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11.03.2009
Fachartikel

Eine Brücke in die Zukunft bauen

Kinder, deren Herkunft unsicher ist, verschwiegen oder tabuisiert wird, leben auf einem unsicheren Fundament. Biografisches Arbeiten kann diesen Kindern helfen, sich ihre Vergangenheit anzueignen und damit eine Brücke in die Zukunft zu schlagen.

Biografiearbeit – Unterstützung für Kinder mit traumatischen Trennungserfahrungen

Vortrag auf der 3. Bundestagung Erziehungsstellen „Mit elternreichen Kindern leben“ am 25.9.2004 in Marburg von Jörg Maywald

Lassen Sie mich eingangs mein Thema aus drei sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Erste – literarische – Perspektive: Christa Wolf, Schriftstellerin, beginnt eines ihrer frühen Werke, das unter dem Titel „Kindheitsmuster“ erschienen ist, mit den Worten: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“

Das Vergangene lebt, es entfaltet seine Wirkungen in uns, ist dadurch gegenwärtig. Nolens volens beeinflusst die Vergangenheit unsere Wahrnehmung, unser Empfinden, unser Handeln. Und dann dieser Satz: „Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ In einem Akt der Verfremdung wird das Vergangene entrückt, abgetrennt, verdrängt. Damit entzieht es sich unserer bewussten Einflussnahme, wirkt als Strom im Untergrund, wirft seinen Schatten auf uns, beherrscht uns bisweilen.

Kann die Spaltung aufgehoben werden? Die Antwort liegt in der Erzählung selbst. Indem Christa Wolf die Muster der Kindheit wachruft, sie lebendig werden lässt, indem sie das Vergangene betrachtet, erzählt, sich anvertraut, kann sie es hinter sich lassen. Es verliert seine Macht, löst sich auf, wird zum selbstverständlichen, integralen Bestandteil des Ich. Dadurch wird der Blick frei, Entfremdung aufgehoben, Versöhnung möglich, Zukunft offen.

Zweite – anekdotische – Perspektive: Vor einigen Jahren fragte ich den damals 17-jährigen Marc, ob er bereit sei, an einer Fernsehsendung über die Lebensläufe misshandelter Kinder mitzuwirken. Marc war in den ersten drei Lebensjahren von seinen Eltern vernachlässigt und geschlagen worden. Er wurde daraufhin in eine Krisenwohngruppe des Berliner Kinderschutz-Zentrums aufgenommen, bevor er im Alter von viereinhalb Jahren in eine Pflegefamilie wechselte, in der er bis zur Volljährigkeit lebte. Marc willigte ein und ich bat ihn, zu dem Gespräch einige ihm wichtige Gegenstände aus seinem Leben mitzubringen.

Wir saßen also um einen Tisch, die Kamera lief bereits, und Marc präsentierte mir, was er mitgebracht hatte: zunächst einen abgeliebten und nicht mehr ganz intakten Plüschhasen, den er in frühen Jahren von seiner leiblichen Mutter erhalten hatte. Zweitens ein Buch mit Fotos und anderen Dokumenten aus der Zeit in der Krisenwohngruppe. Schließlich einen kleinen Affen, ein so genanntes „Mon chichi“, ein Geschenk seiner Pflegeeltern aus der Anfangszeit in der Pflegefamilie.

Das Gespräch kam schnell in Gang. Ohne zu stocken erzählte Marc aus seinem Leben. Mehr noch, in der Erzählung konstruierte er sein Leben, eignete es sich an, machte es sich überschaubar, verfügbar. Jeder für ihn wichtige Lebensabschnitt war durch einen Gegenstand als Symbol jener zurückliegenden Zeit vertreten. Das half ihm, die Vergangenheit mit den für ihn wichtigen Personen lebendig werden zu lassen und die verschiedenen Teile seines biografischen Puzzle zu einem konsistenten Ganzen – zu seiner Lebensgeschichte – zusammenzufügen.

Dritte – kinderrechtliche – Perspektive: Gemäß Artikel 8 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention verpflichten sich die Vertragsstaaten, „das Recht des Kindes zu achten, seine Identität, einschließlich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu behalten.“ Weiter heißt es in Absatz 2: „Werden einem Kind widerrechtlich einige oder alle Bestandteile seiner Identität genommen, so gewähren die Vertragsstaaten ihm angemessenen Beistand und Schutz mit dem Ziel, seine Identität so schnell wie möglich wiederherzustellen.“

Jedes Kind ist einzigartig. Dies trifft nicht nur auf seine körperlichen Eigenschaften zu. Zur Unverwechselbarkeit des Kindes gehören ebenso sein Name, die verwandtschaftlichen Beziehungen, seine persönliche Geschichte – Lebensorte, Bindungs- und Sorgebeziehungen, wichtige Entscheidungen u.a. –, seine Fähigkeiten und Neigungen, die ethnische, kulturelle und religiöse Zugehörigkeit sowie seine Sprache und Nationalität. Zusammen begründen diese Eigenschaften die soziale Identität, die jedes Kind zu einem besonderen, von anderen Kindern unterscheidbaren Mitglied der Gesellschaft machen.

Artikel 8 der UN-Kinderrechtskonvention schützt die Identität des Kindes. Jedes Kind hat ein Recht auf diesen Schutz. Es ist interessant, die Entstehungsgeschichte dieses Artikels nachzuvollziehen. Die Forderung, einen eigenen Artikel zum Schutz der Identität in die Kinderrechtskonvention aufzunehmen, wurde ursprünglich von einem Vertreter Argentiniens in die Entwurfsverhandlungen eingebracht. Der Grund dafür war das Verschwinden zahlreicher Kinder während der Zeit der argentinischen Militärjunta in den 1970er und 1980er Jahren.

Während ein Teil dieser Kinder getötet wurde, wurden andere von kinderlosen Paaren adoptiert. Daraus entstand die Notwendigkeit, die Spur dieser Kinder zu verfolgen und ihre wahre Identität wiederherzustellen.

Kinder, deren Herkunft unsicher ist, verschwiegen oder tabuisiert wird, leben auf einem unsicheren Fundament. Biografisches Arbeiten kann diesen Kindern helfen, sich ihre Vergangenheit anzueignen und damit eine Brücke in die Zukunft zu schlagen.

Warum Biografiearbeit?

Kinder, die von Geburt an zumindest bei einem Elternteil aufwachsen, haben vielerlei Gelegenheit, ihre Vergangenheit lebendig zu erhalten. Fotos und andere Dokumente stehen zur Verfügung. Anekdoten werden erzählt. Wie von selbst ergeben sich im Alltag Gespräche über zurückliegende Ereignisse. Eltern, Verwandte und Freunde beantworten neugierige Fragen nach dem, was früher war.

Anders bei Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern in einer Pflegefamilie, Erziehungsstelle oder in einem Heim leben. Häufig haben sie in ihrem Leben bereits viele Trennungen und Beziehungsabbrüche erlebt. Zu manchen Stationen ihres Lebensweges gibt es keine oder nur geringe Informationen. Viele Ereignisse – besonders wenn diese lange zurückliegen – wurden vergessen oder verdrängt. Manche Erinnerungen sind tabuisiert. Der Kontakt zu Angehörigen ist häufig schwach oder ganz unterbrochen. Das Wissen der Betreuungspersonen über die Geschichte des Kindes beschränkt sich in der Regel auf wenige Daten und Episoden. Unter diesen Bedingungen ist der Aufbau einer sicheren Identität schwierig.

Bestehende Lücken in der Biografie werden von den Kindern in der Regel mit Phantasien gefüllt, die sich an der Realität nicht überprüfen lassen. Mangels besseren Wissens beschränken sich die phantasierten Geschichten nicht selten auf Entweder-Oder-Kategorien:
Entweder die Vergangenheit wird ausschließlich als „schlecht“ phantasiert, woraus häufig eine Überzeugung der eigenen Minderwertigkeit gefolgert wird. Oder aber es wird an der Fiktion einer vergangenen überglücklichen Zeit festgehalten, beispielsweise durch die rigide Vorstellung von den „guten Eltern“, denen das „böse Jugendamt“ das Kind weggenommen hat. Mangelnde Realitätsprüfung kann in solchen Fällen bei den Kindern zu Identitätsproblemen und zu damit einher gehenden Entwicklungsstörungen führen.

Biografiearbeit stellt demgegenüber den Versuch des Kindes dar, seine eigene Lebensgeschichte für sich zu „erobern“ und dadurch Identität und Selbstsicherheit zu gewinnen. Das Auffinden von Fakten und das Sprechen über bedeutsame Ereignisse und Personen der Vergangenheit helfen dem Kind, seine Lebensgeschichte zu akzeptieren und mit diesem Wissen gestärkt in die Zukunft zu gehen. Das englische Wort „Bridging“ (eine Brücke schlagen) bezeichnet treffend den Prozess der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen sinnvollen Zusammenhang. Biografisches Arbeiten bietet Anregungen und stellt eine Struktur bereit, um mit Kindern über ihre Vergangenheit ins Gespräch zu kommen.

Biografiearbeit kann zu der Herstellung eines Lebensbuches (Life Story Book) oder eines Videos führen. Wichtiger als ein fertiges Produkt jedoch ist die Gestaltung des Prozesses, in dem verloren gegangene Teile der Lebensgeschichte neu zugänglich gemacht werden. Biografiearbeit kann dabei helfen, Antworten auf die zentralen Fragen von Kindern zu finden, die nicht mit ihren leiblichen Eltern leben: Wo komme ich her? Was ereignete sich wann und warum? Was mache ich hier? Zu wem gehöre ich? Wie sehen mich die anderen? Was wird sich verändern? Wo werde ich leben? Was wird aus mir? Ziel biografischen Arbeitens ist es, verinnerlichte Phantasien besser mit den überprüfbaren Fakten der äußeren Realität in Einklang zu bringen, dadurch die Identitätsfindung zu unterstützen und das Selbstwertgefühl zu stärken. Nicht zuletzt hat biografisches Arbeiten eine präventive Aufgabe: Wer Zusammenhänge in der Vergangenheit erkennt, wird weniger dazu verführt, schmerzhafte Situationen in Zukunft zu wiederholen.

Anforderungen an biografisches Arbeiten

Biografiearbeit ist eine Form der Lebensbegleitung und keine therapeutische Methode. Im Unterschied zu einer Therapie geht es bei der Biografiearbeit nicht darum, vorab definierte innerpsychische oder zwischenmenschliche Probleme zu lösen. Die Qualität einer Therapie zeigt sich, wenn es darum geht, mit inneren Konflikten oder Verhaltensproblemen des Kindes zu arbeiten und das Kind dort in seiner Entwicklung weiterzubringen. Anders in der Biografiearbeit. Diese soll das Kind im Alltag begleiten. Sie soll vor allem Freude bereiten, zum Beispiel durch das Betrachten alter Fotos oder wenn es darum geht, vergangene Ereignisse und Zusammenhänge zu Papier zu bringen. Was in seinem Leben war, beschäftigt ein Kind sowieso. Biografiearbeit stellt dem Kind für dieses Beschäftigen mit der Vergangenheit anregende Mittel zur Verfügung und hilft ihm, seine Sicht des Erlebten zu dokumentieren. In vielen Fällen hat dies heilsame Effekte, ohne selbst als Therapie angelegt zu sein.

Biografisches Arbeiten sollte von denjenigen Personen durchgeführt werden, die dem Kind nahe stehen. Pflege- und Erziehungsstelleneltern und andere Pädagog(inn)en sind für diese Aufgabe gut geeignet. Eine besondere z.B. therapeutische Ausbildung ist dafür nicht notwendig. Hilfreich ist allerdings der Erwerb methodischen Wissens, um dem Kind altersgerechte Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich mit seiner Lebensgeschichte zu beschäftigen.

Anforderungen an Biografiearbeit ergeben sich vor allem an die Haltung der erwachsenen Begleiter. Wichtige Eigenschaften sind Zuverlässigkeit, Vertraulichkeit und Sensitivität. Zur Zuverlässigkeit gehören personelle Kontinuität, das Einhalten verabredeter Termine und die Sicherheit, eine einmal begonnene Arbeit auch zu beenden. Vertraulichkeit betrifft die Zusicherung, die im Rahmen des biografischen Arbeitens entdeckten Daten und Zusammenhänge nicht ohne Zustimmung des Kindes an Dritte weiterzugeben. Dieses Prinzip findet allerdings seine Grenze in Fällen von Kindeswohlgefährdung wie z.B. bei der Aufdeckung eines sexuellen Missbrauchs. Sensitivität schließlich bezieht sich auf die korrekte Wahrnehmung und Interpretation sowie angemessene Reaktion auf alle kindlichen Äußerungen. Hierzu gehört, dem Kind nichts in den Mund zu legen und zugleich nicht zu vermeiden, über Dinge zu sprechen, über die das Kind sprechen will. Wichtig ist auch, eventuell entstandene Produkte der Biografiearbeit (z.B. eine Fotoserie oder ein Lebensbuch) nicht als Preis oder Bestrafung einzusetzen.

Auch wenn Biografiearbeit alltagsbegleitend stattfinden sollte, gibt es im Leben jedes Kindes altersspezifische Phasen, in denen es besonders neugierig auf seine Lebensgeschichte ist. Neben günstigen Zeiten wie dem Vorschulalter und der Pubertät sind Kinder bei bevorstehenden Veränderungen – zum Beispiel anlässlich eines Schulwechsel oder Umzugs – im allgemeinen besonders empfänglich für Angebote biografischen Arbeitens. Ein bestimmtes Mindest- oder Höchstalter ist nicht zu beachten. Auch das Sprechen mit dem noch nicht der (aktiven) Sprache mächtigen Säugling über Einzelheiten seiner Herkunft stärkt dessen biografische Einbettung. Selbstverständlich hat ein Kind jederzeit das Recht, Anregungen zur Biografieabeit zurückzuweisen, einzelne Themen seiner Lebensgeschichte auszuklammern oder einen bereits begonnenen Prozess abzubrechen. Auch nonverbal geäußerte Abwehr sollte von den verantwortlichen Erwachsenen respektiert werden. Widerstände dürfen kein Anlass sein, das Kind dafür zu kritisieren. Umgekehrt sollten Signale des Kindes, sich mit Ereignissen der Vergangenheit zu beschäftigen, nicht übersehen werden. Falls im Zuge von Biografiearbeit Personen aus der Vergangenheit des Kindes angesprochen werden, muss auch deren Recht beachtet werden, sich einer Mitarbeit zu verweigern. Dies kann bei dem Kind zu Enttäuschungen führen, auf die es vorbereitet sein sollte. Biografiearbeit kann auch in Gruppen durchgeführt werden. Hierbei kann der besondere Effekt genutzt werden, dass Kinder in der Biografie anderer Kinder Verbindungen zur eigenen Lebensgeschichte entdecken.

Wenn ein Kind die Bereitschaft äußert, sich auf einen längeren Prozess biografischen Arbeitens einzulassen, kann mit der Planung begonnen werden. Folgende Themen und Fragen können hierbei (im Sinne einer Checkliste) hilfreich sein:
Bestandsaufnahme: Was weiß ich bereits über das Kind? Wo bestehen Lücken? Wen kann ich über das Kind, seine Familie und über seine Vorgeschichte befragen?
Zeit- und Raumplanung: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Arbeit mit dem Kind zu beginnen?
Welchen Zeitraum plane ich insgesamt ein? Welchen Rhythmus für Termine kann ich einhalten? Wo kann ich mit dem Kind ungestört arbeiten?
Kooperationspartner: Wen kann ich mit einbeziehen? Wer kann mich beraten? Wer kann das Kind während der Zeit der Biografiearbeit unterstützen?
Situation des Kindes: Welche Konflikte können eventuell bei dem Kind wachgerufen werden?
Wen muss ich darauf vorbereiten?
Praktische Umsetzung: Welche Methoden kann ich einsetzen? Welche Personen und Orte will ich mit dem Kind aufsuchen? Was ist dabei zu beachten? Welche Materialien muss ich bereit halten?

Methoden der Biografiearbeit

Wer mit Kindern biografisch arbeitet, kann auf ein breites Spektrum von Methoden zurückgreifen. Allen Methoden ist gemeinsam, dass sie die Komplexität der Lebensgeschichte mittels einer ausgewählten Fragestellung reduzieren und eine strukturierte Vorgehensweise verlangen. Die Auswahl der Methoden im Einzelfall richtet sich nach Alter, Reifegrad, Vorgeschichte und besonderem Interesse des Kindes. Daneben spielen Neigungen und Vorlieben der erwachsenen Person eine Rolle, die das Kind anleitet. Generell gilt, dass nur solche Methoden verwendet werden sollten, die vorher bereits einmal am „eigenen Leibe“ erprobt und erfahren wurden. Im folgenden werden die wichtigsten Methoden genannt, die zu diesem Zweck zu Gruppen zusammengefasst sind.

Recherche und Vorstellung

Wichtige Daten der Lebensgeschichte können recherchiert und in einer für das Kind verständlichen Weise zusammengestellt und erläutert werden. Außerdem kann das Kind sich selbst vorstellen und beschreiben. Für eine erste Recherche eignen sich gut die zur Verfügung stehenden amtlichen Dokumente wie Geburtsurkunde, ärztliches Untersuchungsheft (U-Heft) u.a. Der Umfang der dort aufgeführten offiziellen Daten ist größer als häufig vermutet. Viele Angaben wie z.B. der Geburtsname der Mutter oder der Bericht über eine Frühgeburt wecken die Neugier und sind Anlass für weiterführende Fragen. Aufgrund der amtlichen Daten können zumeist die wichtigsten Verwandtschaftsbeziehungen bestimmt werden. Weitere Aufschlüsse ergeben sich über Geschichte und Bedeutung der in der Herkunftsfamilie vorkommenden bzw. gewählten Vor- und Nachnamen. Häufig bestehen bei Pflegekindern Unklarheiten über die unterschiedliche Bedeutung von leiblicher (genetischer), legaler und sozialer Elternschaft. Entsprechende Zuordnungen und Erläuterungen – eventuell visualisiert oder szenisch gestützt – bringen hier Aufklärung.

Vor allem bei Kindern im Grundschulalter sind die im Handel erhältlichen so genannten Freundschaftsbücher beliebt, in denen die Kinder sich mit ihren Eigenschaften (körperliche Merkmale, Hobbys, Freunde, Vorlieben u.a.) vorstellen und untereinander präsentieren können. Die Zuordnung zu bestimmten Eigenschaften wird häufig unterstützt durch Satzergänzungsaufgaben („Am liebsten esse ich ...“) und Pictogramme, mit deren Hilfe sich die Kinder einschätzen können. Für die Biografiearbeit ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten, der Selbst- und Fremdwahrnehmung des Kindes Ausdruck zu verleihen.

Fotos: die Vergangenheit „besuchen“

Als Bilddokumente lassen Fotos auf besonders eindrückliche Weise vergangene Momente wieder aufleben. Die Arbeit mit Fotos gehört daher zu den wichtigsten Methoden biografischen Arbeitens. Wenn Kinder ihre Lieblingsfotos aus der Vergangenheit benennen, kommt es bisweilen zu überraschenden Zuordnungen. Nicht die auf den ersten Blick gelungenen Fotos werden regelmäßig ausgewählt, sondern häufig diejenigen Abbildungen, mit denen sich ein besonderes Erlebnis oder auch eine bestimmte Stimmung verbindet. Dies kann ein Haustier sein, das Zimmer der Oma oder das Spielzeug eines Geschwisterkindes. Bei der Betrachtung von Fotos interessant sind auch Fragen nach den nicht abgebildeten Personen und nach dem (vermutlichen) Fotografen der Aufnahme. Unter der Voraussetzung entsprechender Fachkenntnisse (Familienskulpturarbeit) können Fotos als (Foto-)Skulptur nachgestellt werden, um die darin zum Ausdruck kommenden Stimmungen und Empfindungen nachzuerleben.

Wenn nur wenige oder sogar überhaupt keine Fotos aus bestimmten Lebensabschnitten vorhanden sind, besteht manchmal die Möglichkeit, alte Orte wie zum Beispiel den Geburtsort, ein Krankenhaus oder ein Kinderheim noch einmal aufzusuchen und diese Besuche mit dem Kind fotografisch zu dokumentieren. Ähnliches gilt für Besuche bei Personen, mit denen das Kind Erinnerungen verbindet. Auch in diesen Fällen können neben den vordergründig für das Kind wichtigen Bezugspersonen andere scheinbar weniger wichtige Menschen wie etwa eine Küchenhilfe im Heim oder ein Lehrer der Schule eine bedeutsame Rolle spielen. Große Bedeutung erlangen „Besuche der Vergangenheit“ für Kinder ausländischer Herkunft, besonders wenn sie aus einem anderen Kulturkreis kommen. Häufig stellen solche Besuche für diese Kinder die einzige Möglichkeit dar, körperliche Merkmale (z.B. Hautfarbe), kulturelle Herkunft und aktuelle Lebenssituation als integrierte Bestandteile ihres Selbst sinnlich erfahrbar miteinander zu verbinden.

Zeichnungen und Schaubilder

Ein weiteres großes methodisches Feld für Biografiearbeit bilden Zeichnungen und Schaubilder, deren Verwendung allerdings stark altersabhängig ist. Bereits für Vorschulkinder interessant sind Collagen, die sich auf Orte und Ereignisse der Lebensgeschichte beziehen. Auf einer „Landkarte der Familienmobilität“ können Ortswechsel des Kindes von seiner Geburt an aufgezeichnet werden. Ein Beziehungsnetzwerk („soziales Atom“), bei dem das Kind als zentraler Bezugspunkt symbolisiert wird, kann alle wichtigen Beziehungen des Kindes zu Personen aus Vergangenheit und Gegenwart verdeutlichen. Für ältere Kinder geeignet sind die Zeichnung eines Lebensstrahls (Life Graph), auf dem die chronologische Ordnung der Lebensereignisse sichtbar wird, die Anfertigung eines Genogramms sowie unterschiedliche Formen von Familiendiagrammen und -skulpturen, durch die Nähe und Distanz sowie der emotionale Gehalt von Beziehungen abgebildet werden kann.

Übergangsrituale

Neben dem Bezug zur Vergangenheit kann biografisches Arbeiten auch zukünftige Ereignisse in den Blick nehmen. Die bewusste Vorbereitung und Gestaltung von Übergängen dient dazu, die (innere) Beteiligung zu stärken und die Handlungsmöglichkeiten des Kindes als Akteur seiner Biografie zu erweitern. Ritualisierte Formen wie Abschiedskalender, Abschiedsbegehungen und Abschiedsfeste sowie die fotografische Dokumentation von Übergängen bieten sich hierfür an.

Das Lebensbuch

Die Ergebnisse unterschiedlicher Methoden biografischen Arbeitens können in einem Lebensbuch (Life Story Book) zusammengefasst und dokumentiert werden. Inhalte eines solchen, vom Kind gestalteten Buches sind z.B. eine Kopie der Geburtsurkunde, ein Stammbaum bzw. ein Genogramm, die eigene Landkarte, eine Lebensgrafik, die Dokumentation der Besuche von Orten und Personen aus der Vergangenheit und Fotografien. Da das Lebensbuch dem Kind gehört und destruktive Veränderungen oder ein Verlust des Buches nicht auszuschließen sind, ist darauf zu achten, von wichtigen Dokumenten Kopien zu verwenden.

Der theoretische Rahmen: die Bindungstheorie

Der regelmäßig zu beobachtende Wunsch von Pflege-, Erziehungsstellen- oder Heimkindern, etwas über die eigene Herkunft und die bisherigen Stationen der Lebensgeschichte zu erfahren, hängt eng zusammen mit dem angeborenen Bedürfnis des Kindes nach Bindung und sozialem Kontakt. Stabile soziale Beziehungen und die Wertschätzung bestehender Bindungen gehören zu den Grundbedürfnissen (Basic Needs) jedes Kindes. Sie bilden eine wichtige Grundlage für die Identitätsentwicklung. Die Bindungsforschung liefert die theoretische Begründung für den Wunsch von Kindern nach Biografiearbeit.

Kinder sind von Natur aus soziale Wesen. Seelische Gesundheit von Kindern lässt sich als gelungene Integration von emotionaler Verbundenheit zu vertrauten Personen und Erkundungsverhalten beschreiben. Bindungstheoretisch kommt dies in der Annahme eines Gleichgewichtes zwischen Bindungs- und Explorationsbedürfnissen zum Ausdruck. Demnach hängt eine positive sozial-emotionale Entwicklung entscheidend davon ab, ob Sicherheits- oder Bindungsbedürfnisse und Erkundungs- oder Autonomiebestrebungen gleichermaßen und ausgewogen befriedigt werden.

Das Bindungs- und Explorationssystem des Kindes stehen miteinander in einer komplementären Beziehung und regulieren sich gegenseitig. In sicheren und vertrauten Situationen wollen Kinder Neues erkunden und reagieren auf ihre Umwelt vor allem mit Interesse und Neugier. Dieses Interesse wird von dem schon für Neugeborene befriedigenden Gefühl aufrecht erhalten, Verhalten oder Ereignisse verursachen und kontrollieren zu können und dadurch selbst wirksam und erfolgreich zu sein. Demgegenüber wird in Situationen von Verunsicherung oder Angst, wie zum Beispiel in einer fremden Umgebung oder bei Abwesenheit der Bezugsperson, das Bindungssystem der Kinder aktiviert. Sie suchen die Nähe und den Kontakt zu einer Bindungsperson, die ihnen als sichere Basis dient: sie weinen, strecken die Arme nach ihr aus, folgen ihr, schmiegen sich an oder klammern sich an sie. John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, definierte Bindungsverhalten als jede Form von Verhalten, „die darauf hinausläuft, dass eine Person zu einer anderen unterschiedenen und vorgezogenen Person Nähe erlangt oder aufrechterhält“. In biologischer Perspektive stellt das Bindungssystem ein primäres, genetisch verankertes motivationales System dar, das nach der Geburt zwischen dem Säugling und seinen wichtigsten Bezugspersonen aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat. Aus psychologischer Sicht vermitteln Bindungsbeziehungen emotionale Sicherheit und Selbstvertrauen. Bindung kann nicht mit Abhängigkeit gleichgesetzt werden. Einmal etablierte Bindungsbeziehungen weisen eine große Stabilität im Lebenslauf auf und bleiben auch bei voneinander unabhängigen Personen wirksam.

Alle Kinder entwickeln im Verlauf des ersten Lebensjahres gewöhnlich eine oder mehrere Bindungsbeziehungen zu nahestehenden Personen, in der Regel Mutter und Vater. Im zweiten und dritten Lebensjahr, die als besonders bindungsempfindliche Zeit gelten, werden die Bindungserfahrungen als innere Arbeitsmodelle stabilisiert und zu einer zielkorrigierten Partnerschaft mit den Bezugspersonen ausgebaut. Dabei hängt die Stärke einer Bindung nicht von der Qualität der Beziehung ab. Auch Kinder, die abgelehnt oder gar misshandelt werden, bauen eine tiefgreifende Bindung zu den ihnen nahestehenden Personen auf.

Die Qualität einer Bindung entwickelt sich in Abhängigkeit von den Temperamentseigenschaften des Kindes und den Verhaltensweisen und inneren Repräsentanzen der erwachsenen Bindungspersonen. Für angemessenes elterliches Verhalten hat Mary Ainsworth den Begriff der Sensitivität (Feinfühligkeit) geprägt. Feinfühliges Verhalten zeichnet sich dadurch aus, dass die Signale und Bedürfnisse des Kindes korrekt wahrgenommen, richtig interpretiert sowie prompt und altersangemessen beantwortet werden. Werden die Bedürfnisse des Säuglings von den Bindungspersonen in feinfühliger Weise beantwortet, entwickelt sich in der Regel eine sichere Bindungsbeziehung. Sicher gebundene Säuglinge lernen, dass sie verlässlich beruhigt und getröstet werden, sobald sie Unruhe oder Kummer signalisieren. Sie erleben die Bindungsperson als sichere Basis, von der aus sie interessiert die Umgebung erkunden und auf die sie sich in alltäglichen Notsituationen stützen können. Kinder, die ihre Bindungsperson als zurückweisend, ignorierend oder feindselig erleben, entwickeln gewöhnlich eine unsicher-vermeidende Bindung. In Belastungssituationen neigen sie dazu, wenig von ihren Bindungsbedürfnissen zu äußern und die Bindungsperson eher zu meiden. Auf diese Weise passen sie sich so gut es geht den Anforderungen der Bindungsperson an, die von dem Kind rasche Selbständigkeit und eine frühe Selbstregulation negativer Gefühle wie Angst und Ärger erwartet.

Kinder, deren Bindungspersonen sich in Belastungssituationen in einer für das Kind wechselhaften und wenig nachvollziehbaren Weise verhalten, entwickeln eine unsicherambivalente oder kontrollierende Bindung. Das Verhalten der Bindungsperson signalisiert gleichermaßen Zuwendung, aber auch Hilflosigkeit und Ärger. Das Kind versucht, mit verstärkten und übertriebenen Gefühlsäußerungen die Aufmerksamkeit der Bindungsperson zu erregen. Gleichzeitig wird es von diesen Bemühungen stark in Anspruch genommen und wirkt dadurch emotional abhängig.

Schließlich wurde bei einer kleinen Gruppe von Kindern ein desorganisiertes Bindungsverhaltensmuster gefunden. Diese Kinder zeigen in Stresssituationen stereotype Verhaltensweisen oder sie erstarren für kurze Zeit, da ihnen aufgrund des uneindeutigen Verhaltens ihrer Bindungspersonen keine adäquaten Verhaltensstrategien zur Verfügung stehen. Desorganisierte Bindungen sind häufig Zeichen gravierender Beziehungs- und Bindungsstörungen.

Zu den Bedürfnissen von Kindern, die nicht mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben, gehört ein ungestörter Bindungsaufbau zu den sozialen Eltern und zugleich die Achtung ihrer Herkunft. Nicht in jedem Fall muss die Wertschätzung der Herkunft des Kindes sich in Besuchskontakten zwischen Kind und Herkunftseltern ausdrücken. Auf den wichtigen Unterschied zwischen realem (Umgangs-)Kontakt und innerer Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte hat Gisela Zenz hingewiesen: „Richtig ist, dass Menschen ihre Herkunft begreifen wollen, dass sie – wie es oft heißt – nach ihren Wurzeln suchen, und richtig ist auch, dass dieses Bedürfnis in Wissenschaft und Praxis lange Zeit wenig wahrgenommen worden ist. Die Verdrängung und die Verleugnung der eigenen Geschichte hat sich nicht nur im politischen Raum abgespielt, sondern auch im Umgang mit der Biografie des Individuums. (...)
Zu behaupten aber, dass diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nur in Form der realen Konfrontation mit den zu dieser Geschichte gehörenden Personen vor sich gehen könne und vor sich gehen müsse, ist eine durch nichts zu belegende Idee, die sich meist recht abstrakt auf die Erhaltung des familialen Systems beruft ohne Rücksicht auf die destruktiven Auswirkungen auf seine schwächsten Mitglieder – Kinder nämlich, die von den Eltern in der Vergangenheit Leid, Gewalt und Zurückweisung erfahren haben, das im fortdauernden Kontakt mit ihnen immer wieder auflebt“. Biografiearbeit mit Kindern außerhalb ihrer Herkunftsfamilie ist also gerade in den Fällen von Bedeutung, in denen ein Besuchskontakt zu früheren Bindungspersonen nicht möglich ist.

Was ist wahr? Wie unser biografisches Gedächtnis funktioniert

Sofern es im Zuge biografischen Arbeitens zu Widersprüchen kommt oder ein feststellbares Faktum dem subjektiv Erlebten sogar deutlich entgegensteht, stellt sich die Frage nach der Wahrheit des Erinnerten und damit nach der Funktionsweise unseres Gedächtnisses. Lange Zeit wurde angenommen, das menschliche Gehirn sei zu Beginn eine Art unbelichteter Film (Tabula rasa), auf dem nach und nach die Eindrücke des Lebens originalgetreu abgebildet würden. Die Tatsache des Vergessens versuchte man mit Ermüdungserscheinungen oder Funktionsstörungen des Gedächtnisses zu erklären. Diese auch heute noch verbreitete Vorstellung geriet spätestens mit der Erfahrung an seine Grenzen, dass wir offensichtlich in der Lage sind, „falsche“ Erinnerungen zu produzieren. Größenverschiebungen (was früher groß erschien, erweist sich als klein) und Verschiebungen von Ort und Zeit sind häufig vorkommende Ergebnisse von Erinnerungen, welche die Vorstellung eines „objektiven“ Gedächtnisses erschüttern. Bereits Sigmund Freud hat daher grundsätzliche Zweifel an der Wahrhaftigkeit von Kindheitserinnerungen geäußert: „Vielleicht ist es überhaupt zweifelhaft, ob wir bewusste Erinnerungen aus der Kindheit haben, oder nicht vielmehr bloß an die Kindheit. Unsere Kindheitserinnerungen zeigen uns die ersten Lebensjahre, nicht wie sie waren, sondern wie sie späteren Erweckungszeiten erschienen sind. Zu diesen Zeiten der Erweckung sind die Kindheitserinnerungen nicht, wie man zu sagen gewohnt ist, aufgetaucht, sondern sie sind damals gebildet worden, und eine Reihe von Motiven, denen die Absicht historischer Treue fern liegt, hat diese Bildung sowie die Auswahl der Erinnerungen mit beeinflusst“.

Die moderne Neurobiologie hat die von Freud erhobenen Zweifel mit naturwissenschaftlichen Methoden bestätigt und vertritt heute ein ganz anderes Modell von der Funktionsweise des Gehirns. So wissen wir inzwischen, dass das Gehirn nicht nur passiv Wahrnehmungen speichert, sondern als aktives Organ komplexe Erlebnisse in Einzelinformationen zerlegt, diese an mehreren Orten des Gehirns gleichzeitig ablegt und die so entstandenen Speicherungen je nach Aktualität immer wieder neu überschreibt. Der Neurobiologe Wolf Singer bezeichnet Wahrnehmungen und Erinnerungen als „datengestützte Erfindungen“, d.h. als Kompromisse aus Abbild und Konstruktion, die im Laufe des Lebens einem beständigen Wandlungsprozess unterliegen.

Ziel von Biografiearbeit im Licht dieser neuen Erkenntnisse kann daher nicht länger die Fiktion einer vollständigen und wahren Rekonstruktion der Lebensgeschichte sein. Worauf es vielmehr ankommt ist, die zur Verfügung stehenden überprüfbaren äußeren Daten und die sich wandelnden inneren Bilder ohne großen Verlust sinnvoll zu integrieren und dadurch zu einem kongruenten Selbstbild zu kommen. Es geht darum, die eigene Biografie immer wieder neu zu erschaffen, um sich seiner selbst zu vergewissern und selbstbewusst in die Zukunft zu gehen.

Die angelsächsische Schriftstellerin Elisabeth Bowen beschreibt diesen Konstruktionsprozess einer beständigen Annährung an Wahrheit wie folgt: „Wir erinnern uns, wie es uns gerade gefällt. Würde man es sich nicht erlauben, einige wenige Lügen hinzunehmen, ich weiß nicht, wie man jemals die Vergangenheit ertrüge. Gott sei dank, dass es, abgesehen vom Augenblick des Geschehens, nie so etwas gibt wie eine nackte Tatsache. Zehn Minuten später hat man schon begonnen, sie mit irgendeiner Art von Kruste zu überziehen.“

Eine Brücke in die Zukunft bauen

Sich von der Vergangenheit zu lösen heißt, sich von ihr zu verabschieden. Wer sich von Vergangenheit verabschieden will, muss ihr begegnet sein. Nicht in Form der realen Konfrontation, sondern durch Erinnern, Rekonstruktion und Einfügen in eine – seine - Lebensgeschichte.

Eine alte jüdische Weisheit lautet: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil; und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Bio-Graphie – Lebensschreibung – ist der nicht endende Versuch, sich zu erinnern und dem Leben Sinn zu verleihen. Es ist der Versuch, die Bruchstücke der Lebenserfahrung in einen Zusammenhang zu bringen, der stimmt. Eine Lebenserzählung ist stimmig, wenn sie nach innen kohärent und nach außen kongruent ist. Anders ausgedrückt, sie ist stimmig, wenn sie einen inneren Zusammenhang hat – sinnvoll ist –, und mit den überprüfbaren äußeren Daten nicht im Widerspruch steht.

Biografisches Arbeiten kann Kindern und Jugendlichen dabei helfen, Sinn zu stiften und dadurch Subjekt des eigenen Lebens zu sein. Biografiearbeit baut unbewussten Wiederholungen vor und schafft Freiraum dafür, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Gabriel Garcia Márquez hat seiner autobiografischen Erzählung „Leben, um davon zu erzählen“ das folgende Motto vorangestellt:

Das Leben ist nicht das,
was man gelebt hat, sondern das,
woran man sich erinnert
und wie man sich daran erinnert
– um davon zu erzählen.

Ich danke Ihnen!

Literatur

  • Ainsworth, Mary D.: Patterns of attachment, 1978
  • Bowlby, John: Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, 1984
  • Brisch, Karl Heinz: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie, 1999
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. UN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien, 2000
  • Freud, Sigmund, Über Deckerinnerungen, Ges.W. Bd. I
  • Kotre, John, Weisse Handschuhe. Wie das Gedächtnis Lebensgeschichten schreibt, 1996
  • Ruhe, Hans-Georg, Methoden der Biographiearbeit, 1998
  • Ryan, Tony, Walker, Rodger, Wo gehöre ich hin? Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen, 1997
  • Singer, Wolf, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, in: F.A.Z. vom 28.9.2000
  • UNICEF (Hg.): Implementation Handbook for the Convention on the Rights of the Child (2. völlig überarbeitete Auflage), 2002
  • Zenz, Gisela, Zur Bedeutung der Erkenntnisse von Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung für die Arbeit mit Pflegekindern, in: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): Jahrbuch des Pflegekinderwesens