Sie sind hier

01.07.2013
Erfahrungsbericht

Pflegekinder verstehen

In dieser Rubrik beschreiben Pflegeeltern Verhaltensweisen ihrer Pflegekinder, welche sie nur verstehen konnten, weil sie von den Lebensbedingungen des Kindes in der Herkunftsfamilie wussten. Diese ersten Berichte kommen von Pflegeeltern von CAPE - Landesarbeitsgemeinschaft Adoptiv- und Pflegefamilien NRW.

Themen:

In dieser Rubrik beschreiben Pflegeeltern Verhaltensweisen ihrer Pflegekinder, welche sie nur 'verstehen' konnten, weil sie von den Lebensbedingungen des Kindes in der Herkunftsfamilie wussten. Diese ersten Bericht kommen von Pflegeeltern von CAPE Landesarbeitsgemeinschaft Adoptiv- und Pflegefamilien NRW.

Sven

Sven ist 6 Jahre alt geht mit mir durch eine Einkaufsstraße der nahegelegenen Stadt. An einer Straßenecke wird er schneller und zeigt auf unterschiedliche Leute: „Bei dem kannst du Heroin kaufen, bei dem auch und guck mal, der hat gerade etwas verkauft. Lass uns schnell weitergehen. Das gibt Ärger.“

  • Sven kommt aus einer Familie die auf der Straße unter Drogen lebte. Er war niemals zuvor in dieser Stadt in unserer Nähe, da er aus einer weit entfernten Stadt vermittelt wurde. Mir fiel an diesen Leuten nichts auf, sie wirkten auf mich „normal“. Allerdings war mir bekannt, dass an dieser Straßenecke mit Drogen gehandelt wurde.

Sven 6 Jahre später.
Sven besucht jetzt ein Gymnasium und nimmt im Unterricht fossile Brennstoffe durch: Gas, Öl, Koks, Kohle, Holz. In der Stunde bekommen die Schüler den Arbeitsauftrag einen Aufsatz über einen dieser Stoffe zu schreiben. Sven entscheidet sich für Koks. Und liefert einen sehr guten Aufsatz ab – leider über Heroin, Kokain etc. –„Koks“ eben.

Karl

Karl ist 12 Jahre alt und besucht ein Gymnasium. Es gibt eine Schlägerei. Karl ist ansatzlos auf einen Jungen losgegangen hat ihn getreten, vors Schienbein, in die Genitalien, unkontrolliert, heftig, geboxt etc. Er weigert sich anschließend in die Klasse zu gehen, verlässt das Schulgelände und ist nicht ansprechbar.

  • Bei seinen Schulkollegen sind Spitznamen, die sich am Anfangsbuchstaben des Vornamens des Kindes orientieren modern, z.B. bei L…. Looser , bei A… Affe, Alter etc. Bei Karl erfinden die Kinder „Kacker, Kacko“ und Karl rastet aus, denn er stammt aus einem Haushalt in dem Exkremente einfach „fallengelassen“ wurden. Urin und Kot bedeckten Boden und Betten. Das Kind kannte bis zu seinem 8. Lebensjahr keine Toilette.

Kevin

Kevin ist 4 Jahre alt. Im Kindergarten will die Erzieherin einen Scherz machen und sagt zu Kevin: „Deine Pflegemutter kommt dich gar nicht abholen, dann nehme ich dich eben mit zu mir nach Hause.“ Kevin läuft puterrot an, schreit laut und anhaltend. Beim Eintreffen der Pflegemutter rennt er voller Panik auf diese zu. Die Erzieherin erzählt von ihrem „Scherz.“ Das Kind kann sich kaum beruhigen und klammert sich über Stunden an den Pflegeeltern fest.

  • Kevin hat panische Verlassensängste, wurde bis zum Alter von 2 ½ Jahren im Bett „gehalten“, angewiesen auf sporadische Zuwendung, Essen, Sauberkeit etc.

Melissa

Melisse ist 10 Jahre alt. Am ersten Abend in der Bereitschaftfamilie wird sie am Bett des 14jährigen Pflegesohns „erwischt“ wie sie dem Jungen eindeutig sexuelle Angebote macht. Dieser liegt voller Panik in seinem Bett und weiß nicht, wie er aus dieser Situation herauskommen soll.

  • Melissa hat ihrer sich prostituierenden Mutter bei ihrem Gewerbe zuschauen müssen.

Justin

Justin, 7 Jahre alt, rastet in der Schule aus, schlägt die Lehrer, tritt und boxt sie. Sobald ein Lehrer im Klassenraum an ihn herantritt, evtl. eine Hand auf die Schulter legt, fliegen die Fäuste von Justin hoch, der Stuhl kippt um und er wird zur Kampfmaschine.

  • Justin wurde in einer Familie groß, in der körperliche Gewalt an der Tagesordnung war, sowohl Vater als auch Mutter prügelten sich und ihn, bis hin zu Krankenhausaufenthalten wegen Knochenbrüchen.

Benni

Benni, 8 Jahre alt, springt oft plötzlich auf rennt laut schreiend und um sich schlagend durch den Klassenraum, kriecht unter das Pult des Lehrers, beruhigt sich nur schwer und kommt nach einiger Zeit ängstlich wieder zum Vorschein. Dann setzt sich wieder ordentlich an seinen Platz und nimmt am Unterricht teil.

  • Benni ist in der Drogenszene auf der Straße aufgewachsen und geriet als 5jähriger in eine Schießerei, die er nur mit Mühe überlebte, da er hinter einem Müllcontainer Schutz suchen konnte. Bei jedem lauten Knall gerät er in Panik. Kann die Geräusche nicht unterscheiden, z.B. das laute Zuschlagen eines Buches, oder das Herunterfallen eines Gegenstandes, Fehlzündung eines vorbeifahrenden Autos etc.

Thomas

Thomas, 10 Jahre alt, erzählt in der Schule, dass die Pflegeeltern ihn hungern lassen, nie bekäme er ein Butterbrot mit in die Schule, kein Frühstück und abends trockenes Brot. Er bettelt um Essen.

  • Bei den Herkunftseltern erlebte Thomas massives Hungern, am Anfang eines jeden Monats gab es in den ersten Tagen Aufenthalte in einer Pommes-Bude mit Pommesessen bis zum Erbrechen. Den Rest des Monats verbrachte das Kind auf der Straße mit betteln um Essen.

Denis

Denis, 12 Jahre alt, berichtet in der Schule, dass seine Pflegemutter jeden Tag alkoholisiert ist, immer hinfällt und sich übergibt. Er entschuldigt seine fehlenden Hausaufgaben damit, dass er zuerst den Haushalt regeln muss, seine Pflegemutter ins Bett bringen und auch dafür Sorge trägt, dass genügend Essen im Haus sei, da er sonst Prügel bekommt.

  • Denis stammt aus genau solchen Verhältnissen und vermischt seine früheren Erlebnisse mit dem Hier und Jetzt.

Maria

Maria, 1o Jahre alt, kommt in High Heels, Felljacke, Push-up BH in die Pflegefamilie, weigert sich „normale“ Mädchenkleidung zu tragen. Taschengeld wird in Kosmetik umgesetzt und ausgiebig benutzt. Verbote helfen nicht, solche Dinge kann sie sich unterwegs „besorgen“ und so erscheint sie gekleidet und geschminkt wie eine 18jährige im Unterricht – und benimmt sich auch so.

  • Maria entstammt einer Familie in der die Mutter das Kind bewusst auf ein Leben als Prostituierte vorbereitete und ihre Tochter Männern zwecks Missbrauch zuführte.

Samantha

Samanthe, 8 Jahre alt, ein „Muster“ an Ordnung. Jedes Blatt, jedes Spielzeug, jeder Stift, alles hat seinen Platz. Unordnung bringt sie zum ausrasten. Samantha räumt die Wohnung der Pflegeeltern auf, immer wieder, besonders gern Nähkasten und „Kramschubladen“. In der Schule gilt sie als ein „besonders nachahmenswertes Beispiel“. Ihr Ordnungssinn hindert sie daran zu spielen, weil dadurch Unordnung entsteht. Sie ist in der Lage bei Regen in einem weißen Kleid auf einen Baum zu klettern und diesen genau so sauber gekleidet wie vorher wieder zu verlassen. Verletzungen sind nur „schlimm“ wenn Schmutz zu sehen ist, die Verwundung selbst ist uninteressant.

  • Samantha stammt aus einer Herkunftsfamilie in der Ordnung kein Thema war. Die Mutter lebte mit halbtoten - im Wald oder auf der Straße- gefundenen (Wild)Tieren zusammen und päppelte diese wieder auf. Hase, Fuchs, Frettchen, Ratten, Kuhkalb, Rehkitz usw. teilten Wohnung und Bett mit der Familie. Samantha bekam Prügel mit Gegenständen und kaum zu essen, nur die Tiere waren wichtig.

Yannik

Yannik, 12 Jahre alt hochaggressiv, schlägt mit Gegenständen, Knüppeln etc. auf Möbel, Lehrer und Pflegefamilie ein. Bedroht diese mehrfach mit einem Messer und will alle Türken umbringen.

  • Yannik wurde mit 2 Jahren aus der Herkunftsfamilie genommen. Die Mutter bat um Hilfe, da sie sich außerstande sah ein Kind zu erziehen. Die für die nächsten 10 Jahre aufnehmende Familie nahm Yannik seine Identität, brachte ihm bei, dass seine türkischen Wurzeln der Grund allen Übels seien und Yannik selbst deshalb auch nichts tauge. Dazu kam Missbrauch.

Tommi

Tommi, 6 Jahre alt, untersucht jeden Essensbissen den er bekommt auf Schimmel und Ungeziefer, probiert vorsichtig ob das Essen genießbar ist, freut sich wenn es schmeckt und isst dann große Mengen. Bleiben Reste übrig, fragt er kurze Zeit später, ob er diese auch noch essen dürfe. Wird das bejaht, wird auch dieser Rest erst wieder überprüft.

  • Tommi hat sich aus Mülltonnen und Papierkörben ernährt, seine Eltern lebten auf der Straße. Meist war er auf sich allein gestellt und musste um nicht zu verhungern sein Essen zusammensuchen.

Kevin

Kevin, 7 Jahre alt schläft in der Pflegefamilie unter seinem Bett, nicht darin. Er ist nicht dazu zu bewegen sich in das Bett zu legen. Er kennt kein Spielzeug, keine Toilette, nur Dinge die es „draußen“ gibt. Er kann aber erstklassig mit Messer und Gabel essen.

  • Kevin lebte mit seiner drogenabhängigen Mutter unter Brücken und in Abbruchhäusern, auf oder in zusammengesuchtem Sperrmüll, der nach „oben“ Schutz vor Regen und Sturm bot, „drunter“ kamen Plastiktüten etc. Wenn die Mutter sich prostituieren konnte, lebten Mutter und Sohn für kurze Zeit mit dem entsprechenden Mann zusammen, dann war die Fähigkeit, mit Messer und Gabel essen zu können, eine wichtige Voraussetzung für den Aufenthalt im „normalen“ Leben.

Domenik

Dominik, 13 Jahre alt, ist als Schläger und Zerstörer polizeibekannt. Er provoziert, geht keinem Streit aus dem Weg, kann nicht lesen und schreiben und besucht erfolglos (manchmal) die Sonderschule. In der Pflegefamilie ist er unauffällig. Es gibt keine Polizeikontakte, keine Schlägereien. Die schulischen Leistungen bessern sich explosionsartig, ein Hauptschulabschluss scheint möglich.

  • Domenik war in der Herkunftsfamilie der „Prügelknabe“. Er stellte sich vor seine kleineren Geschwister und ließ sich statt dieser vom Vater regelmäßig zusammenschlagen. Er ertrug Demütigungen und ließ seinen Frust dann draußen aus. Leider ertrug Domenik den Druck der Herkunftsfamilie nach zwei Jahren in der Pflegefamilie nicht mehr und kehrte in diese zurück. Er sah es als seine Pflicht an, seine Geschwister zu schützen. Mit 19 Jahren hatte Domenik keinen Schulabschluss, keine Ausbildung oder Arbeitsstelle und die ersten Gefängnisaufenthalte wegen Gewaltexzessen hinter sich.

Ole

Ole, 9 Jahre alt, uriniert in seinem Zimmer auf den Fußboden oder in den Kleiderschrank, mag sein Geschlechtsteil nicht anfassen, ekelt sich davor.

  • Ole wurde in seiner Herkunftsfamilie von der Mutter missbraucht.

Günther

Mit 5 Jahre isst er blitzschnell riesige Mengen, hat immer Hunger, bunkert Essen unter der Matratze, schleicht nachts durch das Haus um nach Essen zu suchen. Die Pflegeeltern lassen ihn gewähren. Trotzdem bettelt er auch bei den Nachbarn, im Kindergarten und später in der Schule um Essen. Mit 17 Jahren kann Günther sein Essverhalten steuern. Allerdings fällt er in alte Verhaltensweisen zurück wenn Besuch kommt und er nicht abschätzen kann, wie viel dieser Besuch essen wird.

  • Günther wurde in seiner Herkunftsfamilie massiv vernachlässigt, bekam nur unregelmäßig Nahrung, manchmal tagelang gar nichts.

Bernd

Bernd, 7 Jahre alt, erträgt keine „fremden“ Menschen in seiner Nähe die sich mit ihm beschäftigen, ihn ansprechen, o.ä. Spricht ihn in der Schule der Lehrer an, verschwindet Bernd unter dem Tisch und gibt keine Antwort. Zuhause rennt er, sobald Besuch kommt, in sein Zimmer und versteckt sich unter seinem Bett. Er kann niemanden anschauen oder begrüßen.

  • Bernd wurde von seiner Mutter isoliert, um die desolaten Zustände in der Wohnung zu verheimlichen. Er hatte keinerlei Sozialkontakte, wurde zum Schweigen gezwungen.

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

kennen Sie auch solche Beispiele, in denen es besonders wichtig war, dass Sie die Lebensgeschichte des Kindes kannten um sein Verhalten zu verstehen?
Bitte schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen – so können Andere lernen Pflegekinder besser zu verstehen.
DANKE redaktion@moses-online.de

Das könnte Sie auch interessieren

Moses Online Themenheft
Kinder, die in Pflegefamilien aufwachsen, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich wie beispielsweise das Erleben von Misshandlung oder Vernachlässigung. Diese Erlebnisse werden von jedem Kind individuell verarbeitet, führen bei den Heranwachsenden jedoch häufig zu Traumatisierungen. Mit diesem Heft wollen wir aufzeigen, warum ein Kind ein Pflegekind wird. Wie der Weg von dem Gedanken, ein Kind aufzunehmen, hin zum Leben mit einem Pflegekind sein kann. Was sich für die Familie verändern wird, wenn ein Pflegekind kommt und welche Voraussetzungen und Bedingungen es gibt, wenn das Kind in der Pflegefamilie lebt. Dieses Themenheft ist Ihre perfekte Einführung in das Thema Pflegekinder.
Moses Online Themenheft
Das Pflege/Adoptivkind fühlt, denkt und handelt anders als die Pflege-/Adoptiveltern dies durch ihre leiblichen Kinder gewöhnt sind. Kinder reagieren auf das, was sie im Leben erfahren haben, und Erfahrungen dieser Kinder sind andere Erfahrungen, als die der leiblichen Kinder. Im Themenheft "Alltägliches Leben" erfahren Sie, wie Sie das Verhalten der Kinder verstehen und damit passend umgehen können.