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04.11.2015
Fachartikel

Fliegen müssen ohne flügge zu sein? – Wenn Pflegekinder volljährig werden

Ein Plädoyer für den Verbleib der jungen Volljährigen in ihren Pflegefamilien, wenn dies ihr Wunsch ist.

Erwachsenwerden ist für Pflegekinder ein großer Schritt, aber auch etwas Unsicheres und Beängstigendes. Sie besuchen noch eine Schule oder haben gerade eine Ausbildung angefangen und ihre Pflegefamilie ist ihnen dabei Unterstützung und Netzwerk. Da wird kurz vor ihrem 18. Geburtstag die Frage an sie gestellt, ob sie das denn noch so brauchen und ob sie weiterhin in ihrer Familie leben möchten. Wenn es ganz schlimm kommt, wird ihnen mitgeteilt, dass die Vollzeitpflege nun beendet sei.

Die Diskussion darüber, wie es nach dem 18. Lebensjahr weitergeht verunsichert die jungen Menschen nicht erst am Tag der Volljährigkeit, sondern schon vorher. Im Buch „Pflegekinderstimme“ (Herausgeber: PAN e.V., Düsseldorf) heißt es im Kapital 10: Beendigung von Pflegeverhältnissen im Abschnitt: „Die Perspektive der Pflegekinder“:

Aus mehreren Interviews geht hervor, dass sich viele Pflegekinder schon lange vor dem achtzehnten Geburtstag mit der Beendigung des Pflegeverhältnisses auseinandergesetzt haben. Manche InterviewpartnerInnen stellten sich bereits jahrelang zuvor die Frage, wie es nach der Beendigung weitergehen würde. Das traf auch auf Dauerpflegekinder zu, die sehr gut in ihrer Pflegefamilie integriert waren und dort nach eigenen Aussagen ‚wie ein eigenes Kind‘ behandelt wurden.

Desiree berichtet darüber: Aber als Kind macht man sich dann schon Gedanken, was ist eigentlich, wenn ich achtzehn bin? Ist das dann immer noch meine Familie? …. Oder muss ich dann in ein Heim oder muss ich dann irgendwas, man weiß es ja nicht. Also meine Pflegeeltern, die haben immer gesagt, du bist unser Kind und du gehörst zu unserer Familie, aber trotzdem macht man sich da mit Sicherheit schon ein bisschen Gedanken.

Joy sagte: Ich habe schon von vielen gehört, die dann sagten:“ Ja aber, wenn du achtzehn bist, ist das doch vorbei, dann ziehst du da aus und hast keinen Kontakt“, dann sage ich:“Nein, das ist doch meine Familie“. Also, wieso soll ich da mich achtzehn sagen, jetzt will ich nichts mehr von euch wissen? Oder wieso sollten die das sagen? Ne, ich mein, da gewöhnt man sich ja auch dran, an diese Kinder und schickt die dann nicht einfach in die Welt hinaus und überlässt die sich selbst.

Sowohl Pflegekinder als auch Pflegeeltern hören aus „der Beendigung der Hilfe“ heraus, dass nun die gemeinsame Zugehörigkeit vorbei sein soll. Sie empfinden, dass die Elternschaft und Kindschaft innerhalb der Pflegefamilie nicht anerkannt wird, auch wenn sie entstanden ist, obwohl die Herkunftsfamilie nicht ausgeschlossen wurde. Was bedeutet die Pflegefamilie für das Jugendamt? Eine sichere Basis für das Kind, ein umfassendes Netzwerk von tragenden Beziehungen – oder ‚nur‘ eine Jugendhilfemaßnahme?

Eine Beendigung der Dauerpflege aufgrund der Volljährigkeit bedeutet für viele Pflegekinder eine Zäsur, die deutlich zu früh kommt. Es ist bekannt, dass viele Pflegekinder in ihrer emotionalen Entwicklung Zeit für Nachreifung brauchen. Gern würden daher viele von ihnen erst einmal in ihren Pflegefamilien bleiben und flügge werden dürfen, um dann in angemessener Zeit (aus)fliegen zu können.

Aus meiner Sicht lässt sich die Beendigung der Vollzeitpflege nicht von ihrem Anfang trennen. Weshalb wurde damals die Entscheidung getroffen, dieses Kind in diese Pflegefamilie zu gegeben? Was sollte eigentlich damit erreicht werden? Suchten die Fachkräfte nicht für das Kind eine Familie, weil ihm Bindung, Nähe, Zugehörigkeitsgefühl, Normalität und verlässliche Elternpersonen geboten werden sollten? Sind die Pflegeeltern nicht jahrelang darin unterstützt worden, dies ihrem Pflegekind zu ermöglichen? Waren nicht alle Beteiligten erleichtert, wenn sich zeigte, dass das Kind Schritte in die Geborgenheit und das Wir-Gefühl gehen konnte? Natürlich gibt es auch schwierige Verläufe, in denen Kindern dieser Weg nicht leicht fällt und wir erleben ebenfalls, dass manche Vermittlungen nicht passen. Nur ein Teil der Pflegekinder erreicht die Volljährigkeit in der Pflegefamilie. Aber wenn dies gelingt, dann - finde ich - sollte die Jugendhilfe dies würdigen und die (Pflege)Familie in ihrem gemeinsamen Weg weiter unterstützen.

Hilfe für junge Volljährige kann ja auch die Weiterführung der Vollzeitpflege bedeuten. Es kommt dabei ausschließlich darauf an, wo der junge Mensch steht und was seine Vorstellungen von sich und seinem zukünftigen Weg sind. Erwachsenwerden bedeutet ein ausgewogenes Wechselverhältnis zwischen Autonomie und Abhängigkeit zu entwickeln. Ungewollte Wechsel und ‚erzwungene‘ Übergänge untergraben die Handlungsfähigkeit, lösen Angst aus und blockieren die Entwicklung

Internationale Careleaver-Studien zeigen, dass das, was früher als die Reife eines 18jährigen angesehen wurde, heute von den meisten jungen Menschen in der Jugendhilfe erst mit 25 Jahren erreicht wird. Die Leistungen der Hilfe für junge Volljährige müssen sich dieser Entwicklung anpassen.

Wenn es der Wunsch junger Menschen ist, weiterhin Teil ihrer Pflegefamilie zu sein, weiterhin dort zu leben und sich entwickeln zu können, dann sollte dies gutheißen werden. Nicht das, was sie sich selbst erobert haben - ihre emotionale Familie, ihre Zugehörigkeit, ihre Stützen - sollten wir infrage stellen, da dies doch genau das ist, was wir ihnen anfangs geben wollten. Jetzt können wir ihnen noch unseren Respekt, unser Vertrauen und ZEIT schenken.

Erstveröffentlichung des Referates in 'Jugendhilfe aktuell' 2- 2015
Hier der Link zur Jugendhilfe aktuell

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