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30.08.2021
Erfahrungsbericht

„Die schwarze Mama“ – Geschichte eines Pflegekindes

Einer jungen Frau war es wichtig, ihre Geschichte zu erzählen, damit die Beteiligten in der Pflege- und Adoptivkinderhilfe erfahren können, was Trennungen einem Kind bedeuten.

Ich war ein glückliches, strahlendes Mädchen und lebte seit ich 3 Wochen alt war, in einem kleinen Haus mit Garten in der Nähe des Rheins. Am liebsten tollte ich mit meiner großen Schwester und meinem großen Bruder im Garten umher. Ich fuhr wahnsinnig gerne Kett-Car oder wir planschten gemeinsam draußen in großen Waschzubern, wenn es heiß genug war. Immer wieder brauchte ich die Nähe meiner Familie, besonders nachts, wenn ich aufwachte. Viele Stunden hat meine Mama an meinem Bett gesessen. Dann kam der Tag, der mein Leben verändern sollte, ich war ziemlich genau 2 ½ Jahre alt:

Gerlinde, die Frau, die uns von Zeit zu Zeit besucht hatte und mit der ich manchmal mit musste, obwohl ich eigentlich nicht wollte, kam wieder zu Besuch. Zwischen den Erwachsenen kam es zum Streit und es endete so, wie schon öfter. Ich musste mit ihr ins Auto steigen, obwohl ich doch eigentlich im Nachbarort zur Kirmes wollte, weil ich unsere eigene Kirmes krankheitsbedingt nicht erlebt hatte. Das interessiere sie nicht, sagte die Frau, und überhaupt höre das jetzt alles auf. Es störe sie schon lange, dass ich zu Mama „Mama“ sage, schließlich sei sie ja meine Mama.

Eine schreckliche Zeit begann; wenn ich weinte, tröstete mich keiner. Ich durfte nicht zu meiner Mama und meinen großen Geschwistern zurück, wie es vorher gewesen war. Warum nicht? Ich bekam auf diese Frage keine Antwort. Überhaupt wurden Fragen in diese Richtung mit Schlägen beantwortet. Ich vermisste den Garten und meine Geschwister, meinen Papa, aber am meisten meine Mama. Warum kam sie nicht und holte mich. Ich verstand die Welt nicht mehr. Zu Gerlinde, der Frau mit den roten Haaren, musste ich nun Mama sagen, aber meine Mama (die mit den schwarzen Haaren) war einfach aus meinem Leben verschwunden. Ob sie wohl alle tot waren? Wenn ich es doch nur hätte herausfinden können.

Ständig kam ich in neue Familien, hörte den Satz: „Das ist jetzt dein neuer Papa.“ oder „Jetzt passt deine neue Oma auf dich auf“. Ich wollte doch gar keine neue Oma, ich hatte ja schon zwei. Und immer wieder diese Schläge; ich wollte endlich nach Hause.

Nach meinem dritten Geburtstag bekam ich dann wieder eine neue Familie. Meine rote Mama brachte mich zu einer blonden Frau und sagte: „Hier bleibst Du jetzt.“ Es war sehr schön dort. Ich hatte ein Bett ganz alleine für mich, es gab einen Garten und einen Hund. Die Menschen dort schlugen mich nicht mehr und sie hatten Verständnis, dass ich alles alleine machen und nie einen Zuschauer beim Ausziehen haben wollte. Keiner sollte sehen, wie schlecht ich bin und was sie mit mir gemacht hatten.

Ich weigerte mich kategorisch in ein Auto zu steigen, denn hier war es schön, ich wollte nicht wieder woanders hin.

Ab und zu kam eine Dame, die mir komische Fragen stellte. Meine neue Mama (die blonde) sagte, es sei die Frau vom Jugendamt, da sie mich doch nun behalten wollten. Einmal fragte diese Jugendamtsfrau, vor der ich große Angst hatte, nach meiner Mama. „Welche meinst Du denn?“, fragte ich sie, “Die schwarze, die blonde oder die rote, die ich nicht mag, denn die haut mich immer“. Oh ja, meine schwarze Mama hatte ich schon so lange nicht mehr gesehen, fast zwei Jahre nicht. Ich hatte solche Sehnsucht nach ihr. Ich traute mich aber nicht mehr zu fragen. Nach diesem Tag kam die Frau vom Jugendamt nicht mehr und mein neuer Opa, der beste Opa der Welt, versprach mir, mit mir Auto zu fahren und mich wieder mit nach Hause zu nehmen. Ihm habe ich vertraut und bin mitgefahren, sonntags in einen Märchenpark. Es war toll. Wir haben noch viele schöne Ausflüge gemacht. Ich war adoptiert worden und ich durfte bleiben, aber ich hatte schon noch Angst, dass meine rote Mama mich wieder holen würde, wenn meinen Adoptiveltern etwas passieren würde. Ich durfte sogar nach vielen Jahren meine schwarze Mama besuchen und meine Geschwister. Es ging ihnen gut und sie freuten sich, dass es mir gut ging. Sie durften mich auch besuchen. Erst als ich 12 war, traute ich mich zu fragen, ob meine rote Mama mich wieder holen dürfte. Nein, sie könne mich nie mehr holen, wenn ich es nicht wolle, war die Antwort. Endlich war alles gut geworden.

Ja, dies ist eine wahre Geschichte – meine Geschichte. Der Leser wird sich fragen, woher ich das alles weiß. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind verständlicher Weise sehr bruchstückhaft. Einiges weiß ich aus Erzählungen meiner Pflegemutter und meiner Adoptiveltern, vieles weiß ich aus meiner Jugendamtsakte, die sehr umfangreich ist. Die ganze Tragweite erahnt habe ich erst, als unsere Kinder zwischen zwei und drei Jahren alt waren. Für Kinder dieses Alters gibt es nur ihren begrenzten Raum. Die Welt der Erwachsenen mit Rechten, Gesetzen und diffusen Gefühlen bleibt Kleinkindern verschlossen.

Ja, und dann wurde ich mit ca. 35 Jahren ziemlich krank. Ich hatte Magenprobleme und war so schwach und schwindelig. Die Suche nach der Ursache brachte keinerlei medizinische Befunde. Ich begriff, dass ich Hilfe brauchte. In einer Gesprächstherapie lernte ich mit meiner Geschichte umzugehen, zu begreifen, dass in mir einiges kaputt gegangen ist, als ich über Nacht meine Familie verlor und keiner mit mir darüber gesprochen hat. Es liegt so weit in meiner Kindheit, dass keine greifbaren Erinnerungen da sind. Im Unterbewusstsein aber ist vieles gespeichert worden. Einen lieben Menschen verlieren zu können ist noch heute meine größte Angst. Mit dieser Angst zu leben ist nicht leicht.

Warum ich das alles aufgeschrieben habe? Damit Richter, Jugendamtsmitarbeiter, Pflege-, Adoptiv- und Herkunftseltern es lesen können. Kinder brauchen verlässliche Familien. Bindungsabbrüche aus solchen Familien heraus sind für eine Kinderseele wie ein tiefes, schwarzes Loch.

Vielleicht denken Verantwortliche bei ihren Entscheidungen und der Art, wie sie umgesetzt werden, an das kleine Mädchen, das sich lange traurig fragte, warum die schwarze Mama es nicht trösten kam.

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