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08.02.2013
Erfahrungsbericht

Zwei Schwestern

Die Aufnahme von zwei Schwestern bringt die Pflegefamilie an ihre Grenzen.

Im Juli 2002 kam Jennifer, 9 Jahre alt, zu uns. Sie war die älteste von 4 Kindern, die vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Jennifers Familie war seit Jahren nicht nur beim Jugendamt bestens bekannt.
Auch wir kannten Jennifer schon. Als Vierjährige war sie mit ihrer jüngeren Schwester bei einer Pflegefamilie untergebracht die Mitglied in unserem Verein war. Wir Familien kennen uns untereinander und lernten daher auch Jennifer kennen. Wir erfuhren auch, dass die Kinder schon mehrfach für eine begrenzte Zeit in einer Einrichtung untergebracht worden waren.
Diesmal wurden alle vier Geschwisterkinder nach relativ kurzem Heimaufenthalt in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht.
Die Dauer des Aufenthaltes der Kinder in den Pflegefamilien war ungewiss. Uns wurde gesagt, dass die Mutter ihre Lebensumstände regeln muss, wozu auch der Einzug in eine neue Wohnung gehörte.
Dann sollten die Kinder wieder zurückgeführt werden.
Jennifer war ein sehr lebhaftes Kind, das sehr gerne im Mittelpunkt stand und sehr dominant war. Das wurde besonders bei den Treffen mit ihren Geschwistern deutlich, die sich nicht trauten, ihr zu widersprechen.
Uns fiel besonders auf, dass sie sich mit nichts längere Zeit beschäftigen konnte, da sie permanent darauf fixiert war sich um irgendjemanden oder irgend etwa kümmern. Dieses Verhalten betraf auch mich und meinen Alltag. Ständig versuchte sie mich zu kontrollieren und zu bevormunden.
Darüber hinaus hatte sie auch ein völlig distanzloses Verhalten. Nicht nur, dass sie bereits am ersten Tag Mama und Papa zu uns sagte, auch jeder anderen Erwachsenen der sie nett anlächelte wurde gefragt, ob er jetzt Mama oder Papa sei.
Jennifer erzählte fast nichts von dem was sie erlebt hatte. Bedingt dadurch, dass sie sich für ihre Mutter und die Geschwister verantwortlich fühlte, wusste sie, dass sie nichts schlechtes von zu Hause erzählen durfte. Sie war stets sehr bemüht ihre „heile Welt“ aufrecht zu erhalten. Das wenige was wir wussten, erfuhren wir durch Erzählungen der Geschwisterkinder.
Wir hatten das Gefühl, dass sie sich einerseits bei uns langsam einlebte und wohl fühlte; andererseits trug sie jedoch auch weiterhin die schwere Last der Verantwortung für ihre Mutter und Geschwister. Dieses zwiespältige Gefühl wurde besonders nach Besuchskontakten deutlich, bei denen ihr immer erzählt wurde, dass bald alle wieder zuhause sein würden.
Die Monate vergingen und wir hatten die Hoffnung, dass für die Kinder nach all dem hin und her in der Vergangenheit nun eine dauerhafte Entscheidung getroffen würde. Anfang November 2003 gab es
eine Anhörung beim Gericht und wir hofften sehr, dass nun Klarheit geschaffen würde. Stattdessen erfuhren wir bei einem Hilfeplangespräch nach dieser Anhörung, dass die Mutter in einem anderen Landkreis eine Wohnung hatte und die Kinder schnellst möglichst zu ihr zurückkehren würden. Am letzten Novembertag brachten wir Jennifer zu ihrer Mutter und hatten dabei wirklich kein gutes Gefühl.
In den folgenden Wochen schrieb sie uns und zu Weihnachten rief sie uns an. Danach wurden die Briefe und Anrufe seltener und hörten schließlich ganz auf.
Vier Monate später, im April 2003 rief Jennifer uns an und erzählte, dass sie und ihre Schwester wieder im Heim seien und die beiden Kleinen in einer Pflegefamilie untergebracht worden sind. Jennifer fragte, ob wir sie bitte abholen könnten. Ohne lange zu überlegen, fragten wir bei unserm Jugendamt nach ob die Möglichkeit bestehen würde, Jennifer wieder bei uns aufzunehmen.
Unser Jugendamt erklärte uns daraufhin, dass es nun wieder zuständig sei, da die Mutter inzwischen mal wieder umgezogen wäre. Das Jugendamt würde nun einen Antrag auf Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes bei Gericht stellen.
Nachdem das Aufenthaltsbestimmungsrecht dem Jugendamt übertragen worden war, kamen die beiden jüngeren Kinder wieder in die Pflegefamilie in der sie bereits 2002 waren - die nun zehnjährige
Jennifer und ihre neunjährige Schwester Yvonne kamen im August 2003 zu uns.
Für Jennifer war es, als wäre sie nie wirklich weg gewesen - nur mal kurz bei ihrer Mutter aber nun wieder bei uns.
Ihr Verhalten glich dem beim ersten Aufenthalt: massiv dominant, alles bestimmend und kontrollierend, keine Lust zu irgendetwas, keine Ausdauer bei dem was sie tat und extrem distanzlos.
Yvonne hingegen wirkte sehr eingeschüchtert, fällte keine Entscheidung ohne das Einverständnis ihrer Schwester, wies aber ebenfalls ein sehr distanzloses Verhalten auf.
Obwohl das Jugendamt ja nun das Aufenthaltsbestimmungsrecht hatte wurde den Kindern trotzdem erklärt: wenn eure Mutter eine neue Wohnung hat geht ihr wieder nach Hause.
Das Spiel begann also wieder von vorn. „Wenn Mutti eine Wohnung hat gehen die Kinder wieder nach Haus“. Wie lange der Aufenthalt der Kinder bei uns also dauern würde war völlig ungewiss. Wir erlebten und sahen täglich, wie verwirrt und gestört die Mädchen schon waren. Wie sollten wir ihnen mit dieser völlig offenen Perspektive wirklich helfen können?
Nach reiflicher Überlegungen, denn die Kinder waren ja eigentlich erst zu kurz bei uns, stellten wir nach vier Monaten einen Antrag auf vorläufigen Verbleib in der Pflegefamilie. Und nun geschah etwas, was wir wirklich nicht erwartet hatten. Unser Antrag wurde sehr ernst genommen. Das Familiengericht wandte sich an das Jugendamt, das Jugendamt stellte daraufhin einen Antrag, wie zogen unseren Antrag vorerst wieder zurück und die Richterin bestellte für die Kinder eine Verfahrenspflegerin.
Bei der Anhörung wurde beschlossen, dass die Kinder weiterhin in den Pflegefamilien leben können. Diese Entscheidung müsse jedoch alle 2 Jahre überprüft werden. Wir hofften im Interesse der Kinder, dass sie nach so vielen Herausnahmen und Rückführungen nun endlich in ihren jeweiligen Pflegefamilien dauerhaft ein Zuhause finden können.
Diese einigermaßen sichere Perspektive reichte jedoch nicht aus, zunehmend gestaltete sich alles schwieriger:
Bedingt durch häufige Besuchskontakte zur Mutter wurden die Kinder auch weiterhin massiv verunsichert und hin und her gerissen. Sowohl in Briefen als auch bei den Besuchskontakten benutzte die Mutter die Kinder als seelischen Mülleimer und setzte sie psychisch immer mehr unter Druck.
So wurd den Kindern bei jedem Kontakt erklärt, dass sie - die Mutter - ohne ihre Kinder nicht leben könne. Dass sie ihr Leben nicht geregelt bekomme weil die Kinder nicht bei ihr sind. Wie sehr sie doch auf ihre Kinder angewiesen ist und dass sie sich gegenseitig helfen müssten; und dass sie ohne die Kinder nicht leben kann. Dazu kamen auch weiterhin häufige Wohnungswechsel der Mutter und wechselnde Lebenspartner.
Die Folgen dieser Besuchskontakte sind, dass beide Mädchen in ihre alten Rollen gedrängt wurden und besonders Jennifer sich schuldig und verantwortlich fühlte. Die seelische Belastung für beide war so groß.
Das äußerte sich vor allem im zunehmend aggressiven Verhalten besonders gegenüber Erwachsenen aber auch Kindern, in absolutem Desinteresse für Schule und Freizeit und einem sehr provokanten
Verhalten uns gegenüber.
Wir haben Angst, dass die Kinder an der Last zu zerbrechen drohen. Die kleinen Fortschritte die sie in ihre Entwicklung gemacht haben, die eventuelle Möglichkeiten sich neu zu binden, der Weg zu einem
etwas normaleren Leben wird ihnen immer wieder zerstört.

Ergänzung:

2005 war das Pflegeverhältnis so nicht mehr haltbar. Erst verließ Jennifer die Pflegefamilie, einige Zeit später ging auch Yvonne. Erst lebten sie bei ihrer Mutter, dann wieder in einer Heimeinrichtung.
Wir Pflegeeltern fühlten uns lange Zeit sehr erschöpft und schuldig