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13.01.2009
Fachartikel

Lernen geht nur über Beziehung

Neurobiologen haben sich mit dem Thema Lernen und Schule beschäftigt und dabei die hohe Bedeutung der Bindung und Beziehung dafür erkannt.

Die Neurobiologen haben sich natürlich auch mit dem Thema Lernen und Schule beschäftigt und dabei die hohe Bedeutung der Bindung und Beziehung dafür erkannt.

In seinem Buch „Lob der Schule“ (Heyne-Verlag ) hat der Neurobiologe Joachim Bauer die Schule und Lernen unter die Lupe genommen und Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern entwickelt.

Auszug aus dem Buch über Motivation, Beziehungen und Förderung wesentlicher Dinge (S. 22-23)

Neueste neurobiologische Studien zeigen: Entscheidende Voraussetzungen für die biologische Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme sind das Interesse, die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung, die einem Menschen von anderen entgegengebracht werden.
Wie schon erwähnt verwandelt das Gehirn seelische Eindrücke in biologische Signale, es macht – etwas salopp ausgedrückt – aus Psychologie also Biologie. Studien konnten zeigen, dass soziale Ausgrenzung und Isolation Gene im Bereich der Motivationssysteme inaktiviert. Umgekehrt hat bereits die bloße AUSSICHT auf Anerkennung und Wertschätzung eine massive Aktivierung der Systeme zur Folge. Woher Kinder und Jugendliche die für die Motivation so wichtige Anerkennung und Wertschätzung erhalten, liegt auf der Hand: Sie erhalten sie im Rahmen zuverlässiger persönlicher Beziehungen zu ihren Bezugspersonen, in der Regel also Eltern oder anderen engen Angehörigen, aber auch zu Lehrern und anderen Mentoren. Nur dort, wo sich Bezugspersonen für das einzelne Kind persönlich interessieren, kommt es in diesem zu einem Gefühl, dass ihm eine Bedeutung zukommt, dass das Leben einen Sinn hat und dass es sich deshalb lohnt, sich für Ziele anzustrengen. Kinder und Jugendliche haben ein biologisch begründetes Bedürfnis, Bedeutung zu erlangen. Ohne ihnen zufliegende Beachtung können sie nicht nur keine Motivation aufbauen, sondern sich auch insgesamt nicht gesund entwickeln.

Um Bedeutung zu erleben, Motivation aufzubauen und die dazu notwendigen neurobiologischen Prozesse in Gang zu bringen brauchen Kinder gute, verbindliche Beziehungen, was keineswegs bedeutet, sie in Watte zu packen. Gerade weil sie die Anerkennung suchen, wollen Kinder eine klare Auskunft darüber haben, was wir von ihnen erwarten. Als Eltern, Pädagogen oder Mentoren sollten wir bei Kindern aber nicht DAS hegen und pflegen, was uns bequem ist oder uns ein Gefühl von Macht gibt, sondern das, was DAS Leben von ihnen fordern wird: Begeissterungsfähigkeit, Kreativität, Pfiffigkeit, Hilfsbereitschaft, kritisches Denken, Fleiß, Durchhaltevermögen, Unbestechlichkeit, Konfliktbereitschaft, Empathie, Fairness und Sportlichkeit.

Kinder und Jugendliche erkennen ihre Potenziale in den Spiegelungen der Erwachsenen – an deren „Entwicklungsvisionen“ bei besonders problematischen Kindern ( S. 30-31)

An der Art und Weise, wie die Kinder von ihren Eltern und Lehrern wahrgenommen werden, erkennen sie nicht nur, wer sie selbst sind, sondern allem auch, wer sie sein könnten, das heißt, worin ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Sie leben sich gewissermaßen in den Korridor der Vorstellungen und Visionen hinein, die sich ihre Bezugspersonen – vorausgesetzt, sie haben welche – von ihnen machen. Gibt es keinen solchen „Zukunftskorridor“, dann weiß das Kind nicht, wohin die Reise gehen soll. Kinder und Jugendliche verwerten beides – sowohl das unmittelbare Vorbild handelnder Erwachsener als auch die Spiegelung (ihres eigenen Bildes), die sie von ihren Bezugspersonen erhalten-, um so Stück für Stück eine „Selbst“ zu entwickeln und zu einer Persönlichkeit zu werden. Dies ist der Kern dessen, worum es in Erziehung und Bildung geht und der Grund, warum die Beziehungen zu Erwachsenen für Heranwachsende eine alles entscheidende Rolle spielen. Durch diese Beziehungen, die wir als „Vor-Bilder“ mit den Kindern und Jugendlichen gestalten, tragen wir entscheidend dazu bei, was aus ihnen wird. ...

Kinder und Jugendliche erkennen, wie sie sich in der Wahrnehmung von Eltern oder Lehrern spiegeln und spüren, was ihre Bezugspersonen ihnen zurückmelden. Dieses Feedback kann für sie wegweisend, aber auch niederschmetternd sein, nämlich dann, wenn es sich nur auf ihre Mängel oder negative Eigenschaften bezieht. Gerade bei solchen Kindern und Jugendlichen, die Erwachsene durch ihr Verhalten manchmal zur Verzweiflung bringen, ist es von besonderer Bedeutung, dass sie immer wieder auch eine Rückmeldung erhalten, die eine Vision ihrer ENTWICKLUNGSMÖGLICHKEITEN aufscheinen lässt. Kinder und Jugendliche, die eine ausgeprägtes Problemverhalten zeigen und denen nichts anderes als eben dieses gespiegelt wird, kommen aufgrund dessen langsam aber sicher zu der Überzeugung, dass sie nun einmal so und nicht anders sind bzw. sein können. Einen z.B. immer gewalttätigen Jungen aber bei passender Gelegenheit mit einer Bemerkung zu überraschen, die eine positive Vision seiner selbst enthält, kann demgegenüber Wunder wirken.

Heiko Engel schreibt in der Psychologie Heute 1/2005 über die Notwendigkeit gelungener Bindungen für das Lernen:

Kinder brauchen „gelingende Interaktionen“ innerhalb der Familie. Das heißt, sie müssen Sicherheit, Zärtlichkeit, Rücksicht, Trost und vieles mehr erfahren – feinfühlig gewährt, im rechten Maße, zur rechten Zeit. Nicht die Unabhängigkeit eines Einzelkämpfers ist das bindungstheoretische Erziehungsideal, sondern „Autonomie in Verbundenheit“.

Noch sind wir weit entfernt von diesem Ideal, da breitet sich schon ein neues
Missverständnis aus: Mit den besten elterlichen Absichten werden Kinder gedrillt, belehrt und fit gemacht für den Konkurrenzkampf. Die intellektuelle Entwicklung erhält absolute Priorität, dazu hat nicht zuletzt der PISA-Schock beigetragen.

Dabei zeigt die schulische Realität eindeutig, dass mangelhafte soziale Kompetenz das mit Abstand größte Lernhindernis ist. Es gelingt einer wachsenden Zahl von Schülern nicht mehr, sich in eine Gruppe einzupassen und mit anderen gut auszukommen. Ein Grund dafür ist sicher, dass in vielen Familien die Eltern entweder mit ihrer Erziehungsaufgabe überfordert oder zu sehr auf Leistung und Wettbewerb programmiert sind. In jedem Fall kann sich die elterliche Eigenschaft, die die Bindungstheorie mit „Feinfühligkeit“ beschreibt, nicht ausreichend entwickeln. Da nutzt es auch nichts, wenn
„Geborgenheit“ und „lieben“ auf Platz zwei und drei der „schönsten deutschen Wörter“ gewählt werden.

Mit Sorge beklagen die Soziologen (und nicht nur sie) die Folgen der
Individualisierung: Unsere Gesellschaft driftet auseinander, die zwischenmenschlichen Beziehungen werden ebenso brüchig wie die Bindungen an Gruppen und Institutionen.

So kommt der Bindungsforschung heute der Rang einer Schlüsselwissenschaft zu. Sie kann uns erklären, wie Menschen die schwierige Balance zwischen Autonomie und Bezogenheit schaffen können.

Kai-Uwe Fock schreibt in Blickpunkt 3 /Sepember 2003 in seinem Aufsatz
„Von sicherer Warte aus die Welt erkunden“:

Die grundlegende Voraussetzung zur optimalen Entfaltung der Lernmöglichkeiten eines Kindes ist seine Bindungssicherheit. ...

Das Bindungsbedürfnis bleibt. Hier liegt die große Chance von Pflegefamilien: In einem stabilen sozialen Umfeld mit geordnetem Tagesablauf lernen die Kinder vielleicht erstmals in ihrem Leben überhaupt Sicherheit kennen. Hier können sie innere Arbeitsmodelle entwickeln, in denen Erwachsene als schützende und tröstende Figuren auftauchen. Gleichzeitig bringen Pflegekinder gerade auch ihre Erwartungen aus den bisherigen inneren Arbeitsmodellen mit, nämlich abgelehnt, bedroht, verlassen oder beschämt zu werden. Im Zuge des Bindungsaufbaues in der Pflegefamilie holen die Kinder viele Entwicklungsrückstände auf.
Das ICD 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) führt zur ‚reaktiven Bindungsstörung’ aus:
Das abnorme soziale Reaktionsmuster … bildet sich zum größten Teil zurück, wenn das Kind in eine normal fördernde Umgebung mit kontinuierlichen einfühlende Betreuung gebracht wird.“
Damit steigen auch seine Fähigkeiten, die Schule durchzustehen.

Das Wesentliche für Pflege- und Adoptivkinder liegt also darin, dass Bedingungen für die Möglichkeiten neuer Bindungen der Kinder an ihre Adoptiv- oder Pflegeeltern geschaffen und erhalten werden.

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