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Fachartikel

Beistand sein für Pflegeeltern oder Pflegekinder

In einem Amt empfinden viele Bürger die Situation als schwierig – die Räumlichkeiten, die Amtssprache, routinierte Amtspersonen, etwas fordern sollen, etwas haben wollen, Dinge überzeugend erklären müssen – das ist nicht der Alltag. Daher hat der Gesetzgeber für seine Bürger ein Hilfsangebot konstruiert: Zu allen Verfahren und Terminen der Verwaltung kann sich ein Bürger eine Person seines Vertrauens mitbringen.

In einem Amt empfinden viele Bürger die Situation als schwierig – die Räumlichkeiten, die Amtssprache, routinierte Amtspersonen, etwas fordern sollen, etwas haben wollen, Dinge überzeugend erklären müssen – das ist nicht der Alltag. Das macht unsicher, bringt Stress. Man fühlt sich klein, hilflos – weiß nicht so richtig, wie man es machen soll.

Weil dem so ist und fast jeder schon mal in irgendeinem Amt Herzklopfen bekommen hat, hat der Gesetzgeber für seine Bürger ein Hilfsangebot konstruiert:

Zu allen Verfahren und Terminen der Verwaltung kann sich ein Bürger eine Person seines Vertrauens mitbringen - einen Beistand. Diese Person steht ihm oder ihr bei den Verhandlungen bei. Sie ist eine Person meines Vertrauens an meiner Seite in einer für mich schwierigen Situation.

Pflegeeltern und Pflegekinder haben ebenfalls mit Ämtern zu tun, überwiegend mit dem für sie zuständigen Jugendamt. Zum Beispiel sind Hilfeplangespräche Verfahren im Rahmen der jugendamtlichen Arbeit und unterliegen somit den Regeln der Verwaltungsarbeit, die im Sozialgesetzbuch 10 beschrieben sind. In diesem Sozialgesetzbuch wird im § 13 die  die Beistandschaft oder Bevollmächtigung beschrieben. Es heißt dort in Absatz 4: "Ein Beteiligter kann zu Verhandlungen und Besprechungen mit einem Beistand erscheinen. Das von dem Beistand Vorgetragene gilt als von dem Beteiligten vorgebracht, soweit dieser nicht unverzüglich widerspricht".

Die Vereine der Pflege- und Adoptivfamilien und neuerdings auch die Ombudsstellen sind Anlaufstellen für Adoptiv- und Pflegeeltern, die sich in unklaren Situationen informieren wollen. Oft stecken die Eltern in einer Krise, haben lange gehofft allein klar zu kommen, werden immer unsicherer und suchen nun Hilfe.

In der Beratung dieser Adoptiv- und Pflegeeltern zeigt sich recht häufig, dass diese Eltern nicht genügend Wissen um die spezielle Situation ihres Kindes und auch ihrer eigenen Position haben, dass die Dinge alle durcheinander gehen und sich kein Anfang und kein Ende mehr findet.

So helfen Beistände den Pflegeeltern erst einmal das Durcheinander zu entwirren, suchen Puzzlestück für Puzzlestück und legen nach und nach das Puzzle zusammen. Wo stehen wir jetzt? Was macht uns eigentlich so nervös? Was wollen eigentlich die anderen von uns? Was ist mit dem Kind? Habe ich das Gefühl es schützen zu müssen? Fühle ich mich ernst genommen? Werde ich akzeptiert? Wird meine Bindung an das Kind ausgenutzt? Fühle ich mich moralisch erpresst? Wer will eigentlich was? Welche Informationen haben wir bisher überhaupt bekommen? usw.usw.

Pflegeltern sind mit vielen verschiedenen Erwartungen konfrontiert

Immer wieder fühlen Pflegeeltern sich mit Erwartungen von Sozialarbeitern, Helfern, leiblichen Eltern und anderen Beteiligten konfrontiert, die sie als Zumutung empfinden, die sie nicht nachvollziehen können. Sie fühlen sich mehr und mehr in die Enge getrieben. Die Sichtweise wird immer enger, die Pflegeeltern immer aufgeregter und hoffnungsloser.

Haben Sie Mut, einen Beistand mitzunehmen.
Haben Sie Mut, Beistand zu sein.
Haben Sie Mut, einen Beistand zu tolerieren.

Wenn wir die Puzzleteile sortieren, auf den Anfang des Geschehens schauen, überlegen, was wir eigentlich wollen, dann weitet sich der Blick wieder. Es entwickelt sich ein gangbarer Weg. Viele Pflegeeltern fühlen sich dann der Situation wieder gewachsen, sehen den Weg und das Ziel vor sich. Können allein weitergehen und haben die Zusicherung weiterer Hilfe – wenn notwendig – im Kopf.

Manchmal merke ich jedoch, dass die Sache schwer verfahren ist. Dass die Pflegeeltern allein eine Klärung nicht schaffen (können) und überlege, ob es hier nicht sinnvoll und notwendig wäre, wenn sich die Pflegeeltern eine Person ihres Vertrauens- also einen Beistand – mit zu den Hilfeplangesprächen nehmen. Besonders hilfreich finde ich einen Beistand auch dann, wenn die Pflegeeltern sehr emotional aufgewühlt sind und schnell in Tränen ausbrechen – oder dies befürchten.

Der Beistand hat diese emotionale Nähe zum Kind nicht. Er – oder sie – können dem Gespräch sachlich folgen und somit zur Versachlichung des Gespräches beitragen. Wenn Pflegeeltern weinen oder stark aufgewühlt sind, können sie nicht mehr unbefangen hören und reagieren. Sie schämen sich oft ihrer Tränen oder ihrer emotionalen Reaktionen und werden dann häufig auch nicht mehr ernst genommen. Der Beistand versteht sie und ihre Gefühle, reagiert gelassen darauf und hält trotzdem die vereinbarten Gedanken und Stichpunkte für das Hilfeplangespräch im Kopf – das beruhigt, nicht nur die Pflegeeltern.

Ich habe inzwischen Vielen als Beistand geholfen und ebenso Andere ermutigt als Beistand tätig zu sein und sie dabei unterstützt.

Wir Beistände haben interessante Erfahrungen gemacht:

  • zuerst treten uns die anderen Beteiligten der Hilfeplangespräche skeptisch gegenüber
  • zuerst nimmt man uns nur in Kauf - es gibt nun mal halt den § 13 SGB X
  • zuerst werden wir als "Kropf" angesehen - es nehmen doch schon genug am Hilfeplangespräch teil
  • Zuerst werden wir als Mißtrauenserklärung der Pflegeeltern gegenüber dem Amt angesehen
  • Zuerst....
Dann nehmen wir teil an den Gesprächen und wie reagieren wir auf diese Ablehnung?

Wir lassen uns herausfordern. Wir lassen es über uns ergehen, dass unsere Teilnahme zu einer "Machtfrage" wird. Wir erklären geduldig, dass wir keinem etwas wollen, sondern der schwierigen Angelegenheit zu einer Klärung helfen können. Wir bleiben ruhig. Wir bleiben sachlich. Wir bleiben stur. Wenn man uns erklärt, dass wir aber den Raum zu verlassen hätten, wenn es um Datenschutzfragen geht, erklären wir, dass wir dies in einem solchen Fall tun würden. Wir bleiben einfach dran. Wir lassen uns nicht abwimmeln, tatsächlich nicht und auch innerlich nicht.

Und so beginnt das Gespräch.

Die Gespräche enden immer in einer anderen Atmosphäre als sie begonnen haben. Die Beteiligten erfahren, dass wir Beistände keine Kampfmaschinen sind, sondern denkende, fühlende und durchaus mit Fachwissen gesegnete Personen, die sich und die Pflegeeltern gut auf das Gespräch vorbereitet haben. Beistände stehen einer Partei bei, so gesehen sind sie natürlich parteiisch. So gesehen vertreten Beistände die Sichtweise der Pflegeeltern. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie die Sichtweise der anderen Beteiligten am Gespräch nicht verstehen oder nachvollziehen können. Der Beistand sieht seine Aufgabe darin, diese Sichtweisen den Pflegeeltern zu vermitteln; manchmal geradezu zu übersetzen um damit zu einer Diskussionsfähigkeit zu kommen.

Kommunikationsprobleme werden aufgebrochen und gemeinsames Verstehen erleichtert. Diese Entwicklung führt zu Lösungsvorschlägen und Vereinbarungen.

Aufgrund der guten Erfahrungen hat sich in einigen Jugendämtern so etwas wie eine Beistandskultur im Pflegekinderbereich entwickelt. Dort ist die Begleitung von Pflegeeltern durch eine Person ihres Vertrauens kein Problem mehr.

Zur Entwicklung dieser Beistandskultur haben sich aus der Praxis bewährt:

  • teilen Sie Ihrem Amt mit, dass Sie eine Person Ihres Vertrauens mit zum Gespräch mitbringen
  • teilen Sie Ihrem Amt mit, wer dies sein wird d.h. stellen Sie diese Person dem Jugendamt kurz vor
  • bereiten Sie sich mit Ihrem Beistand gut auf das Gespräch vor
  • überlegen Sie, was Sie mit diesem Gespräch erreichen wollen was ist das Ziel?

Seit einiger Zeit bitten auch Jugendliche in Pflegefamilien um Begleitung durch einen Beistand. Auch hier besteht natürlich das Recht dazu. Auch hier sind besonders kooperativ die o.a. Einstiegsschritte beachten. Manchmal sind Sozialarbeiter, Vormünder und Andere persönlich sehr betroffen, wenn ein Jugendlicher oder junger Erwachsener mit einem Beistand kommen will. Sie empfinden dies als einen großen Vertrauensverlust und sind verletzt. Hier braucht der Beistand viel Fingerspitzengefühl und Fairness ohne seinen Auftrag – dem jungen Menschen als Vertrauensperson den Rücken zu stärken – aus den Augen zu verlieren. Der Beistand für Kinder oder Jugendliche ist aus meiner Sicht vergleichbar mit dem Verfahrenspfleger in familiengerichtlichen Verfahren. Auch dieser ist nicht gegen jemanden sondern vertritt das Interesse des Kindes in jeweiligen Verfahren.

Reagieren Jugendämter auf die Ankündigung, dass ein Beistand mitkommen wird?

Oh ja, die Hälfte der Pflegeeltern, die mich baten mitzukommen, wurden von ihrem Jugendamt zu einem Vorabgespräch eingeladen, um die umstrittene Sache aus dem Feld zu räumen – oder das Jugendamt selbst hat in interner Diskussion einen akzeptablen Lösungsvorschlag präsentiert.

Die zweite Hälfte ging mit mir zusammen hin. Wir sind in allen Gesprächen zu guten Lösungen gekommen, denn ALLE Beteiligten hatten sich gut vorbereitet. Gleiche Erfahrungen haben die anderen Beistände auch gemacht.

Gesetzliche Grundlage - § 13 SGB X

Zehntes Buch Sozialgesetzbuch - Sozialverwaltungsverfahren und Sozialdatenschutz

2. Abschnitt: Allgemeine Vorschriften über das Verwaltungsverfahren

Verfahrensgrundsätze

§12 Beteiligte

(1) Beteiligte sind

1. Antragsteller und Antragsgegner,

2. diejenigen, an die die Behörde den Verwaltungsakt richten will oder gerichtet hat,

3. diejenigen, mit denen die Behörde einen öffentlich-rechtlichen Vertrag schließen will oder geschlossen hat,

4. diejenigen, die nach Absatz 2 von der Behörde zu dem Verfahren hinzugezogen worden sind.

(2) Die Behörde kann von Amts wegen oder auf Antrag diejenigen, deren rechtliche Interessen durch den Ausgang des Verfahrens berührt werden können, als Beteiligte hinzuziehen. Hat der Ausgang des Verfahrens rechtsgestaltende Wirkung für einen Dritten, ist dieser auf Antrag als Beteiligter zu dem Verfahren hinzuzuziehen; soweit er der Behörde bekannt ist, hat diese ihn von der Einleitung des Verfahrens zu benachrichtigen.

(3) Wer anzuhören ist, ohne dass die Voraussetzungen des Absatzes 1 vorliegen, wird dadurch nicht Beteiligte

§ 13 Bevollmächtigte und Beistände

(1) Ein Beteiligter kann sich durch einen Bevollmächtigten vertreten lassen. Die Vollmacht ermächtigt zu allen das Verwaltungsverfahren betreffenden Verfahrenshandlungen, sofern sich aus ihrem Inhalt nicht etwas anderes ergibt. Der Bevollmächtigte hat auf Verlangen seine Vollmacht schriftlich nachzuweisen. Ein Widerruf der Vollmacht wird der Behörde gegenüber erst wirksam, wenn er ihr zugeht.

(2) Die Vollmacht wird weder durch den Tod des Vollmachtgebers noch durch eine Veränderung in seiner Handlungsfähigkeit oder seiner gesetzlichen Vertretung aufgehoben; der Bevollmächtigte hat jedoch, wenn er für den Rechtsnachfolger im Verwaltungsverfahren auftritt, dessen Vollmacht auf Verlangen schriftlich beizubringen.

(3) Ist für das Verfahren ein Bevollmächtigter bestellt, muss sich die Behörde an ihn wenden. Sie kann sich an den Beteiligten selbst wenden, soweit er zur Mitwirkung verpflichtet ist. Wendet sich die Behörde an den Beteiligten, muss der Bevollmächtigte verständigt werden. Vorschriften über die Zustellung an Bevollmächtigte bleiben unberührt.

(4) Ein Beteiligter kann zu Verhandlungen und Besprechungen mit einem Beistand erscheinen. Das von dem Beistand Vorgetragene gilt als von dem Beteiligten vorgebracht, soweit dieser nicht unverzüglich widerspricht.

(5) Bevollmächtigte und Beistände sind zurückzuweisen, wenn sie entgegen § 3 des Rechtsdienstleistungsgesetzes Rechtsdienstleistungen erbringen.

(6) Bevollmächtigte und Beistände können vom Vortrag zurückgewiesen werden, wenn sie hierzu ungeeignet sind; vom mündlichen Vortrag können sie nur zurückgewiesen werden, wenn sie zum sachgemäßen Vortrag nicht fähig sind. Nicht zurückgewiesen werden können Personen, die nach § 73 Abs. 2 Satz 1 und 2 Nr. 3 bis 9 des Sozialgerichtsgesetzes zur Vertretung im sozialgerichtlichen Verfahren befugt sind.

(7) Die Zurückweisung nach den Absätzen 5 und 6 ist auch dem Beteiligten, dessen Bevollmächtigter oder Beistand zurückgewiesen wird, schriftlich mitzuteilen. Verfahrenshandlungen des zurückgewiesenen Bevollmächtigten oder Beistandes, die dieser nach der Zurückweisung vornimmt, sind unwirksam.