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22.05.2008
Fachartikel

Alltag in einer Pflegefamilie

In ihrem Referat geht Henrike Hopp besonders auf die Erfahrungen der Pflegekinder ein und zieht daraus Schlussfolgerungen für das Pflegekinderwesen.

von Henrike Hopp

Die Aufnahme eines Pflegekindes beeinflusst in hohem Maße die Art- und Weise, wie eine Familie lebt, besonders in den Bereichen

  • Umgang der Familienmitglieder untereinander
  • Integration im sozialen Umfeld (Nachbarn, Freunde, Vereine )
  • Umgang und Auskommen mit Institutionen (Ämter, Schule, Kindergarten )

Das Pflegekind fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als die Pflegeeltern dies durch ihre leiblichen Kinder gewöhnt sind. Kinder reagieren auf das, was sie im Leben erfahren haben. Die Erfahrungen der Pflegekinder sind andere Erfahrungen, als die der leiblichen Kinder in Pflegefamilien. Pflegekinder haben eine andere Lebensgeschichte und dies prägt ihre Erfahrungen, ihre Befindlichkeiten, ihre Handlungen.

Leibliche Kinder der Pflegeeltern haben fürsorgende Eltern erfahren, auf die sie sich verlassen konnten. Dies bringt den Kindern Vertrauen (Urvertrauen), Zugehörigkeitsgefühle, sichere Bindungen, Offenheit der Welt gegenüber. Die Familie kann aufeinander bauen, sie kann einander vertrauen. Man "kennt" sich eben.

Pflegekinder sind Kinder mit Erfahrungen von Vernachlässigung, von Gewalt, von sexuellem Missbrauch. Diese Erfahrungen prägen das Kind besonders im Hinblick auf seine Einschätzung von sich selbst und beeinflussen im hohen Maße seine Sicht der Welt. Die Erfahrungen der Pflegekinder sind häufig für das Kind überwältigend, nicht mitzubestimmen, nicht einschätzbar. Die Kinder fühlen sich hilflos ausgeliefert, hoffnungslos verlassen, ohne Macht und Aussicht einer Veränderungsmöglichkeit. Sie haben noch kein Muster in ihrem Leben entwickeln können, mit dem sie dem Erleben von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch gegenüber treten können. Diese Kinder sind durch ihre Erfahrungen traumatisiert.

Die Praxis geht davon aus, dass mindestens 50 % der Pflegekinder traumatisierende Erlebnisse hatte, bevor sie in die Pflegefamilie kommen.

Auswirkungen

Solche Erfahrungen haben natürlich Auswirkungen auf das Kind und sein Verhalten. So erleben wir die Kinder in Pflegefamilien mit nachfolgenden Verhaltensweisen und Gefühlen:

  • wenig Vertrauen (Misstrauen)
  • alles unter Kontrolle haben müssen
  • negatives Selbstwertgefühl ( Schuldgefühle - ich bin schuld dass mir dies passiert ist)
  • Beziehungsstörungen (mit allen mitgehen - Fremde zu nah heranlassen, Pflegeeltern außen vor lassen)
  • Ängste ( massive)
  • Verwirrungen (extreme Gefühle hin und her)
  • Loyalitätskonflikte (es allen recht machen wollen)
  • Entwicklungsverzögerungen (Blockaden)
  • Erlernen von Überlebensstrategien und Überlebenstechniken (früh überleben KÖNNEN)
  • Werte können nicht erfahren, angenommen und umgesetzt werden
  • Grundmangelgefühl (NIE genug zu bekommen)
  • Gefühl: Leben ist Kampf
  • Missverstehen der Gefühle anderer (z. B. Pflegeeltern, die nicht konsequent handeln werden als weich und schwach empfunden)
  • Wahrnehmungsprobleme (kein Erkennen von Gefahren, schmerzunempfindlich etc.)
  • Häufig: Schwierigkeiten mit vorausschauendem Denken (sich von etwas ein Bild machen können und logisches Denken, Zusammenhänge erkennen)
  • Konzentrationsprobleme - Unruhe
  • Mangelnde Möglichkeiten, sich in jemanden einfühlen zu können oder
  • Extremes Einfühlungsvermögen bei Menschen von denen das Kind abhängig ist (z.B. misshandeltes Kind)
  • Extremes Verhalten, oft schwankend: Aggression - depressives Verhalten
  • Unrealistische Einschätzung von sich selbst
  • Unrealistische Einschätzung von anderen
  • Große Verführbarkeit - große Abhängigkeit von der Einschätzung durch Andere

Das Besondere beim Umgang mit Pflegekindern ist die Tatsache, dass diese Kinder auf die neuen Pflege/Adoptivfamilien ihre alten Erfahrungen mit "Familie" mit "Eltern" übertragen und nach einer Phase der Eingewöhnung ihre bisherigen Lebensstrategien weiter nutzen. Sie haben dadurch:

  • Essensprobleme - Horten, Klauen, Überfressen etc. (Vernachlässigungserfahrungen)
  • Verlassenheitsprobleme - nicht allein bleiben können - wann kommst du wieder? - gesucht werden wollen -was muß ich mit DIR tun, damit DU mich auch verlässt?
  • Vertrauensprobleme: bisherige Erfahrung von nicht verlässlichen Eltern, die ihren Elternfunktionen (versorgen, schützen,fördern, Da-Sein) nicht gerecht wurden.
  • Beziehungsprobleme - besonders gravierende Auswirkungen, da im kindlichen Leben eigentlich alles über Beziehung läuft

Die Grundfragen eines Pflegekindes an seine Pflegeeltern, mit denen es eine neue Beziehung aufbauen will:

  • Kann ich mich auf dich verlassen?
  • Tust Du was du sagst?
  • Kannst du mich schützen?
  • Bin ich dir wichtig?

Pflegekinder haben aufgrund ihrer Lebensgeschichte andere Wichtigkeiten und andere Wertigkeit im Leben. So passiert es immer wieder, dass die Kinder große Schulprobleme haben. Häufig aufgrund mangelnder Förderung in den ersten Lebensjahren, oft oder zusätzlich auch, weil sie mit anderen - für sie viel wichtigeren Dingen als z.B. Mathematik - beschäftigt sind. Sie sind dabei, neue Lebensmuster zu entdecken, neue Beziehungen zu finden, alte Narben heilen zu lassen etc. So entstehen häufig Blockaden im Bereich der Schulanforderungen.

Dies alles zeigt die hochgradige Unsicherheit und das innere Chaos des Kindes. Es hat Lebensmuster, die jetzt nicht mehr passen und kann das neue, dass es erlebt schwer nachvollziehen und verstehen.

Pflegekinder sind in ihrer Gefühlsentwicklung bei weitem nicht altersgemäß entwickelt. Sie haben die Bedürfnisse von Kleinkindern.

Mit diesen zwiespältigen Gefühlen, Erfahrungen und Bedürfnissen leben die Kinder den Alltag in der Pflegefamilie.

Dazu kommen noch äußere Bedingungen, die das Kind als Pflegekind in seiner jetzigen Familie erlebt und die natürlich das Kind beeindrucken:

Seine Position als Pflegekind bedeutet:

  • einen anderen Namen zu haben
  • Kind mit "alten" Eltern zu sein
  • Kind mit "neuen" Eltern zu sein
  • Besuchskontakte - häufig schwierige - zu haben
  • Ein "Jugendamt"Kind zu sein und evtl. einen Vormund zu haben
  • Als "Pflegekind" von seiner Umgebung gesehen und bewertet zu werden
  • Oft eine unklare Lebensperspektive zu haben

Dies ist alles andere als eine normale Lebenssituation. Besonders für traumatisierte Pflegekinder bedeutet diese Situation, dass die Pflegefamilie das Notwendigste was es braucht, SICHERHEIT, ihm nicht geben kann.

Der Alltag in einer Pflegefamilie ist der Alltag, den die Pflegefamilie überhaupt leisten kann und dieser Alltag wird wesentlich mitbestimmt durch die o.a. äußeren Rahmenbedingungen die für das Pflegekind geschaffen wurden.

Phasen der Integration in die Pflegefamilie

Das Pflegekind durchschreitet in der Pflegefamilie verschiedene Phasen, die als Integrationsphasen bezeichnet werden. In diesen Phasen hat das Kind unterschiedliche Bedürfnisse und es braucht darauf ausgerichtete Reaktionen der Pflegeeltern.

Nachdem das Kind in die Pflegefamilie gekommen ist, muss es sich erst einmal zurecht finden. In dieser Zeit ist das Kind überangepasst und versucht sich an den Gegebenheiten der Pflegefamilie zu orientieren.

Hat das Pflegekind eine gewisse Annäherung an die Pflegeeltern vollzogen, beginnt die schwierige Phase der Übertragungen. Das Kind überträgt die Erfahrungen aus seiner Herkunftsfamilie auf die neue Pflegefamilie. Hier müssen die Pflegeeltern das ausbaden, was das Kind durch seine leiblichen Eltern erlebt hat. Wesentlich zum Gelingen dieser Phase gehört das Wissen der Pflegeeltern um diese Übertragungen. Nicht SIE selbst sind gemeint, sondern an ihnen arbeitet das Kind die Erfahrungen mit den leiblichen Eltern ab.

Beispiele von Übertragungsverhalten und Ratschläge zu möglichen Reaktionen:

1. das Kind fragt immer mehrere Familienmitglieder, wenn es etwas wissen will. Es hört nicht zu, wenn ihm etwas gesagt wird. Es antwortet, ohne das, was es sagt wirklich zu meinen.

Reaktion: nicht persönlich nehmen. Verstehen, dass das Kind Verlässlichkeit und Ernstgenommen-Werden nicht gewöhnt ist. Es glaubt nicht, dass das, was die Pflegeeltern sagen, Konsequenzen hat. Dem Kind Verlässlichkeit zeigen. Es versorgen und dabei auf seine Wünsche eingehen. Kann das Kind die Versorgung annehmen, dann wird es auch eine zunehmende Abhängigkeit von den Pflegeeltern zulassen. Manchmal ist es auch sinnvoll, eine Sache, bei der es sich bisher nur auf sich selbst verlassen hat, als Pflegeeltern selbst zu übernehmen und es daher ein wenig in Abhängigkeit zu bringen. z.B. ein Kind, was sich bisher selbst morgens geweckt hat, nun zu wecken. Lässt es dies zu, lernt es zunehmend sich auf die Pflegeeltern zu verlassen.

2. das Kind erzählt bei Nachbarn, Lehrern, dass es von den Pflegeeltern nichts zu essen bekommt.

Die Nachbarn sind irritiert. Einerseits halten sie dies für nicht möglich, so wie man die Nachbarn kennt, andererseits .... man weiß ja nie. Sie beginnen, dem Kind Essen oder Süßigkeiten zu geben und ringen sich schließlich durch, darüber mit den Pflegeeltern zu sprechen. Manche rufen auch das Jugendamt an.

Reaktion der Pflegeeltern: Sprechen Sie mit dem Kind darüber, dass sie verstehen, warum es das sagt. Dass es früher Hunger gelitten hat und noch nicht so richtig weiß, ob Sie es denn auch wirklich auf Dauer versorgen werden, und dass es sich deswegen andere Quellen verschafft und warm halten will. Versichern Sie ihm, dass Sie sorgen werden und dass es irgendwann dies mal glauben wird und dann keinen anderen mehr ansprechen muss.

Sprechen ist gut, handeln ist jedoch besser. Das Kind muss erfahren, dass die Pflegeeltern absolut zuverlässig sind und dass es immer zu bestimmten Zeiten Essen gibt. Vernachlässigte Kinder werden unruhig und unsicher, wenn sie sich nicht auf bestimmte Zeiten verlassen können und wenn sie nicht jederzeit an Essen können. Dies bedeutet, dass für das Kind auch nachts etwas zu trinken und zu essen erreichbar sein muss. Eine Flasche Wasser, Knäckebrot, Obst neben seinem Bett gibt dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und angenommen werden.

Mit den Nachbarn und den Lehrern müssen die Pflegeeltern sprechen und ihnen das Nötigste aus der bisherigen Lebensgeschichte des Kindes erzählen, damit sie verstehen. Sie sollten auch mit ihnen vereinbaren, dass das Kind von ihnen nur etwas zu essen bekommt, wenn es "eingeladen" wird und die Pflegeeltern zugestimmt haben. Ansonsten wird das Kind in seinen Bedürfnissen auf die Pflegeeltern verwiesen, die ihm alles geben werden.

Natürlich müssen Pflegeeltern damit rechnen, dass Nachbarn, Lehrer , Freunde beobachten und hinschauen und das es notwendig und nötig ist, eine "offene" Familie zu sein.

3. das Kind erklärt den Pflegeeltern, dass sie es hungern lassen, es allein lassen, es gar nicht haben wollen etc. etc.

Reaktion: nicht angegriffen fühlen, es meint nicht Sie, es spricht die Ängste aus, die es hat. Nehmen Sie das Kind in die Arme, zeigen und sagen sie ihm, dass Sie es verstehen, dass es schlimmes durchgemacht hat und kein Vertrauen mehr besitzt. Sagen Sie ihm und zeigen Sie ihm, dass Sie sich sehr bemühen, damit es wieder glauben und seine Ängste vermindern kann.

4. das Kind spricht nicht über seine Ängste, drückt sie aber durch sein Verhalten aus:
Es isst ohne Maßen, hortet Essen in seinem Zimmer oder sonst wo, kontrolliert die Pflegeeltern, fragt immer und immer wieder nach, provoziert, etc.etc.

Reaktion: nicht persönlich nehmen, sich sein Verhalten mit dem Wissen um seine Geschichte erklären und verstehen und seine Bedürfnisse herausfinden. Zuverlässig und konsequent sein. Einmal Gesagtes gilt und wird nicht nach genügend Gequängel zurück genommen. Das Kind will schwache Eltern inszenieren, aber starke Eltern erleben.

5. das Kind läuft immer wieder weg, versteckt sich irgendwo oder droht mit Weglaufen

Reaktion: nicht persönlich nehmen, verstehen dass es erfahren will, ob es wichtig genug ist um von Ihnen gesucht zu werden. Suchen oder die Suchaktion ausmalen. Zeigen, wie große Sorgen man hat und deutlich machen, dass Weglaufen gefährlich ist und daher Maßnahmen überlegen, wie Weglaufen zu verhindern sei. z.B. nachts die Haustür abschließen, es nicht allein irgendwo hin lassen können. Nachbarn , Polizei informieren...

6. ein Kind provoziert den Pflegevater in extremen Maße. In der Auseinandersetzung setzt es immer noch eins drauf. Der Pflegevater hat das Empfinden, dass das Kind es darauf anlegt, von ihm geschlagen zu werden.

Reaktion: Ruhig bleiben, nicht persönlich nehmen. Das Empfinden des Pflegevaters ist völlig korrekt. Das gewalterfahrene Kind geht davon aus, dass Vater zuschlägt. Das ist sein Bild von Vater. Dieser Pflegevater hier will auch Vater sein, also handelt er wie Väter eben so handeln.. Da er noch nicht zugeschlagen hat, liegt seine Zuschlag-Schwelle vielleicht höher. Also muss man ihn dahin bringen, um sich zu bestätigen in seinem Bild.

Die Chance für Kind und Pflegevater besteht nun darin, dass dieses Bild eben nicht bestätigt wird. Das Pflegevater durch eine andere Reaktion auf die Provokation des Kindes deutlich macht, dass Gewalt keine Antwort ist und dass es andere Antworten und anderes Väterverhalten gibt.

Die passenden Reaktionen der Pflegeeltern ermöglich es dem Kind, Vertrauen aufzubauen und sich näher den Pflegeeltern anzuschließen.

So erreichen viele der Kinder die dritte Phase der Integration: Sie machen ihre Pflegeeltern zu ihren neuen Eltern - zu Mama und Papa, zu ihren engsten emotionalen Bezugspersonen.

Auch hier tritt ein Verhalten auf, dass die Pflegeeltern wissen müssen, um nicht zu erschrecken oder unangemessen zu reagieren. Das Kind verfällt den Pflegeeltern gegenüber in ein kleinkindhaftes Verhalten. Das Pflegekind wird wie ein kleines Kind um gewissermaßen wieder wie von vorn eine Kind-Eltern-Bindung gestalten zu können.
Dieses Verhalten ist ein großer Schritt zu den Pflegeeltern hin. Das Kind muss besonders hier so behandelt werden, wie es sich gerade gibt - also als Kleinkind - und nicht seinem wirklichen Alter entsprechend. Es hat die Bedürfnisse eines Kleinkindes, und dies nur den Pflegeeltern gegenüber. Es möchte von Ihnen gewiegt, babyhaft versorgt und stark beachtet werden. Es spricht häufig babyhaft und klammert. Manchmal möchte das Kind ein Babyfläschchen haben und nuckeln.
Diese Phase dauert ein paar Wochen, dann hat das Kind sich engstens an die Pflegeeltern angeschlossen.

Grenzen setzen - Strukturen geben

Pflegekinder haben bisher höchst ungeregelte, uneinschätzbare Tagesabläufe erlebt. Sie kennen keine immerwiederkehrenden Traditionen (Geburtstage, Weihnachten, Ostern etc) oder vertrauengebende Rituale (Vorlesen vor dem Einschlafen etc.).

Je chaotischer die innere Welt des Pflegekindes ist, um so mehr braucht es einen geordneten Rahmen

Wichtig sind daher klare Regeln und Grenzen:

1. WIR sind die Eltern, DU das Kind - WIR haben die Verantwortung
2. Schaffen von Bindung und Abbau der Distanzlosigkeit durch klare Regeln:

  • Du gehst mit keinem mit außer ...
  • geküsst werden nur Familienmitglieder
  • auf den Schoß genommen wirst du nur von Familienmitgliedern
  • Essen beim Nachbarn nur mit Erlaubnis der Pflegeeltern
  • ......

3. es gibt einen immerwiederkehrender zuverlässiger Tagesablauf
4. [alle] Gefühle sind o.k.
5. Einmal vereinbartes wird durchgeführt
6. Mehr Handeln als Reden (nicht zu "labernden" Eltern werden)

Besonderer Appell an die Pflegeeltern: Achten Sie auf sich selbst

Suchen Sie sich Menschen, mit denen Sie reden können und die wissen, was ein Pflegekind ist

Haben Sie Geduld - nicht nur mit dem Kind - auch mit sich.

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen - versuchen Sie statt dessen, die Bedingungen des Pflegeltern-Seins so zu beeinflussen, dass Leben und Alltag überhaupt möglich ist d.h. äußern auch SIE Ihre Vorstellungen z.B. in Hilfeplangesprächen. Manchmal ist es auch wichtig und notwendig zu überlegen, unter welchen Bedingungen kann und will ich noch und ab wann geht es nicht mehr.

Verschaffen Sie sich Wissen - individuelles Wissen über die Lebenserfahrungen des Kindes und generelles Wissen zur Pflegekindschaft - nur so können Sie das Pflegekind häufig erst verstehen, und sich selbst vor schlechtem Gewissen schützen.

Fordern Sie Hilfe ein. Ein Pflegekind groß zu ziehen ist eine schwere Aufgabe. Sie sind nicht allein verantwortlich. Teilen Sie die Verantwortung mit Vormund, Sozialarbeitern, Beratern.

Auch wenn die Pflegekinder sich schon in die Familie integriert haben, passieren immer wieder Rückschritte und Krisen. Jede Verunsicherung des Kindes z.B. durch Umzug, Schulwechsel, andere Lehrer etc. lässt die alten Lebensmuster des Kindes wieder aufbrechen.

Besonders in der Pubertät durchlebt das Pflegekind noch einmal die schon längst überwunden geglaubten problematischen Verhaltensweisen.

Sie haben nicht versagt, wenn dies so geschieht - und - geben Sie nicht auf. Durchleben Sie mit Ihrem Kind diese schwierigen Zeiten. Es braucht Sie, um sein Leben gemeistert zu bekommen und es braucht Ihre Geduld und Ihre Zuversicht, um auch selbst Zuversicht zu erreichen. Was passiert mit dem Kind, wenn sogar die Pflegeeltern aufgeben?

Geduld gilt auch für die Helfer und die Sozialarbeiter des Jugendamtes oder der freien Träger. Die Beendigung eines Pflegeverhältnisses ist selten die Lösung eines Problems. Besser ist es, die Beziehung des Kindes an seine Pflegeeltern zu akzeptieren und diesem Kind in "seiner" Familie zu helfen, so wie jedem anderen Kind in seiner Familie auch geholfen würde. Die Pflegefamilie bedarf häufig familienstützender Hilfen, um dem Ganzen gerecht zu werden.

Als hilfreich haben sich erwiesen:

Familienbeistände, Schulaufgabenhilfe, Einzelvormundschaften, regelmäßige Kinderbetreuung (damit die Eltern mal Luft holen können) und jedwede andere, individuell zugeschnittene Maßnahmen, die dieser Familie weiterhelfen. Meist sind solche Hilfen sinnvoller (und auch kostengünstiger) als die Beendigung eines Pflegeverhältnisses.

Das Pflegekind kommt in die Familie um neue Lebensmuster zu erfahren und Beziehungen zu erleben. Wenn all dies "einfach" beendet wird, erfährt das Kind wiederum unzuverlässige, enttäuschende und ablehnende Erwachsene. Meist wollen die Pflegeeltern auch in Krisen weitermachen, sie wissen oft jedoch nicht wie und brauchen selbst Achtung und Unterstützung.

Alltag in der Pflegefamilie bedeutet auch, Sicherheit darin zu haben, dass Probleme benannt und erwähnt werden dürfen, ohne das "Probleme benennen" direkt mit Überforderung gleichgesetzt wird.

Standards im Pflegekinderwesen

Hilfreich für die Gesamtheit des Pflegekinderwesens sind gemeinsam erarbeitete Standards. Wenn sich die Planer und Helfer im Jugendamt mit den Alltagsmanagern, den Pflegeeltern, zusammensetzen und gemeinsam überlegen, werden hilfreiche und nutzbringende Ergebnisse zur Unterstützung der Pflegekinder dabei herauskommen.
Gemeinsame Konzeptüberlegungen, gemeinsam besprochene Fort- und Weiterbildungen, gemeinsame Ideenentwicklung für Krisensituationen bringen das Pflegekinderwesen vor Ort voran.

Dazu bedarf es einerseits Vertreter der Pflegeeltern in Selbsthilfe-Initiativen, die Gesprächspartner des Jugendamtes sind, und andererseits gegenseitige Akzeptanz und Achtung.

Dann wird es ein gemeinsames Haus "Pflegekinderwesen" geben, in denen verschiedene Sichtweisen zu einem großen Ganzen zusammengetragen werden können.

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