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01.06.2014
Erfahrungsbericht

Trotz aller Mühen ...

Ein Erfahrungsbericht von Pflegeeltern über das Zusammenleben mit ihrem Pflegesohn, der mit dreizehn Jahren auszog.

Mit sechs Jahren kam Carl in die Pflegefamilie. Bis dahin hatte er bei seiner Mutter gelebt. Die Ehe der Eltern brach auseinander als Carl ein kleiner Junge war. Carl blieb bei seiner Mutter. Sie versuchte, das Leben für sie beide geregelt zu bekommen. Je älter Carl wurde, um so unsicherer wurde sie. Sie setzte ihm keine Grenzen, ließ sich von ihm herumkommandieren. Je mehr sie nachgab, desto mehr forderte er. Im Kindergarten bemerkten die Erzieherinnen, dass er meinst unausgeschlafen und unleidlich war. Sie versuchten, mit Carls Mutter über seine Erziehung zu sprechen. Sie verstand nichts und begriff nichts. Sie liebe ihn doch und er sei schließlich das einzige was sie habe.

Als Carl fünf Jahre alt war, lernte sie einen Mann kennen und zog nach kurzer Zeit mit ihm zusammen. Diesem neuen Partner ging Carl gehörig auf die Nerven. Er nahm sich vor, den Jungen zu erziehen und ihm zu zeigen, wer hier der Herr im Hause sei. Für Carl begann eine schwere Zeit die ihren Höhepunkt darin fand, dass dieser neue Mann in seinem Leben ihn zu demütigen und zu prügeln begann. Es wurde so schlimm, dass Carls Mutter eines Tages mit Carl an der Hand im Jugendamt stand und den Jungen dort abgab. „Sonst schlägt er ihn tot“ sagte sie. „Machen Sie, was sie für richtig halten“ und ging.

Das Jugendamt gab Carl erst einmal in eine Bereitschaftspflegestelle. Dann ersuchte es, an den Vater von Carl heranzukommen, um zu prüfen, ob der Junge vielleicht dort leben könne. Der Vater hatte zu Carl lange keinen Kontakt gehabt. Er hatte inzwischen neu geheiratet und gab an, dass er Carl nicht aufnehmen könne.

In einem Gespräch mit der Mutter stimmte diese letztendlich der Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie zu.

Das Jugendamt fragte bei Familie D. an, ob sie sich vorstelle können, Carl aufzunehmen. In Familie D. lebten zwei ältere leibliche Kinder – 14 und 16jährige Mädchen- und ein 9jähriger Pflegesohn, der in die dritte Klasse der Grundschule ging. Die Eltern überlegten mit ihren Kindern und teilten dann der Sozialarbeiterin mit, dass sie Carl gern kennenlernen wollten.

Die Pflegeeltern sahen Carl in der Bereitschaftspflegestelle und mochten ihn. Dann kamen sie mit den beiden Mädchen und dem Neujährigen und die Kinder reagierten positiv aufeinander. Es gab noch einen Besuch bei der Bereitschaftspflege, dann kam Carl zu Besuch in die Familie D. Ein weiterer Besuch am Nachmittag, dann eine Einladung zum Wochenende und für alle Beteiligten stand nun eigentlich fest, dass sie zusammen leben wollten. Carl war nun 4 Monate in der Bereitschaftspflegestelle und es war Zeit zu wechseln.

Familie D. und die betreuende Sozialarbeiterin holten Carl ab und er siedelte zu D’s über.

Als Carl ein knappes halbes Jahr in der Pflegefamilie lebte, wurde er eingeschult. Die Pflegeeltern hatten versucht, die Einschulung auf das nächste Jahr zu verschieben, denn sie waren der Überzeugung, dass Carl mehr Zeit und all seine Kraft brauche, um sich in der neuen Familie einleben zu können. Sie wollten ihm einfach noch ein Jahr Zeit geben, was aber leider nicht möglich war. Carl kam in die Schule, als er sich gerade etwas eingelebt hatte. Gleichzeitig mit der Eingewöhnung in die Schule begann nun eine schwierige Familienzeit. Es ging in den nächsten Monaten heftig zur Sache. Er provozierte die Pflegeeltern. Während er die Pflegemutter nicht ernst nehmen wollte und diese ihm immer wieder durch konsequentes Handeln zeigen musste, wer hier Erwachsener und wer hier Kind ist, zeigte er seinem Pflegevater gegenüber zuerst ein unterwürfiges Verhalten. Das änderte sich dann jedoch und nun begann er den Pflegevater hochgradig zu reizen. Die Pflegeeltern kannten die Geschichte des Jungen und erklärten sich sein Verhalten mit seinen bisherigen familiären Erfahrungen. Sie selbst hatten jedoch noch keine praktischen Erfahrungen mit solchem Verhalten sammeln können, da ihr erster Pflegesohn schon als kleiner Säugling zu ihnen gekommen war. Es war daher sehr gut, dass sie in dieser Zeit häufig die Möglichkeit hatten mit ihrer Sozialarbeiterin zu sprechen und regelmäßig eine Pflegeelterngruppe zu besuchen. So war es ihnen möglich, das Verhalten des Pflegesohnes zu verstehen und seine Übertragungen zu akzeptieren.

Das erste Schuljahr wurde ein schwieriges Jahr. Carl brachte in der Schule keine Leistung, war unkonzentriert und wirklich mit etwas anderem beschäftigt als mit schulischem Lernen. Am Ende dieses Schuljahres empfahlen die Lehrer eine Wiederholung des ersten Schuljahres. So wurde es gemacht. Für Carl war dies ein neuer Anfang, den er nun nutzen konnte.

In den ersten zwei Jahren bei den Pflegeeltern gab es hin und wieder ein Telefonat und manchmal auch eine Postkarte von Carls Mutter. Einmal trafen die Pflegeeltern und die Mutter sich bei einem Hilfeplangespräch im Jugendamt und dort wurden Besuchskontakte vereinbart, die aber von der Mutter nicht eingehalten wurden.

Mit knapp neun Jahren wünschte Carl, seinen leiblichen Vater zu besuchen. Die Sozialarbeiterin fragte bei ihm nach und er willigte ein. Im Laufe der nächsten drei Jahre gab es etwa vierteljährlich ein Besuch vom Carl beim Vater. Unregelmäßig gab es auch Besuche der Mutter. Man traf sich im Jugendamt wenn die Mutter einen Besuch wünschte.

Das Verhältnis von Carl zu den Pflegeeltern war von "Auf und Ab" geprägt, wurde aber durchweg von allen als positiv angesehen, auch wenn die Pflegeeltern deutlich empfanden, dass die Bindung von Carl zu ihnen und umgekehrt nicht so stark war wie zu ihrem ersten Pflegesohn.

Die Schule klappte während der Grundschuljahre so einigermaßen. Dann wechselte Carl in die Hauptschule. Hier ging er Freundschaften ein, die den Pflegeeltern Sorge machten. Mit zwölf Jahren wurde sein Verhalten erst in der Schule, dann auch in der Pflegefamilie immer schwieriger. Er war nicht mehr motiviert, er verweigerte fast jede Leistung, jeder Forderung wurde von ihm als Zumutung empfunden. Alles musste man ihm tausendmal sagen und auch dann noch wurde es nicht erledigt. Vereinbarungen hielt er nicht ein – es wurde wirklich schwer für andere mit ihm umzugehen.

Wenn die Pflegeeltern ihm Vorhaltungen machten, dann antwortete er „IHR habt mir überhaupt nichts zu sagen“. Inzwischen war er dreizehn Jahre alt. Die Pflegeeltern waren ratlos. Was sollten, was konnten sie noch tun? Ihre Nerven lagen blank. In den Ferien ging es besser. Dann konnte man etwas entspannen, aber sobald die Schule wieder dran war, begann der Stress erneut und sie hatten das Gefühl, es würde immer schwieriger. Vielleicht würde es besser gehen, wenn die Schule aus der Verantwortung der Pflegeeltern herausgenommen würde? Vielleicht wäre es leichter miteinander, wenn andere Personen die Aufgabe des Hilfslehrers spielen würden und sich nicht über die Schulleistungen beständig die Gemüter in der Familie erhitzen müssten?

Carl besuchte daraufhin ein Internat und war nun noch an den Wochenenden und den Ferien in der Pflegefamilie. Das entspannte eine Weile. Es wurde besser, aber es wurde nicht gut. Während bei einer anderen befreundeten Pflegefamilie eine solche Internatsunterbringung DIE Lösung war und die Familie wieder zueinander fand, wurde Carl immer unruhiger.

Aus der Sicht der Pflegefamilie „sehr plötzlich“ entschloss er sich, zu seinem leiblichen Vater zu ziehen. Die Pflegefamilie war geschockt. Sie hatte das Gefühl schwer versagt zu haben. Auch wenn einem schon seit einiger Zeit irgendwie klar war, dass der Junge sich nicht so ganz in die Familie integriert hatte, war der Auszug doch unverhofft. Besonders der Pflegevater war sehr verletzt und wollte mit Carl nie wieder etwas zu tun haben.

Es dauerte eine Weile, bis die Pflegefamilie das Geschehene für sich klar bekommen konnte. In der Zwischenzeit hat es einige telefonische Kontakte zwischen der Pflegemutter und Carl gegeben. Auch Carl wollte zu Anfang nie wieder kommen.

Jetzt scheint die gegenseitige Härte aufzuweichen. Die Pflegemutter kann sich vorstellen, Carl wieder zu sehen und fände es gut, wenn er mal wieder kommen würde. Sie möchte inzwischen doch gerne wissen, wie es ihm geht und ob diese vielen Jahre in ihrer Familie doch zu irgendetwas Nutze waren – und sie hofft inzwischen auch, dass es ihrem Mann gelingen wird, seine Verletzungen zu überwinden wenn er sieht, dass aus Carl doch noch was Vernünftiges geworden ist.

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