Sie sind hier

01.08.2022
Fachartikel

„Das ist mein Geld“ – zum Umgang mit Taschengeld

Taschengeld ist ein immer wieder diskutiertes Thema in allen Familien, natürlich auch in Pflegefamilien und Erziehungsstellen. Während in den Empfehlungen für die Erziehung in Heimen und Wohngruppen Taschengeldsätze vorgegeben werden, gibt es ein solches Verfahren für die Unterbringungen nach § 33 SGB VIII nicht. Hier ist das Taschengeld im Pflegegeld enthalten und es liegt im Ermessen der Pflegeeltern.

Im Rahmen der Hilfe zur Erziehung gibt es Empfehlungen zur Taschengeldhöhe, die auch in die Kostensätze eingearbeitet sind. Anders als im Bereich der Heimerziehung sind diese Beträge im Pflegegeld, welches Erziehungsstellen erhalten, nicht gesondert aufgeführt. 

Im aktuellen Rundschreiben des Landesjugendamtes wird der Begriff „Barbetrag zur persönlichen Verfügung des Kindes/Jugendlichen“ verwendet.

Für 2022 wurden folgende monatliche Beträge festgelegt:

Alter und Betrag in EUR

  • 4 und 5 Jahre: 5,80
  • 6 Jahre: 10,90
  • 7 Jahre: 16,20
  • 8 Jahre: 22.00
  • 9 und 10 Jahre: 27,20
  • 11 Jahre: 32,70
  • 12 Jahre: 38,20
  • 13 Jahre: 43,60
  • 14 Jahre: 57,90
  • 15 Jahre: 63,50
  • 16 Jahre: 75,40
  • 17 Jahre: 80,90
  • 18 Jahre und älter : 121,23

Quelle: Landschaftsverband Rheinland (LVR), Landesjugendamt – Rundschreiben 43/08/2021

Insgesamt ist Taschengeld ein viel diskutiertes Thema und in Familien abseits der Jugendhilfe leider oft auch eine Frage des Familieneinkommens. Unabhängig von den Geldbeträgen ergeben sich zum Taschengeld immer wieder grundsätzliche Fragen und Diskussionen, zu denen dieser Artikel eine Orientierung liefern möchte.  

Wozu überhaupt ein festes Taschengeld?

Wenn Kinder Taschengeld erhalten, lernen sie einen ersten Umgang mit ihrem Geld. Sie begreifen, wie man kleineren und größeren Wünschen durch das Sparen näher kommt – und sie lernen, dass es einen Zusammenhang zwischen Geld – Wünschen – Preisen gibt. Es sollte dem Kind einen gewissen Spielraum geben, eigene Entscheidungen für Ausgaben zu treffen und den Abwägungsprozess für Einkäufe zu üben:  z.B. „Wenn ich mir dieses kaufe, muß ich dafür auf das andere, was ich aber auch gerne hätte, verzichten!“.

Ab wann ist Taschengeld sinnvoll?

Beginnen kann man Ende des Kindergartenalters. Zuerst können die Kinder spielerisch die Unterschiedlichkeit der Münzen untersuchen und einen überschaubaren Betrag pro Woche erhalten. Günstig für das erste feste Taschengeld ist das Schuleintrittsalter, weil Kinder hier beginnen, rechnerisch zu denken und Zahlen zu erfassen. Zu diesem Zeitpunkt können sie schon kleinere Beträge nachrechnen und beginnen damit, ersten Dingen einen Wert zuzuordnen. Bis zum Entwicklungsalter von etwa 9 Jahren ist es sinnvoll, das Taschengeld wöchentlich auszuzahlen, da Kinder größere Zeiträume noch nicht übersehen können. 

Was bedeutet „zur persönlichen Verfügung des Kindes/Jugendlichen“? 

Das Kind darf sich vom Taschengeld kaufen, was es selber möchte. Einzige Bedingung dabei ist, es darf nicht gefährlich, schädigend oder verboten sein (z.B. kein Messer, keine Zigaretten etc.). Rechtlich geregelt ist unabhängig der Absprachen, dass Kinder nur altersgemäße Einkäufe tätigen dürfen. Denn ein Einkauf ist ein abgeschlossener Vertrag. 

Eltern stehen mit Rat und Tat zur Verfügung, möglichst nach Aufforderung des Kindes und helfen, sobald sie darum gebeten werden. So vermittelt man den Kindern, daß ihnen der Umgang mit Geld zugetraut wird. Dies ist eine sehr gute Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu fördern, gerade bei Pflegekindern die oft Nachholbedarf auf diesem Gebiet haben. 

Bestrafungen und Belohnungen (z.B. für Schulnoten) über das Taschengeld sollten unbedingt vermieden werden. Die Höhe des Taschengeldes sollte nicht als Strafe herab- bzw. als Belohnung heraufgesetzt werden. Taschengeld ist kein Erziehungsmittel, sondern ein fester Betrag zur persönlichen Verfügung. Es ist auch nicht dafür gedacht, Schulmaterial, Grundnahrungsmittel oder Kleidung zu bezahlen. Das sollten die Eltern übernehmen.

Bei Jugendlichen ab ca. 14 Jahren könnte neben dem Taschengeld ein weiteres Budget zur Verfügung gestellt werden, um weitreichendere selbständige Entscheidungen einzuüben.  (z.B. für Bekleidung, Hygieneartikel, Smartphone, Schulmaterial). Hierzu gibt es im Internet jede Menge Infos. Empfehlenswert hierzu ist z.B. eine Broschüre der Sparkassen-Finanzgruppe „Budgetkompass für Jugendliche“, die unter folgendem Link heruntergeladen werden kann:  https://www.geldundhaushalt.de/budgetkompass-fuer-jugendliche/ . 

Viele Kinder, die in unseren Familien leben, haben Handycaps oder eine Behinderung, infolge derer ihre Entwicklung als nicht altersgemäß eingestuft wird. Dies führt sicher zu Einschränkungen, auch im Umgang mit Geld. Andererseits finden wir bei diesen Kindern oft ein besonders hohes Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung. Wieso also nicht den Umgang mit Taschengeld dafür nutzen und auch diesen Kindern einen persönlichen Spielraum/Freiraum gewähren?    

„Sparschwein“ oder Bankkonto? 

Das  Sparen des übrigen Geldes sollte für Kinder bis Grundschulalter sinnlich wahrnehmbar sein: ein gefülltes Sparschwein oder Glas kann man anfassen, sehen und wiegen.

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass jüngere Kinder in erster Linie kurzfristig denken. Sie möchten alles und möglichst sehr schnell.  Geduld bei Wünschen muss erst gelernt werden. Hilfreich könnte dabei eine „Wunschliste“ sein, die man aufschreibt.

Mit Wechsel zur weiterführenden Schule könnte über ein Taschengeldkonto bei einer Bank nachgedacht werden. Dieser Schritt ermöglicht das Einüben weiterer selbstbestimmter Handlungen der Kinder, die sie schließlich selbständig ausführen können. Sinnvoll ist hier die Wahl einer Bank, deren Filialen (Geldautomaten) sich in erreichbarer Nähe des Kindes befinden.  Außerdem benötigt man das schriftliche Einverständnis der gesetzlichen Vertretung des Kindes. Meist ist dazu ein gemeinsamer Termin bei der Bank erforderlich.    

Und wir Eltern?

Alle bisherigen Überlegungen hängen natürlich auch mit unserem Umgang mit Geld zusammen. Wir könnten das Thema Taschengeld als Anlass sehen, um auch uns dazu ein paar Fragen zu stellen:

  • Sprechen wir in unserer Familie über Geld?  Wenn ja, wie?
  • Was ist uns wichtig beim Umgang mit Geld? (Beispiel-Themen: Sparen, Kredite, Spenden, Umweltschutz…) 
  • Wer entscheidet, was wann ausgegeben wird?
  • Wer hat den Überblick über das Haushaltsbudget?

Wir sind auch hier Vorbilder für unsere (Pflege-) Kinder und sie lernen an uns als Modell. Gleichzeitig ist das Taschengeld eine sehr gute und praktische Möglichkeit, unseren Kindern Vertrauen zu schenken und Ihnen zu zeigen: „Du schaffst das!“.

Vielleicht habt ihr Anregungen, Diskussionsbedarf oder besondere Erfahrungen zu diesem Thema, die ihr teilen möchtet? Das würde uns sehr interessieren. Gerne greifen wir diese in einer Fortsetzung des Themas auf. 

Johannes Guterding, Fachberater

Quellen und Literaturhinweise zum weiterlesen:
  • Winklhofer, Publikation Deutsches Jugendinstitut (2014): Taschengeld und Gelderziehung, PDF-Download: www.dji.de/themen/jugend/taschengeld
  • Hurrelmann/Unverzagt: Kinder stark machen für das Leben (Kapitel 7 Die Freizeit gestalten / Abschnitt Tarifverhandlungen über das Taschengeld)
  • Sparkassenfinanzgruppe: Budgetkompass für Jugendliche
  • Rundschreiben des Landschaftsverbandes Rheinland/Landesjugendamt Nr. 43/10/2020, PDF-Download: www.lvr.de/media/wwwlvrde/jugend/service/rundschreiben/dokumente_96/hilfe_zur_erziehung_1/erziehungshilfe/Rundschreiben_43.10.2020_Taschengeld_2021.pdf
  • Krause, H.-U., Publikation der IGFH (2019): Beteiligung als umfassende Kultur in den Hilfen zur Erziehung (4.1 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Alltag)

Das könnte Sie auch interessieren

Gutachten

von:

Schulbegleitung als Beitrag zur Inklusion

Diese Publikation zur Schulbegleitung ist eine überarbeitete und rechtlich aktualisierte Fassung der ersten Ausgabe aus 2016. In die Überarbeitung eingeflossen sind wesentliche Elemente aus dem gültigen Bundesteilhabegesetz (BTHG) sowie der Reform des SGB VIII.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Medienkonsum von Schülerinnen und Schülern

Nach einer neuen Studie der DAK-Gesundheit sitzt fast jeder 5. Schüler täglich mindestens sechs Stunden vor dem Bildschirm - und hat dadurch häufiger Schulprobleme
Fachartikel

von:

Alltag in einer Pflegefamilie

In ihrem Referat geht Henrike Hopp besonders auf die Erfahrungen der Pflegekinder ein und zieht daraus Schlussfolgerungen für das Pflegekinderwesen.
Gerichtsbeschluss erklärt

Urteil zum erweiterten pädagogischen Förderbedarf - erhöhtem Erziehungsbedarf

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat sich mit den Voraussetzungen des erweiterten pädagogischen Förderbedarfs in einem Urteil beschäftigt.
Fachartikel

von:

Die besten Strategien bei Lernschwierigkeiten

Besonders wenn Kindern das Lernen nicht ganz so leicht fällt, sind die täglichen Hausaufgabensituationen oftmals eine wiederkehrende Belastungsprobe für alle Beteiligten. Da kommt Ihr Kind aus der Schule, um 15 Uhr steht ein Zahnarztbesuch an, Ihr Sohn will zum Fußballspielen, Ihre Tochter zum Chor oder eine andere Aktivität ist geplant. Dann klingelt auch noch das Telefon, weil sich jemand mit Ihrem Kind verabreden will. Und da sind ja auch noch die Hausaufgaben, die zu den täglichen „Pflichten“ eines jeden Schulkindes gehören.
Stellungnahme

von:

Wer passt hier nicht zu wem? Sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte junge Menschen und die Förderangebote im Übergang Schule-Beruf

Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

Mit diesem Positionspapier vom Juni 2018 nimmt die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe — AGJ in den Blick, wie sich Benachteiligung auf Jugendliche auswirkt und welche Unterstützungsbedarfe bestehen. Es wird dargestellt, welche Möglichkeiten die Jugendhilfe für benachteiligte Jugendliche bietet. Angesichts der Zuständigkeiten mehrerer Rechtskreise diskutiert das Papier, ob es rechtlicher Änderungen bedarf bzw. wie die Umsetzungspraxis zu verbessern ist, damit benachteiligte Jugendliche ein passendes und verlässliches Angebot erhalten. Abschließend werden Handlungsbedarfe formuliert.
Fachartikel

von:

Angststrukturen im Kopf

Aggression und kindliche Gewalttätigkeit ihrer Pflegekinder sind eines der auffälligsten Verhalten, mit dem Pflegeeltern umgehen müssen. Wenn sie schreien und brüllen, den Kopf an die Wand schlagen oder mit einem Hammer auf die liebsten Spielsachen einschlagen, hat es gewöhnlich auch nichts mit dem Trotz zu tun, den Kinder für ihre Ich-Entwicklung brauchen. Fachartikel von Kathrin Barbara Zatti
Fachartikel

von:

Lernen geht nur über Beziehung

Neurobiologen haben sich mit dem Thema Lernen und Schule beschäftigt und dabei die hohe Bedeutung der Bindung und Beziehung dafür erkannt.
Fachartikel

von:

Wut im Bauch - Vom Umgang mit aggressiven Pflegekindern

Aggressivität ist eine Form der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. Nicht nur die eigene Hilflosigkeit macht Pflegeeltern zu schaffen, sondern auch eigene gegenaggressive Impulse. Fachartikel von Richard M. L. Müller-Schlotmann
Arbeitspapier

Neue Tipps zur Medienerziehung von Kindergartenkindern

Das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen geben eine aktualisierte Broschüre heraus