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01.09.2011
Fachartikel

Gutes Zuhören bringt Verstehen

Wir alle wissen, dass zum Zuhören und Verstehen mehr gehört, als nur die Worte zu hören. Wir wissen über die zusätzlich erklärenden Gesten, Mimik und Haltung und über die Hilfe durch Tonfall und Wortmelodie. Dadurch fällt es uns leichter, einen Menschen zu verstehen, der vor uns steht, als ihn nur am Telefon zu hören. Das größte Hindernis zum wirklichen Verstehen ist jedoch nicht das eigentlich hören und sehen sondern das Einsortieren des Gehörten in unsere eigenen Erfahrungen und die eigene Sicht der Welt.

Vor einiger Zeit war ich bei einer Freundin zu Besuch. Ihr Sohn kam mit seiner Frau und der gerade 2 Jahre alt gewordenen Tochter zu Besuch. Nach einer Weile brach die Familie wieder auf und der Vater suchte einige Sachen zusammen. Dabei hörte er, wie das Kind sagte: Oma Hopp. Der Vater drehte sich irritiert zum Kind und meinte, dass sie das so nicht sagen dürfe, das gehöre sich nicht.
Daraufhin waren wir anderen irritiert und mussten nun erst einmal den Vater verstehen.
Was war passiert?
Als die Kleine bemerkte, dass es wieder los ging, schaute sie ihre Oma an und fragte: „Oma mit?“ und Oma antwortete „Oma bleibt bei Frau Hopp“. Daraufhin schaute die Kleine erst zur Oma „Oma“ und dann zu mir „Hopp“ und nickte. Sie hatte verstanden. Für sie und uns eine klare Sache. Der Vater hatte nur die Worte gehört und allein daraus etwas anderes interpretiert.

Ein klassisches Missverständnis – wie es täglich so oft passiert.

Wir alle wissen, dass zum Zuhören und Verstehen mehr gehört, als nur die Worte zu hören. Wir wissen über die zusätzlich erklärenden Gesten, Mimik und Haltung und über die Hilfe durch Tonfall und Wortmelodie. Dadurch fällt es uns leichter, einen Menschen zu verstehen, der vor uns steht, als ihn nur am Telefon zu hören.

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wie wir sind

Das größte Hindernis zum wirklichen Verstehen ist jedoch nicht das eigentlich hören und sehen sondern das Einsortieren des Gehörten in unsere eigenen Erfahrungen und die eigene Sicht der Welt. Wir bewerten das Gehörte um es verstehen zu können. Mit Menschen, die wir gut kennen und mit Personen, die so denken wie wir ist ein Verstehen gut möglich. Die Interpretation des Gehörten in diesen Gesprächen ist überwiegend stimmig und auch passend. Gemeinsam gemachte Erfahrungen, ähnliche Wesensart, vergleichbare Lebenssituationen, ähnliche Bildung erleichtern Zuhören und Verstehen ungemein.
Als ich unmittelbar nach der politischen Vereinigung in Deutschland durch die (damals) neuen Bundesländer reiste und eingeladen war, dass Pflegekinderwesen dort mit zu inspirieren wurde mir sehr schnell klar, dass ich erst einmal das bisherige Leben dort verstehen musste und also offen und wertfrei zuhören sollte. Die neuen Pflegeeltern, die Fachkräfte und ich mussten uns nicht nur als Menschen verstehen, sondern auch als Träger bisher unterschiedlicher Erfahrungen, Werte, Lebensbedingungen, Hoffnungen und der sich daraus ergebenden Sichtweisen wahrnehmen und dann in den völlig neuen Bedingungen zusammen kommen.
Immer wieder kam mir damals der Gedanke „ So wie mir jetzt, so muss es den Pflegekindern gehen, wenn sie in ihre neuen Pflegefamilien kommen – sie erleben Menschen, die ihnen durchaus Gutes wollen, aber verstehen sie kaum“. Ich weiß, dass einige der neuen Pflegeeltern und Fachkräfte damals dies für sich auch so empfanden. Sie wurden mit neuen Bedingungen, Erwartungen und massiven Veränderungen konfrontiert und mussten sich erst einmal zurechtfinden und begreifen.
Das echte (aktive) Zuhören hat uns geholfen. Wir haben erst einmal die Verschiedenheiten erkannt, unsere unterschiedlichen Gefühle beachtet, die neuen Aufgaben angeschaut und dann versucht etwas Gemeinsames daraus zu machen.

Hören - Hinhören – Zuhören

Auszug aus: www.rhetorik.ch/Hoeren/Hoeren.html

Hören ohne Hinhören heisst zum Beispiel, mit sich selber beschäftigt zu sein, nur sporadisch aufzumerken und einem Gespräch nur solange zu folgen, bis selbst geredet werden kann. Die Aufmerksamkeit ist noch nicht unbedingt auf den Gesprächsinhalt, sondern auch auf die eigene Beschäftigung, die eigenen Gedanken und die Gelegenheit, zu Wort zu kommen, gerichtet.

Hinhören ohne Zuhören heisst: Aufnehmen, was die andere Person sagt, ohne sich zu bemühen herauszufinden, was der andere meint oder sagen will. Man ist gefühlsmässig noch unbeteiligt, distanziert und abwartend. Die oder der Sprechende meint fälschlicherweise, ihr oder ihm würde ernsthaft zugehört.

Zuhören heisst, sich in den Partner hineinzuversetzen, ihm volle Aufmerksamkeit zu schenken und dabei nicht nur auf den Inhalt, sonder auch auf Zwischentöne zu achten. Durch Haltung und Reaktion wird dem Gesprächspartner mitgeteilt, dass es im Moment nichts Wichtigeres gibt, als sie oder ihn.

Richtiges Zuhören heisst also nicht, sich passiv zu verhalten und die Gesprächspartnerin oder den Gesprächspartner reden zu lassen. Richtiges Zuhören heisst:

Vom Hören über das Hinhören zum aktiven Zuhören zu kommen.

Gutes Zuhören gibt Mut etwas sagen zu können

Immer wieder erleben wir Situationen in denen wir nur Fragezeichen im Kopf haben weil wir ein Verhalten nicht verstehen.

Meine kleine Tochter (damals 5 Jahre alt) begann plötzlich das Essen zu verweigern. Sie aß nur noch wenig und wirkte irgendwie besorgt und beladen. Hinweise bei Tisch halfen nichts und erklärten nichts. Ich machte mir Sorgen und wollte die Sache angehen. Ich wollte wissen, was mit ihr los war. Was war passiert, dass sie sich so verhielt? Ich wollte ihr Verhalten verstehen. Ich hoffte auch, dass sich ein Ausweg aus dem Dilemma finden ließ.
Als ich sie abends ins Bett brachte, nahm ich mir Zeit. Wir erzählten und schmusten ein bisschen und als sie entspannt da lag meinte ich:
„Kann ich mal was mit dir überlegen?“
Sie nickte und schaute mich erwartungsvoll an.
„Du magst das Essen gar nicht mehr so richtig“
Sie zuckte mit den Schultern und drehte den Kopf weg.
Ich blieb ruhig sitzen.
Nach einer Weile sagte sie:
„Ich mag das Essen schon, aber ich will nur noch ganz wenig essen“
Ich antwortete mit dem, was ich verstanden hatte:
„Das Essen schmeckt dir zwar, aber du willst nur noch ganz wenig haben“
„Ja“
„Ach so“
Pause – ich spürte, wie sie nachdachte. Dann sagte sie
„Heute hat die Mama von Svenja die Svenja im Kindergarten abgeholt. Die Mama von Svenja bekommt ein Baby“
„Ja ich weiß, Svenjas Mama bekommt ein Baby“
„Ja“ – Denkpause –„ und sie ist schon gaaaanz dick“
Ich murmelte und nickte Verständnis.
Dann holte sie tief Luft und sagte ganz schnell:
„Und da hat die Gaby gesagte, dass Svenjas Mama aufpassen muss, denn von Babys oder von vielem Essen kann der Bauch platzen“.
In mir ging eine Erleuchtungslampe an. Beim Essen wird der Bauch dicker und nun hatte sie Angst durch das Essen einen so dicken Bauch zu bekommen, dass dieser platzen würde.
„Du glaubst, dass du durch Essen so dick wirst, dass der Bauch platzen könnte und deshalb willst du lieber nur ganz wenig essen“. Hatte ich richtig verstanden, was sie mir sagen wollte?
Sie nickte erleichtert.
Mir war klar, dass ich was tun musste, denn nur reden hätte hier nichts gebracht und Trösten auch nichts.
Sie besaß so ein Frotteestrumpf-Tier – also einen Strumpf, der vorne am Ende an der sonst üblichen Fußspitze ein zu öffnendes Maul und aufgenähte Augen hatte. Dieses Strumpftier nahm ich mir und tat meine Faust hinein, und ihre Faust noch dazu und wir stopften dieses Tierchen so richtig voll. Es wurde dicker und dicker und platzte nicht.
„So ist das auch mit unserem Bauch“ meinte ich.
Sie hatte das ganze Unterfangen mit größtem Interesse verfolgt und war sichtlich erleichtert. „Bäuche platzen nicht, auch wenn sie ganz, ganz dick sind“ stellte sie fest.
Wir beendeten unser Gespräch, indem wir uns bekannte Menschen nannten, die richtig dick oder richtig dickbäuchig waren. Damit hatten wir viel Spaß. Dann schlief sie schnell ein.
Am nächsten Tag war wieder normales Essen angesagt. Das Thema war erledigt und wurde auch von uns nicht mehr angesprochen.

Eine kleine Geschichte ohne die Fragworte „Warum? Was ist denn los? Was hast du denn?“, sondern in der davon ausgegangen wurde, dass das Verhalten des Kindes einen Sinn macht, dass es etwas ausdrückt und dass wir diesen Sinn finden müssen.
Wir wissen aber auch, dass Kinder die Gründe ihres Verhaltens oft nicht wirklich kennen und benennen können. Sie wissen oft nicht, warum sie das tun was sie tun. Fragen hilft also nichts. Was wir brauchen ist ein Weg auf den wir ein Kind führen können, damit es sein Verhalten für sich erkennen kann. Oft müssen sich Kinder erst ihrer Gefühlslage bewusst werden.
„Warum bist du denn heute so schlecht drauf?“ und das im gereizten Ton führt unweigerlich zu der Antwort: „Ich bin doch gar nicht schlecht darauf, was du immer hast.“
„Dir geht es heute nicht gut“. Das ist eine Feststellung, ruhig auch eine Frage. Es ist eine Rückmeldung von dem, was ich empfinde und worüber ich mir Gedanken mache. Und es ist eine Mitteilung, die zeigen kann, dass mich interessiert, was der Grund, der Sinn des Verhaltens ist. Es ist ein eventueller Einstieg in ein Gespräch, bei dem ich die Möglichkeit suche, zu verstehen und durch mein Verstehen das Kind sich auch eher verstehen lernt.

Was empfinden wir bei Menschen, die gut zuhören können?

  • Wir empfinden, dass sie DA sind – nicht nur körperlich sondern auch innerlich da sind.
  • Wir empfinden, dass sie an dem was wir sagen, wirklich interessiert sind.
  • Wir empfinden, dass sie uns nicht bewerten.
  • Wir fühlen uns zum Sprechen ermuntert und können so weiter reden.
  • Wir fühlen uns erleichtert und uns kommen neue Ideen.
  • Wir werden sicherer im Sprechen, wenn der Zuhörer nachfragt
  • Wir haben das Gefühl, dass der Zuhörer uns versteht.
  • Das Verstehen des Zuhörers hilft auch uns zu verstehen.
  • Und - wir fühlen uns in der Umgebung wohl und merken, dass wir Zeit haben.

Diese Form des Zuhörens ist ein aktiver Prozess des Mitdenkens, des Mitfühlens und der Annahme. Es ist ‚Aktives Zuhören’. Aktives Zuhören ist weniger eine Methode, sondern mehr eine innere Haltung, die sich eben in dieser Form des aktiven Zuhörens ausdrückt. Aktives Zuhören ist ein Ausdruck von Empathie und Annahme, welche bedeutet, sich an die Stelle anderer zu versetzen und deren persönliche Welt zu verstehen.
Um aktives Zuhören anzuwenden ist Zeit erforderlich. Tatsächliche Zeit aber auch innerliche Zeit – also ein wirkliches Wollen von mir. Keine Zeit zu haben macht ungeduldig und dies ist keine Voraussetzung für aktives zuhören.

Aktives Zuhören bei Kindern

aus www.vev.ch/lit/gordon.htm

Warum ist Aktives Zuhören bei Kindern sinnvoll und hilfreich?

  • Aktives Zuhören hilft den Kindern, genau festzustellen, was sie empfinden.
  • Ist dies einmal ausgedrückt, so scheinen die (unangenehmen) Empfindungen wie durch ein Wunder zu verschwinden.
  • Aktives Zuhören hilft den Kindern, sich vor Negativenempfindungen weniger zu fürchten (Sie werden dafür ja nicht bewertet).
  • Aktives Zuhören fördert - nebenbei - eine herzliche Beziehung zwischen Eltern und Kind ( Man wird angehört und verstanden ).
  • Aktives Zuhören überlässt dem Kind den Ball. Es regt das Kind an, selbst nachzudenken und eine Lösung zu finden.

Was man als Eltern beachten sollte:

  • Aktives Zuhören ist am Angebrachtesten, wenn das Kind zu erkennen gibt, dass es ein Problem hat (Nicht wenn die Eltern ein Problem haben).
  • Man muss hören wollen, was das Kind zu sagen hat, und man muss sich Zeit nehmen.
  • Man muss imstande sein, die Empfindungen des Kindes anzunehmen, gleichgültig um was es sich handeln mag, oder wie sehr sich seine Empfindungen von den eigenen Empfindungen unterscheiden.
  • Man muss Vertrauen haben in die Fähigkeit des Kindes, selbst Lösungen zu finden.
  • Der Erwachsene drückt die Empfindungen des Kindes, so wie er sie verstanden hat, nochmals aus. Dies soll aber kein monotones Nachplappern sein.

Dem Adoptiv- und Pflegekind zuhören

Was will mein Pflege- oder Adoptivkind mir sagen und wie kann ich es verstehen?

Je später ein Kind in eine Familie kommt, desto mehr Zeit haben die Adoptiv- oder Pflegeeltern und das Kind nicht gemeinsam mit einander verbracht und desto weniger Erfahrungen haben sie miteinander. Pflegekinder kommen aus Situationen, die ihre Pflegeeltern so meist nicht kennen und erlebt haben.
Die Pflegekinder kommen aus einer ihnen bekannten Alltagskultur in eine ihnen nicht bekannte Alltagskultur. Sie kommen von Menschen, die sie anders behandelten haben, die anders mit ihnen sprachen, und anders mit ihnen lebten als die Pflegefamilie. Sie kommen aus enttäuschenden, verzweifelnden, uneinschätzbaren und unverlässlichen Lebenssituationen zu Familien, die ihnen das Gegenteil des bisher Erlebten geben wollen.
Pflegekinder leben mit „ihrer“ Vergangenheit in „unserer“ Gegenwart. Da sind viele Missverständnisse unausweichlich und viele Interpretationen schlicht daneben.
Einem Pflegekind zur Seite zu stehen bedeutet erst einmal es verstehen zu lernen. Und verstehen lernen bedeutet, dem Kind zuzuhören, seine Worte, Gesten, Mimik, sein Verhalten zu begreifen.
Wenn wir die erlebte Vorgeschichte des Kindes kennen, können wir sein Verhalten schon besser interpretieren. Aber oft wissen wir nicht, ob unsere Interpretationen denn stimmen. Oft gehen wir viel zu sehr von unseren eigenen Denkweisen, Erfahrungen und Lebensmustern aus. Oft schätzen wir ein Verhalten schnell ein und versuchen schnelle Lösungen zu finden.

Personen, die Aktives Zuhören ausüben glauben daran, dass der Gesprächspartner seine Gefühle erkennt und eigene Lösungen für seine Probleme finden wird.

Pflegeeltern und Betreuer der Pflegekinder streben genau diese Ziele für die Kinder an: Erkennen von Gefühlen, Umgehen mit Gefühlen und Finden eigener Lösungen für Fragen und Probleme.

Gefühle

Die Erfahrungen mit Pflegekindern zeigen, dass die meisten von ihnen Gefühlsbeeinträchtigungen haben. Sie haben viele belastende Gefühle wie Angst, negatives Selbstwertgefühl, sich bedroht fühlen, sich verlassen fühlen, sich nicht angenommen fühlen, sich unterlegen fühlen, etc. etc. Positive Gefühle sind selten und werden oft von den Kindern gar nicht zugelassen.
Diese Gefühle bestimmen unsere Sicht der Welt. Sie tönen die Brille durch die wir die Welt betrachten. Eine dunkel getönte Brille macht unsere Sicht dunkel und verdunkelt auch den Sonnenschein. Pflegekinder mit ihren oft so dramatischen Lebenserfahrungen tragen dunkel getönte Brillen. Sie kommen zu uns – den Pflegeeltern, Betreuern und Helfern, und wir wollen ihnen die Welt heller machen.
Aber wir können das gar nicht, das können nur die Kinder selbst. Wir können uns nur mit ihnen auf den Weg machen und sie an die Hand nehmen. Nicht wir bestimmen, wo es lang geht, sondern sie. Nicht wir bestimmen das Tempo, sondern sie. Unsere uneingeschränkte Akzeptanz, unsere Annahme und Wertschätzung und unser Glaube an sie kann sie dazu bringen, ihren Weg mit uns zu gehen und sich in eine hellere Zukunft zu trauen.

Verhalten

Kinder sprechen nicht nur mit Worten sondern sehr viel mehr durch ihr Verhalten. Wenn wir auch ihrem Verhalten ‚aktiv zuhören’, können wir ihr Verhalten verstehen lernen. Aktives Zuhören hilft uns, Zweck und Sinn ihres Verhaltens zu begreifen und diese Sprache zu verstehen. Eine wertfreie Erläuterung und Akzeptanz dieses Verhaltens, hilft auch dem Kind sich mehr und mehr zu erkennen.

Ich war Vormund eines 10jährigen Mädchens. Sie hatte in ihrer Herkunftsfamilie Vernachlässigung erlebt und war auch in ihrer Pflegefamilie nicht gut behandelt worden. Nun lebte sie in einer Wohngruppe und kam regelmäßig zu mir in den Ferien für ein paar Tage oder auch mal an Wochenenden zu Besuch. Natürlich kaufte ich leckere Dinge ein und bereitete mich angemessen vor.
Sie freute sich immer wenn sie kam, war aber mit allem was im Kühlschrank oder in den Küchenschränken zu finden war äußerst unzufrieden. Sie sagte nichts, knallte aber die Kühlschranktür zu und bemängelte später dieses und jenes.
So ging es ein paar Besuche lang. Dann tat sie es wieder. Wir beide waren gerade allein in der Küche und nun wollte ich das Thema angehen.
„Du findest nichts im Kühlschrank“
„Nein, es ist ja nichts da.
„Es ist nicht genug da zum Essen“
„Es ist nie genug da, es ist immer zu wenig“ sagt sie heftig
„Du hast das Gefühl, dass es nie genug ist“
„Ja genau, wie soll ich denn glauben, dass es genug ist, wenn ich nicht weiß, was du hast?
„Du wärest beruhigt wenn du wüsstest wie viel Essen noch da ist“
„Dann kann ich es sehen und muss keine Angst haben oder sooo viel essen“
„Das verstehe ich“
Es entsteht eine längere Pause.
„Weißt du“ sagt sie dann leise „ Weißt du, früher - , du weißt in der früheren Familie, da musste ich abends ohne Essen ins Bett wenn ich irgend etwas angestellt hatte“
Sie zögert und sagt dann noch „Ich war so böse, dass sie mir nichts mehr zu essen gegeben haben. Das war schlimm“
„Ja, das muss wirklich schlimm gewesen sein“
Dann fragt sie leise:
„Findest du das richtig, was die da mit mir gemacht haben – einem einfach nichts mehr zu essen geben?
„Nein das ist überhaupt nicht richtig und das dürfen Erwachsene auch nicht tun“
Sie nickt nachdrücklich und denkt eine Weile nach.
Dann schaut sie mich an und grinst schelmig:
„Ich habe eine Idee, wie wir das jetzt mit dem Essen hier machen können“
„Wie denn?“
„Immer wenn du mich jetzt abholst, dann gehen wir beide erst einmal in den Supermarkt einkaufen. Ich denke, das es dann gut ist“.
„Dann weißt du, dass du dir keine Sorgen machen musst“
„Ja, denn dann habe ich ja alles gesehen“
„o.k., so machen wir es“
So machten wir es auch und dieses Problem gab es nicht mehr.

Die Technik des Spiegelns


Auszüge aus www.integrierte-mediation.net/1758-spiegeln.html

Aktives Zuhören ist auf das Engste mit der Technik des Spiegelns verwoben.
In der Gesprächsführung bezeichnet „Spiegeln“ eine Gesprächstechnik, bei der ein aktiv Zuhörender dem Sprechenden gegenüber das wiedergibt, was er hört und verstanden hat, bzw. was er glaubt, verstanden zu haben. Dabei wird darauf verzichtet, eigene Inhalte einzubringen — in dem man gerade nicht wertet, kommentiert, kritisiert o.ä.
Es stehen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die ein Spiegeln ermöglichen.

Vorbereitung

  • Halten Sie selbst den Mund und lassen den anderen reden
  • Wenden Sie sich körperlich zu!
  • Nehmen Sie Augenkontakt auf!
  • Nehmen Sie eine räumliche Distanz zu Ihrem Gegenüber ein, die dieser als angenehm empfindet.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie Assistent und nicht „Retter“ sind!

Formale Technik

Es stehen vor allem drei sprachliche Methoden zur Verfügung, um Inhalte zu spiegeln:

  • Die wörtliche Wiederholung des Gehörten
  • Die Paraphrasierung — d.h. der Spiegelnde wiederholt die Inhalte in eigenen Worten
  • Verbalisieren — das, was an Emotionen des Sprechenden wahrgenommen wird, wird in Worte gefasst.

Wichtig ist, dass man sog. „schwebende Fragen“ verwendet, die nicht ausschließen, dass der Sprecher doch etwas anderes gemeint hat, als von dem Spiegelnden verstanden wurde.

Beispiel in Anlehnung an Thomas Gordon und Noel Burch („Die neue Beziehungskonferenz“):

Die schluchzende Tochter sagt:
„Seit 2 Jahren bin ich mit Alex zusammen und jetzt sagt er, dass er sich mit anderen Mädchen treffen will. Was soll ich bloß machen?“
Man ist nun versucht, das Problem der Tochter „in Besitz“ zu nehmen und mit einem Ratschlag zu antworten. Man verkennt aber, dass in solchen Fällen fast nie eine Antwort erwünscht oder erforderlich ist. Es ist das Problem der Tochter und sie hat das Recht (und die Pflicht sich selbst gegenüber) es selbst zu lösen. Was sollte man auch sagen oder tun? Alexander vergiften oder dazu raten? Man könnte aber wiederholen (Er will sich mit anderen treffen? — wobei ich die Gefahr sehe, dass man hier empört klingt, was eher kontraproduktiv weil wertend wäre) oder verbalisieren:
„Du bist verletzt und weißt nicht, was Du tun sollst.“
Diese Formulierung öffnet der Tochter die Tür zu weiteren Gedankengängen, mit denen sie sich „klardenken“ kann.

Die Sicht des Kindes als Vorbereitung auf Besuchskontakte

Ich sollte ein Kind bei Besuchskontakten begleiten und wollte wissen, wie es dazu steht.

Ich besuchte die Pflegefamilie. Nach einer Weile fragte mich Katja, ob ich mit ihr in ihr Zimmer gehen würde, sie wolle mir dort etwas zeigen. Oben im Zimmer angekommen zeigte sie mir verschiedene Spielsachen und kam dann mit einem kleinen Schmuckköfferchen. Da hier eine Menge Ketten ineinander verknoten waren, beschlossen wir, diese erst einmal zu entwirren. So saßen wir nebeneinander auf dem Fußboden und sie erzählte mir, von wem sie dies oder jenes kleine Schmuckstückchen bekommen haben.
Dabei entspann sich folgendes Gespräch:
„Das hier ist ein Anhänger von meinem echten Papa.“
„Deinem echten Papa? Dann hast du zwei Papas?“
Ja
Nennst du sie beide Papa? Sagst du zum Sven (Pflegevater) auch Papa?
Ja, zum Sven sag ich Papa – aber ich muss ja zu beiden papa sagen
Und mit den Mamas – ist das mit den Mamas auch so?
Ja, weiß du, ich MUSS das so sagen, sie wollen auch das ich zu ihnen Mama und Papa sage.
Das bringt mich jetzt etwas durcheinander. Zu wem möchtest du es denn sagen und zu wem musst du es sagen?
Also hier ( sie zeigt mit der Hand um sich herum) das sind Mama und Papa (die Pflegeeltern) und zu den anderen, da muss ich es sagen.
Du meinst, Anne und Christian (leibliche Eltern) möchten auch, dass du sie Mama und Papa nennst.
Sie wirkt erleichtert, dass ich endlich die Namen ausgesprochen habe. „Ja, ich soll sie auch so nennen“.
Macht dich das denn nicht durcheinander, kriegst du das denn geregelt?
Sie macht eine vage Handbewegung und zuckt mit den Schultern „ Die wollen immer, dass ich zu ihnen kommen. Aber sie hauen mich und mein Bruder hat mein Bett kaputt gemacht und den ganzen Tag sitzen sie vor dem Fernseher und ich muss immer in der Wohnung sein“.
„Du möchtest nicht in die Wohnung gehen“
Sie läuft unruhig durch das Zimmer, hin und her, springt aufs Bett und wieder runter
„Sie locken mich, sie wollen mich locken“
„Du möchtest sie gar nicht mehr sehen?“
„In die Wohnung gehe ich nicht, da will ich nicht hin“
„Würdest du sie irgendwo anders sehen wollen?“
„Du meinst nicht in der Wohnung? Wo denn sonst?
„Nein nicht in der Wohnung, aber vielleicht in einem Büro, so wie es schon einmal war“
„Bei Frau S. im Büro?“
„Ja, könntest du dir vorstellen, Anne und Christian bei Frau S. im Büro oder in einem Raum daneben, wo man besser spielen kann, zu sehen?“
„Sie versprechen mir immer ein großes Geschenk, ein ganz großes Geschenk.“ Sie springt auf s Bett und zeigt mir mit weit ausholender Gebärde, wie groß und riesig das Geschenk sein soll. „und dann bringen sie es mit in so ein Büro und dann packen sie mich da hinein und nehmen mich mit“
„Du hast Angst, dass sie dich mitnehmen“
Sie setzt sich dicht zu mir, nimmt ein paar Schmuckstückchen in die Hände und nicht mehrfach.
„Würde es Dir helfen wenn ich mitginge“ frage ich
Sie wirkt unentschlossen. „Muss sich?“
„Nein“
„Ich muss nicht und ich muss auch nicht in die Wohnung?“
„Nein, du musst nicht und du musst auch nicht in die Wohnung. Ich verspreche dir, dass du nicht in die Wohnung musst.“
Sie sieht mich eine Weile prüfend an. „Wirklich versprochen“
„Ja, wenn du nicht willst, musst du nicht hin, versprochen“
Sie hüpft durchs Zimmer und setzt sich dann wieder.
„Willst du sie denn gar nicht mehr sehen?“
„Sie locken mich immer, sie wollen immer, dass ich mitgehe“
„Würde es dir gefallen, wenn ich die ganze Zeit bei dir bliebe?“
Sie guckt mich fragend an.
„ Ich könnte dich mit meinem Auto abholen. Wir fahren dann ins Büro, wir beide gehen da zusammen rein, schauen uns erst mal das Büro an, damit wir die Räume kennen und dann, wenn deine Eltern kommen, bleibe ich die ganze Zeit bei dir. Und wenn die Besuchszeit vorbei ist, bringe ich dich wieder nach Hause“
Sie hüpft auf dem Bett herum:
„Würdest du das tun, die ganze Zeit bei mir bleiben?“
„Ja“
„Und wenn ich aufs Klo gehe, gehst du auch mit?“
„Ja, ich werde dich nicht alleine lassen. Ich werde dich bringen, bei dir bleiben und dich auch wieder mitnehmen“
„Wenn du wirklich immer da bist“ – sie wirkt nachdenklich.
Es entsteht eine längere Gesprächspause.
„Willst du sie denn dann sehen?“
„Ja“
„Gut, dann können wir es so machen.“
Sie nickt mehrfach und wir sortieren die Kettchen ein.
„Was machen wir denn dann in dem Büro. Wozu hättest du den Lust?“
Sie sieht mich fragend an.
„Du könntest dir Spielsachen mitnehmen, mit denen du gerne spielst und dein allerliebstes Stofftier wäre bestimmt auch gut“
Der Vorschlag gefällt Katja. Wir beginnen Spielsachen und Stofftiere auszusuchen und ich schreibe ihre Wahl auf einen großen Zettel.
Dann gehen wir nach unten ins Wohnzimmer und zeigen Mama den Zettel. Katja läuft wie erleichtert hin und her. Sie spricht über den Besuch. Fragt, wie oft sie noch schlafen muss und erzählt mir dann leise: „ Weißt du, einmal hat Christian aus Knete eine Figur gemacht. Die war ganz lustig. Und dann ist er auch einmal mit mir auf ein Trampolin gegangen“ Sie lacht und überlegt, in welchen Koffer sie nun alle die ausgesuchten Spielsachen für den Besuch packen könnte.
Bevor ich gehe, sprechen wir noch einmal ganz genau Zeit und Ablauf des Besuchskontaktes ab. Dann frage ich Katja noch einmal „ganz offiziell“ „Bist du so mit allem einverstanden Katja, denn du musst mit dieser ganzen Sache einverstanden sein, sonst würde ich es nicht machen?“
Sie grinst verständnisvoll, stellt sich vor mich hin und sagt klar und laut „Ja, so machen wirs, so bin ich einverstanden“.

Durch die Zeit, die wir uns für dieses Gespräch genommen hatten und durch mein aktives Zuhören wurden die Besuchskontakte klarer und einschätzbarer. Katja selbst konnte sich intensiv mit ihren Gefühlen beschäftigen und eine Lösung finden und akzeptieren. Ich wusste nun auch, wie sie sich fühlte. Ich wusste was sie befürchtete und erhoffte. Mein Auftrag in der Begleitung der Kontakte war somit auch für mich deutlich geworden.

Zum Abschluss eine Zusammenfassung zum „Wie“ des Aktiven Zuhörens

7 Tipps zum Aktiven Zuhören
Auszug aus: changenow.de/aktives-zuhoeren-7-tipps/

Tipp 1: Halte Deinen Geist offen

Vermeide es schon Schlußfolgerungen zu ziehen oder Dein Urteil zu fällen, bevor Dein Gegenüber überhaupt fertig ist. Sei neugierig und lausche mit offenem Geist. Im Zen gibt es die schöne Formulierung des “Anfänger-Geists”. Höre so zu als würdest Du es das erste mal hören. Halte Deinen Geist frei und offen.

Tipp 2: Schau Deinem Gesprächspartner in die Augen

Für aktives Zuhören ist es wichtig, einen gewissen Augenkontakt zu halten. Natürlich sollst Du Deinen Gegenüber nicht pausenlos anstarren, doch signaliere ihm auch mit den Augen, dass Du bei ihm bist – und nicht bei dem Bild hinter seiner linken Schulter.

Tipp 3: Entspanne Deinen Körper

Achte auch auf Deine Körpersprache. Entspann Dich! Öffne verschränkte Arme und/oder Beine und stell das nervöse Klopfen mit Deinem Kuli ein. Neige stattdessen Deinen Körper etwas in Richtung Deines Gesprächspartners. Es ist auch völlig okay zu nicken – oder sogar zu lächeln, wenn es angebracht ist! Denk dran, dass diese Dinge nur funktionieren, wenn Du sie natürlich tust. Unnatürliches Grinsen wirkt gruselig!

Tipp 4: Versuch die Kernausage zu fassen und bemühe Dich, wirklich zu verstehen

Höre aufmerksam zu und versuche die Kernaussage Deines Gesprächspartners zu erfassen. Wenn Dir zum Beispiel jemand die Gründe erklärt, warum ein großes Projekt sich verzögern wird, dann höre genau zu. Höre Dir jeden Grund ganz genau an.
P.S.: An diesem Punkt Deinem Gesprächspartner lautstark unterbrechen und in die Luft gehen, geht übrigens überhaupt nicht! Höre ihm zuerst zu. Höre zu. Wenn er fertig ist, dann bist Du dran – aber erst dann. Also einatmen, ausatmen – und zuhören!

Tipp 5: Wiederhole das Gesagte mit Deinen eigenen Worten

Das zeigt Deinem Gegenüber, dass Du ihn verstanden hast – und es gibt ihm die Möglichkeit, eventuelle Mißverständnisse noch auszuräumen. “Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist der Hauptgrund für die Verzögerung die Veränderung im Design.” Das ist nicht schwer – das kannst Du auch! Höre zu und versuche die Kernaussage zu erfassen und formuliere sie in Deinen Worten.

Tipp 6: Stelle Fragen

Mit Fragen kannst Du Dein Verständnis vertiefen – und es wird Dir dabei helfen, noch mehr Informationen zu bekommen. Der alte Spruch “Wer fragt, der führt.” ist übrigens immer noch gültig! “Warum war das Design nicht passend?” “Was wird es kosten, das Design zu verändern?”

Tipp 7: Denk nach!

Bevor Du wie aus der Maschinenpistole geschossen Deinem Gegenüber Deine Argumente um die Ohren hauen willst – atme erst mal tief durch – und lass das sacken, was Dein Gegenüber gesagt hat. Denke nach, bevor Du antwortest. Gib Deinem Gegenüber die Wertschätzung, die er verdient und denke wirklich nach über das, was er gesagt hat. Dann anworte.
Das Hauptgeheimnis für aktives Zuhören liegt in Deinem wirklichen Interesse an Deinem Gegenüber und dem, was er / sie sagt. Lerne, Deinen Geist wirklich frei und offen zu halten – dann ist aktives Zuhören für Dich bald schon zur Natur geworden. Denn es wird Deine natürliche Art sein, zu zu hören. Bis dahin nutze diese Tipps, um zu üben, Deinen Geist offen zu halten!

Links zum Thema

changenow.de/aktives-zuhoeren-7-tipps/
www.philognosie.net/index.php/article/articleview/216/
schule.at/index.php?[url=detailpage&kthid=128&s=1&no_sub_kats=1&activate_noaddline=1&suchtext=&artikelid=79971]
www.pokom.de/themenueberblick/rhetorik/aktiveszuhoeren/index.php

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