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15.08.2018
Erfahrungsbericht

Reaktion auf Besuchskontakte

In diesem Erfahrungsbericht schildert die Pflegemutter die Auswirkungen von Besuchskontakten auf ihr sehr junges Pflegekind.

Lotta kam mit 19 ½ Monaten in unsere Familie. Ihre Mutter ist 26 Jahre alt, drogenabhängig, Borderline-Störung, magersüchtig. Sie kommt aus Bosnien und spricht kein Deutsch. Der Vater, 28Jahre alt, hat paranoide Schizophrenie und nimmt Medikamente. Wenn er sie nicht nimmt ist er gewalttätig. Er steht unter Betreuung, spricht deutsch und hat die bosnische und deutsche Staatsangehörigkeit. Der Vater war der Versorger des Kindes.

Lotta wurde mit 13 Monaten für 14 Tage in eine Bereitschaftspflege gegeben, als die Mutter alkoholisiert ohne Fahrerlaubnis gefahren ist und erwischt wurde. Nach den zwei Wochen in der Bereitschaftspflege ging Lotta mit Hilfe des Jugendamtes wieder zu den Eltern zurück

Mit 15 Monaten kam Lotta wieder in eine andere Bereitschaftsstelle. Der Vater hatte seine Medikamente nicht genommen und war gewalttätig geworden. Es gab einen Polizeieinsatz und das Jugendamt nahm Lotta in Obhut. Vor einer eventuellen Rückkehr sollten die Eltern zum Drogentest gehen und mit dem Ergebnis zum Jugendamt kommen. Diese Bedingung erfüllten die Eltern nicht, sondern sie erschienen mit einer gepackten Tasche für Lotta und ließen Lotta in der Bereitschaftspflegefamilie. Daraufhin wurde die Vormundschaft vom Familiengericht auf das Jugendamt übertragen. Lotta sollte in eine Dauerpflege wechseln. Es gab eine Anbahnung von fünf Tagen und die Familie sprang ab.

Dann wurden wir gefragt, ob wir uns Lotta in unserer Familie vorstellen könnten. Die Anbahnung dauerte ebenfalls fünf Tage, da Lotta direkt mit uns ging.

Wie war Lotta als sie zu uns kam:
  • distanzlos, brauchte eine ganz intensive Betreuung, eine ständige Beobachtung,
  • übernimmt die Führerrolle
  • bei Grenzsetzung schreit sie, läuft blau an, wirft Teller und Gegenstände um sich
  • verletzt sich selbst durch beißen, kneifen und kratzen
  • haut den Kopf auf den Boden
  • beißt andere und knurrt
  • zeigt keinerlei Ängste, totale Selbstüberschätzung (Spielplatz, Treppen, Fenster…)
  • hat gieriges Essverhalten, durchstöbert den Abfall nach Essensresten, teilt mit den Hunden ihr Essen
  • trinkt aus der Toilette und dem Hundewassernapf
  • lässt keine Nähe zu
  • zeigt Abwehr mir (Pflegemutter) gegenüber und ist auf meinen Mann fixiert
  • benutzt uns zum Erreichen ihrer Ziele, zweckbedingtes Verhalten, kommt auf dem Arm um Sachen zu erreichen, wir sind ihr verlängerter Arm
  • sitzt im Hundekorb, benimmt sich wie ein Hund
  • keine Angst vor Tieren, Hund, Katze, Papagei, Pferde
Der erste Besuchskontakt mit den Eltern:

Beim Besuchskontakt anwesend sind die Eltern, die Sozialarbeiterin, Lotta und ich als Pflegemutter

Der Kontakt ist vorher vom Jugendamt auf 30 Minuten begrenzt worden. Die Eltern waren vom Jugendamt auf den Kontakt vorbereitet worden und sie sollen Lotta nicht überfallen.

Lotta wird von mir ins Spielzimmer des Jugendamtes gebracht. Die Eltern sitzen schon dort, der Vater weint. Die Mutter kommt auf Lotta zu. Lotta bleibt stehen, wird ganz starr im Gesicht und steht wie festgewachsen im Raum. Die Mutter will sie auf den Arm nehmen. Lotta schmeißt sich auf den Boden und bewegt sich nicht mehr. Ich gehe zu ihr und prüfe nach ob sie noch lebt. Sie ist stocksteif, atmet und ich nehme sie auf den Arm. Die Eltern sind geschockt, ratlos und versuchen Kontakt zu Lotta aufzunehmen. Alle sind überfordert und ich bleibe die restliche Zeit mitten im Raum mit Lotta auf dem Arm stehen. Ich bitte die Eltern, Lotta nicht zu überfordern und sich nur langsam und leise zu nähern. Die Mutter schaut mich hilflos an, aber die Eltern halten sich zurück. Die Sozialarbeiterin argumentiert, dass Lotta wegen der ungewohnten Umgebung und weil so viele Leute anwesend seien schüchtern wäre. Ich warf ein, dass Lotta den Raum kennen würde von dem Kennenlerntermin mit uns und den anderen Pflegeeltern. Ich warf auch ein, dass bei diesen Kontakten noch mehr Personen anwesend waren. Nach dem Kontakt fahren Lotta und ich nach Hause. Der nächste Kontakt ist in 4 Wochen.

Lottas Reaktionen:

Lotta ist sofort im Auto eingeschlafen. Sie beißt, kratzt und verletzt sich selbst. Sie bekommt Schreikrämpfe und haut mit dem Kopf auf den Boden oder vor die Wand.

Ich nehme sie sofort auf den Arm und halte sie fest. Sie beruhigt sich, wenn ich leise singe und ihren Rücken streichle.

Nachts wacht sie schreiend auf und ich trage sie durch das Haus, bis sie sich beruhigt hat und wieder einschläft.

Ich melde Lotta telefonisch in der Regulationssprechstunde im SPZ an und schildere ihre Not. Innerhalb von 14 Tagen habe ich einen Vorstellungstermin bekommen. Das SPZ ist von Lottas Kopfschlagen und ihrer Selbstverletzung entsetzt und bietet an, Lotta zu testen. Die Besuchskontakte werden von SPZ abgelehnt. Dies schreiben sie mir die Fachkräfte des SPZ klar in einen Bericht.

Das Kopfschlagen hatte deutlich nachgelassen - oder ich habe es vorher schon an ihrem Blick erkannt und Lotta auf den Arm genommen.

Zweiter Besuchskontakt

Der zweite Besuchskontakt stand an. Der Bericht vom SPZ war leider noch nicht beim Jugendamt angekommen und das Amt wollte den Kontakt

Lotta und ich fuhren zum Besuchskontakt und Lotta war an dem Tag für ihre Verhältnisse gut drauf.

Wir betraten das Jugendamt und Lotta wurde wieder ganz starr im Gesicht und ihr Körper wurde steif. Die Eltern saßen ganz lieb im Raum und bewegten sich nicht. Die Mutter stand langsam auf und kam auf uns zu. Der Vater saß und weinte. Die Mutter sprach leise auf Lotta ein und streichelte ihren Kopf. Lotta wich zurück und versteckte sich hinter meinen Beinen. Lotta wich jeder Kontaktaufnahme aus. Ich nahm Lotta auf den Arm und sie drückte ihr Gesicht an meine Schulter. Sie machte sich wieder “unsichtbar“. Die Sozialarbeiterin meinte, die Eltern sollen sich langsam Lotta annähern und ich soll Lotta auf den Boden stellen. Ich befolgte ihre Anweisungen nicht und drohte sie wegen Kindesmisshandlung anzuzeigen, wenn sie diesen Kontakt nicht sofort beenden würde. Lotta schmiegte sich auf meinem Arm regelrecht an. Ich bot den Eltern an Bilder und Entwicklungsberichte zu schicken und bat sie sich zu gedulden, da Lotta im SPZ weiterhin vorgestellt wird.

Jetzt sprang die Sozialarbeiterin in “unser Boot“ und machte noch mit den Eltern und mir einen zeitnahen Hilfeplan-Termin aus.

Der Bericht vom SPZ lag bei diesem Termin vor und darin stand, dass Lotta durch jeden Besuchskontakt retraumatisiert werden würde.

Jetzt war es die Aufgabe der Sozialarbeiterin, dies den Eltern zu erklären.

Die Besuchskontakte wurden ausgesetzt!