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27.02.2024
Fachartikel

Der Blick auf die leiblichen Kinder der Pflegeeltern

In knapp der Hälfte aller Pflegefamilien leben Pflegekinder zusammen mit leiblichen Kindern in der Pflegeeltern. Wie sehen ältere und erwachsene leibliche Kinder ihr Aufwachsen mit Pflegekindern? Was wäre wichtig für sie gewesen?

Über die leiblichen Kinder in Pflegefamilien gibt es bisher in Deutschland nur wenige Studien. Es gibt eine umfassende Studie des Deutschen Jugendinstitutes "Geschwistersituation in Pflegefamilien" (erstellt 2007). Diese Studie zeigte auf, dass in knapp der Hälfte der Pflegefamilien ( 43%) zum Zeitpunkt der Fallerhebung nur Pflegekinder und keine leiblichen Kinder der Pflegefamilie lebten. Spätere Studien zu Pflegekindern unterstützten diese Einschätzung. 

Es waren (und sind) die leiblichen Kinder selbst, die in wenigen Interviews über ihr Leben als Teil einer Pflegefamilie berichtet haben.

So wurden leibliche erwachsene Kinder gefragt, ob sie mehr von dem Kind, das nun in ihre Familie kommt, erfahren hätten, so dass vielleicht manch ungewöhnliches Verhalten erklärbar für sie gewesen sei.

Für jüngere Kinder sei vorheriges Erklären wohl schwer nachvollziehbar. Ältere Kinder wollten und sollten schon mehr erfahren, aber auch hier wollen die leiblichen Kinder eigentlich normal mit dem Pflegekind umgehen – ein großes Fürsorgeverhalten dem Pflegekind gegenüber sei da nicht zu erwarten. Wichtig sei sicherlich ein normales Verhalten von Kindern untereinander.

 Leiblichen Kindern in Pflegefamilien waren auch nachfolgende Aussagen wichtig:

Aber die Eltern sollten hinschauen und feinfühlig reagieren, wenn das eigene Kind durch das Pflegekind verwirrt oder beunruhigt wird und sich dann als Eltern oder auch als Berater kümmern.

Die vom Kind empfundene Position und Bedeutung in der eigenen Familie darf nicht grundsätzlich infrage gestellt werden. So möchte das älteste Kind in der Familie weiterhin diese Rolle behalten. Verliert ein Kind seine Position (z.B. wenn es bisher das jüngste Kind war), so ist diesem Kind besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Leibliche Kinder empfinden häufig eine Verletzung der eigenen Sphäre und des eigenen Wertes durch das Leben mit dem Pflegekind und ziehen sich dann zurück.

Pflegekinder sind für ihr Pflegegeschwister nicht nur problematisch gewesen, sondern auch eine Freude. Es war spannend mit ihnen – aber sie waren immer da und es war anstrengend und manchmal haben unsere Eltern eigentlich nur noch sie gesehen und uns sehr wenig.

Gerade, wenn man schon größer ist und in der Pubertät, will man ja eigentlich darüber hinweg sein, aber trotzdem will man dann seine Eltern haben. Und wenn dann immer andere "bedürftiger" sind ist das schwierig und man fühlt sich nicht mehr angenommen. Dann ist man einerseits sauer und andererseits fühlt man sich dann auch etwas schuldig.

Eigentlich sollen ja die Pflegekinder unser Verhalten übernehmen, aber manchmal war es umgekehrt und wir haben deren Verhalten übernommen. Das hat die Familie dann gar nicht gern gesehen. Meist war das ja nur eine Phase und wir haben es wieder abgelegt.

Ein Pflegekind kann unsere Familie heftig durcheinander wirbeln, so dass wir Kinder sehr intensiv auf starke und gelassene Eltern angewiesen sind. Manche Kinder jedoch bringen unsere Eltern in Verwirrung, spalten unsere Eltern, die sich dann immer wieder zanken und sich nicht einigen können. Wenn die Eltern die Sicherheit verlieren – das ist eigentlich das Schlimmste. Wenn sie nicht mehr miteinander klar sind und nicht mehr wissen, was denn nun für uns alle gut wäre, dann werden auch wir unsicher. Wir haben uns besonders aus diesem Grund hin und wieder auch schon mal gewünscht, dass ein Kind wieder gehen sollte. Unsere Eltern müssen unsere Eltern bleiben.

Manchmal werden ältere oder erwachsene leibliche Kinder zu Erziehungspartnern der Eltern. Das ist o.k., wenn sie das so wollen und wenn dies nicht eine Partnerschaft ist, die entstanden ist, weil die Eltern nicht mehr selbst Herr der Lage sind.

In Gesprächen mit erwachsenen leiblichen Kindern wurde deutlich, wie intensiv die leiblichen Kinder durch die Tatsache mit Pflegekindern aufzuwachsen, beeindruckt und beeinflusst sind. Sie leben in sehr ausgeprägten Wertvorstellungen ihrer Eltern. Sie "tragen" das Pflegekind in erheblichem Maße sind.

Sie sind oft erster Ansprechpartner, Modell und Vorbild für die Pflegekinder und übernehmen Verantwortung. Sie erleben ihre Eltern in einer Art und Weise, die sie ohne Pflegekinder so nicht erlebt hätten. Sie erleben ihre Eltern in extremen Situationen, sie erleben sie unsicher und sehr gefordert. Sie erleben sie aber auch gelassen, klar und sicher. Sie erleben das Leben in wirklichen Höhen und Tiefen und erfahren, dass äussere Situationen die Wogen ‚hochpuschen’. Besuchskontakte, Gutachtenerstellung, Schulsituationen etc. verunsichern die Eltern, regen sie auf. Mir ist deutlich geworden, dass viele leibliche Kinder das durchaus erkennen und sich sorgen. Die Kinder bekommen die Empfindungen der Eltern mit, wissen aber oft nicht, was sie nun tun sollen und wie und ob sie helfen können. Manche Kinder werden dann aber auch Ansprechpartner für ihre belasteten Eltern und fühlen sich damit oft überfordert.

Die Kinder erkennen, dass ein schwieriges Pflegekind mit seinem Verhalten auch eine große Belastung für die Ehe der Pflegeeltern wird, dass es zu Auseinandersetzungen und Missverständnissen kommt. Das Kind sorgt sich und fühlt sich und seine bisherige Welt bedroht.

Es gab Leute, die das mit den Pflegekindern verstanden oder eben nicht verstanden. Die das nicht verstanden gehörten eben nicht zu unserem Freundeskreis. Die Nachbarn waren meist interessiert. Manche haben meinen Eltern richtig geholfen, so mit Kinderaufpassen etc., andere haben es von Weitem betrachtet. Wir haben als Kinder das einfach so genommen wie es war. Als wir älter waren haben wir mitgekriegt, dass die Leute uns als Pflegefamilie schon bemerkten. Da gab es dann Äußerungen von : ich bewundere Euch, ich könnte das nicht oder wer weiß was. Da wurde uns klar, dass wir als Familie schon auch so gesehen wurden, und etwas anders waren als andere Familien.

Erwachsene leibliche Kinder reagieren nicht einheitlich auf das Leben in einer Pflegefamilie.
Einige sind von der Sinnhaftigkeit der Aufnahme von Pflegekindern so überzeugt, dass sie als Erwachsene ebenfalls ein Pflegekind in ihre Familie aufnehmen.
Andere gehen soweit zu sagen, dass Herausnahme oder Wechsel von Pflegekindern in ihren Familien Beziehungsprobleme bei ihnen ausgelöst haben.

In den Gesprächen wurde deutlich, dass es keine allgemeine Aussage geben kann, sondern dass jedes individuelle Kind in unterschiedlichsten Situationen sehr eigenständig empfindet.

Beratung und Begleitung durch die Fachkräfte 

Von größter Bedeutung für das Gelingen einer Pflegefamilie ist es nicht nur für die Eltern sondern ebenso für die begleitenden Fachkräfte, die leiblichen Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren, sie weiterhin zu "sehen", mit ihnen im wirklichen Kontakt zu bleiben und sie ernst zu nehmen. Die Kinder tragen die Entscheidung ihrer Eltern mit. Sie tragen das Pflegekind ebenfalls auf ihren Schultern. 

Wie sagte einmal ein 14jähriger in einem Workshop mit Pflegeeltern zu den Fachkräften:

Wenn wir Besuch von unserer Fachkraft bekommen, dann werde ich zum Kaffeekochen geschickt. Na gut, ich koche dann den Kaffee, aber es ärgert mich auch. Ist der nicht bewusst, dass ich nur mit dem Finger schnippsen muss und das Pflegeverhältnis ist beendet?

 In den Interviews wurde von den leiblichen Kindern ebenfalls angegeben, dass sie sich im Nachhinein nicht gut vorbereitet gefühlt haben und sie sich nicht wirklich vorstellen konnten, was es bedeutet, ein Pflegekind in ihrer Familie zu haben. Sie machten deutlich, dass ihnen auch die Fachkräfte in dieser Hinsicht nicht geholfen haben oder helfen konnten. Es wäre so hilfreich gewesen, wenn die Fachkräfte ihnen auch gesagt hätten, wie sie im Alltag mit den Problemen der Pflegekinder umgehen könnten und viele wünschten sich auch, dass es gut gewesen wäre, mit den Fachkräften darüber sprechen zu können, wie sie mit ihren Freunden, in der Schule oder im Verein über das Leben mit dem Pflegekind sprechen könnten.

Interessante Links zum Thema

* Erfahrungen von leiblichen Kindern in Pflegefamilien – Eine qualitative Studie zu einem blinden Fleck in der Pflegekinderhilfe 

https://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.13109/prkk.2022.71.8.705

* Mütterliches Rollenverhalten und das Erleben leiblicher Kinder in der Übergangspflege" - ZPE-Schriftenreihe Nr. 45, 2017

https://www.universi.uni-siegen.de/katalog/reihen/zpe/749396.html

* Kleine Pädagogen - Eine Untersuchung über "Leibliche Kinder" in familiären Settings öffentlicher Ersatzerziehung

https://igfh.de/publikationen/fachbucher/kleine-padagogen

* Geschwister in Herkunfts- und Pflegefamilien

https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/pkh/Thrum_Geschwister.pdf

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