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23.05.2008
Erfahrungsbericht

Stationen einer Tomatis-Therapie

Eine Pflegemutter berichtet über die erfolgreiche Tomatis-Therapie ihrer Pflegetochter

Situation von Annika vor der Tomatis-Therapie

Annika ist ein "herumgereichtes Kind" mit 5 "Mamas" in 2 ½ Jahren. Vernachlässigung und Missbrauch sind nicht auszuschliessen. Annika kommt mit 2 ½ Jahren in die Pflegefamilie.

Beschreibung von Annika als sie 9 Jahre alt ist:

a) in der Pflegefamilie:

Sie ist oft unausgeglichen, nörglig,es gibt kleine oder große Streiterein. Sie hat eine geringe Frustrationstoleranz. In Konfliktsituationen hat sie wütende, lautstarke Kreischattacken, stapft heftig mit den Füssen auf und kommt lange aus dem Konflikt nicht heraus.

b) in der Schule:

Sie "kennt" die Zahlen bis 10, rechnet sehr mühsam mit Fingerkontrolle bis acht, hat wenig Konzentration, kennt noch nicht alle Buchstaben, liest 3-Buchstabenworte z.B. das , mit, und sehr stockend. Es gibt Arbeitsverweigerung, ewige Diskussionen, ständige Konflikte mit Mitschülern. Sie brüllt und heult in der Klasse, dass zeitweise kein Unterricht mehr möglich ist. Selbst in Fächern ohne Leistungsanspruch gibt es kein konfliktfreies Verhalten. Sie kann die Nähe von Mitschülern nicht ertragen und läuft aus der Schule weg,. In manchen Situationen verkriecht sie sich unter den Tisch und ist dann nicht ansprechbar.

Ein paar Mal gehe ich mit in die Schule und bemerke, dass Annika sehr unruhig wird, wenn die Klasse laut ist. Daraufhin lasse ich sie von einem HNO-Arzt untersuchen. Es wird ein ganz normales Gehört festgestellt, gleich zeitig durch diesen Arzt aber auch eine Fehlhörigkeit diagnostiziert. Der HNO-Arzt konnte uns Pflegeeltern die Auswirkungen der Fehlhörigkeit nicht erklären, teilte uns jedoch mit, dass es für eine Fehlhörigkeit weder eine Behandlungs- noch eine Therapiemöglichkeit gäbe und Annika. sich eben daran gewöhnen müsse.

Daraufhin haben wir im Internetgesucht recherchiert, welche Behandlungsmöglichkeit es für fehlhörige Kinder überhaupt gibt und sind auf die Tomatis-Therapie gestoßen. Wir haben daraufhin Kontakt mit dem Tomatisinsititut in Nettetal aufgenommen und bekamen dort den Rat, die Fehlhörigkeit diagnostische weiter untersuchen zu lassen.

Zur genauen Diagnose sind wir dann nach Soltau gefahren zu Dr. Müller-Kortkamp. Er stellte fest, dass bei Annika die Nebengeräuche die Sprache überlagern d.h. die Sprache ist im Hintergrund und die Nebengeräuche stehen im Vordergrund. Die bedeutet z.B., dass sie Nebengeräuche in der Klasse lauter hört, als die Sprache der Lehrerin.

Gleichzeitig stellte Dr. MüllerKortkamp auch Probleme im Gleichgewichtsorgan fest. Er riet uns, die Tomatistherapie zu beantragen, da es in der konventionellen Medizin keine Behandlungsmöglichkeit gäbe.

Wir stellen daraufhin bei unserem Jugendamt den Antrag auf Kostenübernahme. Vorher mussten wir zunächst alle Unterlagen bei der Krankenkasse einreichen, die diese Therapie nach der Gesundheitsreform jedoch nicht mehr übernehmen durfte. Die Ablehnung der Krankenkasse führte zur Übernahme der Kosten durch das örtliche Jugendamt.

Annika während der Tomatistherapie

In der Tomatistherapie wird an 23 Tage täglich 2 Stunden Hörtraining angeboten Die Therapie untergliedert sich in einen Block zu 15 Tagen, dann 6 Wochen Pause und darauf folgend den zweiten Block zu 8 Tagen.

Annika zeigt verblüffende Reaktionen:

An den beiden ersten Tagen verkriecht sie sich hinter einem Sofa.

Am dritten Tag baut sie eine Bude aus Decken, ist schlecht ansprechbar, kommt nach der Therapie aus der Bude und sagt:" meine Bauchmutter, Mama Renate, hat mir einen Hund geschenkt. Den hat sie schon wieder abgegeben, aber die gibt ja alles wieder ab". Der Therapeutin stockt der Atem und sie bekommt eine Gänsehaut.

Auf dem Rückweg bespricht Annika dann mit mir, warum sie abgegeben worden ist. Sie wirkt merklich ruhiger als sonst, entzihet sich auch dem Gespräch nicht. Seit diesem dritten Tag ist auf den Fahrten von und zur Therapie ihre leibliche. Mutter unser ständiges Thema.

Annika setzt sich sehr intensiv mit ihrer Situation auseinander. Sie stellt Überlegungen an, dass ihre Mutter von ihr nichts erben solle, dass sie lieber alles verschenken will. Sie ist in der Lage, über Grenzüberschreitungen bei den Besuchskontakten zwischen ihr und der leiblichen Mutter zu sprechen, was sie bisher noch nicht konnte. Dabei entwickelt sie eine unglaubliche Distanz zu ihrer leiblichen Mutter. Innerhalb der Therapie wird aus Mama Renate nur noch Renate. Annika wird deutlich ruhiger, ausgeglichener, entwickelt in kürzester Zeit eine Gelassenheit ,die uns Eltern total verblüfft. Konflikte werden innerhalb von 4 Tagen erheblich ruhiger ausgetragen. Fußstampfen und Kreischen ist wie weggeblasen. Sie schreibt einen Brief an eine befreundete Rechtsanwältin mit der Bitte um Namensänderung. In der Schule setzten plötzlich Erfolge ein. Sie lernt in kürzester Zeit lesen. Sie traut sich zu, etwas alleine zu schreiben und ihr Verhalten wird deutlich besser.

Annika heute - ein Jahr nach der Therapie

a) zuhause:

Annika ist total ausgeglichen, ruhig, ansprechbar. Es gibt keine Kreischanfälle mehr. Arbeitsverweigerung passiert selten. Sie ist nicht mehr der "Nabel der Welt, um den sich alles drehen muss". Die Ergotherapeutin: sagt mit, dass ohne diese Tomatistherapie die Ergotherapie nicht so erfolgreich gewesen wäre. Annika habe gelernt zuzuhören und das gehörte umzusetzen.

Sie ist auch im Konfliktverhalten einfacher geworden. Die Psychotherapeutin meinte, dass Annika nach der Tomatistherapie in der Lage, mit ihrüber die Grenzüberschreitung in den Besuchskontakten zu sprechen.

Zuhause erzählte mir über ihre Lösungsansätze, die sie mit der Therapeutin erarbeitet hatte.

b) In der Schule:

Annika ist bei Konflikten in der Schule inzwischen in der Lage zu formulieren, wenn sie eine Auszeit benötigt. Sie zieht sich dann in sich zurück. Kreischanfälle gehören auch hier der Vergangenheit an. Sie mischt die Klasse nicht mehr auf. Sie braucht keine 1 zu 1 Betreuung mehr. Sie läuft nicht mehr aus der Schule weg und verkriecht sich nicht mehr unterm Tisch. Sie hat Freundschaften zu Klassenkammeraden entwickelt. Sie schreibt selbstständige kleine Aufsätze, schreibt geübte Diktat und rechnet im Zahlenraum bis 100. (Zeitraum: 1 Jahr)

Nun zu Sonja, unserer zweiten Pflegetochter

Da wir Verhaltensparallelen zwischen Annika und Sonja gesehen haben, haben wir auch Sonja bei Dr. Müller-Kortkamp untersuchen lassen. Auch hier stellt sich heraus, dass eine zentrale Fehlhörigkeit besteht, die aber völlig anderes gelagert ist als bei Annika.

Sonja hat ein völlig normales Hörvermögen, ist aber nicht in der Lage, die Sprache zu verarbeiten. - praktische eine Minderleistung des Gehirns wahrscheinlich aufgrund ihrer FAS. (Alkohlschädigung).

Der Unterschied zwischen den beiden Mädchen liegt in der unterschiedlichen Diagnose.

Die Tomatis-Therapeuten reagieren auf die unterschiedlichen Diagnosen mit verschiedenartigen Filterungen der Hörangebote.

Als Sonja zu uns kam war sie knapp 2 Jahre alt. Sie war in ihrer Ursprungsfamilie misshandelt und vernachlässigt worden. Sonja war so gestrickt, dass sie sich selbst oft verletzt hat- Wenn sie angesprochen wurde, merkte man, dass sie nicht richtig registriert hat, was man sagte, es sei denn, man hat Auge in Auge mit ihr gestanden. Sie war auch ein ADS-Kind. Sie sah nichts, was auf dem Fußboden lag, sie stolperte mehrfach darüber, ehe sie etwas aufhob.

Auch sie hatte massive Kreischattacken, hat aber vieles von den Dingen, die sie nicht konnte mit ihrem Charme überspielt. Wir haben mit Sonja ebenfalls die Tomatis-Therapie gemacht als sie 5 Jahre alt war.

In der Therapie ist sie genau so ruhig geworden wie Annika.. Sie ist entspannter, ausgeglichener, konfliktfähiger. Sie sieht jetzt Dinge, die auf dem Fußboden liegen . In allen Bereichen hat eine enorme Entwicklung eingesetzt.

Die beiden Mädchen haben so etwas wie eine Streitkultur entwickelt.

Das Zusammeleben innerhalb der Familie hat sich nach der Therapie der beiden um 80 % erleichtert. Nach der Therapie wurden bei den Kindern die Dinge, die mit ihren direkten Behinderung zusammenhängen, greifbarer, da die Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr da sind. Wir können nun gezielter die vorhandenen Möglichkeiten der Kinder fördern, denn diese wurden durch die Verminderung der Verhaltensprobleme wesentlich deutlicher.

Wie läuft die Tomatis-Therpaie ab?

Diese Therapie ist eine Mutter-Kind-Therapie d.h. das Kind bekommt z.B. eine gefilterte Mozartmelodie als Hörangebot. Im Angebot enthalten ist ebenfalls eine Hörkurve für die Mutter. Sie "bekommt" eine ähnliche Therapie - zur persönlichen Entspannung.

Dazu gehören natürlich auch 3 Gespräche pro Kind:

  • Eingangsgespräch - , Beschreibung der Ist- Situation
  • Mittelgespräch nach ein paar Einheiten, in dem auch schon mögliche Entwicklungen oder Einschränkungen aufgezeigt werden
  • und ein Auswertungsgespräch.

Die erste Kontrolle - 8 Wochen nach Beendigung der Therapie - war bei Annika sehr positiv. Die Fehlhörigkeit war angepasst. Die Hörkurve hatte sich weiter stabilisiert, so dass ein erneuter Tomatisblock bei Annika nicht erforderlich war. Annika befindet sich jetzt im Stadium der Hörreifung, wo man dann nach einem Jahr sagen kann, ob die Therapie dauerhaft beendet sein wird oder nicht.

Bei Sonja kommt die erste Kontrolle noch. Wir gehen aber davon aus, dass bei ihr noch eine weitere Therapieeinheit nötig sein wird.

Erläuterungen zur Tomatis-Therapie

Zitate aus einer Stellungnahme von Dr. med. Inge Flehmig, Hamburg:

Die meisten HNO-Ärzte in Frankreich und Deutschland sind vor einer Effektivität der Tomatis-Methode nicht überzeugt und lehnen sie deshalb ab. Ich vermute, dass man dabei die unterschiedlichen Behandlungsziele berücksichtigen muss, die von den betreffenden Ärzten, je nach ihrer Spezialisierung, ins Auge gefasst werden. Der HNO-Arzt möchte in erster Linie das "Hören" verbessert wissen. Das gelingt offenbar nur zum Teil. Als Entwicklungsneurologen verfolgen wir daneben eine wesentlich weitergefasste Zielrichtung. Ein großer Teil der uns überwiesenen Kinder leidet nicht an einer mehr oder weniger ausgeprägten und behandlungsbedürftigen Hörschwäche. Es besteht bei ihnen vielmehr auch bei gutem Hörvermögen eine Schwierigkeit, das Gehörte richtig aufzunehmen, d.h. es zentral - also im Gehirn - in geeigneter Form verarbeiten zu können... Die die auditive Sensorik beeinflussende Therapie nach Tomatis hat globale, ganzheitliche Effekte, die nicht mit Hören, aber viel mit Zuhören, Tonusregulierung, Koordination von Gr- und Feinmotorik, Aufrichtung zu tun hat. Diese Aspekte liegen uns Entwicklungsneurologen natürlich näher als den HNO-Ärzten, deren Ziele völlig anders definiert sind. Tomatis-Therapie ist keine Alternativmedizin, keine Esoterik, sondern angewandte, ganzheitlich wirkende Neurophysiologie; sie hat einen nicht zu übersehenden Stellenwert. Kritisch ist allerdings festzuhalten, dass nicht jede dieser Schwierigkeiten durch eine Tomatis-Therapie sinnvoll angegangen werden kann. Es ist eminent wichtig, dass genaue Kriterien herausgefunden werden.

Prof. Dr. med. A. Tomatis: "Waches Hören verbessert die Kommunikation mit der Umwelt und sich selbst"

Der französische Hals-Nasen-Ohren-Arut und Chirurg Prof. Dr. Alfred Tomatis konnte in umfangreichen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Adio-Psycho-Phonologie die zentrale Bedeutung des Ohres für die Entwicklung des Menschen nachweisen. Nach Tomatis ist das Ohr der Dirigent unserer Wahrnehmung und unseres Verhaltens.

Als ganzheitliche Basistherapie hat die Tomatis-Methode vielfältige Anwendungsgebiete:

  • bei Hör- und Gleichgewichtsstörungen
  • bei Sprech- und Stimmstörungen, bei Sprachbehinderungen
  • in der Pädagogik zur Verbesserung von Konzentrations-, Lern- und Merkfähigkeit
  • bei Lese- und Rechtschreibschwäche und anderen Teilleistungsstörungen

Prof.Dr.med. A. Tomatis: " die Hauptaufgabe des Ohres ist, das wissen wir heute, eine Energiezentrale zu sein. Die zweite Aufgabe es, die Aufrichtung des Menschen abzusichern. Und danach alles, was mit Bewegung zu tun hat. Es gibt keinen einzigen Muskel im Körper, der nicht vom Innenohr abhängt. Darauf können wir Hören, Sprache und alle Fähigkeiten der Kommunikation aufbauen.

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