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14.09.2012
Fachartikel

Aufmerksamkeit und Konzentration

Wenn Kindern das Lernen nicht so leicht fällt, wenn sie im Unterricht störend auffallen, unruhig und impulsiv sind, sich leicht ablenken lassen, nicht alles mitbekommen, für scheinbar einfache Aufgaben Stunden brauchen, erst gar nicht anfangen usw. sind die meistgenannten Worte in diesem Zusammenhang die Begriffe „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“.

Ich habe in den vergangenen Jahren viele Kinder und Jugendliche kennengelernt, die in sehr unterschiedlichen Bereichen Lernschwierigkeiten hatten und haben. Die Gründe dafür waren ausgesprochen vielfältig. Mal waren sie überfordert, mal unterfordert, anderen fehlten die richtigen Lernstrategien, um den Stoff sicher abzuspeichern. Bei manchen war es auch einfach so, dass sie zu dem Zeitpunkt, als grundlegender Stoff vermittelt wurde, den Kopf nicht frei hatten für die Materie, weil persönliche Ereignisse sie emotional zu sehr belasteten. So entstanden Lücken, die dringend geschlossen werden mussten. Wieder andere kamen mit den vorgegebenen Unterrichtsmethoden oder dem Lehrstil eines Lehrers nicht zurecht oder hatten genetisch bedingte Lernbeeinträchtigungen.

Viele der Kinder, mit denen ich bisher gearbeitet habe, sind Pflegekinder. Jedes einzelne dieser Kinder trägt zusätzlich an seiner persönlichen Geschichte und den damit verbundenen emotionalen Belastungen, die das Lernverhalten beeinflussen und die Aufnahme neuer Informationen erschweren. Auch fehlende Förderung und Ansprache führen dann oftmals dazu, dass es in unterschiedlichsten Bereichen Nachholbedarf gibt. Und das Nachholen von Erfahrungen nimmt oftmals mehr Zeit in Anspruch, als es das „entwicklungsgerechte“ Lernen tun würde.

Einige dieser Kinder haben traumatische Dinge erlebt und erfahren, die sie auch gegenwärtig noch massiv beeinflussen. So können sie nicht einschlafen, haben Angstzustände oder körperliche Beschwerden. Lernen aber ist dann am effektivsten, wenn es in einem entspannten Zustand stattfinden kann. Doch gerade Entspannung fällt vielen dieser Kinder sehr schwer!

Kinder und Jugendliche kamen und kommen zu mir mit unterschiedlichen Diagnosen wie beispielsweise Wahrnehmungsstörung, AD(H)S, Konzentrationsprobleme, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Legasthenie, Hochbegabung, Dyskalkulie (Rechenschwäche), mangelnde Lernmotivation, Schulverweigerung oder Verhaltensauffälligkeiten. Manche besuchten mich mit ihren Eltern nur einmalig zur Beratung, um den aktuellen Lernstand abzuklären und Tipps zu bekommen, wie sie beim Lernen vorgehen könnten und was es speziell für ihre Lernweise zu berücksichtigen gilt. Andere wiederum begleite ich über einen längeren Zeitraum in lerntherapeutischen Einzelsitzungen. Die Schulen, die sie besuchten, decken das ganze Spektrum ab, was die deutsche Schullandschaft zu bieten hat. Von der Förderschule bis zum Gymnasium war alles dabei.

Was auch immer die Gründe waren, warum man mich aufsuchte, meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es in jedem Menschen ein gewaltiges Potential gibt, das zu entdecken und nutzen ist.

Jeder einzelne meiner Schüler hatte neben den Schwierigkeiten beim Lernen immer auch ganz besondere Stärken, Talente und Fähigkeiten. Darunter waren sehr außergewöhnliche Begabungen. Ein Jugendlicher, der als Analphabet zu mir kam, wurde als „Pferdeflüsterer“ bezeichnet. Ein 14jähriger Schulverweigerer war fasziniert von chinesischen Schriftzeichen und beschäftigte sich in der Freizeit freiwillig damit. Ein 8jähriges Mädchen baute nach der Schule aus unterschiedlichen Materialien ganze Bühnenbilder. Und als ein 13jähriger Junge in dem Musical „Westside Story“ hingebungsvoll das Liebeslied an Maria sang, schmolzen sämtliche Zuhörer dahin und viele weinten vor Rührung.

Aufmerksamkeit und Konzentration

Wenn Kindern das Lernen nicht so leicht fällt, wenn sie im Unterricht störend auffallen, unruhig und impulsiv sind, sich leicht ablenken lassen, nicht alles mitbekommen, für scheinbar einfache Aufgaben Stunden brauchen, erst gar nicht anfangen usw. sind die meistgenannten Worte in diesem Zusammenhang die Begriffe „Aufmerksamkeit“ und „Konzentration“.

Dies sind zwei Wörter, die häufig gleiche oder ähnliche Zustände beschreiben. Eine eindeutige, verbindliche Definition gibt es bis heute nicht. Deswegen beschränke ich mich hier auf einen Aspekt der Unterscheidung, den ich für hilfreich erachte.

Aufmerksamkeit bedeutet, uns bewusst und fokussiert Sachen zuwenden zu können. Wir sind bereit, auf Reize oder Informationen aus unserer Umwelt zu reagieren.

Konzentration bedeutet, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit bei einem Gedanken oder einer Sache bleiben können. Wir lassen uns nicht oder nur doch uns wichtig erscheinende Vorkommnisse ablenken. Im Umkehrschluss bedeutet mangelnde Konzentration, dass wir den Faden nicht verlieren, uns ablenken lassen, unsere Gedanken woanders hin wandern und wir uns Sachverhalte nicht merken können.

Der mögliche schnelle, fließende Wechsel zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration hat durchaus einen Sinn, denn er hilft uns, auf aktuelle Gegebenheiten zu reagieren.

Mit einem Bild gesprochen gleicht die Konzentration dem Schein einer Taschenlampe, die Sie in der Dunkelheit benutzen, um vorwärts zu kommen. Sie richten den Schein konzentriert auf die vor Ihnen liegenden Meter. Je gezielter und ausschließlicher, also je konzentrierter Sie das tun, desto schneller kommen Sie vorwärts. Dann gibt es auf Ihrem Weg jedoch ein Geräusch, das Sie aus der tiefen Konzentration reißt. Nun sind Sie abgelenkt, halten im Gehen automatisch inne und richten den Schein der Taschenlampe in Richtung Geräusch. Sie werden für einen Moment von Ihrem eigentlichen Vorhaben, auf das Sie sich konzentriert hatten, abgelenkt.

Je nachdem, wodurch das Geräusch verursacht wurde oder was Sie abgelenkt hat, werden Sie intuitiv eine Entscheidung treffen, ob Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit auf den Weg zurückkehren oder sich der neuen Sache zuwenden. Die Frage ist also, was erscheint Ihnen in dem Moment wichtiger!

Kinder, die in ihren frühesten Jahren Gewalt, Übergriffe oder Vernachlässigungen erlebt haben, sind extrem empfänglich für Umgebungsreize. Besonders unerwartete, laute oder ängstigende Geräusche, Bilder oder Bewegungen verunsichern sie, ihre Konzentration wird schneller abgelenkt. Auch haben diese Kinder gelernt, sehr aufmerksam zu sein, um mitzukriegen, wie die aktuelle Stimmung ist, damit sie sich unter Umständen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Sie haben also eher gelernt, eine breit gefächerte Aufmerksamkeit zu haben, um keine Warnsignale zu übersehen, von daher fällt es ihnen auch umso schwerer, sich nur auf eine Sache einzulassen und darauf zu konzentrieren.

Wir alle kennen die Momente, in denen wir uns nicht auf eine Sache konzentrieren können, weil wir immer wieder weggetragen werden von unseren Gedanken. Zu unseren Liebsten zu Hause oder zu einem Problem, das uns gerade beschäftigt.

In Beratungsstunden frage ich Kinder, die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme haben, ob sie glauben, dass ihre Eltern so etwas auch kennen. Und erschreckenderweise antworten die meisten Kinder mit einem überzeugten „Nein“. In der Regel fordere ich sie dann auf, ihre Eltern direkt zu fragen. Diese antworten dann ehrlich und beschreiben ebensolche Momente.

Wenn Sie die Überraschung und Erleichterung auf den Gesichtern dieser Kinder sehen könnten, wüssten Sie, was ich meine. Es entsteht eine neue Verbindung zwischen Eltern und Kindern, das Schweigen wird gebrochen, dies ist die Basis für Mitgefühl. Von ihr aus können wir unsere Kinder begleiten und neu nach Hilfen und Lösungen für ihre Probleme suchen. Trauen Sie ihren Kindern eine Lösung oder einen Beitrag zur Lösung zu! Zwei Personen finden schneller eine Lösung als nur eine Person. Und eine selbst gefundene Lösung wird lieber umgesetzt, als eine von außen aufgesetzte.

Wenn ich im weiteren Verlauf von solchen Momenten beim Lernen spreche, in denen die Aufmerksamkeit schwindet, verwende ich gerne den Begriff „Auslöser“. Ein Auslöser ist der Grund bzw. die Ursache dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit von einer Sache abwenden und sie auf etwas anderes lenken. Dabei unterscheidet man zwischen inneren und äußeren Auslösern.

Die inneren Auslöser

Innere Auslöser können verschiedenster Art sein. So brauchen wir frische Luft zum Atmen, genügend Essen und Trinken, ausreichend Schlaf, körperliche Bewegungen, regelmäßige Pausen und Energien für die Verdauung sowie für die Konzentration auf die Lerninhalte – haben wir dies nicht, werden wir schnell abgelenkt. Aber auch die Sorge um das kranke Kaninchen zu Hause, Streit mit dem besten Freund, ein Krankheitsfall in der Familie oder unklare Familiensituationen, also Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Schuld und Einsamkeit, können unsere Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Diese Gefühle können aus der Gegenwart stammen, teilweise haben sie aber auch ihren Ursprung in der Vergangenheit. Gerade durch die Arbeit mit Pflegekindern und Kindern aus dem Heimbereich ist mir bewusster geworden, wie sehr unser Lernen von einem sicheren Umfeld abhängt. Kinder, die in den so wichtigen ersten Lebensjahren ständig Angst hatten, unterversorgt waren, unberechenbaren Ausbrüchen oder körperlichen Übergriffen ausgesetzt waren, richten ihr Lernen vorwiegend auf Strategien, die sie schützen. Eine solche Strategie ist z.B. mit der Aufmerksamkeit wegzugehen, um Hunger, Angst, Einsamkeit, Schmerzen und ähnliches aushalten zu können, in der Fachsprache nennt man das Dissoziation. Diese Lernprägung beginnt schon sehr früh und findet sich auch in späteren Jahren oftmals wieder, da auch hier gilt: „Übung macht den Meister“!

Natürliches Lernen, das uns wachsen lässt, setzt aber eine angstfreie Umgebung voraus! Nur wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns auf eine Sache einlassen, die unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert. Es wird deutlich, wie wichtig das Gefühl von menschlicher Nähe, Zuwendung und Sicherheit für das Lernen ist! Manche Kinder benötigen aufgrund ihrer Geschichte deutlich mehr Zeit, um sich auch bei Lerninhalten sicher zu fühlen.

Wenn Sie auf die Mimik und Gestik von Ihrem Gegenüber achten, können Sie dieses „Weggehen“ genau beobachten. In der Regel reagieren Kinder auf Schimpfen mit einer angespannten Körperhaltung, die Augen sind fest auf Sie oder auf den Boden gerichtet und die Stirn legt sich in Falten. Andere Kinder versuchen aus der Situation zu flüchten, es wird ihnen zu viel. Sie laufen weg mit Worten wie „lass mich!“ Bei Kindern, die nicht weglaufen können und sich dennoch in einer Situation befinden, die nicht zum Aushalten ist, kann man bei sorgfältiger Beobachtung den Moment erkennen, wo sie ihren Körper verlassen und sich innerlich fortbegeben. Sie gehen mit ihrer Aufmerksamkeit weg und nehmen das, was im Außen passiert, nicht mehr wahr. Und sie lassen in diesem Zustand alles über sich ergehen.

Vor einiger Zeit war ich bei einer Freundin in Süddeutschland zu Besuch. Als wir an einem Morgen vom Joggen zurückkamen, war Folgendes passiert: ihr dreijähriger Sohn hatte im Badezimmer gespielt und dabei das ganze Badezimmer unter Wasser gesetzt. Der ältere Bruder kam uns an der Haustür schon aufgeregt entgegen, um seiner Mutter das Malheur vorab zu berichten. Mit einem schuldbewussten Blick stand der kleinere Bruder hinter ihm. Die Mutter nahm sich den Dreijährigen, setzte ihn auf die zweitunterste Stufe der Treppe, baute sich vor ihm auf und begann laut zu schimpfen und ihm einen Vortrag zu halten. Die Augen des Kleinen waren weit aufgerissen, seine ganze Körperhaltung war in „Hab-Acht-Stellung“. Ich stand daneben, beobachtete die Situation und konnte genau den Moment wahrnehmen, wo der Junge „seinen Körper verließ“. Seine Gesichtszüge wurden weicher und die Anspannung wich aus seinem Körper, während die Mutter weiter in Hochspannung schimpfte. Nachdem die Mutter den ersten Redeschwall beendet hatte und Luft holen musste, um fortzufahren, kam der Junge wieder mental ins Hier und Jetzt zurück und fragte mit einer seelenruhigen Stimme: „Kann ich gleich die Sesamstraße gucken?“

Wenn Sie um dieses Phänomen wissen, haben Sie beim nächsten Mal eine neue Wahl! Haben Sie das Gefühl, das Kind oder der Jugendliche hört nicht mehr zu, hat sich innerlich weg begeben, dann – ganz einfach – hören Sie auf zu reden! Sie reden sowieso gegen eine Wand.

Machen Sie eine Pause und atmen Sie tief durch!

Überlegen Sie genau, was Sie wirklich sagen wollen. Finden Sie klare, knappe Worte. Oder stellen Sie sich selbst die Frage: „Was würde ich in der Situation meines Kindes gerne hören“, „wie möchte ich, dass mit mir umgegangen wird, wenn ich mich so verhalten hätte“

Es geht mir hier nicht darum, Dinge unter den Teppich zu kehren. Was benannt werden muss, soll auch benannt werden. Leider schmücken wir das Ganze häufig unnötig mit Verallgemeinerungen („das ist typisch, nie kannst du auf mich hören!“), mit Vergleichen („guck dir mal deinen Bruder an, der kann das doch auch!“) oder Vorwürfen („wie oft hab ich dir das schon gesagt!?“). Dabei haben wir bedrohlich unsere Stimme, reden schneller und nehmen vielleicht noch eine übermächtig wirkende Körperhaltung an. Solche Signale aber versetzen jeden Menschen in einen Angstzustand oder geben ihm das Gefühl, dass er überfordert ist. Früher oder später wird dann zwangsläufig „dichtgemacht“.

Und gerade bei Pflegekindern, die oftmals schon sehr bedrohliche Situationen erlebt haben, kann das als sogenannter „Auslöser“ wirken. Sie werden schlagartig an Situationen und Gefühle aus der Vergangenheit erinnert, die sehr beängstigend sein können. Kinder reagieren auf Auslöser aber nicht nur durch das Weggehen mit der Aufmerksamkeit. Manche werden dann sehr aggressiv, fangen scheinbar grundlos an, verbal ausfällig zu werden oder sich körperlich zu wehren. Andere werden dann sehr schnell sehr emotional, fangen an zu weinen oder werden panisch und lassen sich nur schwer beruhigen.

Die äußeren Auslöser

Neben den inneren Auslösern gibt es jedoch auch äußere Auslöser. So hat jeder Mensch individuelle Veranlagungen. Es gibt Menschen, die leichter durch Geräusche ablenkbar sind, während andere eher durch Gegenstände oder Bewegungen irritiert werden.

Um Ihnen zu verdeutlichen, was Auslöser aus dem Außen bei Kindern und den betreuenden Personen in Lernsituationen im wahrsten Sinne des Wortes „auslösen“, möchte ich eine Situation schildern, wie sie häufiger in Lernberatungen auftritt.

Lukas sitzt mir am Tisch gegenüber und wir gehen seine Mathematikkenntnisse durch, um herauszubekommen, wo seine Schwierigkeiten ihren Ursprung haben. In dem Raum, in dem wir sitzen, befindet sich ein Fenster zur Einfahrt. Plötzlich nimmt Lukas ein Geräusch wahr, der Postbote nähert sich dem Haus. Er hört ein weiteres Geräusch (den Einwurf in den Briefkasten) und sein Blick geht automatisch in Richtung Fenster. Für einen kurzen Moment ist er abgelenkt und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geräusche draußen.

In solchen oder ähnlichen Situationen können in der Folge die Reaktionen sehr unterschiedlich aussehen:

Seine Pflegemutter, die bei der Beratung anwesend ist, bemerkt sein Abschweifen und er hört aus dem Hintergrund ermahnende Worte: „Lukas, konzentrier dich! Pass auf!“ oder nur „Lukas!“

oder

Lukas‘ Aufmerksamkeit geht nach draußen, er kann das Geräusch sofort zuordnen, hakt es als unwichtig ab und kehrt mit seiner Aufmerksamkeit von alleine zu unserem Gespräch und den Mathematikaufgaben zurück.

oder

Lukas findet den Briefträger sehr interessant und nutzt die Gelegenheit mir mitzuteilen, dass ich gerade Post bekommen habe, es ist eine willkommene Abwechslung für ihn.

oder

Ich nehme wahr, dass Lukas durch das Geräusch abgelenkt wird und benenne den Grund („Das ist jetzt der Briefträger, der gerade die Post bringt. Ich hole sie später aus dem Briefkasten, da du jetzt wichtiger bist.“). Lukas lächelt und kehrt mit seiner Aufmerksamkeit zu unserem Gespräch zurück.

Es mag durchaus noch mehr Möglichkeiten geben. Was ich hiermit verdeutlichen möchte, ist Folgendes: Der Prozess, der sich hier abspielt, ist zum einen für alle Menschen, egal ob jung oder alt, völlig normal, zum anderen gibt es verschiedene Varianten, darauf zu reagieren. Übrigens gibt es keine eindeutig richtige Wahl bei den oben aufgezählten Reaktionen!

Im Schulalltag gibt es eine ganze Reihe an potentiellen Auslösern für Unaufmerksamkeit und Unkonzentriertheit bei Kindern. Das kann sich auf den Unterricht beziehen, wie ganz konkrete Lerninhalte, die Art der Erklärung oder die Verarbeitung der Lerninhalte. Das kann aber auch ganz andere Ursachen haben, wie ein vergessenes Pausenbrot, schnelle nicht einschätzbare Bewegungen von Mitschülern und manchmal scheinbare Kleinigkeiten, die an früher erlebtes unbewusst erinnern.

Wenn Eltern sich telefonisch bei mir melden, höre ich immer wieder die Aussage: „Mein Kind hat Probleme sich zu konzentrieren!“

Oftmals stellt sich schon während des Telefonates heraus, dass dieses Problem aber gar nicht in allen Fächern, sondern nur in einem Lernbereich ausgeprägt ist, hinter der übergeordneten Problematik der „Konzentrationsschwäche“ verbirgt sich dann etwas anderes, etwas sehr Spezielles. In diesen Fällen handelt es sich um konkrete Lernschwierigkeiten, die erkannt und bearbeitet werden können. Das Wissen, was im Einzelfall hinter der Lernproblematik eines Kindes steckt, ist wichtig, um adäquat mit dem Kind daran arbeiten zu können.

Sicher kennen Sie aus Ihrer Schulzeit oder aus den Lernsituationen mit Kindern einen der folgenden Sätze: „Jetzt konzentrier dich mal!“ oder „du musst dich nur richtig konzentrieren!“ oder „überleg doch mal!“

Was bedeutet ein solcher Satz für ein Kind? Da starrt ein Kind auf ein Wort, das es nicht lesen kann oder sitzt vor einer Aufgabe, versteht aber die Aufgabenstellung nicht und bekommt zu hören: „Jetzt konzentrier dich mal!“

Ja aber genau das versucht es doch die ganze Zeit, nur dass es nicht klappt! Wenn ich Kinder frage, was dieser Satz bedeutet, bekomme ich in der Regel zu hören: „Mama will, dass ich das jetzt mache!“ Was aber, wenn das Kind es gar nicht kann?

Bevor Sie jetzt weiterlesen, stellen Sie sich vor, dass der nächste Satz nur an Sie gerichtet ist, lesen Sie ihn laut und lassen Sie ihn auf sich wirken!

Konzentrieren Sie sich jetzt mal !!!

Fühlen Sie sich jetzt motivierter, weiter zu lesen? Oder geht es Ihnen vielmehr so, dass Sie sich fragen: „Was soll das denn jetzt, das tue ich doch?!“

Wenn ich so einen Satz gesagt bekomme, fühle ich mich nicht motivierter, ich würde daraus eher ableiten, dass ich etwas tun soll, was ich angeblich nicht tue. Und das macht mit kein gutes Gefühl.

Warum verzichten wir dann nicht einfach auf solche Sätze und ersetzen sie durch konstruktive Fragen, die natürlich anfangs einiger Übung bedürfen, sich aber auf jeden Fall lohnen?

Beispiele hierfür sind etwa:

  • Hast du eine Idee, was damit gemeint sein könnte?
  • Gibt es in der Aufgabenstellung ein Wort oder einen Begriff, den du nicht verstehst?
  • Weißt du, was mit … gemeint ist?
  • Wie bist du gestern bei den Aufgaben vorgegangen?

Konstruktive bzw. clevere Fragen stellen, bedeutet nach Lösungen zu suchen und nicht auf die Probleme zu schauen und diese zu betonen.

In einem Telefonat erzählte mir eine Pflegemutter folgende Begebenheit: ihre Tochter Simone, 13 Jahre alt, saß am Küchentisch und ärgerte sich über die Hausaufgaben in Erdkunde. Simone schimpfte laut vor sich hin über die „beknackte“ Aufgabe, den Lehrer und das Fach Erdkunde. Dabei nahm sie kein Blatt vor den Mund, eben ganz so, wie 13-jährige Pubertierende schon mal reden. Entsprechend reagierte die Mutter. Sie maßregelte ihre Tochter für die unflätigen Ausdrücke, wiederholte aber konsequent und gebetsmühlenartig die Notwendigkeit, die Hausaufgaben erledigen zu müssen und das alles natürlich im Ton einer inzwischen deutlich genervten und aufgebrachten Mutter. Die Situation eskalierte mehr und mehr. Am Ende schrien sie sich nur noch an und Simone sagte stur: „Ich mache die Aufgaben einfach gar nicht!“

Plötzlich erinnerte sich die Mutter, dass es für eine so ausufernde Situation einen Auslöser geben müsste. Sie atmete tief durch, überlegte einen Moment, ging zu ihrer Tochter und fragte schon deutlich ruhiger: „Wie heißt denn die Aufgabe?“ Etwas mürrisch antwortete Simone: „Welche Nachteile hatten die landwirtschaftlichen Methoden von vor 100 Jahren?“

Nachdem sie die Aufgabenstellung gehört hatte, fragte die Mutter: „Sag mal, weißt du denn, was ,Nachteile’ sind?“ Die Arme verschränkt und mit sturem Blick kam ein kurzes „Nein!“ als Antwort. Die Mutter erklärte den Begriff, selbst überrascht darüber, dass ihr Kind diesen nicht richtig einordnen konnte. Dann fragte sie weiter: „Gibt es ein anderes Wort, dass du nicht kennst?“ Im gleichen Tonfall wie zuvor kam die Antwort: „Methoden!“ Wieder erklärte die Mutter das Wort und war über die nun folgende Reaktion der Tochter mehr als überrascht. Simone nahm ihr Erdkundeheft und ihr Etui, stand auf, sagte schon deutlich gemäßigter: „Na gut, dann mach ich die Aufgaben eben“ und ging in ihr Zimmer.

Die beschriebenen Beispiele verdeutlichen, wie vielschichtig die Thematik ist. Es geht immer darum, jedes einzelne Kind zu beobachten, nachzufragen und herauszubekommen, wo die Schwierigkeiten genau liegen. Auf dieser Basis können dann gemeinsam Lösungen gefunden werden.

Jutta Gorschlüter:

Seit vielen Jahren selbstständige Lern- und Kommunikationsberaterin in Münster (Westfalen)
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