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22.05.2008
Erfahrungsbericht

Wer kann das noch verantworten!

Die Geschichte von Katrin und Klaus, einem Zwillingspärchen, das im Babyalter zu Pflegeeltern kam. Die Pflegemutter berichtet.

Am 2.Nov.2000 nahmen wir die Zwillinge Katrin und Klaus (zehneinhalb Monate) in Obhut. 4 Monate später kündigte ich meinen Vertrag als Bereitschaftspflegestelle und wir waren ab dann normale Pflegeeltern.

Die leiblichen Eltern der Kinder hatten starke Alkoholprobleme. Die Mutter entschloss sich eine Therapie zu machen, die sie auch durchhielt. Der Vater lehnte dies strikt ab. Er war der Meinung, dieses Problem allein in den Griff zu bekommen.

Am 15.12.01 – zu ihrem Geburtstag – wurden die Kinder in ihre Herkunftsfamilie zurück gegeben.

Auf unseren Wunsch hin, durften wir die Kinder alle 14 Tage übers Wochenende zu uns holen. Beide Kinder hatten große Eingewöhnungsschwierigkeiten in der Herkunftsfamilie und weinten, wenn sie nach den Besuchen bei uns wieder dort hin mussten.

Klaus weigerte sich, seine Mutter anzunehmen. In seinen Augen war ich seine Mama. Er hatte an mich eine enge Beziehung aufgebaut. In seinen ersten Lebensmonaten war er viel im Krankenhaus und in den Augen seines Vaters wurde er damals schon als Memme abgestempelt. Katrin dagegen was das Wunschkind des Vaters.

Wir merkten bald, dass die Eltern mit ihren Kindern wieder total überfordert waren und so fingen auch schon bald die Alkoholprobleme wieder an.

Auch für uns wurde die Situation immer schwieriger. Sobald Klaus merkte, dass ich wieder ging, geriet er in Panik und schrie. So kletterte er zum Beispiel aus der Badewanne, klopfte an die Tür, die er damals noch nicht aufbekam und schrie immer "Mami, Mami". Katrin ließ sich leichter beruhigen.

Ab März besuchten die Kinder einen Kindergarten. Seit dieser Zeit hatten wir nur noch einmal im Monat für einen Tag Umgang. Wir merkten, dass die Kinder sich immer mehr veränderten, vor allem Klaus wurde immer stiller und trauriger. Seine Mutter berichtete, dass er nachts unruhig schlief und von mir und Ralf (unserem anderen Pflegekind) fantasierte.

Beide weinten, wenn ich sie abholen kam und wollten nur schnell von zu Hause weg. Im Auto war die Welt wieder in Ordnung und sie wollten schnell zu Ralf.

Beim Heimbringen war die Türschwelle wie eine Schranke, die sie nicht überqueren wollten. War die Tür nicht schnell genug zu, standen sie wieder weinend draußen. Ich bemühte mich immer um ein gutes Verhältnis zu den Eltern und so durfte ich dann auch mit den Kindern noch etwas spielen oder sie ins Bett bringen. Beim Abschiednehmen haben sie trotzdem immer bitterlich geweint.

Irgendwann im Juli oder August hat sich Klaus dann in sein Schicksal gefügt. Er weinte nicht mehr so laut beim Abschiednehmen, wirkte aber unendlich traurig und ängstlich. Seine Mutter stellte fest, dass er sich selbst schlug und kratzte.

Dafür fing nun Katrin an, immer mehr zu weinen und ließ sich nicht mehr beruhigen.

Ich wusste bald nicht mehr weiter und brauchte selbst psychologische Hilfe, um mit der Situation klar zu kommen. Auch die Oma der Kinder rief abends bei uns an und klagte, wie schlecht es den Kindern ging.

Ich meldete alles dem Jugendamt und hatte dann schon das Gefühl, der Sozialarbeiterin auf die Nerven zu fallen. Von den Besuchskontakten bei uns und dem Abholen und Hinbringen haben wir jeweils einen Bericht ans Jugendamt gegeben.

Mitunter waren die Kinder so wund, dass Blut in der Windel war. Wir machten Fotos. Die Zähne faulten nach und nach weg. Aber es hieß immer : das reicht nicht vor Gericht.

Seit dem 20. Nov. 02 sind die Kinder wieder bei uns.

Ich hatte sie wieder einmal zum Umgang abgeholt. Nachmittags rief die Mutter total betrunken bei uns an und fragte, ob die Kinder bei uns übernachten könnten. Daraufhin rief ich den Bereitschaftsdienst des Jugendamtes an. Glücklicherweise hatte gerade die neue Amtspflegerin der Kinder Dienst. Sie bestand darauf, dass sich die Eltern nüchtern bei ihr melden sollten. Das konnten sie natürlich nicht und so durften die Kinder erst einmal bei uns bleiben.

Ich werde nie die Gesichter vergessen, die mich anschauten, als ich den Kindern sagte, dass sie bei uns schlafen können. Von da an hatten die Kinder wieder große Hoffnung, nicht mehr fort zu müssen. Egal wo wir uns aufhielten, ob zu Hause, bei meinen Eltern oder im Jugendamt, immer wenn wir uns anzogen jammerte Klaus: "nicht Mama gehen, nicht Papa gehen".

Wir stellen die Kinder im Dezember unserem Kinderarzt vor. Dieser bescheinigte für beide Kinder einen Verdacht auf Fehlernährung und Vernachlässigung.

Wir merkten gleich, dass es nicht mehr die Kinder waren, die wir kannten. Damals waren sie glücklich, zufrieden und lebenslustig. Jetzt waren sie ängstlich und unsicher. Ständig erzählten sie von Monstern und Beißbeiß (Sauriern). Sogar nachts mussten wir das Licht brennen lassen.

Bei Streitigkeiten gingen sie sehr aggressiv miteinander um. Da wurde gekratzt, gebissen und voller Wut mit aller Kraft geschubbst. Man musste einschreiten, um Schlimmeres zu verhindern. Katrin zeigte kaum Schmerzempfindungen. Gegenüber Dritten hielten sie aber zusammen und beschützten sich gegenseitig.

Aus den Erzählungen der Kinder erhielten wir die Bestätigung, dass Klaus viel vom Vater geschlagen wurde, meist mit einem Latschen. Katrin bekam mehr von der Mutter Schläge.

Klaus wollte anfangs auch nicht in die Badewanne, obwohl wir ihn als Wasserratte in Erinnerung hatten. Erst am dritten Tag gelang es mir doch, ihn zu überreden. Die Kinder erzählten dann, dass der Papa immer mit dem Brausekopf gehauen hatte – was natürlich seine Ablehnung erklärte. Nun ist er wieder Kapitän in der Badewanne.

Ungefähr viereinhalb Monate hat er noch jeden Tag im Bus zur Fahrt zum Kindergarten die Bestätigung haben wollen, dass er nicht zum Papa Udo fährt. Nachts ist er öfters aufgeschreckt und hat geschrieen. Auch im Kindergarten ist er während des Mittagsschlafes aufgeschreckt, hat geweint und die Erzieherinnen hatten das Gefühl, dass er auf und davon möchte. Erst jetzt, ein halbes Jahr später, schläft er ruhig durch.

Die Eltern haben ihre Kinder seit dem 30. November noch nicht wieder gesehen, da wir sie auf Verdacht sexuellen Missbrauchs angezeigt haben.

Inzwischen haben wir von der Sozialarbeiterin erfahren, dass das Verfahren eingestellt wurde. Nun wird es bald wieder Besuchskontakte geben und das ganze Drama beginnt womöglich von Neuem.

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