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26.09.2019
Fachartikel

Aufklärungspflicht ins neue Adoptionsgesetz

Appell einer Herkunftsberaterin

Die Autorin plädiert dafür, die anstehende Novellierung des Adoptionsgesetzes dafür zu nutzen, darin zu verankern, dass angenommenen Kindern die Wahrheit über ihre Adoption gesagt werden muss, und zwar von Anfang an.

„Herkunftsklärung in der Biographiearbeit“ lautete das Thema, mit dem sich die BAG Adoption und Inpflege diesen Mai in Frankfurt auf ihrer 19. Jahrestagung beschäftigt hat. In diesem Rahmen habe ich einen Vortrag über die Möglichkeiten von erwachsenen Adoptierten bei ihrer Herkunftssuche gehalten. Ebenfalls als ReferentInnen eingeladen waren der Adoptionsforscher und Autor Dr. Peter G. Kühn, die in Herkunftssuchen sehr erfahrene Adoptionsvermittlerin Elke Breunig vom Evangelischen Bundesverband Adoption e.V. und Tim Hanstein vom Verein Koreanische Adoptierte Deutschland e.V., der über Erfahrungen koreanischer Adoptierter mit DNA-Tests berichtete.

Dieses Jahr waren noch mehr Teilnehmerinnen da als in den vorangegangenen Jahren. VertreterInnen von Pflege-, Adoptiv- und Herkunftseltern, von (ehemaligen) Kindern aus Adoptiv- und Pflegefamilien und Fachstellen sorgten dafür, dass die offenen Arbeitsgespräche am zweiten Tag der Tagung besonders inhaltsreich verliefen. Es wurde konstruktiv diskutiert. Dabei ging es auch um das neue Adoptionsgesetz, das in nicht allzu ferner Zukunft erwartet wird. Die Anliegen der Adoptierten hier zu etablieren war den Anwesenden besonders wichtig. Denn Kinder haben keine Lobby - schon gar nicht diejenigen, die einen so schweren Start ins Leben haben.

Seit 18 Jahren höre ich immer wieder von meinen KlientInnen, wie die Tatsache, erst spät von der Adoption erfahren zu haben, in ihnen das Gefühl auslöste, „betrogen worden zu sein". Sie empfanden es als "Bruch", der entstand, als sie plötzlich erfuhren, dass ihre Eltern gar nicht die Eltern waren, die sie gezeugt und geboren hatten. Nichtsdestotrotz sagen die KlientInnen, dass sie immer wussten, dass ihre Eltern es gut mit ihnen meinten. Dass sie das Kind nicht belasten wollten und deswegen die Wahrheit verschwiegen. Ich meine, die Eltern wollten es sich aber auch ein bisschen einfacher machen und ihre natürliche Autorität als Eltern nicht in Frage gestellt wissen. Meist ist es eine Mischung aus beiden Aspekten.

Der amerikanische Psychotherapeut Joe Soll, selbst adoptiert und spät darüber aufgeklärt, hat in seinem Buch "Heilungsprozess für Adoptierte"* auf Seite 100 geschrieben: "Der Schmerz, die Wut und die Trauer des Adoptierten (...) sind real und verständlich und müssen respektiert werden. Für den Adoptierten ist es, als ob er ein Schauspieler ist, der in der Mitte des falschen Films platziert wurde. Was ist seine richtige Rolle? Wer soll er sein? Niemand wird ihm sagen, was zu beginn des Filmes passiert ist. Er muss selbst herausfinden, was von jetzt an zu tun ist, ohne zu wissen, was in der Vergangenheit geschehen ist. (...)" Und weiter fragt er, wie mit solch ungünstigen Voraussetzungen eine Identitätsbildung beendet werden kann? Dies halte ich für eine sehr zentrale Frage.

Annehmende Eltern wurden früher noch mehr als heute alleine gelassen mit der Frage: "Wann und wie sage ich es meinem Kind?“ Die anstehende Novellierung des Adoptionsgesetzes sollte aus meiner Sicht dafür genutzt werden, darin zu verankern, dass angenommenen Kindern die Wahrheit gesagt werden muss, und zwar von Anfang an. Damit Adoptiveltern in der Lage dazu sind, "ihr" Kind von Anfang an über die Herkunftsgeschichte aufzuklären, müssen entsprechende Beratungsangebote zur Verfügung gestellt werden. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung in der Arbeit mit erwachsenen Adoptierten halte ich es für sinnvoll, die Verpflichtung zur therapeutischen Auseinandersetzung von annehmenden Eltern gesetzlich zu verankern. Ich kann mir zum Beispiel zehn verpflichtende Therapiestunden vorstellen, angefangen mit der Trauerarbeit über die eigene Kinderlosigkeit.

In meiner bald 20jährigen Praxis habe ich mit vielen tausend erwachsenen Adoptierten gesprochen. Und es ist für mich ganz klar spürbar: Je früher die KlientInnen von ihren annehmenden Eltern über die Adoption aufgeklärt wurden, desto stabiler stehen sie im Leben, desto weniger "dramatisch“ wird die Tatsache der eigenen Adoption empfunden. Auf der Tagung formulierten erwachsene Adoptierte ebenfalls den Wunsch, dass die Pflicht zur Aufklärung im Gesetz etabliert wird.

So haben die Betroffenen die größte Chance, dass sich das Thema der eigenen Adoption als selbstverständlicher Bestandteil in die eigene Biografie einwebt. Denn wenn die annehmenden Eltern erst einen Moment suchen müssen, der als „richtiger Zeitpunkt“ für die Aufklärung empfunden wird, führt dieser Moment automatisch einen Bruch in der Kontinuität des aufwachsenden Menschen herbei.

Susanne Panter

Herkunftsberatung | Origins Consulting

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