles andere über den Haufen. Hier hilft der Austausch in Gruppen und mit anderen Pflegeeltern um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Loyalitätskonflikte des Pflegekindes

Loyalitätskonflikte des Pflegekindes bedeuten, dass das Pflegekind loyal sein möchte, dies aber nicht kann weil die Erwachsenen um es herum seine Loyalität bewerten, nicht verstehen und anderes von ihm verlangen oder zumindest erwarten.

Loyalität zur Herkunftsfamilie unmittelbar nach der Vermittlung

Auszug aus dem Referat von Dipl.Psychl. Susanne Lambeck „Kein neuer Anfang ohne Abschied“

Wenn ein Kind neu in eine Pflege- oder Adoptivfamilie kommt, treffen Abschied und Neubeginn unvermittelt aufeinander. Auf der einen Seite steht eine erwartungsfrohe, freudig erregte aufnehmende Familie, für die die Ankunft des Kindes häufig die Erfüllung eines langen Wunsches ist. Diese Familie wünscht sich nichts mehr als diesen kleinen Menschen mit Liebe zu überschütten und ihn für all das zu entschädigen, was ihm bisher widerfahren ist.

Egal wie gut die Gründe sind dem Kind eine neue Familie zu geben, so bedeutet doch der Wechsel für das Kind in der Regel zunächst Verlust und Trauer. Vor allem kleine Kinder haben keine Vergleichsmöglichkeiten und halten das, was sie bisher an Behandlung erlebt haben, für völlig normal. Sie wissen nicht, dass Kinder in anderen Familien nicht geschlagen und angeschrieen werden, dass es Erwachsene gibt, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Und deshalb hängen sie an den Menschen und an der Umgebung, die ihnen vertraut ist.

Je unvorbereiteter die Herausnahme oder Umplazierung des Kindes geschehen ist, desto eher ist der plötzliche Ortswechsel für das Kind mit einem Schock verbunden. Das Kind erstarrt innerlich und weigert sich häufig, die neue Realität anzuerkennen. "Ich bin hier nur zu Besuch. Ich geh wieder zurück". Die Leugnung der Realität ist zunächst eine ganz gesunde Reaktion der Psyche, sich vor Tatsachen zu schützen, die so noch nicht zu ertragen sind. Bedrängen Sie das Kind jetzt nicht mit Richtigstellungen, sondern lassen Sie ihm die Zeit, die es braucht sich den Tatsachen stellen zu können.

Unabhängig davon, ob Sie einen Säugling oder ein älteres Kind aufnehmen. Jedes Kind braucht erstmal Zeit, um das zu betrauern, was es verloren hat. Und es braucht altersgemäße Informationen über das, was passiert ist. Kinder verfügen über andere kognitive und sprachliche Fähigkeiten als Erwachsene. Deshalb trauern sie anders als Erwachsene. Trauer ist bei Erwachsenen und Kindern ein ganz individueller Prozess.

Die Trauer von Kindern verläuft weniger offensichtlich und gradlinig wie die von Erwachsenen. Rückzug, Weinen oder Aggression wechseln sich mit Phasen von Spiel und Ausgelassenheit ab, in denen man meinen könnte, die Kinder blieben von den Ereignissen ganz unberührt.

Bei Kindern (besonders im Vorschulalter und frühen Schulalter) kommt häufig die Suche nach dem Verursacher hinzu: Irgendjemand muss Schuld sein, dass alles so gekommen ist.“

Im Laufe der Zeit müssen Pflegekinder sich aus ihrer starken Loyalität gegenüber ihren Herkunftseltern entbinden, um so frei zu sein für den Einstieg in eine neue Familie. Kleine Kinder erleben bei Veränderungen in ihrem Leben Verwirrung und Trauer, erst ab späterem Kindergartenalter sprechen wir von Loyalitätskonflikten, weil sich dann die Kinder schon in die Handlungen und Gefühle von anderen Menschen hineindenken können. Die Jahre zwischen dem 5. und 12. Lebensjahr sind wohl die Jahre, in denen Kinder in die intensivsten Loyalitätskonflikte kommen. Wenn die Kinder älter und jugendlich werden, verändern sich die Loyalitätskonflikte. Sie nehmen ab durch die wachsende Entscheidungsfähigkeit, die die Kinder nun aus sich heraus entwickelt haben. Da Pflegekinder in ihrer Entwicklung oft verzögert sind, können hier auch noch ältere Kinder unter Loyalitätskonflikten leiden.

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Auszug aus „Zweimal Eltern – wie Pflegekinder damit leben können“
von Irmela Wiemann

„Pflegekinder im Loyalitätskonflikt“ „Es gibt kein positives Modell für Kinder, zwei Familien gleichzeitig zu haben. Und Kinder, selbst Jugendliche, fragen sich häufig, ob sie ihre eigenen Eltern gegen die neuen elterlichen Bezugspersonen austauschen sollen oder müssen. Sie setzen sich oft selbst unter den Zwang, sich für die eine und gegen die andere Familie zu entscheiden, weil nämlich jeder "normale" Mensch nur eine Familie hat. Doch es ist der einzige Weg für Pflegekinder, trotz ihrer schweren Situation zu reifen, wenn sie eine Ausgewogenheit, eine Balance zwischen ihren beiden Familien herstellen können. So wie Scheidungskinder nur dann zufrieden aufwachsen, wenn beide Elternteile das Kind darin unterstützen, den anderen Elternteil zu lieben, so benötigt das Pflegekind die Erlaubnis seiner Herkunftsfamilie, sich in der Pflegefamilie daheim zu fühlen und von der Pflegefamilie die Zustimmung, den eigenen Eltern einen angemessenen Platz im Leben einzurichten, ganz gleich, ob Kinder Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie haben oder nicht.

Sobald das Kind die Existenz seiner beiden Familien nicht miteinander in Einklang bringen kann, gerät es in Loyalitätskonflikte. Kinder können auch aus diesem Konflikt befreit werden, wenn Pflegeeltern oder die betreuenden Jugendamtsmitarbeiterinnen oder Jugendamtsmitarbeiter dem Kind seine Rolle und seinen Status erläutern: "Deine Eltern konnten wegen ihrer vielen Probleme nicht genug auf dich aufpassen. Sie hatten Anspruch darauf, dass ihnen jemand anderes dabei hilft, dich großzuziehen. Die Pflegefamilie ist für deine Eltern eingesprungen. Du wirst für immer Kind deiner Eltern bleiben. Aber weil du schon so lange bei den Pflegeeltern wohnst, hast du sie so lieb, wie eigene Eltern, das ist auch in Ordnung so. Du hast zwei Familien: eine, von der du kommst und eine, in der du lebst. Das ist für kein Kind leicht, mit so etwas klar zu kommen. Aber ich denke, du wirst das schaffen."

Formen der gemeinsamen Elternschaft von Pflege- und Herkunftseltern erfordern den Abschied von einem Familienmodell, das mit engen Grenzen umgeben ist. Grenzen und Strukturen halten eine Familie zusammen. Die Grenzen dürfen nicht völlig verschwinden. Doch eine Erweiterung enger familiärer Grenzen und die Akzeptanz der Herkunftsfamilie als Bestandteil des Lebens von Kind und Pflegefamilie, erleichtern dem Kind das Aufwachsen und helfen ihm, seine schwere Situation besser zu bewältigen.“

Auszug aus: Praxisbuch Pflegekind von Alice Ebel
Nicht nur die Bezieziehungsunfähigkeit/-störung des Kindes kann es nötig machen, dass sich Pflegeeltern (zumindest vorübergehend) mit einer wenig innigen Beziehung zufrieden geben müssen. Es kann sich auch aus anderen Gründen einer Beziehung entwickeln, in der das Kind Distanz zu seinen Pflegeeltern hält und sich nicht wirklich auf eine enge Beziehung oder gar Bindung einlassen will oder kann. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die leiblichen Eltern ihr Kind nicht loslassen, ihm direkt oder indirekt mitteilen, dass es (bald oder eines Tages) zu ihnen zurückkehren wird und sie auf das Kind warten. Solche Botschaften lassen das Kind, ganz unabhängig davon, ob tatsächlich eine Rückführung vorgesehen ist oder nicht, in einer abwartenden Haltung verharren, in der die Pflegefamilie zur „Versorgungsanstalt“ und Zwischenstation wird, was es dem Kind – unabhängig vom Angebot der Pflegeeltern – unmöglich macht, eine innige Beziehung oder sichere Bindung zu den Pflegeeltern zu entwickeln.

Auch wenn die leiblichen Eltern dem Kind gegenüber deutlich werden lassen, dass die die Pflegefamilie ablehnen, ist es wahrscheinlich, dass sich das Kind einer engen Beziehung und erst recht einer Bindung verweigert, da es fürchten muss, die Liebe seiner Eltern zu verlieren, wenn es zulassen würde, von den Pflegeeltern geliebt zu werden oder sie zu lieben. Zwar wünscht es sich, auch bei den Pflegeeltern geborgen und geliebt zu sein, doch es will auch seinen Eltern gegenüber loyal sein. Wenn Kind in solch einem Loyalitätskonflikt stehen, ist ihr Verhalten in der Regel hoch ambivalent. Trotz ihres Wunsches nach liebe und Sicherheit muss es dies verunmöglichen, um seine Angst (vor dem Verlust der Liebe seiner leiblichen Eltern) im Zaum zu halten. Dies führt oft zu einem Verhalten, das mit „Komm her – Geh weg“ oder „Wasch mit den Pelz, aber mach mich nicht nass“ umschrieben werden kann. Diese ambivalente Haltung des Kindes ändert sich oft erst, wenn sich die leiblichen Eltern dazu entschließen, dem Kind deutlich zu signalisieren, dass sie mit einer Unterbringung in der Pflegefamilie einverstanden sind und ihm erlauben, sich dort „zuhause“ zu fühlen.

Solch eine Erlaubnis der leiblichen Eltern ist nicht nur für jene Pflegekinder hilfreich, die in einem Loyalitätskonflikt stehen, sondern für alle fremd untergebrachten Kinder. Sie erleichtert es ihnen, sich auf die Pflegeeltern einzulassen, ohne dabei in Konflikte zu geraten.
Eine weitere Problematik, die den Aufbau einer engen Beziehung zu den Pflegeeltern erschweren kann, ist die Idealisierung der leiblichen Eltern durch das Kind. Dies sich sowohl in schwärmerischen Erzählungen über die Eltern, im Hüten von Erinnerungsstücken, in ständigen Vergleichen der Pflegeeltern mit den leiblichen Eltern (wobei die Pflegeeltern regelmäßig „schlecht abschneiden“) oder auch in einer Ablehnung der Pflegeeltern bzw. Ihrer (Beziehungs-/Bindungs-)Angebote zeigen. Die Ursachen hierfür können sehr unterschiedlich sein.

Sie können Ausdruck einer echten, tiefen Liebe und sicheren Bindung zu den Eltern sein, verknüpft mit dem Wunsch, möglichst schnell zu ihren zurückzukehren. Das Kind empfindet kein Bedürfnis, sich den Pflegeeltern anzuschließen, nimmt sie möglicherweise als „schlechte(re) Eltern“ wahr und teilt dies verbal oder durch sein Verhalten mehr oder weniger deutlich mit.

Eine weitere Ursache der Idealisierung der leiblichen Eltern kann sein, dass das Kind eine angstbesetzte Beziehung zu seinen Eltern hat und (unbewusst) fürchtet, es würde von ihnen bestraft, wenn es nicht (ständig) positiv über sie spricht oder wenn es wagt, die Pflegeeltern als „gute Eltern“ wahrzunehmen. So muss sich selbst in dem Glauben halten, seine Eltern seien wundervolle Eltern und gleichzeitig die Pflegeeltern bzw. ihre (Beziehungs-/Bindungs-)Angebote ablehnen, um sic vor der vermeintlichen Bestrafung zu schützen. Dies tut es, obwohl es ein starkes Bedürfnis nach Einbindung, Sicherung und Schutz in der Pflegefamilie hat, was zu ähnlich ambivalentem Verhalten wie bei o.g. Loyalitätskonflikten führt.
(Seite 175 und 176)

Link zum Buch

Loyalität von Versorgerkindern

Ein Versorgerkind ist meist das älteste Kind bei vernachlässigenden Eltern. Dieses Kind übernimmt die Versorgung der jüngeren Geschwister und häufig auch noch die Versorgung der Mutter und es fühlt sich verantwortlich für die Personen, die es versorgt hat. Es ist daher notwendig, diesem Kind nach der Vermittlung in einer Pflegefamilie deutlich zu vermitteln, dass es der Mutter, den Geschwistern nun gut geht, obwohl es nicht mehr selbst für Mutter und Geschwister sorgen kann. Hier könnten Besuchs-kontakte der Mutter und der Geschwister das Versorgerkind eventuell sehr entlasten. Es sieht, dass es nicht mehr versorgen muss und kann diese Verantwortung dann eher loslassen.

Sollte das Kind jedoch durch solche Besuchskontakte eher geschädigt werden, dann ist es wichtig, dass das Kind durch eine Person, der es vertraut, erfährt, wie es der Mutter, den Geschwistern genau geht.

Loyalität mit Geschwistern

Es zeigt sich zunehmend, dass Pflegekinder (auch Adoptivkinder) ein meist großes Interesse an ihren leiblichen Geschwistern haben. Dieses Interesse kann von einem einmaligen oder öfteren Kontakt bis hin zu regelmäßigen Treffen gehen. Der Kontakt mit den leiblichen Geschwistern hängt sehr stark vom individuellen Bedürfnis des Kindes und seiner Geschwister ab.

Beispiel von Loyalitätskonflikten verschiedener Beteiligter an einem immer wiederkehrenden wesentlichen Thema des Pflegekinderwesens: – den Besuchskontakten –

Loyalitätskonflikte bei den Pflegeeltern:

Pflegeeltern leben mit den (Über)Lebensstrategien ihrer Pflegekinder. Diese Strategien musste das Kind sich aufgrund seiner früheren Lebenserfahrungen aneignen. Meist sind diese Strategien für das „normale“ Leben unpassend und ungeeignet. Pflegeeltern sehen die Schwierigkeiten des Kindes in seinem Umfeld und befürchten, dass die Kinder durch Besuchskontakte immer wieder auf diese Lebensstrategien zurückgeworfen werden könnten.
Häufig werden solche Befürchtungen durch das Verhalten des Kindes nach Besuchskontakten zur Gewissheit

Beispiel: Ein verwahrlostes Kind hat längere Zeit in der Pflegefamilie Essen gehortet, konnte kaum spüren ob es hungrig oder satt ist und lernte langsam zu glauben, dass die Pflegeeltern es versorgen würden. Nach Besuchskontakten bricht das alte Verhalten wieder auf. Das Kind wird immer wieder verunsichert und muss sich immer wieder mit neuem Mut auf die Pflegeeltern einlassen.

Pflegeeltern sind in Anspannung weil sie das oft ausdrucksstarke Verhalten der Kinder nach Besuchskontakten erleben. Sie können und wollen diese Kontakte so nicht mehr unterstützen und geraten dadurch selbst unter Druck.

Auszug aus „Praxisbuch Pflegekind“ von Alice Ebel (Seite 191)
Auf keinen Fall sollte aber (nach einem Besuchskontakt ) auf die Herkunftsfamilie geschimpft oder dem Kind anders zu verstehen gegeben werden, dass sich die Pflegeeltern über seine „alte“ Familie ärgern oder sie ablehnen, denn das kann das Kind in schwere Loyalitätskonflikte stürzen oder dazu führen, dass es sich plötzlich genötigt sieht, seine Herkunftsfamilie zu verteidigen, obwohl es eigentlich selbst wütend auf sie ist….. Dann bleibt das Kind auf seiner Frustration „sitzen“ und wird ihr vermutlich in einem anderen Zusammenhang Ausdruck verleihen, ohne dass ihm (oder Euch) verständlich würde, woher seine Wurt ursprünglich stammt.

bei den Pflegekindern

Bei Besuchskontakten kommt es oft zu hoch angepassten Verhalten der Pflegekinder gegenüber den Herkunftseltern. Pflegekinder, die ihre Herkunftseltern als machtvoll und überwältigend erlebt haben, wollen sie in Besuchskontakten nicht „reizen“ und benehmen sich entsprechend vorsichtig und beruhigend den Eltern gegenüber.

Oft verstehen die Pflegekinder auch das Verhalten ihrer Pflegeeltern nicht, da diese sich bei Besuchskontakte nicht wie Eltern verhalten sondern den Herkunftseltern „den Vortritt“ lassen (müssen) und somit andere Signale geben als sonst im Alltag.

In den wenigsten Fällen werden bei (oder vor) den Besuchskontakten die Gründe für die Unterbringung in der Pflegefamilie thematisiert. Von den Herkunftseltern werden diese Gründe häufig verdrängt oder sogar verleugnet. Dies wiederum stürzt die Kinder weiter in verwirrende Gefühle, denn das, was sie erlebt haben, scheint keine Rolle mehr zu spielen und nicht wichtig zu sein. ‚Es war wohl doch nicht so schlimm was damals war’, die eigenen Wahrnehmungen werden infrage gestellt.

Die Kinder spüren auch die Anspannungen durch ungeklärte Verbleibensperspektiven und kontroverse Vorstellungen der Erwachsenen. Sie fühlen sich unsicher und im luftleeren Raum.

Traumatisierte Kinder erleben durch Besuchskontakte schwere Beeinträchtigungen. Sie werden zurückgeworfen in alte Ängste. Sie fühlen sich schutzlos und auf sich allein gestellt. Sie sehen, dass die Pflegeeltern sie nicht vor Unheil bewahren können und schwanken in ihren Gefühlen zwischen Verlassenheit, Misstrauen und Sehnsucht.

Viele Pflegekinder werden immer wieder zurückgeworfen und kommen nicht zur Ruhe. Sie bemühen sich, es allen recht zu machen und flippen vor Überforderung und Erschöpfung zuhause aus, resignieren oder verfallen in immer größere Unsicherheit. Das Gefühlswirrwarr für die Kinder ist komplett.

bei den Herkunftseltern

Besuchskontakte können bei Herkunftseltern zu besonderem Loyalitätskonflikten und Ungerechtigkeitsgefühlen führen. Oft entsteht Unverständnis, wenn Besuchskontakte infrage gestellt werden, weil das Kind sie nur schwer verkraften kann und Reaktionen nach den Kontakten zeigt – wo es doch während der Kontakte so „lieb“ war.

Herkunftsfamilien brauchen unbedingt Hilfe bei der Bewältigung der Pflege-Situation. Auch sie brauchen dringend Klarheit und verbindliche Aussagen und sie brauchen einen „Übersetzer“, der ihnen die Befindlichkeit und Wünsche des Kindes vor Augen führt.

bei Sozialarbeitern, Richtern u.a.

Sozialarbeiter befürchten häufig, dass, wenn sie die gewünschten Besuchskontakte nicht in die Gänge kriegen, die Herkunftseltern vor das Gericht gehen würden und es dann noch schlimmer werden könnte. Viele Sozialarbeiter sind zerrissen in ihren eigenen Gefühlen. Sie sehen die Verwirrtheit und Verunsicherung des Pflegekindes, sie erleben schwierige rechtliche Auseinandersetzungen gerade bei Umgangsregelungen, sie haben Verständnis für die Sorgen der Pflegeeltern, die leiblichen Eltern tun ihnen oft leid – die Sozialarbeiter selbst geraten in Gefühlswirrwarr und fühlen sich häufig zwischen all den Erwartungen und Forderungen zerrieben.

Richter befürchten, dass sie gegen Elternrechte verstoßen wenn sie Besuchskontakte nicht oder nicht umfassend genug zu lassen und fühlen sich häufig in der komplizierten Rechtslage des Pflegekinderwesens zwischen Kindeswohl und Elternrecht nicht genügend erfahren. Ähnliche Befürchtungen gelten für einige Gutachter und viele Verfahrenspfleger.

Auflösung der Konfliktgefühle

In vielen Gesprächen mit Pflegeeltern und Fachkräften, in einigen Begleitungen von Kindern, in häufiger Teilnahme an Hilfeplangesprächen, in Gruppenabenden und Fortbildungen ist mir dieser Gefühlswirrwarr von Loyalitätskonflikten immer wieder begegnet.

Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass die sich widersprechenden Gefühle in dieser Situation eigentlich normal sind – denn sie spiegeln die häufig unklare, ambivalente, zerrissene und kontrovers erlebte Situation von Pflegekind, Pflegeeltern, Herkunftseltern und Helferumfeld wieder.

Hier kann nur eins helfen: die Situation zu entwirren und Klarheit anzupeilen.

Dies geschieht, wenn:

  • das Wirrwarr um das Kind und seiner Unterbringung entzerrt wird,
  • es klare Prognosen und klare Perspektiven gibt,
  • an gemeinsamen Zielen gestrickt wird,
  • die verantwortlichen Erwachsenen auch Verantwortung für das Kind übernehmen,
  • die Rollen der beteiligten Personen – besonderes die von Pflegeeltern und Herkunftseltern – klar sind und aus den Bedürfnissen des Kindes heraus akzeptiert werden können.

Die eigene Position finden und vertreten

Wenn es darüber hinaus noch gelingt, in den notwendigen Gesprächen die eigenen Sorgen ansprechen zu dürfen und sich ernst genommen zu fühlen , dann werden die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. Dann wird es möglich, die unterschiedlichen Vorstellungen, Erwartungen und Befürchtungen zu erkennen. Aus diesen Unterschiedlichkeiten heraus müssen gemeinsame Ziele entwickelt und kindorientierte Entscheidungen getroffen werden. Dann entsteht eine Klarheit in dem, was zu tun ist und was von jedem erwartet werden kann. Letztendlich muss klar werden, welche Aufgabe durch wen übernommen wird und wofür wer verantwortlich ist.

Herkunftseltern, Pflegeeltern, Sozialarbeiter, Vormünder, Richter und andere haben unterschiedliche Aufgabenbereiche und somit unterschiedliche Verantwortungen dem Pflegekind gegenüber. Dies zu erkennen, dies deutlich zu machen und zu akzeptieren würde ein Team um das Kind schaffen, welches sich leiten lässt durch die Entwicklung und Bedürfnisse eines in seinem Leben schon gebeutelten und daher besonders schutzbedürftigen Kindes.

Oft liegt das Ziel gar nicht in der Frage: Welche Entscheidung: ja oder nein, sondern in der Beantwortung der Fragen: Was erwartet das Pflegekind von mir, was will ich verantworten, was ist mir wichtig, was kann ich tragen und zu was bin ich verpflichtet. Die eigene innere Klarheit macht Mut, die Loyalitätskonflikte zu hinterfragen, anzusprechen und neue Vorstellungen einzubringen.