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04.12.2008
Fachartikel

Auswirkungen des Traumas

Erinnerungen an traumatische Erfahrungen können sich ganz wesentlich von den gewohnten Erinnerungen unterscheiden. Auswirkungen eines Traumas auf das Gedächtnis.

Auszug aus dem Buch "Traumatisierte Kinder in Adoptivfamilien und Pflegefamilien" S.44ff
von Susanne Lambeck

Traumagedächtnis und Verarbeitung

Erinnerungen an traumatische Erfahrungen können sich ganz wesentlich von den gewohnten Erinnerungen unterscheiden. Willkürlich sind traumatische Erinnerungen schwerer zugänglich, aber der kleinste Schlüsselreiz: ein Geruch, ein Geräusch, eine Farbe … kann genügen, sie – meist genauso ungewollt – hervor zu holen. Hierbei spielt das episodische Langzeitgedächtnis eine entscheidende Rolle. Aus psychobiologischer und neurologischer Sicht lässt sich zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis unterscheiden.

Das explizite Gedächtnis enthält alle bewusst abrufbaren Erinnerungen, beispielsweise an Fakten und Lebensereignisse. Um explizit gespeichert werden zu können, werden zuerst alle zu einem Ereignis gehörenden Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken in den jeweils zuständigen Bereichen der Hirnrinde abgelegt. Danach müssen die einzelnen Fragmente in einem langsamen Prozess, bei dem Träume und Rückerinnerungen eine wichtige Rolle spielen, zu einer zusammenhängenden Erinnerung verwoben werden. Diese so genannte Konsolidierung kann je nach der Art der Ereignisse Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Die explizite Art der Speicherung ist anfällig für Stress, so dass traumatische Erfahrungen an verschiedenen Stellen dieses komplizierten Verarbeitungsprozesses quasi stecken bleiben können.

Das implizite Gedächtnis ist entwicklungsgeschichtlich älter und wesentlich weniger stressanfällig. Es ist nicht nur im Hirn, sondern im gesamten Nervensystem und anderen Zellen des Körpers lokalisiert. Es speichert Verhaltensmuster, die Empfindlichkeit für Schlüsselreize und die Konditionierung von Körperreaktionen. Diese Informationen lassen sich jedoch nicht bewusst erinnern, sondern nur als Reaktion auf bestimmte Situationen beobachten. Die Erinnerung wird im Körper als Gefühl, als körperliche Empfindung, manchmal auch als Verhalten gespeichert.

Der Körper hat sein eigenen Gedächtnis

Diese Fragmente bleiben manchmal sogar über Jahre und Jahrzehnte hinweg stabil und erscheinen danach immer noch so frisch wie am ersten Tag. Tags kommt es zu so genannten Nachhallerinnerungen, zu Flashbacks und damit auch oft zu Konzentrations- und Leistungsstörungen. Nachts entstehen auf diese Weise Alpträume und Traumaunterbrechungs-Schlafstörungen. Übliche Erinnerungen können dagegen im Lauf der Zeit sozialen Erwartungen angepasst, erweitert und verdichtet werden.

Das Erinnerungsvermögen an das traumatische Ereignis kann durch fehlende Erinnerung (Amnesie) ausgeschaltet sein. Meistens besteht die Beeinträchtigung nach dem Träume aber ganz im Gegenteil darin, dass die Erinnerungen ungewollt und in den unpassendsten Situationen rund um die Uhr ins Bewusstsein dringen. Jede Alltagssituation und jeder nächtliche Traum kann auslösende Schlüsselreize enthalten.

Das explizite Gedächtnis kann in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt sein: durch Amnesie, Dissoziation oder eine generelle Gedächtnisstörung.

Amnesie

Bei der Amnesie können das traumatische Ereignis oder einzelne Momente nicht erinnert werden. Diese Störung ist als Folge traumatischer Ereignisse seit über hundert Jahren bekannt. Sie tritt im Vergleich zu unwillkürlichen Erinnerungen selten auf, ist jedoch für alle Arten von Traumata belegt, so auch für körperliche Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Je geringer das Alter und je stärker das Trauma, desto häufiger kann es bewusst nicht erinnert werden. Die fehlende Erinnerung kann über Stunden, Wochen oder gar Jahrzehnte anhalten. Der wichtigste Schlüsselreiz, um amnestische Erinnerungen wieder zugänglich zu machen, ist ein möglichst identischer Gefühlszustand. Deshalb beendet manchmal erst ein neues Trauma die Amnesie.

Dissoziation

Dissoziation bezeichnet die Fragmentierung oder Abspaltung von Teilen der Erfahrung. Schulkinder üben verschiedene Identitäten aus, wissen aber, dass sie so tun als ob. Anders bei der pathologischen Dissoziation. Bestandteile der traumatischen Erfahrung können durch einen separaten Geisteszustand organisiert werden, der nur ins Spiel kommt, wenn diese Elemente der traumatischen Erfahrung aktiviert werden. Dissoziation kann eine effektive Möglichkeit sein, weiter zu funktionieren, so lange das Trauma andauert, danach ist es störend im Alltag. Die Kinder verändern sehr abrupt Verhalten und Sprache. Sie können sich später nicht erinnern.

Generelle Gedächtnisstörung

Die generelle Gedächtnisstörung nach Traumatisierungen ist wohl bekannt, aber noch kaum erforscht. Sie tritt insbesondere bei langjährig traumatisierten Kindern auf. Deshalb wird angenommen, dass solche Kinder angesichts zahlreicher auf Amnesie und Dissoziation zurückgehender Gedächtnislücken keine ausreichende Gelegenheit haben, zusammenhängende Erinnerungsgeschichten bilden zu lernen.

Zusammengenommen ergeben die genannten Beeinträchtigungen das Störungsbild der „Posttraumatischen Belastungsstörungen“.

Die aktuelle Klassifikation der Krankheiten ICD-10 beschreibt drei psychische Störungen explizit als Traumafolge: die nur Stunden oder Tage dauernde „Akute Belastungsreaktion“, (F 43.0), die „Posttraumatische Belastungsstörung“ (F 43.1), und deren chronische Variante die „Andauernde Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung“ (F62.0)

Es ist sehr deutlich, das Kinder mit traumatisierenden Erfahrungen nicht nur an ihrer Seele Schaden nehmen, sondern dass diese Erfahrungen auch klar nachweisbare organische und hirnorganische Veränderungen bewirken.

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Fachbuch
von
Henrike Hopp, Steffen Siefert, Susanne Lambeck

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