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22.09.2009
Fachartikel

Auswirkungen der Vorgeschichte auf das Verhalten des Kindes

Die Vorgeschichte des Kindes beeinflusst im hohen Maße das Verhalten des Kindes in der Familie und manches Verhalten wird - weil es nicht passt - als störend empfunden.

Leibliche Kinder der Pflegeeltern haben fürsorgende Eltern erfahren, auf die sie sich verlassen konnten. Dies bringt den Kindern Vertrauen (Urvertrauen), Zugehörigkeitsgefühle, sichere Bindungen, Offenheit der Welt gegenüber. Die Familie kann aufeinander bauen, sie kann einander vertrauen. Man „kennt“ sich eben.

Pflegekinder sind Kinder mit Erfahrungen von Vernachlässigung, von Gewalt, von sexuellem Missbrauch. Diese Erfahrungen prägen das Kind besonders im Hinblick auf seine Einschätzung von sich selbst und beeinflussen im hohen Maße seine Sicht der Welt. Die Erfahrungen der Pflegekinder sind häufig für das Kind überwältigend, nicht mitzubestimmen, nicht einschätzbar. Die Kinder fühlen sich hilflos ausgeliefert, hoffnungslos verlassen, ohne Macht und Aussicht einer Veränderungsmöglichkeit. Sie haben noch kein Muster in ihrem Leben entwickeln können, mit dem sie dem Erleben von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch gegenüber treten können. Diese Kinder sind durch ihre Erfahrungen traumatisiert.

Die Praxis geht davon aus, dass die weitaus überwiegende Anzahl der Pflegekinder traumatisierende Erlebnisse hatte, bevor sie in die Pflegefamilie kommen.

Auswirkungen

Solche Erfahrungen haben natürlich Auswirkungen auf das Kind und sein Verhalten. So erleben wir die Kinder in Pflegefamilien mit mit einer Vielzahl von Verhaltensweisen und Gefühlen. Natürlich hat nicht jedes Kind alles, aber die Gefühle und das Verhalten bauen gewissermaßen aufeinander auf - entstehen, weil ein GRUNDgefühl z.B. das Vertrauen Erwachsenen gegenüber nicht vorhanden ist. Dies wiederum beeinflusst das Selbstwertgefühl, die Beziehungsmöglichkeiten, die Einschätzungsfähigkeit, das "sich-fallen-lassen-können" oder nicht etc.

Hier eine Aufzählung von Verhaltensweisen und Gefühlen von geschädigten Pflege- und Adoptivkindern in der Pflege- und Adoptivfamilie:

  • wenig Vertrauen (Misstrauen)
  • alles unter Kontrolle haben müssen
  • negatives Selbstwertgefühl ( Schuldgefühle – ich bin schuld dass mir dies passiert ist)
  • Beziehungsstörungen -( mit allen mitgehen – Fremde zu nah heranlassen, Pflegeeltern außen vor lassen)
  • Ängste ( massive)
  • Verwirrungen (extreme Gefühle hin und her)
  • Loyalitätskonflikte (es allen recht machen wollen)
  • Entwicklungsverzögerungen (Blockaden)
  • Erlernen von Überlebensstrategien –Überlebenstechniken (früh überleben KÖNNEN)
  • Werte können nicht erfahren, angenommen und umgesetzt werden
  • Grundmangelgefühl (NIE genug zu bekommen)
  • Gefühl: Leben ist Kampf
  • Missverstehen der Gefühle anderer z.B. Pflegeeltern, die nicht konsequent handeln werden als weich und schwach empfunden)
  • Wahrnehmungsprobleme ( kein Erkennen von Gefahren, schmerzunempfindlich etc.)
  • Häufig: Schwierigkeiten mit vorausschauendem Denken (sich von etwas ein Bild machen können und logischen Denken (Zusammenhänge erkennen)
  • Konzentrationsprobleme – Unruhe
  • Mangelnde Möglichkeiten, sich in jemanden einfühlen zu können oder
  • Extremes Einfühlungsvermögen bei Menschen von denen das Kind abhängig ist (z.B. misshandeltes Kind)
  • Extremes Verhalten, oft schwankend: Aggression – depressives Verhalten
  • Unrealistische Einschätzung von sich selbst
  • Unrealistische Einschätzung von anderen
  • Große Verführbarkeit – große Abhängigkeit von der Einschätzung durch Andere

Übertragungen

Das Besondere beim Umgang mit Pflege-/Adoptivkindernkindern ist die Tatsache, dass diese Kinder auf die neuen Pflege/Adoptivfamilien ihre alten Erfahrung mit „Familie“ mit „Eltern“ übertragen und nach einer Phase der Eingewöhnung ihre bisherigen Lebensstrategien weiter nutzen. Sie haben dadurch:

  • Essensprobleme – Horten, Klauen, Überfressen etc.(Vernachlässigungserfahrungen)
  • Verlassenheitsprobleme – nicht allein bleiben können – wann kommst du wieder? – gesucht werden wollen –was muß ich mit DIR tun, damit DU mich auch verlässt?
  • Vertrauensprobleme: bisherige Erfahrung von nicht verlässlichen Eltern, die ihren Elternfunktionen ( versorgen, schützen,fördern, Da-Sein) nicht gerecht wurden.
  • Beziehungsprobleme – besonders gravierende Auswirkungen, da im kindlichen Leben eigentlich alles über Beziehung läuft

Die Grundfragen dieser Kinder an seine neuen Eltern, mit denen es eine neue Beziehung aufbauen will:

  • kann ich mich auf dich verlassen,
  • tust Du was du sagst,
  • kannst du mich schützen,
  • bin ich dir wichtig