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24.06.2009
Fachartikel

Alles was kommt, das geht auch wieder - die Pubertät

Wie jede Entwicklungsphase hält die Pubertät ganz bestimmte Entwicklungsaufgaben für diejenigen bereit, die sie gerade durchlaufen.

Schlecht gelaunt und muffelig, unordentlich und anspruchsvoll, aggressiv und verletzend, unnahbar und fremd. Nichts scheint mehr an diesem Kind zu stimmen, dass gestern doch noch ein netter kleiner Junge war. (Vielleicht war er auch nie ein netter kleiner Junge, aber gestern war er dagegen ja noch pflegeleicht.)
Die Pubertät ist eine Herausforderung, eine Phase des Übergangs- nicht nur für die Kinder, sondern auch für ihre Eltern. Und wie jede Entwicklungsphase hält die Pubertät ganz bestimmte Entwicklungsaufgaben für diejenigen bereit, die sie gerade durchlaufen.
Entwicklung heißt Veränderung und beinhaltet damit eine Chance für Wachstum und Reife, aber auch für Krisen..

Wohl keine Zeit im Kinderleben wird von Pflege- und Adoptiveltern so sehr gefürchtet wie die Zeit der Pubertät. Häufig kommt nach einer harmonischeren und ruhigeren Phase in der Familie mit dem Kind plötzlich oder schleichend der Umschwung. Das Verhalten der Kinder wird trotziger, die Stimmung schwankt zwischen himmel-hoch jauchzend und zu Tode betrübt. Sie erzählen kaum oder gar nicht mehr, was sie außerhalb der Familie erleben. Sie scheinen ihre Individualität zu verlieren und die Meinung der Altersgenossen wird immer wichtiger. Eltern sind in dieser Zeit eigentlich nur noch peinlich.

„Und plötzlich sind sie 13“ -als Beginn einer schwierigen Zeit- gilt heute schon lange nicht mehr. Die Vorpubertät und auch die erste Regelblutung setzen häufig früher ein.

Die Veränderungen der Pubertät werden durch Sexualhormone ausgelöst. Doch während man früher die seelischen Veränderungen der Pubertät allein auf die Auswirkung der Hormone zurückführte weiß man heute, dass es vor allem hirnorganische Umbauprozesse sind, die eine große Rolle spielen. Gerade in der Zeit der Pubertät kommt es noch einmal zu einem enormen Wachstum des Gehirns. Zwischen dem 11. und 20. Lebensjahr ist der Kopf sozusagen noch einmal eine Großbaustelle.

Die Entwicklung des Gehirns hängt sowohl von genetischen Faktoren als auch von der Art der seiner Nutzung ab. Das Gehirn entwickelt sich in Stadien von entwicklungsgeschichtlich alten zu neuen Teilen. Zuletzt reift der präfrontale Kortex. Es ist der Bereich, der für vorausschauendes, planvolles Handel zuständig ist. Durch hormonelle Einflüsse wird das Gehirn mit neurochemischen Stoffen überflutet. Sie nehmen unmittelbaren Einfluss auf die Stimmung und das Erregungspotenzial.

Im Limbischen System sind die Sexualhormone hochgradig aktiv. Die Jugendlichen suchen daher aktiv nach Erfahrungen, die intensive Gefühle auslösen. In Gruppen Gleichaltriger tendieren sie dazu, höhere Risiken einzugehen als alleine. Ebenso suchen sie in emotional stimulierenden Situationen größere Herausforderungen. Ihr Handeln und Urteilen wird von der Amygdala bestimmt, die für emotionale Reaktionen zuständig ist. Der durchschnittliche Erwachsene verlässt sich beim Handeln dagegen weniger auf die Amygdala, sondern auf den Frontallappen, der Planen und Urteilen möglich macht. Da Jugendliche in dem noch unreifen Nucleus accumbens, der Region im frontalen Kortex, die nach Belohnungen sucht, weniger Aktivitäten als Erwachsene haben, sind längerfristige Ziele (guter Schulabschluss etc.) für sie kein Anreiz. So wirken sie häufig lustlos und unmotiviert. Hinzu kommt die Schwierigkeit von Jugendlichen, Emotionen richtig zu deuten.

So fühlen sie sich häufig angegriffen.
Wie Kleinkinder brauchen Jugendliche brauchen mehr Schlaf als Erwachsene. Eine verzögerte Bildung des Hormons Melantonin verhindert aber, dass sie rechtzeitig müde werden. So gehen viele erst nach Mitternacht ins Bett und können trotzdem noch nicht schlafen. Doch es gibt eine Hoffnung für gestresste Eltern: Wenn der hirnorganische Umbauprozess erfolgreich verlaufen ist, ist die notwendige Struktur für diesen Gedankengang entwickelt: Erst Hausaufgaben machen, dann den Müll herausbringen, dann die Freunde treffen.

Wie dramatisch eine Pubertät verläuft, hängt von verschiedenen Faktoren ab: den eigenen Fähigkeiten und der Persönlichkeit des Jugendlichen, seiner Vorgeschichte und welche schützenden Rahmenbedingungen geschaffen werden konnten.Ein Pflege- oder Adoptivkind, das vor dem sechsten Lebensmonat in seine neue Familie vermittelt wurde, sich dort gut gebunden hat, über ein ausgeglichenes Temperament verfügt und gut in der Schule und in Vereinen integriert ist, lässt auf eine nicht allzu stürmische Pubertät hoffen.

Anders ein traumatisiertes Kind, das innerlich unruhig immer schon Schwierigkeiten mit sich und der Welt hat, es auch mit normalen Gleichaltrigen nur schwer aushält und eh schon immer droht, aus sozialen Bezügen heraus zu fallen. Hier wird es vermutlich stürmisch werden.

Gerade für diese Kinder kann die Pubertät aber auch eine zweite Chance sein, wenn sie durch die Entwicklung höherer kognitiver Fähigkeiten in die Lage kommen, sich nicht nur gefühlsmäßig mit ihrer Geschichte auseinandersetzen zu können.

Die Fragen nach Ursachen, nach Werten, nach richtig oder falsch sind die zentralen Fragen der Adoleszenz, der Phase des Erwachsenwerdens. Ein vorher nicht gekanntes Bedürfnis nach faktischer Wahrheit taucht bei den Jugendlichen auf. Es liegt daher auf der Hand, dass viele fremdplazierte Kinder jetzt noch einmal intensiv auf die Suche nach ihrer Geschichte gehen. Hatten sie in den Jahren zuvor vielleicht noch ihre eigene Theorie, warum alles so gekommen ist wie es ist, wollen sie nun noch einmal genau wissen, warum sie weggegeben worden sind.
Hier reicht es aber nicht, ihnen allein die Informationen zu Verfügung zu stellen.

Die Kinder brauchen einen verlässlichen Menschen, der ihnen in ihrer Suche nach der Wahrheit beisteht und der begreift, dass sie das Gefühl durchleben müssen, das ihrer damaligen Situation angemessen ist. Dieses Gefühl kann von extremer Verzweiflung bis hin zu extremer Wut reichen. So unterschiedlich die Kinder und ihre Geschichten sind, so unterschiedlich aufregend kann ihre Pubertät verlaufen. Manchmal wird es in den Familien so stürmisch, dass eine zeitweise oder längere Trennung von Pflegefamilie und Pflegekind unumgänglich ist. Fatalerweise wird der für Pflegekinder häufig aus ihrer Geschichte heraus notwendige drastische Ablösungsprozess von ihrer Pflegefamilie von den betreuenden Sozialarbeitern als Scheitern des Pflegeverhältnisses interpretiert. Der Jugendliche wird aus der Pflegefamilie herausgenommen und das vielleicht schon seit 14 Jahren bestehende Eltern-Kind-Verhältnis als beendet erklärt. Dies entspricht aber erstens nicht der Dynamik der Ereignisse und ist zweitens eine unglückliche Wiederholung der frühen Erfahrung des plötzlichen Verlustes der betroffenen Kinder.

Für diese Jugendlichen wäre es jedoch im Gegenteil extrem wichtig, dass die Pflegeeltern Eltern bleiben, auch wenn das gemeinsame Wohnen unter einem Dach nicht mehr möglich ist.
Besonders schwierig kann die Pubertät mit jenen Kindern verlaufen, die aufgrund ihrer Vorgeschichte ihre Umgebung besonders bekämpfende und kontrollierende Kinder sind. Bei ihnen besteht die besondere Gefahr, dass sie aus den elterlichen Beziehungen gleiten, in die sie sich vielleicht aufgrund ihrer Vorerfahrungen erst gar nicht sicher begeben konnten.

Es sind die Kinder und Jugendlichen, die durch nichts mehr zu erreichen zu sein scheinen. Kinder, die sich an keine Spielregeln halten, die Wünsche und Erwartungen ihrer Eltern ignorieren. Sie haben in der Familie das Sagen und nicht ihre Eltern, die sie häufig in entwürdigender Weise behandeln. Eltern und Kinder kämpfen um die Macht. Innerlich entfernen sie sich dabei immer weiter voneinander. Keiner fühlt sich mehr wohl in der Familie. Gegenseitiges Anschreien, Drohen, Demütigen nimmt immer mehr zu. Die einzige binnenfamiliäre Lösung des Konflikts besteht darin, den Kampf um die Macht von Seiten der Eltern aufzugeben und stattdessen um die Beziehung zu kämpfen.
Dieser gewaltlose Widerstand (Haim Omer und Arist von Schlippe, 2004), d. h. nicht Kämpfen um die Macht, sondern Kämpfen um die Beziehung, ist nur mit entsprechender professioneller Unterstützung zu schaffen.

Für die betroffenen Pflege- und Adoptiveltern ist es ein erster wichtiger Schritt durch das Aufsuchen professioneller Hilfe eine Öffentlichkeit herzustellen und damit das unausgesprochene Gebot der Geheimhaltung aufzuheben. Die gleichen Kinder, die sich innerhalb der Familie unmöglich und verletzend ihren Eltern und Geschwistern gegenüber benehmen, sind außerhalb der Familie häufig ganz reizende Kinder. Dies zeigt, dass die Kinder und Jugendlichen sich der sozialen Unangemessenheit ihres Verhaltens durchaus bewusst sind. Das Schaffen einer Öffentlichkeit in dieser Situation von Seiten der Eltern ist ein erster Schritt zur Veränderung.

Aber nicht jede Pubertät verläuft so extrem schwierig, und die Jugendlichen begnügen sich damit, ihren Eltern eine gehörige Portion Nerven zu kosten und einfach anstrengend zu sein.

Mit 18 Monaten entdecken kleine Kinder das erste Mal ihr ICH und bringen damit die Eltern zur Verzweiflung. Aus ihrem friedlichen, kuscheligen Baby ist plötzlich über Nacht, eine kleine, kreischende, hysterische Person geworden, die zwischen ihrem Bedürfnis nach Geborgenheit und Autonomie hin und her gerissen ist. Auch hier spielt das Wachstum des Gehirns in diesem Lebensabschnitt eine große Rolle als Ursache für die Unausgeglichenheit der Kinder. Zu entdecken, dass man schon vieles kann, aber nicht alles darf, kann schon ganz schön an den kindlichen Nerven zerren.

Kluge Bücher und erfahrene Eltern raten nun, klare Grenzen zu setzen und die Dinge, die man unbedingt erzieherisch durchsetzen möchte auf höchstens vier bis fünf zu beschränken. Mich persönlich erinnert der Zustand der Pubertät sehr an diese Kleinkindzeit. Auch in der Pubertät können die Kinder schon viel, dürfen lange aber noch nicht alles und scheinen pausenlos ihre Nerven zu verlieren. Als Eltern tut man gut daran, nicht gegen alles, was einen stört erzieherisch vorgehen zu wollen, sondern seine Energie auf die wirklich notwendigen vier, fünf Dinge zu beschränken.

Den Kontakt zu diesem „unmöglichen“ Kind nicht abreißen zu lassen, ist die größte elterliche Herausforderung in dieser Zeit. Gutgemeinte Fragen bringen meistens keine Antworten. Elterliche Transportdienste zu Feiern, Sportereignissen etc. hingegen sind gute Gelegenheiten, zuzuhören, was die Jugendlichen von sich aus erzählen. Die Kunst besteht jetzt darin, nur zuzuhören, vielleicht Verständnisfragen zu stellen, aber auf keinen Fall ungefragte Ratschläge oder Bewertungen geben.

Auch der gut gemeinte Rat, die warme Jacke anzuziehen und der emotionale Abschied vor anderen wird von dem Heranwachsenden wenig als liebevolle elterliche Fürsorge erlebt, sondern ist ihnen nur peinlich. Elterliches Kümmern kommt durch das Kochen des Lieblingsgerichtes, das Angebot bei Regen das Kind mal rasch zu fahren etc. viel diskreter und direkter ins Ziel. So paradox es klingen mag, elterliches Kümmern erleben die Jugendlichen auch dadurch, dass Eltern Regeln aufstellen, ihnen Grenzen geben, an denen sie sich reiben können. So wie Grenzen dem Kleinkind Sicherheit geben, so braucht auch der Pubertierende diese Sicherheit.

Zugegebenermaßen ist es jetzt schwieriger als beim Kleinkind. Eltern müssen bisher bewerte Erziehungsstrategien neu bedenken.
Klug sie es z. B. nicht gleich „nein“ zu sagen, auch wenn die bisherige Erfahrung lehrte, dass ein klares nein besser funktioniert als langes diskutieren. Während das Kleinkind überhaupt nicht in der Lage ist, abstrakte Vorstellungen von etwas zu entwickeln, ist das der Jugendliche in der Regel dazu in der Lage. Im Einsetzen des logischen Denkens liegt ja unsere Hoffnung. Fördern Sie also das Reflexionsvermögen, indem sie z.B. sagen: „OK, nenn mir fünf Gründe, warum du diesen Film unbedingt sehen musst.“ So können sie bei ruhiger Prüfung der Argumente entscheiden, ob sie ja oder nein sagen wollen. Manchmal sagen wir nämlich aus alter Gewohnheit nein und müssen uns dann damit plagen, etwas durchsetzen zu wollen, was wir nun auch wieder nicht so existentiell wichtig finden (z. B. bei Besuch von Oma nicht das zu kleine Hemd und die schmutzige Hose zu tragen).
Überhaupt ist das lange Reden der elterlichen Durchsetzungskraft größter Feind. Alle Kinder wissen genau: ELTERN DIE REDEN HANDELN NICHT.

Während aber in der Kleinkindphase elterliches Reden und Argumentieren nur schlicht nicht zur Verhaltensänderung beim Kind führt, kann es bei besonders auf Kontrolle und Autonomie bedachten Jugendlichen problematisch werden. Gerade schwierige Jugendliche reagieren besonders empfindlich auf Moralisieren, weil sie es als Eindringen in ihre Identität empfinden. Eine unabhängige Identität aufzubauen ist ein zentrales Entwicklungsziel der Adoleszenz. Bei dominanzorientierten Jugendlichen ist es daher Erfolg versprechender, kurz zu sagen, was man nicht wünscht, statt lange zu erklären, warum das so ist.

Alles was kommt, vergeht auch wieder. Auch wenn man es im Strudel der Ereignisse nicht glauben kann. Irgendwann ist auch die Zeit der Pubertät vorbei.

Dornen

Wir haben Rosen
gepflanzt
es wurden Dornen
der Gärtner tröstet uns
die Rosen schlafen
man muss auch
seine Dornenzeit lieben.
(Rose Ausländer)

Susanne Lambeck
Psychologische Psychotherapeutin/Klinische Psychologin
Erziehungsberatung, Krisenintervention, Fortbildung
für Pflege- und Adoptivfamilien und Familien, deren Kinder besondere Entwicklungsbedürfnisse haben
Klein-Erkenschwicker Str. 162
45738 Oer-Erkenschwick
Terminvereinbarungen: Tel: 02368-69 50 33
Tel:/Fax: 02368-69 59 52
Email: lambeckberatung@aol.com

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