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11.03.2009
Erfahrungsbericht

Offene Adoption – eine Chance durch Offenheit und Wahrheit?

Als wir 1997 unsere beiden Kinder aufnahmen (zum Zeitpunkt der Aufnahme 1 Jahr bzw. 14 Tage alt), ahnten wir noch nicht was uns zukommen würde. Den leiblichen Vater hatten wir bei den Gesprächen kennengelernt und damit auch seine Forderungen. Da es keinen Grund gab ihm nach dem Tod seiner Lebensgefährtin aufgrund seines Alters die Kinder zu entziehen und er sich freiwillig um eine Lösung für die Versorgung der Kinder kümmerte, blieb das alleinige Sorgerecht und auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht erstmals beim leiblichen Vater.

Als wir 1997 unsere beiden Kinder aufnahmen (zum Zeitpunkt der Aufnahme 1 Jahr bzw. 14 Tage alt), ahnten wir noch nicht was uns zukommen würde. Den leiblichen Vater hatten wir bei den Gesprächen kennengelernt und damit auch seine Forderungen. Da es keinen Grund gab ihm nach dem Tod seiner Lebensgefährtin aufgrund seines Alters die Kinder zu entziehen und er sich freiwillig um eine Lösung für die Versorgung der Kinder kümmerte, blieb das alleinige Sorgerecht und auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht erstmals beim leiblichen Vater.

Einige Monate später willigte der leibliche Vater überraschenderweise in die Adoption ein und bat mich einen Termin beim Notar zu machen. Einzige Voraussetzung für ihn war dass er seine Kinder weiterhin sehen dürfte. Unsere damalige Sozialarbeiterin war zu dieser Zeit nicht im Amt, so dass wir vor der Unterschrift auch nicht die Möglichkeit eines Gespräches hatten. Zusammen mit dem leiblichen Vater sind wir dann zum Notar gefahren, was im Notariat wohl schon für Verwunderung sorgte. Später sagte der Notar zu uns als Adoptiveltern, dass er das in seiner Berufspraxis wohl noch nicht hatte, die zukünftigen Eltern und den abgebenden Elternteil gemeinsam. Wir selbst haben das so "exotisch" gar nicht gefunden. Schließlich waren wir es gewohnt, dass der leibliche Vater unser Leben ständig begleitete.

Nach der Freigabe lief dies auch noch eine Zeit wie vorher im Pflegeverhältnis. Die Kinder wurden an den Wochenende vom leiblichen Vater meistens einige Stunden abgeholt, wobei es schon auffällig war, dass unser Sohn immer mitgenommen wurde, unsere Tochter eher selten. Wir haben sehr schnell verstanden, dass neben dem Generationskonflikt (der leibliche Vater unserer Kinder ist doppelt so alt wie wir) nun auch der Kulturunterschied (der l. Vater kommt aus der Türkei) ein Problem wird. Die Krise war in meinen Augen schon vorprogrammiert und trat auch ein, als unser Sohn ca. 2,5 Jahre alt. Plötzlich mischte sich der leibliche Vater mehr in die Erziehung ein, nahm ihn mit zum Friedhof an das Grab der verstorbenen Mutter, ins Haus der Grosseltern mütterlicherseits, die eine Abgabe der Kinder nicht akzeptieren konnten und sich dementsprechend auch vor dem Kind äußerten. Außerdem nannte unser Sohn nun meinen Mann auch Papa und dies war für den leiblichen Vater scheinbar kaum zu ertragen. Was jetzt folgte war Streit und Wut bei den Besuchen. Wut auch auf meiner Seite, denn ich spürte, dass mein Sohn unter diesen Kontakten litt. Das er nicht mehr richtig wusste, wo er hingehört, dass diese zwei vollkommen unterschiedlichen Welten in denen er sich bewegen musste einfach viel zu viel für das kleine Köpfchen war.

Es folgten viele zermürbende Gespräche auch mit meinem Mann, der ein Versprechen, welches er vor der Freigabe gegeben hatte nun auf keinen Fall rückgängig machen wollte. Ich selbst hatte auch nicht vor, die Kontakte abzubrechen, doch mussten sie meiner Meinung nach deutlich reduziert und anders gestaltet werden. Ich bin einige Male dann alleine in die Wohnung des leiblichen Vaters gefahren, habe versucht mit ihm zu sprechen, er wurde meistens sehr wütend und böse und hat meine Bedenken darauf geschoben, dass ich die Kinder für mich alleine wollte.

Natürlich war das auch ein bisschen so. Ich habe mir manchmal heiss und innig gewünscht eine "normale" Mutter zu sein. Dieses Durcheinander ließ mir oft überhaupt keinen Raum für Entspannung auch wenn die Kinder mal bei Oma und Opa waren. Ständig kreisten meine Gedanken um die Problematik, leiblicher Vater, Adoption usw.

Im Januar 1999 hielt ich dem ganzen nicht mehr stand. Ich fühlte mich innerlich vollkommen zerrissen. Von meinem Kinderarzt bekam ich auf meine Fragen nur die Antwort, dass ich meinem Sohn mit meiner Haltung schade, ich solle die Kontakte vorerst abbrechen, mein Mann war absolut dagegen, und ich wusste nicht mehr was richtig und falsch ist. Plötzlich sah ich mich gezwungen, mich mit einem Menschen auseinanderzusetzen, den ich wohl normalerweise niemals kennengelernt hätte, ich hatte es mit leiblichen Grosseltern zu tun, deren Leben und Vorstellung von Erziehung und Lebensführung meiner nicht hätte fremder sein können. Ich hatte plötzlich zwei Kinder, die meine waren und die es trotzdem irgendwie nicht waren. Die Frage, warum lässt man mich nicht einfach Mutter sein, wurde in mir immer lauter.

Eines Tages stellte ich fest ich, dass ich lange auf Hilfe warten könnte. Das ich mir diese selbst suchen muss.. Ich haben einen Antrag auf Mutter-Kind-Kur gestellt und bin Hals über Kopf gefahren. Scheinbar sah jeder ein, dass ich dringend erholungsbedürftig war. Endlich in der Kur war ich ganze 4 Wochen lang nur Mutter von meinen Kindern und nichts sonst. In der Kurmassnahme bot eine Familienberaterin Gespräche an. Zuerst war ich ein wenig skeptisch wieviele Gespräche sollte ich denn noch führen. Da das erste Gespräch Pflichtprogramm der Kur war, blieb wir wohl nichts anderes übrig als hinzugehen. Was sollte ich vorbringen?! Das meine Ehe sich stark verändert hatte, dass ich egoistische Beweggründe hatte und den leiblichen Vater am liebsten ins Nimmerleinland verbannt hätte.... ? Was mich dort zum Sprechen brachte, ich weiss es heute auch nicht mehr, aber ich weiss nur, dass ich zu diesem Zeitpunkt endlich einen Anfang gemacht habe. Das ich lernen musste, dass ich mit dem leiblichen Vater nur eines gemeinsam habe: Wir lieben dieselben Kinder, dass ich in erster Linie nur für das Wohl meiner Kinder verantwortlich bin und nicht auch noch für das Schicksals des Vaters.

Zu Hause habe ich meine Erkenntnisse zwar nur schwerlich in die Tat umsetzen können, aber ich habe es geschafft. Ich habe in einem langen Gespräch erklärt dass die Art und Weise, wie er sich in unser Leben einmischt für mich nicht tragbar sein und für die Kinder in keinster Weise gut. Nach diesem Gespräch eskalierte es und wir haben uns ein halbes Jahr weder gesehen noch gehört.

Eines Tages rief der leibliche Vater an und bat um einen Besuch bei uns und den kindern. Seit diesem Tag läuft unser offenes Adoptionsverhältnis gut. Wir - besonders ich - haben deutlich gemacht, dass wir ihn als leiblichen Vater sehr gerne am Leben unserer Kinder teilhaben lassen, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Ich denke mir, dass es für ihn ein schmerzlicher Lernprozeß war zu akzeptieren, dass seine Kinder nun unsere Kinder sind und sie ein Stück weit begleiten darf und mehr auch nicht. Ich selbst habe lernen muessen dass Offenheit auch ein Stück weit sich selbst Zurücknehmen heisst, auch Menschen zu akzeptieren, die nunmal aufgrund ihrer Kultur und ihres Alters ganz anders sind als wir. Ich kann heute für mich sagen, dass ich den leiblichen Vater nicht mehr als "Bedrohnung" sehe, sondern als ersten Papa meiner Kinder. Ich kann mittlerweile am Tisch sitzen und schmunzelnd feststellen, dass unser Sohn einige Gesten doch wohl vererbt bekommen hat, das unsere Tochter ihrer leiblichen Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht. Alle diese Gedanken sind mittlerweile frei von Eifersucht, aber das war lange Zeit nicht möglich.

Ich spüre auch, wie der erste Papa immer besser damit umgeht, dass unsere Kinder nun mal unsere Kinder sind. Das sie zwar wissen, wo sie herkommen, aber genauso sehr wissen wo sie hingehören.

Heute bin ich froh, dass ich damals nicht aufgegeben habe, dass ich auch einen Mann hatte, der hart mir gegenüber blieb, denn heute weiss ich, dass meine Kinder mit ihrer Geschichte völlig selbstverständlich umgehen. Sie sehen ja selbst mit eigenen Augen, dass ihr leiblicher Vater viel zu gesundheitlich angeschlagen ist, um sich um zwei Wildfänge zu kümmern. Sie spüren, dass er sie aber trotzdem sehr liebt und das sie nicht einfach abgeschoben worden sind, weil sie lästig waren.

Alleine dieses Wissen lässt unsere Kinder auch vollkommen unbefangen mit anderen Menschen darüber sprechen, dass sie adoptiert sind.

Offene Adoption kann also wirklich viele Vorteile gegenüber einer anonymen Adoption bringen. Aber bis dahin ist es ein meist harter Weg für alle Beteiligten und erfordert ein hohes Mass an Toleranz, Offenheit und sich-Zurücknehmen.

H.G. Adoptivmutter

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