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04.10.2015
Fachartikel

Mit dem Erinnerungsbuch den roten Faden finden - Biografiearbeit mit Pflegekindern

Für Pflegekinder gibt es noch ganz andere Gründe sich mit ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. So unterschiedlich ihre persönlichen Situationen auch sein mögen, Pflegekinder haben dennoch eine Vielzahl von gemeinsamen Themen.

In fast jeder Buchhandlung findet man seit einiger Zeit Bücher in Form von Ausfüll-Alben, die als Geschenk für Eltern, Großeltern oder Freunde gedacht sind. Die Beschenkten sollen eine Fülle von Fragen zu ihrer Lebensgeschichte beantworten und das Buch wieder zurückgeben.

Wenn ich bei größeren Veranstaltungen über diese Bücher spreche, gibt es fast immer eine Person, die von einer eindrucksvollen Erfahrung damit berichtet: entweder bekam sie das Buch geschenkt und stand plötzlich vor der Aufgabe, sich selbst mit ihrer Lebensgeschichte und ihrem Gewordensein auseinanderzusetzen oder sie hat das Buch verschenkt und war von der Reaktion des Beschenkten berührt.

Der Hintergrund ist immer eine Wertschätzung der Lebensgeschichte und auch die Überraschung, wie viele neue Aspekte man plötzlich über einen nahestehenden Menschen erfährt.

Biografiearbeit bewegt den Aufschreibenden und den Lesenden. Die Auflagenzahlen dieser Bücher sprechen für sich und zeigen, dass das Interesse an der Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten sehr groß ist.

Biografiearbeit

Für Pflegekinder gibt es noch ganz andere Gründe sich mit ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. So unterschiedlich ihre persönlichen Situationen auch sein mögen,
Pflegekinder haben dennoch eine Vielzahl von gemeinsamen Themen: sie können nicht in ihrer Geburtsfamilie aufwachsen und haben Trennungen von Bezugspersonen, Lebensorten und Gewohnheiten erlebt. Ihr Leben ist durch Brüche gekennzeichnet. Zu ihren besonderen Herausforderungen gehört es, die Zugehörigkeit zu zwei Familiensystemen auszubalancieren, als Kinder im Jugendhilfesystem aufzuwachsen, viele Informationen über die Vergangenheit gar nicht zu kennen und trotz all dieser Erschwernisse eine gesunde Identität zu entwickeln. Hier setzt Biografiearbeit an, die mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und Methoden Pflegekindern die Chance bietet,

  • ihre Lebensgeschichte zu rekonstruieren,
  • Brücken zwischen den verschiedenen Bezugspunkten zu bauen und
  • komplexe Zusammenhänge verstehbar zu machen.

Kinder, deren Leben durch Lücken in der Biografie und durch komplizierte, schwer nachvollziehbare Zusammenhänge gekennzeichnet ist, neigen dazu, Phantasien zu entwickeln. Diese Phantasien können sich sowohl aus positiven als auch aus negativen Bildern zusammensetzen. Biografiearbeit unterstützt Pflegekinder dabei, diese verinnerlichten Phantasien und Mythen mit überprüfbaren Fakten der äußeren Realität in Einklang zu bringen. Sie ordnet das innere Chaos, das durch fehlende und lückenhafte Informationen entsteht und hilft Pflegekindern eine Antwort auf die zentrale Frage zu finden, warum sie nicht in ihrer Geburtsfamilie leben können. Das setzt Energien frei, die sie für ihre Entwicklung nutzen können, unterstützt ihre Identitätsfindung und stärkt das Selbstwertgefühl.

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Biografiearbeit mit Pflegekindern hat viele Facetten: sie findet im Alltag von Pflegefamilien statt, wenn Pflegeeltern spontan Fragen des Kindes zu seiner Geschichte beantworten oder wenn alle gemeinsam Fotos anschauen und dazu ihre Erinnerungen austauschen. Sie kann aber auch gezielt und situativ eingesetzt werden, um Pflegekinder bspw. auf einen Wechsel ihres Lebensumfeldes vorzubereiten oder um sie dabei zu unterstützen, ihr Leben mit allem Alltäglichen und Besonderen besser zu verstehen. Die vielfältigen Methoden der Biografiearbeit erleichtern und bereichern die Kommunikation mit den Kindern. Visualisierungen können den Kindern helfen, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen.

Biografiearbeit lebt vom Erzählen und Zuhören, vom Fragen und Antworten. Wenn wichtige Informationen und Ergebnisse der Biografiearbeit zusätzlich in einem Lebensbuch, wie dem Erinnerungsbuch, festgehalten werden, haben sie eine andere Beständigkeit als gesprochene Worte und können nicht so schnell umgedeutet werden. Pflegekinder können so jederzeit auf die Ergebnisse ihrer Biografiearbeit zurückgreifen, unabhängig davon, was sich in ihrem Leben verändert und wo sie leben.

Das Erinnerungsbuch

Das Erinnerungsbuch für Pflegekinder, das vom Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. herausgegeben wird, ist mit seinen 43 verschiedenen thematischen Seiten quasi als ein Leitfaden für Biografiearbeit zu verstehen. Es geht um existentielle Themen („Warum ich nicht bei meinem Vater und meiner Mutter leben kann“) und um Alltagsthemen („Mitschüler und Mitschülerinnen, die ich besonders gerne mag“), um Themen aus der Vergangenheit („Was ich als kleines Kind gerne mochte“) und um Themen aus der Gegenwart („Ein besonderer Besuchstag“).

Das Erinnerungsbuch ist als Loseblattsammlung in einem speziell dafür gestalteten Ordner konzipiert. Damit kann man das Buch für jedes Kind ganz individuell einsetzen. Ein thematischer Einstieg ist immer da möglich, wo es gerade passt. Z. B. bei Themen, die das Kind aktuell unterstützen könnten oder für die das Kind besonderes Interesse zeigt.

Für die einzelnen Seiten des Erinnerungsbuches wurden bewusst wenig gestalterische Vorgaben eingesetzt. Dadurch bleibt viel Raum für die Ideen und die Kreativität der Pflegekinder, der Pflegeeltern und der anderen Personen, die in die Biografiearbeit des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen einbezogen sind. Auch andere Erinnerungen, Dokumente, Briefe oder Fotos finden hier ihren Platz.

Zum Erinnerungsbuch gehört auch eine CD, auf der alle Seiten als Dateien vorhanden sind und die bei Bedarf nochmals ausgedruckt und oder auch verändert werden können.
Für die Erwachsenen, die die Pflegekinder beim Erstellen ihres Erinnerungsbuches begleiten, gibt es zusätzlich eine Broschüre als Einführung.
Das Erinnerungsbuch will keine Fotoalben ersetzen, die ohne Zweifel sehr wichtig und auch ein Teil der Biografiearbeit sind.
Wie sich Fotoalben und das Erinnerungsbuch unterscheiden, zeigt das Schaubild.

erinnerungsbuch heidrun sauer

Wenn es gelingt, das Erinnerungsbuch nach und nach mit Leben zu füllen, entsteht für Pflegekinder ein persönliches Nachschlagewerk der eigenen Lebensgeschichte. Es wird dann zum Begleiter: im Alltag, bei besonderen Herausforderungen und bei Übergängen.

Bei Übergangssituationen von einem Familiensystem in das andere kann das Erinnerungsbuch bspw. dabei helfen, Brücken zu bauen. Gerade in diesen besonderen und belastenden Situationen brauchen Pflegekinder den Überblick sowohl über Personen, die in ihrem Leben eine Bedeutung haben oder hatten als auch über die Lebensorte, wo sie gewohnt haben oder wohnen werden. Vor allen Dingen ist es für sie aber auch wichtig zu erfahren, warum überhaupt ein Übergang in ihrem Leben bevorsteht oder gerade hinter ihnen liegt. Für diese Themenfelder gibt es im Erinnerungsbuch eine Vielzahl von Seiten.

Die Einbeziehung des Erinnerungsbuches vereinfacht es deshalb, mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und sie altersentsprechend einzubeziehen. Bei Säuglingen und sehr kleinen Kindern schafft man mit dem Ausfüllen von einzelnen Seiten des Erinnerungsbuches eine Grundlage für das spätere Nachvollziehen und Verstehen. Wenn schon ein Erinnerungsbuch vorhanden ist, kann es in Übergangssituationen ganz gezielt zum Erzählen und Erklären genutzt werden, z. B. auch beim Kennenlernen der neuen Pflegeeltern.

Was nicht vergessen werden sollte: das Erinnerungsbuch gehört dem Pflegekind. Deshalb sollte das Buch den Kindern und Jugendlichen auch zugänglich sein und sie beim Wechsel ihres Lebensortes begleiten.

Zwei Pflegekinder – zwei Erinnerungsbücher

Mandy ist jetzt 15 Jahre alt und seit 10 Jahren in einer Pflegefamilie. Die Pflegefamilie ist längst „ihre“ Familie geworden. In vielem gleicht ihr Alltag dem von anderen Jugendlichen, aber vieles ist bei ihr auch ganz anders. Bis vor kurzem wusste sie wenig über ihre ersten 5 Lebensjahre. Der Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter und ihrem leiblichen Vater ist vor vielen Jahren abgebrochen. Fast zeitgleich mit ihrem 13. Geburtstag artikulierte sie immer häufiger Interesse an ihrer Vergangenheit und ihrer Geburtsfamilie. Ihre Pflegeeltern standen vor einer Herausforderung. Für sie war es emotional nicht einfach, über die Vergangenheit ihrer Pflegetochter zu sprechen, außerdem fehlten auch ihnen viele Informationen, so dass viele Fragen offen bleiben mussten.

Inzwischen hat Mandy ein Erinnerungsbuch. Sie bekam es von der Beraterin des zuständigen Pflegekinderfachdienstes mit dem Angebot, gemeinsam zu schauen, welche Seiten und Fragestellungen sie besonders interessieren. Mandy brauchte etwas Zeit, um sich auf diesen Prozess einzulassen, inzwischen sind aber mehrere Seiten ausgefüllt. Besonders gut daran findet sie, dass man auf Themen gebracht wird, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt, auch schwierige Themen, wie sie es nennt. Ausgangspunkt war die Seite mit der Fragestellung: Warum ich nicht bei meiner Mutter und meinem Vater leben kann“. Dann folgten die Themen der Seiten „Hier habe ich schon gewohnt“ und „Wer noch zu meiner Geburtsfamilie gehört“. Durch Gespräche mit der Beraterin, ihren Pflegeeltern und durch gemeinsame Recherche fügten sich immer mehr Fakten zusammen. Durch diesen Prozess bildet sich für Mandy schrittweise eine Brücke zu den ersten Jahren ihres Lebens.

Leon ist fast vier Jahre alt. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, dass er zwei Mütter und einen Vater hat. Er lebt seit seinem ersten Lebensjahr bei seiner alleinerziehenden Pflegemutter und einmal im Monat verbringen alle vier einen Nachmittag in den Räumen des Pflegekinderdienstes. Er bekam sein Erinnerungsbuch, als er seine Pflegemutter kennenlernte. Für ihn gehört es zu seinem Leben dazu, es ist ein Bilderbuch über seine Geschichte. Für ihn sind die Seiten wichtig, auf denen er Informationen und Bilder zu seinen „Müttern“ und seinem Vater findet: „Meine Mutter“, „Meine Pflegemutter“, „Mein Vater“. Diese Seiten helfen ihm beim Sortieren seiner Lebenssituation. Viel Spaß hat er mit den Seiten „Ein besonderer Besuchstag“. Davon hat er mehrere, es sind viele Fotos eingeklebt und auf den letzen Seiten haben immer beide „Mütter“ etwas dazugeschrieben und Leon hat Bilder dazu gemalt. Sein Erinnerungsbuch wächst ganz allmählich zu einem bunten Buch seiner Lebensgeschichte heran.

Die beiden Erinnerungsbücher von Mandy und Leon sehen völlig verschieden aus. Für Mandy sind in erster Linie die Themen wichtig, in denen es um ihre ersten Lebensjahre und ihre Geburtsfamilie geht. Weitere Themen, die sich im Prozess ergaben, wurden einfach aufgenommen.

Für Mandy hat die Arbeit mit dem Erinnerungsbuch nicht nur die Funktion, ein Stück Vergangenheit zu erobern, sondern sie enttabuisierte auch Themen und machte sie in ihr Leben integrierbar.

Für Leon ist das Erinnerungsbuch seit seiner Aufnahme in die Pflegefamilie ein Lebensbegleiter geworden. Es füllt sich mit weiteren Ereignissen und u.a. auch mit Zeichnungen, die ihm besonders gut gefallen.

Das Erinnerungsbuch in Teamarbeit gestalten

Für das Gelingen beider Erinnerungsbücher war es wichtig, dass die Pflegeeltern nicht allein mit der Aufgabe waren. Es gab jeweils eine Mitarbeiterin des Pflegkinderfachdienstes, die den Prozess begleitet hat, entweder beratend im Hintergrund oder auch aktiv, wenn es um kniffelige Fragen ging. Leons Beraterin hat aufgeschrieben, wie und warum er in die Pflegefamilie kam und Mandys Beraterin hat mit ihr gemeinsam eine Recherche begonnen, auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen.

Pflegeeltern sind wichtige Akteure bei der Umsetzung von Biografiearbeit. Damit sie diese Rolle ausfüllen können, brauchen sie eine positive Haltung zur Biografiearbeit, theoretische und praktische Grundlagen und Begleitung. Hilfreich ist es, wenn alle Pflegeeltern schon in der Vorbereitungsphase mit dem Thema Biografiearbeit in Berührung kommen und später die Möglichkeit haben, an Fortbildungen zur Biografiearbeit mit dem Erinnerungsbuch teilzunehmen. So bekommen sie nicht nur Handwerkszeug für die praktische Umsetzung, sondern auch Raum für ihre Fragen und Bedenken.

Einige Aufgaben können und sollten von den Fachkräften nicht delegiert werden. Schwierige und existenzielle Themen wie bspw. die Fragen, warum ein Kind nicht in seiner Familie leben kann oder warum es die Pflegefamilie wechseln muss, sollten von ihnen formuliert werden.

Fachkräfte tragen die Verantwortung für die Steuerung dieses Prozesses. Deshalb brauchen auch sie ein Grundwissen und kollegialen Austausch, um ihr Tun und ihre Haltung immer wieder zu reflektieren.

Aber nicht nur Pflegeeltern und Berater können dazu beitragen, dass das Erinnerungsbuch ein Gewinn für Pflegekinder wird. Auch die Eltern und andere den Pflegekindern nahestehende Personen können mit ihrem jeweiligen Wissen über das Kind oder den Jugendlichen einbezogen werden.

Grundvoraussetzung für diese Gemeinschaftsarbeit ist es, das alle beteiligten Erwachsenen die Kinder und Jugendlichen ernst nehmen und verantwortungsvoll mit der jeweiligen Lebensgeschichte umgehen.

Auf einer solchen Grundlage kann das Erinnerungsbuch einen Gewinn für alle Beteiligten bringen: natürlich für die Pflegekinder, aber auch für Pflegeltern, Eltern und Fachkräfte. Die gemeinsame Arbeit am Erinnerungsbuch zeigt Pflegekindern den roten Faden ihrer Lebensgeschichte auf und öffnet damit den Blick für ihre Zukunft.

Die Autorin Heidrun Sauer lebt in Berlin und arbeitet als Coach und Fortbildnerin. Sie beschäftigt sich seit 1992 mit Pflegekindern und ihren Familien und ist Gründungsmitglied des Kompetenz-Zentrums Pflegekinder e.V. Die Biografiearbeit mit Pflegekindern ist eines ihrer Schwerpunktthemen. Dazu führt sie bundesweit Seminare für Fachkräfte und Pflegeeltern durch.