Sie sind hier

01.05.2010
Fachartikel

„Nur“ schwere Kindheit oder traumatisiert

Kinder, die heute in eine Pflegefamilie vermittelt werden, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich. Sie kennen Gewalt, Trennungen, Vernachlässigung, Misshandlungen. Aber sind jetzt alle Kinder gleichermaßen durch ihre Erlebnisse traumatisiert? Und woran erkenne ich ein traumatisiertes Kind? Und was bedeutet ein Trauma für das Zusammenleben in der Pflegefamilie für den Umgang mit den Schwierigkeiten des Kindes?

Themen:

1.Was ist überhaupt ein Trauma

Malte war drei Wochen alt, als der Vater betrunken nach Hause kam und seine Mutter so verprügelte, dass sie mit ihm auf dem Arm stürzte.

Annika war in ihren ersten beiden Lebensjahren immer irgendwo - nur nicht Zuhause. Es gab keine festen Zeiten für gar nichts, geschlafen wurde da, wo man zusammensackte.

Tom wog keine fünf Kilo mehr, als er mit elf Monaten ins Krankenhaus kam.

Sarah sorgte mit acht Jahren für ihre tablettenabhängige Mutter. Der Vater missbrauchte die beiden älteren Schwestern. Sarah selbst habe aber keinen Missbrauch erlebt.

Kinder, die heute in eine Pflegefamilie vermittelt werden, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich. Sie kennen Gewalt, Trennungen, Vernachlässigung, Misshandlungen. Aber sind jetzt alle Kinder gleichermaßen durch ihre Erlebnisse traumatisiert? Und woran erkenne ich ein traumatisiertes Kind? Und was bedeutet ein Trauma für das Zusammenleben in der Pflegefamilie für den Umgang mit den Schwierigkeiten des Kindes?

Solche und ähnliche Fragen sind uns von Pflegeeltern immer wieder gestellt worden, so dass wir uns entschlossen haben, das, was wir darüber wissen, einmal aufzuschreiben.

Definition

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Grundsätzlich kann man körperliche und seelische Traumen voneinander unterscheiden. Viele Kinder, die seelisch verwundet sind, haben auch körperliche Verletzungen durch Gewalteinwirkungen erfahren. Im folgenden konzentrieren wir uns jedoch auf die psychischen Auswirkungen der „Schwierigen Situationen“, die die Kinder überlebt haben.

Welche Erlebnisse können ein Trauma verursachen?

Ein seelisches Trauma wird durch Ereignisse verursacht, die plötzlich, intensiv, gewalttätig und unkontrollierbar auf einen Menschen einwirken.
Hierbei kann sowohl ein zuviel an Reizen

  • ein Unfall, das Miterleben eines Unfalls, große Schmerzen und Angst vor dem Tod, das Erleben von Gewalt am eigenen Körper, aber auch das hilflose Mitansehen müssen von Gewalt gegenüber einem anderen, das Hören von Schmerzens- oder Hilferufen und man kann selbst nichts tun, die völlige Unvorhersehbarkeit eines Tagesablaufs

als auch ein zuwenig an für die Entwicklung notwendigen Reizen

  • Mangel an Nahrung und Zuwendung (wie bei schwerer Vernachlässigung üblich)

traumatisierend wirken.

Je jünger ein Mensch ist, desto weniger Möglichkeiten hat er, das, was anlässlich einer Bedrohung oder Vernachlässigung mit ihm passiert, zu kompensieren. Kinder erleben Situationen als lebensbedrohlich, die für Erwachsene harmlos scheinen.

Allein, hungrig und weinend in einem leeren Zimmer, niemand kümmert sich, niemand versteht, niemand hält es für wichtig zu trösten.

Ein Trauma ist ein Ereignis, dass unser Gefühl des Wohlbehagens und der Sicherheit zerstört. Kinder sind verwundbarer als Erwachsene, da sie weniger Bewältigungsmechanismen und Lebenserfahrung besitzen.

Für einen Säugling sind Stunden ohne Nahrung und Trost die Ewigkeit. Ein Kindergartenkind dagegen weiß, was es heißt: nach dem Mittagsschlaf gibt es Essen.

Nicht die Situation an sich ist es, die traumatisierend wirkt, sondern ob die Situation die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen übersteigt. Der Grad der Beeinträchtigung nach einem Trauma wird vom Umfang traumatischer Vorerfahrungen und der unmittelbaren Reaktion der Bezugspersonen mitbestimmt.

Was verändert das Erleben einer traumatischen Situation bei den Kindern?

Das Überleben eines Traumas führt sowohl zu hirnorganischen (Gehirnstrukturen) als auch zu psychologischen Veränderungen (Überzeugungen, Erwartungen spezifischen Erinnerungen) beim betroffenen Kind.

Hirnorganische Veränderungen

Ein Trauma bedeutet eine Manifestation mangelhafter Selbstregulation. Babys bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit auf die Welt, sich selbst zu beruhigen. Sie brauchen die feinfühlige Unterstützung ihrer Bezugspersonen, um zu lernen, ihre inneren Gefühlszustände selbst zu regulieren. Fehlt das elterliche Regulationsvermögen bzgl. der kindlichen Erregung und handelt es sich dann auch noch um ein sehr unruhiges, leicht irritierbares Baby, das in hohem Maße auf die Regulation von außen angewiesen ist, fördert dies die Entwicklung einer chronischen Übererregung. Teilnahmslose oder missbrauchende Eltern fördern chronische Übererregung. Das beeinflusst die Fähigkeit des Kindes seine Emotionen zu modulieren.

„Dabei wird deutlich, dass Erfahrungen die Entwicklung der Hirnstrukturen beeinflussen, wie diese wiederum die Erfahrungen beeinflussen“ (Eisenberg, 1998). Die Notwendigkeit, die biologische Reifung (z.B. Hirnentwicklung) mit der psychosozialen Entwicklung zu verknüpfen, wird beispielsweise deutlich an aktuellen Forschungsergebnissen zu den Folgen von Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch im Kindesalter. Negative Erlebnisse dieser Art, insbesondere wenn sie wiederholt und/oder anhaltend auftreten, üben über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden- und Nebennierenmark-Achse sowie über das Katecholaminsystem einen negativen Einfluss auf die Hirnentwicklung aus (De Bellis et al., 1999; Pollak et al., 1998). Eine erhöhte Kortisol- und Katecholaminausschüttung führt beispielsweise zu einem zunehmenden Verlust an Neuronen oder Verzögerungen in der Myelinisierung (De Bellis et al., 1999). Eine erhöhte Aktivität steroider Hormone und eine erhöhte Ausschüttung katecholaminerger Neurotransmitter beeinflussen Entwicklungsprozesse der neuronalen Migration, Differenzierung und der synaptischen Proliferation. De Bellis et al. (1999) konnten beispielsweise bei misshandelten Kindern mit diagnostizierter posttraumatischer Belastungsstörung mit Hilfe bildgebender Verfahren verkleinerte intracraniale und zerebrale Bereiche ermitteln (vgl. „Was ist los im Kopf des Pflegekindes beim Besuchskontakt“ paten 1/99).

Psychologische Veränderungen

Nach einem Trauma ist die Welt kein sicherer Ort mehr, an dem Menschen die Grenzen eines anderen respektieren, für ihn sorgen und ihn vor Verletzungen und Einsamkeit schützen. Die traumatische Situation vermittelt dem Kind falsche und destruktive Überzeugungen über sich selbst und die Welt.

Wenn ein Baby oder Kleinkind von seinen Bezugspersonen verletzt wird, sie ihm nur unregelmäßig zu essen und trinken geben, sie sich nicht darum kümmern, ob es schmutzig oder krank ist und niemand da ist, das ihm hilft, formt dies seine Erwartungen an die Welt. Wenn diese Situation nur einmalig oder kurzfristig eintritt, ist dies sicher nicht gut, aber wenn es wiederholt und längerfristig passiert, wirkt es zerstörerisch.

Beim Erinnern wird meist auch ein negativer Gedanke über sich selbst geweckt: ich bin hilflos oder ich bin machtlos, es ist alles meine Schuld. Kinder brauchen das Gefühl, dass sie es wert sind versorgt zu werden, sonst kann in ihnen die Überzeugung entstehen, dass sie Strafe verdienen.

Viele traumatisierte Kinder verhalten sich in den Pflegefamilien so, als ob sie nicht wertvoll und liebenswert und in Sicherheit seien. Sie konstruieren immer wieder Situationen in denen sie „Strafe verdienen“. Ihre Erfahrungen führen zu einer schematisierten Wahrnehmung der Welt. Das Kind kann sich auch später nicht vorstellen, dass es Sicherheit, Schutz vor Verletzungen, Geborgenheit und Zuverlässigkeit gibt. Es lebt in dem Gefühl, dass es sich eigentlich nur auf sich selber verlassen kann. Es entwickelt eine besondere, eine traumatische Erwartung ans Leben.

Dieses Wissen um die traumatische Erwartung ist ein gutes Konzept um zu verstehen, warum traumatische Erfahrungen sich so langfristig auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen auswirken.

Was passiert im Moment der Traumatisierung?

Es ist mitten in der Nacht. Die fünfjährige Tina hört, wie sich die Eltern im Wohnzimmer streiten. Die Stimmen werden immer lauter. Die Stimme der Mutter wird ängstlicher. Plötzlich ein Schrei, dann Stille. Tina steht auf, läuft ins Wohnzimmer und sieht den Vater mit einem blutigen Messer über der Mutter knien.

Bei Gefahr werden wir extrem wach und aufmerksam. Das Blut fließt aus der Peripherie in die inneren Organe (Vermeidung von Blutverlust). Herzschlag und Atmung werden beschleunigt. Die Muskeln ziehen sich zusammen. Es kommt zu einer Adrenalinausschüttung die uns Energie gibt, damit wir uns entweder der Situation stellen, kämpfen oder fliehen können. Normalerweise kehren wir, wenn die Gefahr vorüber ist, in unser normales neurophysiologisches Gleichgewicht zurück.

Wenn die Situation jedoch so ist, dass wir weder kämpfen noch fliehen können, erstarren wir, d.h., wir verharren regungslos in der Situation. Dieser Schockzustand wird oft fälschlich für besondere Tapferkeit gehalten.

Tina ist ganz ruhig als die Polizei kommt. Sie weint auch nicht, als sie später in die Kindernotaufnahme gebracht wird.

In Wirklichkeit befindet sich ein Mensch im Schockzustand in einem sehr starken inneren Erregungszustand (Hyperarousal).

Die Kinder sind in diesem Zustand besonders aufmerksam, empfindlich und beeinflussbar. Jede Erfahrung in diesem Zustand kann für sie tiefe Bedeutung annehmen, die sie in ihr individuelles System posttraumatischer Überzeugungen übernehmen.

Während Tinas Eltern sich immer lauter stritten, hatte ein entnervter Nachbar eine Westernhagen CD eingelegt, um den Lärm aus der Nachbarwohnung zu übertönen. Noch Jahre später erstarrte Tina, wenn ein bestimmter Westernhagen Song zufällig im Radio gespielt wurde. Sie verband das Lied mit der Überzeugung, dass gleich etwas schlimmes passieren würde.

Bekommt der Teil des Gehirns, der traumatische Erinnerungen verarbeitet zu viele Reize, kommt die Informationsverarbeitung zum Erliegen. Unsere Fähigkeit unser normales neurophysiologisches Gleichgewicht wiederherzustellen, ist beeinträchtigt. Wir bleiben in einem Zustand erhöhten Gefahrenbewusstseins - bildlich gesprochen im Notfallmodus.

Die mit dem Ereignis verbundene unverarbeitete sensorische (Sinneseindrücke) und kognitive Information scheint im Nervensystem auf eine zustandsabhängige Weise gespeichert zu sein.

Die einzelnen Sinneseindrücke konnten zur Zeit des Traumas aufgrund der Überforderung zu keiner Erinnerungsgeschichte zusammengefügt oder versprachlicht werden. So bestehen sie noch lange aus einer wilden Sammlung von Bildern, Stimmen und Geräuschen, Gerüchen und Geschmacksempfindungen, körperlichen Empfindungen, Gefühlszuständen und Verhaltensmustern.

Der Informationsfluss zwischen den beiden Gehirnhälften durch den Balken (corpus callosum) ist gestört. Es kommt zu einer auffallenden Häufung der Gehirnaktivität zugunsten der rechten Hemisphäre (Gehirnhälfte), die für Gefühle und nichtsprachliche Erfahrungen zuständig ist.

Die linke Gehirnhälfte ordnet Ereignisse in ein Zeitkontinuum ein, nutzt Sprache zur Distanzierung von Belastungsquellen und ordnet Erfahrungen einen Sinn zu. Studien zeigen: traumatisierte Menschen nutzen vorwiegend die rechte Gehirnhälfte bei Erinnerung an das Trauma.

Ein Mensch wird bei einem Autounfall schwer verletzt. Noch Jahre später, lässt ihn das Geräusch einer Krankenwagensirene zutiefst erschrecken. Das Geräusch wird in der rechten Gehirnhälfte bearbeitet: Gefühle von Angst, Schmerz werden ausgelöst. Da der Informationsaustausch mit der linken Gehirnhälfte nicht richtig funktioniert, kann sie nicht beisteuern, dass der Unfall schon vor Jahren stattgefunden hat und die jetzige Sirene nichts mit dem damaligen Unfall zu tun hat.

Je jünger das Kind ist, desto mehr ist die Erinnerung auf eine einzige Bild-, bzw. Ton- oder Geruchswahrnehmung begrenzt, welche die mit der unmittelbaren Bedrohung am stärksten assoziierte Handlung repräsentiert. Geruch wird mit sehr geringem Arbeitsaufwand registriert (Neuroanatomie des Geruchssinns), für die Aufnahme visueller (bildlicher) Informationen, benötigen wir ein ausgereifteres Unterscheidungsvermögen. Säuglinge erinnern am wahrscheinlichsten Gerüche und Geräusche einer traumatisierenden Situation.

Die geringste Erinnerung an das traumatische Ereignis löst dann im Kind so starke Angst und Erregung aus, als würde es sich für einen Gegenangriff bereit machen.

Traumagedächtnis und Verarbeitung

Erinnerungen an traumatische Erfahrungen können sich ganz wesentlich von den gewohnten Erinnerungen unterscheiden.

Willkürlich sind traumatische Erinnerungen schwerer zugänglich, aber der kleinste Schlüsselreiz: ein Geruch, ein Geräusch, eine Farbe … kann genügen, sie – meist genauso ungewollt – hervorzuholen. Hierbei spielt das episodische Langzeitgedächtnis eine entscheidende Rolle. Aus psychobiologischer und neurologischer Sicht lässt sich zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis unterscheiden.

Das explizite Gedächtnis enthält alle bewusst abrufbaren Erinnerungen, beispielsweise an Fakten und Lebensereignisse. Um explizit gespeichert werden zu können, werden zuerst alle zu einem Ereignis gehörenden Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken in den jeweils zuständigen Bereichen der Hirnrinde abgelegt. Danach müssen die einzelnen Fragmente in einem langsamen Prozess, bei dem Träume und Rückerinnerungen eine wichtige Rolle spielen, zu einer zusammenhängenden Erinnerung verwoben werden. Diese sogenannte Konsolidierung kann je nach der Art des Ereignisses Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Die explizite Art der Speicherung ist anfällig für Stress, so dass traumatische Erfahrungen an verschiedenen Stellen dieses komplizierten Verarbeitungsprozesses quasi stecken bleiben können.

Das implizite Gedächtnis ist entwicklungsgeschichtlich älter und wesentlich weniger stressanfällig. Es ist nicht nur im Gehirn, sondern im gesamten Nervensystem und anderen Zellen des Körpers lokalisiert. Es speichert Verhaltensmuster, die Empfindlichkeit für Schlüsselreize und die Konditionierung von Körperreaktionen. Diese Informationen lassen sich jedoch nicht bewusst erinnern, sondern nur als Reaktionen auf bestimmte Situationen beobachten.

Die Erinnerung wird im Körper als Gefühl, als körperliche Empfindung manchmal auch als Verhalten gespeichert.

Der in seiner Ursprungsfamilie misshandelte Sven, riss noch lange nach der Herausnahme aus der Familie, die Arme zum Schutz vor das Gesicht, wenn er eine laute Stimme hörte, um erwartete Schläge abzuwehren.

Der Körper hat sein eigenes Gedächtnis.

Diese Fragmente bleiben manchmal sogar über Jahre und Jahrzehnte hinweg stabil und erscheinen danach immer noch so frisch wie am ersten Tag. Tags kommt es zu sogenannten Nachhallerinnerungen, zu Flashbacks und damit auch oft zu Konzentrations- und Leistungsstörungen. Nachts entstehen auf diese Weise Alpträume und Traumunterbrechungs-Schlafstörungen. Übliche Erinnerungen können dagegen im Laufe der Zeit sozialen Erwartungen angepasst, erweitert und verdichtet werden.

Das Erinnerungsvermögen an das traumatische Ereignis kann durch fehlende Erinnerung (Amnesie) ausgeschaltet sein. Meistens besteht die Beeinträchtigung nach dem Trauma aber ganz im Gegenteil darin, dass die Erinnerung ungewollt und in den unpassendsten Situationen rund um die Uhr ins Bewusstsein dringt. Jede Alltagssituation und jeder nächtliche Traum kann auslösende Schlüsselreize enthalten.

Das explizite Gedächtnis kann in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt sein:

  1. durch Amnesie,
  2. Dissoziation oder eine
  3. generelle Gedächtnisstörung.

1. Bei der Amnesie können das traumatische Ereignis oder einzelne Momente nicht erinnert werden.

Diese Störung ist als Folge traumatischer Ereignisse seit über hundert Jahren bekannt. Sie tritt im Vergleich zu unwillkürlichen Erinnerungen selten auf, ist jedoch für alle Arten von Traumata belegt, so auch für körperliche Misshandlung und sexuellen Missbrauch. Je geringer das Alter und je stärker das Trauma, desto häufiger kann es bewusst nicht erinnert werden. Die fehlende Erinnerung kann über Stunden, Wochen oder gar Jahrzehnte anhalten. Der wichtigste Schlüsselreiz, um amnestische Erinnerungen wieder zugänglich zu machen, ist ein möglichst identischer Gefühlszustand. Deshalb beendet manchmal erst ein neues Trauma die Amnesie.

2. Dissoziation bezeichnet die Fragmentierung oder Abspaltung von Teilen der Erfahrung. Schulkinder üben verschiedene Identitäten aus, wissen aber, dass sie so tun als ob. Anders bei der pathologischen Dissoziation. Bestandteile der traumatischen Erfahrung können durch einen separaten Geisteszustand organisiert werden, der nur ins Spiel kommt, wenn diese Elemente der traumatischen Erfahrung aktiviert werden. Dissoziation kann eine effektive Möglichkeit sein, weiter zu funktionieren, solange das Trauma andauert, danach ist es störend im Alltag. Die Kinder verändern sehr abrupt Verhalten oder Sprache. Sie können sich später nicht erinnern.

Peter wird dabei beobachtet, wie er das neue Auto des Nachbarn verkratzt. Später darauf angesprochen, erklärt er, dass er das auf gar keinen Fall gewesen sein könnte. Er könne sich nicht daran erinnern, überhaupt in der Nähe des Autos gewesen zu sein. Der Pflegevater hat das Gefühl, dass Peter sich wirklich nicht erinnert.

3. Die generelle Gedächtnisstörung nach Traumatisierungen ist wohl bekannt, aber noch kaum erforscht. Sie tritt insbesondere bei langjährig traumatisierten Kindern auf. Deshalb wird angenommen, dass solche Kinder angesichts zahlreicher auf Amnesie und Dissoziation zurückgehender Gedächtnislücken keine ausreichende Gelegenheit haben, zusammenhängende Erinnerungsgeschichten bilden zu lernen.

Zusammengenommen ergeben die genannten Beeinträchtigungen das Störungsbild der „Posttraumatischen Belastungsstörung“.

Die aktuelle Klassifikation der Krankheiten ICD-10 beschreibt drei psychische Störungen explizit als Traumafolge: die nur Stunden oder Tage andauernde „Akute Belastungsreaktion“ (F43.0), die „Posttraumatische Belastungsstörung“ (F43.1) und deren chronische Variante, die „Andauernde Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung“ (F62.0).

2. Vom Erkennen des Traumas zur Hilfe für das Kind

Die wichtigste Beziehung im Leben eines Kindes ist die Bindung an seine erste Pflegeperson, in der Regel zur Mutter. In dieser ersten Beziehung entwickelt das Kind ein biologisches und gefühlsmäßiges Modell für alle späteren Beziehungen. Eine gelungene Liebesbindung zur Mutter, aufgebaut durch wiederholte Bindungserfahrungen während der Säuglingszeit, ist eine solide Basis für zukünftige gesunde Beziehungen.

Schwere gefühlsmäßige Vernachlässigung in der frühen Kindheit kann sich verheerend auswirken. Kinder ohne Berührungen, Anregungen und Pflege können buchstäblich die Fähigkeit, überhaupt dauerhafte, tragfähige Beziehungen einzugehen, für den Rest ihres Lebens verlieren. Die Auswirkungen beeinträchtigter Bindungserfahrung hängen davon ab, wie früh im Leben, wie lange und wie schwer die emotionale Vernachlässigung gewesen ist. 80% der missbrauchten/ vernachlässigten Kinder zeigen von Desorganisation und Desorientiertheit gekennzeichnete Bindungsmuster: Wechsel von Annäherung und Vermeidung, stilles Dasitzen oder verlangsamte Bewegungen (vgl. Petermann, F., Niebank, K., Scheithauer). Hinzu kommt häufig bizarres Essverhalten, Horten von Nahrung, Schluckprobleme oder Heraufholen von Nahrung nur als eines von vielen Problemen.

Neben dem Horten von Nahrung stellt die Nahrungsverweigerung eine besondere Belastung für Pflegeeltern dar. Nichts ist so groß wie die Sorge, das ihnen anvertraute Kind könnte verhungern. Auch wenn keine organische Ursache vorliegt, kommt es zum Konflikt zwischen dem Kontrollbedürfnis der Erwachsenen und den zunehmenden Autonomiebestrebungen des Kindes (vgl. Dunitz-Scheer).

Da das Kind auf Grund seines Alters noch nicht „vernünftig“ agiert, kommt sein intuitiv gesteuertes Verhaltensrepertoire zum Tragen: Es geht mit seiner verfügbaren psychischen Energie und körperlichen Bewegungsmöglichkeiten in den Widerstand; eine sehr kluge und psychohygienisch intelligente Lösung, für das Essverhalten jedoch problematisch und für die Pflegeeltern irritierend und belastend.

Auch wenn die Herausnahme aus der Ursprungsfamilie nur zu seinem Besten geschieht, ist es für das Kind doch ein Akt der Willkür und der Überwältigung. Es trauert um das Verlorene. Der einzige Bereich, wo das Kind noch selbst über sich bestimmen kann, ist die Nahrungsaufnahme. Für Pflegeeltern ist wichtig, sich diese Dynamik klar zu machen, damit sie sich nicht zunehmend inkompetent und hilflos fühlen.

Ein neuer Anfang

Die folgenden Ausführungen in Anlehnung an Nancy Thomas beziehen sich schwerpunktmäßig auf Kleinkinder, gelten in angepasster Form aber ebenso für neu aufgenommene ältere Kinder. Schon Babys und Kleinkinder brauchen mehr „als ein gutes Zuhause”, wenn sie Anzeichen einer Bindungsstörung zeigen.

Haben Sie ein Kind aufgenommen, das selten oder nie Blickkontakt zu Ihnen aufnimmt? Betrachtet es Ihren Mund oder Ihre Nase, aber niemals Ihre Augen, besonders wenn Sie es halten? Haben Sie ein Baby, das niemals in Ihren Armen kuschelt? Haben Sie den Eindruck, dass es Ihr Kind unberührt lässt, ob Sie da sind oder nicht? Lässt es sich nicht dadurch beruhigen, dass Sie es hochnehmen? Könnte man es als „zu braves“ Baby bezeichnen? Schreit es nicht und knatscht es nicht? Oder ist es häufig gereizt und schreit viel? Fühlt es sich in Ihrem Arm auffällig schlapp oder angespannt an?

Lag es am Anfang seines Lebens viel im Krankenhaus und/oder musste es viele medizinische Prozeduren und starke Schmerzen über sich ergehen lassen? Auch sehr junge Säuglinge können schmerzhafte und überwältigende Erfahrungen in ihrem Gedächtnis speichern. Diese Erfahrungen beeinflussen die Kinder in der Art und Weise wie sie sich verhalten und wie sie Kontakt zu ihrer Umwelt aufnehmen.

Wenn das so ist, zeigt ihr Baby oder Kleinkind höchstwahrscheinlich Anzeichen einer Beziehungsstörung.

In den ersten Monaten…

Das Kind, das Sie gerade aufgenommen haben, hat vermutlich schon viele verschiedene Hände kennen gelernt. Jetzt muss es lernen, welche Hände wirklich wichtig sind.

Folgen von Bindungsmangel gehen nicht von selbst weg, sie werden nur schlimmer, wenn nicht entsprechend damit umgegangen wird. Deshalb braucht auch schon ein Baby ein eindeutiges Bindungsangebot von Ihnen.

Sie und ausschließlich Sie versorgen das Kind. Tragen Sie es wenn möglich häufig an Ihrem Körper. Tragetücher und Babytragen können dabei eine gute Hilfe sein, den Körperkontakt zu unterstützen. Je mehr Kontakt Sie herstellen, umso besser. Dieser kleine Mensch wurde bisher nicht genug getragen. Geben Sie ihm den Halt, den er jetzt braucht! Wenn möglich, lassen Sie Ihr Baby nahe bei sich im Raum schlafen. Stellen Sie das Babybettchen direkt neben Ihres. Es muss Sie atmen hören und wissen, dass Sie in der Nähe sind.

Sie und Ihr Partner sind die einzigen Bezugspersonen! Sie geben die Flasche, Sie füttern, baden und wickeln, Sie ziehen das Kind an und spielen mit ihm. Falls Freunde oder Familienmitglieder Ihnen helfen möchten, lassen Sie sie den Hund ausführen, das Haus putzen, Flaschen spülen und die Wäsche waschen, lassen Sie sie Lebensmittel bringen oder Tee kochen. Beschäftigen Sie solange keinen Babysitter oder geben Sie das Kind nicht weg, um es beaufsichtigen zu lassen, so lange das Kind keine stabile gefühlsmäßige Bindung zu Ihnen aufgebaut hat.

Niemand, den das Kind nicht täglich sieht, sollte es auf den Arm nehmen oder berühren und auch diejenigen, die das Kind täglich sieht, sollten es zunächst nur für eine sehr kurze Zeit halten. Massieren Sie Ihr Baby häufig. Ein schwer vernachlässigtes oder durch Schmerzen traumatisiertes Baby sollte jeden Tag massiert werden, um neue und angenehme Erfahrungen mit seinem Körper machen zu können (Literatur zur Babymassage ist ausreichend im Handel).

Wenn der Säugling beim Massieren unruhig ist und weint, ziehen Sie zunächst nur die Körperpartien aus, die Sie gerade massieren möchten. Fangen Sie bei den Körperteilen an, die das Kind am ehesten toleriert. Erzählen Sie dem Kind während der Massage, was Sie gerade tun „Ich massiere jetzt erst mal deine Füßchen …“.

Gewöhnen Sie sich an, auch bei allen anderen pflegerischen Tätigkeiten wie Wickeln, Anziehen etc., dem Kind zu erzählen, was Sie gerade tun und versuchen Sie, immer eine Hand am Kind zu lassen, um den körperlichen Kontakt nicht abreißen zu lassen.

Versuchen Sie, sich von der Unruhe des Babys nicht anstecken zu lassen, sprechen Sie mit sanfter ruhiger Stimme und bemühen Sie sich um langsame ruhige Bewegungen beim Hochnehmen, Hinlegen oder Versorgen des Babys. Wenn Sie selbst gereizt werden, legen Sie das Baby hin, gehen Sie kurz in einen anderen Raum und machen Sie danach weiter.

Blickkontakt

Wecken Sie das Interesse des Kindes an Gesichtern, in dem Sie Grimassen schneiden. Malen Sie helle Kreise um Ihre Augen. Schließen Sie ein Auge, dann das andere, blinzeln Sie schnell, dann mal langsam, geben Sie dabei lustige Geräusche von sich. Halten Sie sich beide Augen zu, dann abwechselnd eins. Lassen Sie dabei das Baby auf Ihrem Schoß sitzen, sollte das zu Anfang zu schwierig sein, legen Sie es aufs Bett. Bringen Sie es langsam dazu, Sie anzufassen und halten Sie es fest. Das alles soll dem Baby unbedingt Spaß machen.

Bei einem vernachlässigten Kind ist bereits wenig freiwilliger Blickkontakt gut. Geben Sie nicht auf, wenn Sie beharrlich bleiben, werden die Blickkontakte zunehmen.

Im Falle starker Abwehrhaltungen muss das Baby viel im Arm gehalten werden, auch wenn es das nicht möchte. Es ist so weit weg von menschlicher Nähe, dass sein Bedürfnis nach Kontakt erst wieder geweckt werden muss.

Häufig können so geschädigte Kinder es nicht ertragen, wenn man mit ihnen im Schaukelstuhl sitzt, aber oftmals können sie es zulassen, wenn Sie mit ihnen umherlaufen und umhertanzen (denken Sie aber an den Blickkontakt!).

Halten Sie seine Arme fest an sich gedrückt. Sprechen Sie beschwichtigend mit ihm und fordern Sie es auf, Ihnen in die Augen zu schauen. Das will es erfahrungsgemäß zuerst meist nicht, es wird ärgerlich (sogar sehr ärgerlich, aber diesem Ärger sollte es sich in einem liebevoll geschützten Rahmen Luft machen dürfen). Zu anderen Zeiten seines Lebens hatte es keine Möglichkeit, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Deshalb ist es so wichtig, dass es immer in sehr liebevoller Weise behandelt wird.

Ältere Säuglinge und Kleinkinder können Sie auch schlagen, kratzen, beißen und Sie in jeder Art und Weise traktieren. Dies ist Zeichen einer extremen Wut, die sogar kleine Babys entwickeln können. Aus welchem Grund auch immer es so reagiert, es braucht Sie zur Beruhigung. Nehmen Sie es hoch, bis es sich beruhigt hat. Streicheln Sie das Kind, beschwichtigen Sie es mit Singen und leisem Sprechen, wiegen Sie es und versichern Sie es Ihrer Liebe.

Sollte das Kind – was durchaus passieren kann – weinend einschlafen, halten Sie es möglichst weiter im Arm bis es aufwacht und beschwichtigen es dann sofort weiter. Sollte es notwendig sein, das Baby hinzulegen, schalten Sie die Babyüberwachung ein, damit Sie es sofort hochnehmen können, wenn es aufwacht. Bedenken Sie immer, nicht Sie haben diese Wut in Ihrem Baby erzeugt (vgl. Thomas).

… und wie es weitergeht

Kinder, die nicht essen wollen

  • Achten Sie auf eine freundliche Atmosphäre beim Essen.
  • Akzeptieren Sie zunächst die Selbstbestimmung des Kindes.
  • Lassen Sie es von dem, was Sie auf den Tisch stellen aussuchen, was es essen möchte.
  • Versuchen Sie Blickkontakt zum Kind herzustellen.
  • Sprechen Sie mit dem Kind über das, was Sie da gerade tun „ich füttre dir jetzt Griesbrei, Mhm, der ist schön warm, fühl mal am Teller, der Brei hat eine ganz andere Farbe, als die Möhren von heute Mittag … Selbst, wenn das Kind nichts isst, haben Sie ihm damit wieder etwas den Sinn für die unterschiedliche Beschaffenheit der Welt vermittelt.
  • Sobald das Kind sich verweigert, ist die Mahlzeit beendet. Auf keinen Fall zwangsfüttern (z.B. durch Nasezuhalten, damit das Kind schluckt) hierbei besteht Aspirationsgefahr (das Nahrung in die Lunge gerät), aus psychologischer Sicht kommt es dadurch zu einer Verschlimmerung der Symptomatik. Achten Sie darauf, dass das Kind ausreichend trinkt. Nur ausreichend Flüssigkeit ist wirklich wichtig.

Kinder mit Hungererfahrungen

Das Kernproblem bei Kindern mit Hungererfahrungen ist, dass das momentane Nichtvorhandensein von Nahrung in ihnen große Angst und damit Stress auslöst.

Wird jetzt zu jeder Zeit nach Wunsch des Kindes gefüttert, erlebt das Kind trotzdem einen enormen Stress, weil durch die fehlende Struktur das Kind das Angebot an Nahrung immer noch als willkürlich und damit nicht als verlässlich empfindet. Daher ist es ganz wichtig, die Mahlzeiten für das Kind so vorhersehbar wie möglich zu gestalten.

Klare Rituale

Altersentsprechende/entwicklungsentsprechende Menge füttern, kein Nachschlag, sondern lieber vorher ausreichend große Portion, immer am gleichen Ort zu festen Zeiten füttern, nach Ende der Mahlzeit den Ort verlassen. Richten Sie sich nach dem seelischen Alter und den Fähigkeiten des Kindes und nicht nach seinem biologischen Alter. Lassen Sie den Kindern erstmal ihre Nuckelflasche. Das Saugen entspannt, vielleicht können Sie sich dadurch in ihrem Arm besser entspannen. Mit schlechten Zähnen kann man leben, aber nicht ohne Bindung (Nancy Thomas).

Die standardisierte Situation gibt dem Kind Verlässlichkeit und Sicherheit. Ab Krabbelalter Nahrung (z.B. Knäckebrot in Schale) immer für das Kind erreichbar bereit stellen. Auch unterwegs muss immer etwas Essbares erreichbar sein.

Doch auch unter guten Pflegebedingungen werden die Kinder auch nach Jahren noch Nahrungsmittel horten. Dies darf nicht als “Stehlen” betrachtet werden, sondern als ein häufiges und vorhersehbares Ergebnis von unbefriedigtem Hunger während der frühen Kindheit. Auf dieses Problem mit Strafen zu reagieren, wird dem Kind nicht helfen zu reifen. Tatsächlich kann Bestrafung die Unsicherheit des Kindes, sein Leid und die Neigung, Nahrung zu horten, noch verstärken (vgl. Perry).

Die unterbrochene Entwicklung

Traumatisierte Kinder neigen dazu, auf der emotionalen und kognitiven Stufe stehen zu bleiben, auf der sie traumatisiert wurden. Die in ihrem Verhalten besonders schwierigen Kinder sind die, die in den ersten drei Lebensjahren schwer misshandelt und/oder vernachlässigt wurden. Bei aktuellen Belastungen setzen sie die Mittel ein, die der damaligen Entwicklungsstufe entsprechen, d.h. sie benehmen sich wie ein Kleinkind und weinen, schreien, treten oder zerstören Dinge. Und wie wirkliche Kleinkinder sind sie nicht mit Worten, sondern durch Taten zu erreichen. Das heißt, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt ein Zehnjähriger emotional wie ein Zweijähriger sein kann. Trotz unseres Wunsches und Ermahnungen, dass sie sich “altersgemäß verhalten”, sind sie dazu nicht fähig. In diesen Momenten müssen Sie sich ihnen gegenüber so verhalten, wie es dem momentanen Gefühlszustand des Kindes entspricht. Stellen Sie sich vor, Sie stehen einem Kleinkind gegenüber.

Misstrauen

Viele schwer bindungsgestörte Kinder wirken jedoch nach außen auf den ersten Blick zunächst völlig unauffällig „so ein nettes Kind … so anpassungsfähig”.

Die eigentliche Unfähigkeit der Kinder sich auf wirkliche Nähe einzulassen, wird erst deutlich, wenn man sie in Situationen bringt, in denen Nähe und Vertrauen angeboten werden.

Sven lebte nach schwerer Misshandlung im Kinderheim. Dort wurde eine geistige Behinderung vermutet. Im Kontakt mit den anderen Kindern und den Betreuern wirkte er jedoch gut ansprechbar und zugänglich. Mit knapp vier Jahren wurde Sven in eine Pflegefamilie vermittelt, die sich die Betreuung eines geistig behinderten Kindes gut vorstellen konnte.

Nach einem halben Jahr begann Sven sich die Haut blutig zu kratzen, dann begann er die Wohnung der Pflegeeltern zu verwüsten. Im kognitiven Bereich machte er enorme Fortschritte.

Aber er ist nicht in der Lage, sich auf das Bindungsangebot seiner Pflegeeltern einzulassen. Aufenthalte von Sven in der Kinder- und Jugendpsychiatrie brachten zwar eine zeitweise Entlastung für die Pflegefamilie – Svens Verhalten änderte sich dadurch aber nicht.

Die Kinder wirken deshalb zunächst so unauffällig, weil sie zum Überleben gelernt haben, sich blitzschnell in neuen Situationen zu orientieren und herauszufinden, was hier jetzt gerade von ihnen erwartet wird.

Struktur

Gerade deshalb reagieren Kinder ohne sichere Bindung empfindlich auf Änderungen im Tagesablauf, auf Übergänge, Überraschungen, chaotische soziale und allgemein neue Situationen. Sie verfügen über kein sicheres Arbeitsmodell im Umgang mit anderen.

Menschen

Es ist wenig sinnvoll, Kinder, die sich noch nicht sicher auf neue Beziehungen in der Pflegefamilie einlassen konnten, durch soziale Gruppen- oder Förderangebote in ihrem Sozialverhalten trainieren zu wollen. Die ersten Regeln des sozialen Zusammenlebens lernt nun einmal jedes Kind zunächst mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen. Dieses „Arbeitsmodell“ (Wissen, Vorstellungen über und Erwartungen an die Bezugsperson und die eigene Person) wendet es dann auf weitere Beziehungen an.

Die Kunst ist es, Angebote für sie zu finden, von denen sie wirklich profitieren können. Günstig sind Angebote, wo es eine klare Leitung und Regeln gibt und das ganze ein Ziel hat, das in einer bestimmten Zeit zu erreichen ist. Das gibt nicht nur den expansiven, sondern auch den ängstlichen Kindern eine Hilfestellung. Alle neuen oder ungewohnten Situationen wie Geburtstagsparties, zu langer Schlaf, Urlaub, Familienausflüge, Beginn des Schuljahres und Ende des Schuljahres – all dies kann die Kinder überfordern. Denken Sie mal an die Zeit zurück in der Sie sich irgendwo beworben haben. An Ihre Aufregung, Ihre Anspannung, das Gefühl ja nichts falsch machen zu wollen, Ihre Unsicherheit, was man hier wohl von Ihnen erwartet, erst Ihre Überdrehtheit und dann Ihre Erschöpfung nachdem alles vorbei war. Und nun stellen Sie sich vor, Sie hätten ständig solche neuen Bewerbungssituationen … Darum ist alles, was man dazu tun kann, um konsequent, vorhersehbar und wiederholend zu sein, so wichtig, damit die Kinder innerlich einigermaßen zur Ruhe kommen können.

Nur wenn sie sich sicher fühlen, können traumatisierte Kinder von den umsorgenden und bereichernden emotionalen und sozialen Erfahrungen, die Sie ihnen bieten, profitieren.

Damit überhaupt etwas heilen kann, müssen die Kinder die Chance bekommen, ungestört in einer Umgebung aufzuwachsen, in der ihnen Verlässlichkeit, Wertschätzung, Geborgenheit und Halt gegeben wird. Das Eingehen einer sicheren Bindung ist grundlegend dafür, dass Kinder lernen wie sie angemessen mit Gefühlen wie Trauer, Wut oder Enttäuschung umgehen können.

Sicherheit

Damit traumatisierte Menschen eine Chance haben, das Trauma nicht nur zu überleben sondern auch ihr Leben weiterleben zu können, müssen sie sich zunächst einmal in Sicherheit befinden. Das klingt selbstverständlich- ist es für Pflegekinder aber noch lange nicht. Denn für Pflegekinder bedeutet dies, dass sie dauerhaft ohne Rückführungsoption nach der Herausnahme untergebracht werden und dass Besuchskontakte so weit wie irgend möglich vermieden werden.

Geborgenheit und Halt

Was heißt aber jetzt Verlässlichkeit, Wertschätzung, Geborgenheit und Halt für ein traumatisiertes Kind? Wie kann ich einem Kind Geborgenheit und Halt vermitteln, dass mich immer wieder bis aufs Blut reizt, das jede harmonische Familiensituation durch sein Verhalten in ein Happening verwandelt bis man nicht nur den Kaffee in den Tassen aufhat?

Wie kann ich es schaffen, das Vertrauen dieser Kinder zu gewinnen, die eigentlich für sich beschlossen haben, niemandem mehr zu vertrauen und sich nur noch auf sich selbst zu verlassen?

Liebevolle Annahme und ein absolut vorhersehbarer Alltag

Klinische Versuche und eine Vielzahl von Studien legen nahe, dass eine Besserung stattfinden kann, aber es ist ein langer, schwieriger und frustrierender Prozess für die Familien und die Kinder. Es kann viele Jahre harter Arbeit kosten, den Schaden von „nur“ wenigen Monaten Vernachlässigung während der Säuglingszeit wenigstens zu begrenzen.

Je chaotischer die innere Welt des Kindes ist, umso mehr braucht es einen geordneten stabilen Rahmen.

In den Augen des Kindes verschwommene oder gar nicht vorhandene Grenzen müssen von nun an klar gesetzt werden. Sie schaffen damit eine Vorhersehbarkeit des Alltags, die auch bei jedem unruhigen Kleinkind angemessen wäre, weil eine Reduzierung der Außenreize den Kindern zur inneren Ruhe verhilft.

Ihre Botschaft in Worten und in Taten an das Kind lautet: Wir sind die Eltern und du bist das Kind. Wir erwarten von dir, dass du dich an die Regeln hälst, die wir hier haben (vgl. Omer/ von Schlippe).

Wie ein Kleinkind, das nach Orientierung sucht, muss auch das traumatisierte Kind sich in einem sicheren Rahmen bewegen können. Ohne diesen Rahmen denkt das Kind: „Wie soll ich mich auf jemanden Erwachsenen verlassen können, wenn ich ihn durch mein Verhalten doch dahin bekomme, dass ich meinen Willen durchsetze?

Wie soll der mich beschützen können, wenn er noch nicht mal meinen Widerstand aushält?“

Seien Sie so vorhersehbar, konsequent und wiederholend wie möglich

Die Tage und die Woche brauchen eine vorhersehbare Struktur: feste Bettzeiten, Pausenzeiten, Essenszeiten, Freizeitaktivitäten etc. Bemühen Sie sich um „natürliche“ Konsequenzen. Das sind Konsequenzen, die sich unmittelbar aus dem Verhalten des Kindes ableiten lassen. Langfristig hilft dies den Kindern, einen Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den Reaktionen der Umwelt herzustellen:

Du hast mir gerade gedroht, mich zu treten. Jetzt kann Mike leider nicht zum Spielen kommen. Ich kann nicht verantworten, dass ein Kind, das droht jemanden zu verletzen mit anderen Kindern spielt.
Wenn du dich morgen besser beherrschen kannst, können wir Mikes Mutter morgen ja noch mal anrufen und ein neues Treffen ausmachen.

Da die Kinder nicht durch Einsicht lernen können, ist es wichtig, durch diese ständigen klaren Wiederholungen ihnen die Möglichkeit zu geben, durch Gewöhnung zu lernen.

Kontakt- und Beziehungsangebot

Hören Sie den Kindern zu und sprechen Sie mit ihnen. Sinnvoll ist es, selber innerlich und äußerlich ruhig zu werden, mit dem Kind zusammen zu sein, ihm zuzuhören und mit ihm zu spielen. Denken Sie auch hierbei wieder an das seelische Entwicklungsalter ihres Kindes. Das Kind braucht Spielangebote, die seiner emotionalen Entwicklung entsprechen. Spielen Sie Verstecken oder Fangen: kleine Kinder wollen immer wieder gefunden werden.

Wenn Sie still sind und auf das eingehen, was vom Kind kommt, werden Sie bald feststellen, dass es Ihnen zeigt womit es sich gerade beschäftigt (vgl. Perry).

Bei traumatischen Spielinhalten seien Sie da, greifen Sie aber nicht mit „Lösungen“ (das z.B. jemand kommt und das Kind rettet) in das Spiel ein. Irgendwann wird das Kind selber eine Lösung finden (vgl. Fischer).

So einfach dies auch klingt, so ist es doch für einen Erwachsenen sehr schwierig, innezuhalten, aufzuhören an die Uhrzeit und an die nächsten Aufgaben zu denken und wirklich in diesem Moment mit einem Kind zu verbringen.

Üben Sie es. Sie werden von den Ergebnissen überrascht sein. Die Kinder werden spüren, dass Sie für sie da sind. Sie werden fühlen, wie sehr Sie sie mögen. Dies ist der Augenblick, in dem Sie die Chance haben, die Kinder zu erreichen und zu beeinflussen.

Unabhängig von dem was Sie gerade tun, ist es wichtig in Erinnerung zu haben:

  • Misshandelte Kinder verfügen über weniger Worte dafür wie sie sich fühlen, und sie haben mehr Schwierigkeiten in der Zuschreibung von Ursachen.
  • Das emotionale „Verstehen” wie verletzend Verhalten auf andere wirkt, ist nicht ausreichend entwickelt.
  • Ziel muss es sein, den Kindern ihre unterschiedlichen Gefühle und die ihres Gegenübers nahe zu bringen.

Gefühle

  • Alle Gefühle sind in Ordnung – traurig, fröhlich, wütend u.a.m.
  • Bringen Sie dem Kind angemessene Möglichkeiten bei, wie es sich verhalten kann, wenn es traurig, fröhlich oder wütend ist.
  • Beginnen Sie zu erkunden, wie andere Menschen fühlen und wie sie ihre Gefühle zeigen: „Was glaubst du, wie sich Tim fühlt, wenn du ihn schubst?” „Was glaubst du, was der Mann da auf dem Titelbild gerade fühlt.“ Spielen Sie vor dem Spiegel: Ich gucke fröhlich, sauer, traurig etc. Lassen Sie Ihr Kind raten, was Ihr Gesichtsausdruck gerade verrät.

Wenn Sie bemerken, dass das Kind eindeutig fröhlich, traurig oder wütend ist, fragen Sie es, wie es sich fühlt. Helfen Sie ihm, Worte für seine Gefühle zu finden.
Ich glaube, du bist wütend, weil die Zeit zum Spielen jetzt zu Ende ist. Bist du traurig, weil Oma angerufen hat und absagen musste?
Erzählen Sie aber auch ruhig etwas von sich. Wie es Ihnen ging als Sie klein waren, wie Sie bestimmte Dinge gelöst haben, wie sich Hilfe geholt haben. Sie müssen nicht immer perfekt sein. Sie müssen nur da sein. Präsent zu sein, bedeutet jemand zu sein, jemand mit seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen. Gerade dass ein Mensch verschiedene Anteile in sich vereint mal fröhlich, mal traurig, mal wütend und auch mal ungerecht ist, ist für die Kinder ein wichtiger Erkenntnisschritt.

Modell für angemessenes Verhalten

Vernachlässigte Kinder können sich erst später Dinge abgucken, die ein behütetes Kleinkind ganz nebenbei lernt - wie man sich in Situationen verhält, dass Dinge mit Sorgfalt behandelt werden sollten usw.

Erklären Sie, warum Sie bestimmte Dinge so oder anders tun (Händewaschen etc.). Leben und lehren Sie angemessenes soziales Verhalten: Viele missbrauchte und vernachlässigte Kinder wissen nicht, wie sie mit anderen Menschen umgehen müssen. Einer der besten Wege, es ihnen beizubringen, ist, es ihnen vorzuleben – und dann dem Kind zu erzählen, was Sie tun und warum. Machen Sie ein Spiel daraus, den Ansager zu spielen: „Ich gehe zum Waschbecken, um meine Hände vor dem Essen zu waschen, weil …” oder „Ich nehme die Seife und seife mich hier ein und …”. Kinder sehen, hören und ahmen nach (vgl. Perry).

Die neuen Erkenntnisse über die nutzungsabhängige Strukturierung des kindlichen Gehirns und seine erfahrungsabhängige Wandlungsfähigkeit unterstreichen die Bedeutung dieser Bemühungen (vgl. Hüther 2002).

Alles was dem Körper und der Seele gut tut, schafft Bindung

Bieten Sie ihnen in vielfältiger Weise kompensierende Erfahrungen, die in ihrer frühen Kindheit hätten stattfinden sollen: Gemeinsame Zeit (in der Kindheit zählt auch die Quantität!) mit Umarmen, Schaukeln, Singen, Füttern, Anschauen, Küssen und andere nährende Verhaltensweisen, die zur Pflege von Säuglingen und Kleinkindern gehören, schafft Bindung.

Behalten Sie aber im Hinterkopf, dass für viele dieser Kinder Berührung in der Vergangenheit mit Schmerz, Qual oder sexuellem Missbrauch verbunden gewesen sein kann. Beobachten Sie daher sorgfältig, wie die Kinder reagieren - und machen Sie Ihre Angebote entsprechend vorsichtig.

Beobachten Sie an welchen Körperteilen (Kopf, Fuß, Hand) das Kind Berührungen noch am angenehmsten findet. Seien Sie vor allem geduldig. Das Gehirn eines älteren Kindes ist schon viel schwerer zu beeinflussen als das eines Kleinkindes. Darum braucht es viel mehr Bindungserlebnisse, um Bindungen zu entwickeln (vgl. Perry).

Handeln statt Reden

Wie bei einem Kleinkind ist es wenig hilfreich, dem Kind bekannte Regeln im Konfliktfall immer wieder neu zu erklären.

Rudi ist 2 Jahre und tobt als der Sandmann zu Ende ist und ausgeschaltete wird. Er ist von seinen Gefühlen überschwemmt, frustriert und in Tränen aufgelöst. Rudis Mutter weiß: jetzt mit Rudi zu argumentieren ist völlig zwecklos. Sie nimmt Rudi auf den Arm und trägt ihn aus dem Wohnzimmer. „Wenn du dich beruhigt hast, helfe ich dir, deinen Schlafanzug anzuziehen”, macht sie ihm ein Angebot.

Bernd ist 10 Jahre und tobt wie ein Kleinkind als die Fernsehsendung zu Ende ist und ausgeschaltete wird. Er ist von seinen Gefühlen überschwemmt, frustriert und in Tränen aufgelöst. Der Pflegevater erklärt noch einmal, was vorher vereinbart war. Bernd brüllt daraufhin: „Du Arsch, du hast mir gar nichts zu sagen”. Der Pflegevater verbittet sich diesen Ton. Bernd wirft mit der Fernbedienung nach ihm…

Das ist nicht die Zeit für komplexe verbale Argumente über die Konsequenzen unangemessenen Verhaltens. Reagieren Sie mit Taten. Am nächsten Abend tobt Bernd wieder als der Fernseher ausgeschaltet wird. Doch diesmal führt der Pflegevater ihn wortlos aus dem Wohnzimmer.

„Wenn du dich beruhigt hast, helfe ich dir, dein Zimmer aufzuräumen“, macht er ihm ein Angebot.

Wichtig ist mit eigenem klaren Verhalten auf das Verhalten des Kindes zu reagieren. Sobald es sich beruhigt hat, sollten Sie ihm jedoch ein Angebot machen, um den Kontakt wiederherzustellen.

Problematisches Beruhigungs-/ Streßverhalten

Die Kinder benutzen sehr einfache, unreife und bizarre Verhaltensweisen zum Stressabbau. Sie kauen an sich selbst herum, stoßen ihren Kopf an, schaukeln, singen, kratzen oder schneiden sich selbst.

Diese Symptome verstärken sich in Phasen des Leidens oder der Angst.

Es gibt verschiedene theoretische Erklärungen, warum Menschen sich selber verletzen (entwicklungspsychologische Annahmen, homöostatische Funktionen, lerntheoretische Annahmen, organische Verursachungsfaktoren, psychodynamische Erklärungen, als panikartige Reaktion auf Frustrationen, Unruhe, Sicherheitsverlust etc.).

Unabhängig vom Erklärungsansatz hat sich folgendes Vorgehen bei Selbstverletzendem Verhalten (SSV) bewährt:

  • Körperliche Ursache wie Schmerzen, Verstopfung, Juckreiz etc. durch Kinderarzt ausschließen lassen,
  • beobachten, ob SVV auftritt, um Willen durchzusetzen> löschen des Verhaltens durch nicht beachten,
  • beobachten, ob SVV bei Langeweile auftritt,
  • alternative Beschäftigungsangebote anbieten,
  • schaffen entspannender Situationen, konstante Bezugspersonen und Räume,
  • Bewegungsmöglichkeiten anbieten wie Schaukel, Trampolin, Bewegung zu Musik als Anreiz für neue Bewegungserfahrungen,
  • Effektstereotypien sollten nicht verhindert werden, sinnvoller ist der Versuch sich dabei als Mitspieler einzuklinken, das vom Kind gefundene damit zu würdigen, es aber durch die Interaktion interessanter zu machen- und so auch selbst als Person für das Kind interessanter zu werden.

Petra schaukelt mit dem Oberkörper vor und zurück. Die Pflegemutter nimmt sie auf den Schoß, schwingt zunächst einige Minuten mit und wechselt dann die Schaukelrichtung: statt vor und zurück jetzt von links nach rechts.
Karin kratzt sich. Sie erhält von den Adoptiveltern viele andere Angebote, mit denen sie ihren Körper spüren kann (Eincremen, Massage, abtrocknen mit rauem Handtuch etc).

Distanzlosigkeit

Ein weiteres Gebiet, auf dem viele Kinder Probleme haben, ist die körperliche Nähe zu anderen Menschen angemessenen zu regulieren. Sie wissen nicht, wann man jemanden umarmt, wie nahe man stehen sollte, wann man Blickkontakt aufbaut und abbricht, wann der passende Moment ist, um sich in der Nase zu bohren oder sich am Po zu kratzen. Ungünstigerweise übernehmen Kinder mit Bindungsproblemen oft bei Fremden die Initiative zum Körperkontakt (Umarmungen, Handhalten, auf den Schoß setzen). Erwachsene missverstehen dies als Liebesbezeugung. Das ist es nicht. Es ist sehr wichtig, wie die Erwachsenen mit solchen unangemessenen Körperkontakten umgehen (vgl. Perry).

Bindungsgestörte Kinder brauchen klare Vorgaben mit so wenigen Worten wie möglich.

Diese könnten z.B. lauten:

Geküsst werden nur Mitglieder der Familie. Ich möchte, dass du hier neben mir bleibst, komm wir winken der Spaziergängerin zum Abschied zu. Als Gast: Du muss deine Mama fragen, ob das in Ordnung ist, wenn du dich bei mir auf den Schoß setzt.

Es ist wichtig, diese Vorgaben in einer Weise zu erläutern, dass das Kind sich nicht schlecht oder schuldig fühlt.

Oppositionelles und destruktives Verhalten

Kinder mit Gewalterfahrungen sind Überlebende, die auch noch nach Jahren das Gefühl haben, sich nur auf sich selber wirklich verlassen zu können. Das Kontrollieren ihrer Umgebung hat ihnen einmal wahrscheinlich das Leben gerettet und in ihrem Empfinden brauchen sie immer noch die Kontrolle über ihre Umwelt, um zu überleben. Daher reagieren Kinder mit ausgeprägtem Kontrollbedürfnis und der Neigung sich zu verweigern, am besten darauf, wenn man ihnen Wahlmöglichkeiten anbietet.

Du kannst wählen, ob du gemeinsam mit uns dieses Spiel spielst und dich dabei an die Regeln hälst oder ob du jetzt in dein Zimmer gehst, während wir spielen.

Die Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens müssen sie immer wieder erleben.

Du hast heute morgen die Haustür bespuckt. Wir können jetzt nicht eher auf den Spielplatz gehen bis du die Tür wieder gesäubert hast.

Aggressivität

Die Kinder neigen dazu, in Situationen mit anderen Menschen Gesichtsausdrücke, Stimmlage, Körperhaltung als bedrohlich zu interpretieren, auch wenn dies vom Gegenüber gar nicht so gemeint ist.

Versuchen Sie deshalb dreimal tief aus- und einzuatmen, bevor Sie auf das Kind reagieren. Bemühen Sie sich um eine ruhige Stimmlage und seien Sie in Konfliktsituationen sparsam mit eigenen Gesten und Gebärden. Wenn das Kind anfängt, sich zu erregen, versuchen Sie es rechtzeitig abzulenken, um eine Zunahme der Erregung nach Möglichkeit zu verhindern. Stellen Sie ihm eine Rechenaufgabe, bitten Sie es, auf einen bestimmten Punkt im Zimmer zu schauen und Ihnen zu sagen, welche Farbe der Gegenstand hat, fragen Sie welches Lied gerade im Radio läuft. Es wird nicht immer funktionieren, ist aber auf jeden Fall einen Versuch wert.

Doch auch die Wahrnehmung eigener Körperempfindungen und deren Zuordnug ist häufig gestört. Die Kinder erleben eigene Gefühle oder Missempfindungen als von außen verursacht. Wichtig ist in solchen Situationen nicht über die Richtigkeit der Wahrnehmung mit den Kindern zu streiten, sondern ihnen zu helfen, die Empfindung angemessen zu interpretieren.

Lara hat eine leichte Bindehautentzündung. Als die Pflegemutter ihr eine verbale Grenze setzt schreit Lara plötzlich: „Du hast mir ins Auge geboxt, schau mal, es ist schon ganz rot.“ Erst nachdem Lara sich in ihrem Zimmer beruhigt hat, kann die Pflegemutter mit ihr besprechen, dass Lara ja ein ganz rotes Auge habe, wahrscheinlich eine Entzündung, dass das ganz unangenehm ist, dass Lara wahrscheinlich das Gefühl hat, als habe sie etwas ins Auge bekommen...

… manchmal ist das Leben so verzweifelt kalt (Tunström).

Achten Sie auch auf sich selbst!

Häufig werden Sie gar nicht wissen, was Ihre Kinder genau erleben mussten. Und dennoch werden Sie unbewusst auf die Traumata der Kinder reagieren. Es wird Zeiten im Zusammenleben mit den Kindern geben, wo Sie sich selbst hilflos, aggressiv, traurig, ausgeliefert und alleine fühlen. Sie können Ihren Kindern nicht die konsequente, vorhersehbare, bereichernde und nährende Pflege geben, die sie brauchen, wenn Sie erschöpft, deprimiert, wütend, überfordert oder überempfindlich sind.

Sorgen Sie dafür, dass Sie Ruhe und Unterstützung bekommen. Dazu kann auch eine professionelle Supervision gehören. Nutzen Sie die Hilfe von Freunden, Familie und sozialen Einrichtungen. Überlegen Sie, wem Sie ihr Kind auch einmal ein Wochenende anvertrauen können, um wieder Luft zu holen. Eine Pause kann entscheidend sein, um wieder neuen Zugang zum Kind zu finden.

Nutzen Sie Unterstützung außerhalb ihrer Familie. Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen für Adoptiv- und Pflegefamilien. Dort finden Sie Unterstützung und Rat durch andere betroffene Eltern. Vor allem verhindern diese Gruppen, dass man mit besonders schwierigen Kindern in die soziale Isolation gerät, denn „normale“ Sozialkontakte mit besonders verhaltensgestörten Kindern werden einfach schwieriger. Tun Sie aber auch etwas, das gar nichts mit Ihren Alltagssorgen zu tun hat. Treiben Sie Sport, lernen Sie ein Instrument oder eine Sprache, gehen Sie töpfern oder nähen – Hauptsache es hat nichts mit problematischen Kindern zu tun.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht (Václav Havel).

Haben Sie Geduld

Seien Sie geduldig mit dem Fortschritt des Kindes und mit sich selbst. Sie haben in der Regel keine Therapieausbildung- und selbst wenn Sie eine haben, sind Sie Zuhause eben kein Therapeut, sondern Mutter oder Vater dieses schwierigen Kindes. Sie haben keine sechs Wochen Urlaub, keine freien Feiertage und keine acht Stunden Schicht, nach der Sie in ein ruhiges Heim zurückkehren können- ganz zu schweigen von regelmäßiger Supervision.

Niemand kann all die obigen Überlegungen immer und jederzeit umsetzen.

Und nicht jeder Vorschlag ist für jedes Kind passend. Auch jedes traumatisierte Kind ist ein Individuum genauso wie jede Pflegefamilie ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen hat. Richten Sie realistische Erwartungen an die Entwicklung des Kindes und an Ihre Möglichkeiten, es dabei zu begleiten.

Missbrauchte und vernachlässigte Kinder haben so viel zu verarbeiten. Und viele von ihnen werden nicht alle ihre Probleme überwinden. Mancher Fortschritt wird sich nur langsam einstellen. Das langsame Vorankommen wird Sie frustrieren. Viele Pflege-/Adoptiveltern fühlen sich unzulänglich, da all die Liebe, Zeit und Bemühungen, die sie ihrem Kind widmen, keine Wirkung zu haben scheinen.

Aber sie haben Wirkung.

Seien Sie nicht hart zu sich selbst. Viele liebevolle, begabte und kompetente Eltern sind von den Bedürfnissen eines vernachlässigten und misshandelten Kindes, das sie angenommen haben, an die Grenzen Ihrer Möglichkeiten gekommen. Auch Sie haben das Recht sich Hilfe zu holen.

Das könnte Sie auch interessieren

Fachartikel

von:

Traumatisierte Pflegekinder brauchen äußere und innere Sicherheit

Überlegungen zur Notwendigkeit von sicheren Beziehungsangeboten für die Entwicklung traumatisierter Pflegekinder. Von Katja Paternoga
Fachartikel

von:

Sekundäre Traumatisierung bei pädagogischen Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe

Sekundäre Traumatisierung beschreibt das Phänomen von Übertragung posttraumatischer Stresssymptome auf professionelle HelferInnen, die mit durch Gewalt, Vernachlässigung, Krieg im Herkunftsland und Verlust von Bezugspersonen traumatisierten Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Studie

von:

Einmal Opfer – immer Opfer?! – Nein danke!

In Zusammenarbeit mit PFAD Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien e.V. ist das übergeordnete Ziel des Forschungsverbundes »EMPOWERYOU«, Kinder und Jugendliche in Pflege- und Adoptivfamilien bei der Bewältigung früherer traumatischer Erfahrungen zu unterstützen und dem Risiko zukünftiger Mobbing- und Gewalterfahrungen entgegenzuwirken. Hierfür werden im Laufe von vier Jahren (Projektbeginn Anfang 2019) verschiedene Teilprojekte durchgeführt und vielseitige Fragestellungen untersucht.
Fachartikel

von:

Aktuelle Ergebnisse der Bindungs- und Traumaforschung und ihre Bedeutung für die Fremdunterbringung

Wer vor 30 Jahren von der Bedeutung der Bindungsforschung oder anderer entwicklungspsychologischer Erkenntnisse für die Fremdunterbringung sprach, konnte kaum auf Interesse rechnen. Die gesamte Psychotherapieforschung belegt, daß die Aufarbeitung extremer Gewalt- und Leiderfahrungen nicht möglich ist ohne eine sichere Distanz zu diesen Erlebnissen und ohne den Beistand eines Menschen, der eindeutig und verläßlich auf Seiten des Patienten steht. Fachartikel von Gisela Zenz.
Fachartikel

von:

Resilienz - Was Kinder und Erwachsene stärkt und in ihrer Entwicklung unterstützt

Das Konzept der Resilienz geht von der Grundannahme aus, dass Personen über Schutzfaktoren verfügen, die sie in jeweils unterschiedlichem Ausmaß vor den negativen Auswirkungen gesundheitsschädlicher Einflüsse bewahren. Resilienz bedeutet dabei den „Erhalt der Funktionsfähigkeittrotz vorliegender beeinträchtigender Umstände“ und die „Wiederherstellung normaler Funktionsfähigkeit nach erlittenem Trauma“. Unter welchen Lebensumständen kann Resilienz entstehen und wie ist sie zu fördern?
Fachartikel

von:

Gequält, verkauft und im Netz angeboten - Opfer und Überlebende von „Internet-Pornografie“ fordern uns heraus

Es gibt wohl nichts Schrecklicheres für ein Kind, einen jugendlichen oder erwachsenen Menschen, als bewusst und absichtsvoll gequält zu werden. Opfer sogenannter „Kinderpornografie“ und sadistischer bzw. ritualisierter Gewalt haben erlebt, wie Täter sie von einem menschlichen Wesen zu einem „Ding, mit dem man tun kann, was man will“, gemacht haben. Wie können wir die Überlebenden angemessen begleiten, was brauchen sie, um sich geschützt zu fühlen, wenn sie aus organisierten Täterringen fliehen, und wie muss die Gesellschaft ihnen entgegenkommen, damit sie merken, dass wir „verstanden“ haben?
Fachartikel

von:

Die Pflegeeltern als sichere Basis für das vernachlässigte oder misshandelte Kind

Die zentrale Prämisse der Bindungstheorie lautet: Jedes Kind – also auch und insbesondere das von schlimmen Vorerfahrungen gezeichnete Pflegekind – benötigt eine liebevolle Bindung zu einem Trost spendenden Menschen, in dessen Gegenwart es sich geborgen, gehalten und geschützt fühlt. Für seine gesunde emotionale Entwicklung benötigt es eine sichere Basis, zu der es bei Gefahr fliehen und von der aus es die Welt erkunden kann. Dieses drängende grundlegende Bedürfnis kommt aus dem Kind selbst in seiner extremen Abhängigkeit. Auf Sicherheit in Beziehungen ist es in ganz besonderer Weise angewiesen.
Fachartikel

von:

Rechtliche Bedeutung von Traumatisierungen

Auch in rechtlicher Hinsicht können Traumatisierungen, die Pflegekinder erlitten haben bzw. die zu befürchten sind, erhebliche Bedeutung haben. Insbesondere sind Traumatisierungen geeignet, den unbestimmten Rechtsbegriff „Kindeswohl“ mit Inhalt zu füllen und dadurch einen Rechtsstreit letztlich zu entscheiden. Von Rechtsanwalt Steffen Siefert
Fachartikel

von:

Kinder in Vollzeitpflege und ihre Krisen

In seiner langjährigen Praxis hat der Autor ein Modell für Fachberater, Pflegefamilien, Adoptivfamilien und Erziehungsstellen zur Entwicklung von Pflegekindern und ihren Krisen entwickelt.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Pflegekinderstudie der Universität Bremen

Das Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation (ZKPR) der Universität Bremen hat in den Jahren 2015, 2016 und 2017 eine Pflegekinderstudie zum Thema 'Posttraumatische Belastungsstörung bei Pflegekindern im Vorschulalter' erarbeitet, deren Ergebnisse nun in einem Kurzbericht vorgestellt wurden.