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12.12.2011
Erfahrungsbericht

Meine Erfahrungen als Pflegekind

Kai Christopher Kipper ist ein erwachsenes Pflege"kind", der bereits in der FAZ vorgestellt wurde und selbst über sich als Pflegekind geschrieben hat.

Themen:

Kai Christopher Kipper hat in einem Bericht seine Empfindungen als Pflegekind aufgeschrieben:

Meine Erfahrungen als Pflegekind

Ich spreche aus der Sicht eines Pflegekindes und wie ich als Pflegekind in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der so etwas nicht alltäglich ist. Menschen denen man dieses erzählt, dass man Pflegekind ist, schauen einen ungläubig an und sind z.T. geschockt.

Ich bin ein Pflegekind (und das) seit 1988. Geboren wurde ich 1986 in Göttingen…
Ich kam dann in die Obhut des Jugendamtes. Dieses vermittelte mich dann in eine Pflegefamilie. In meine jetzige Pflegefamilie kam ich im Oktober 1988 mit 1 ¾ Jahren.

Ich war sehr abgemagert und schwer krank. Anfangs konnte ich keine menschliche Nähe ertragen.
Das erklärte auch mein Verhalten von damals, beim Essen habe ich immer auf dem Boden gesessen und dort das Mittagessen oder Ähnliches zu mir genommen.
Nachts bin ich mindestens fünf Mal aufgestanden und stand so lange vor dem Bett meiner Pflegeeltern bis diese aufgewacht sind.
So ging das 7 Jahre lang!

Auf Autofahrten hatte ich früher immer Angst. Woher das kam weis keiner. Anfangs habe ich wild um mich geschlagen und gebissen.

Mit 5 Jahren kam ich auf die Bielefelder Laborschule (Versuchsschule des Landes NRW), dort war ich 12 Jahre lang. Die Lehrer wussten von meiner Vergangenheit und waren dementsprechend rücksichtsvoll zu mir, sie gaben mir Unterstützung wenn es z.B. im Unterricht um die Eltern ging, wenn ich etwas nicht machen wollte, musste ich es auch nicht machen. Sie nahmen Rücksicht auf mich, da ich häufig anders reagierte.
Sie waren immer für mich da wenn etwas vorfiel. Alle wussten von Anfang an Bescheid, das war auch gut so. In der Grundschule war es klar, dass das keines der Kinder realisiert. Aber in den Klassen 5-10 wurde es mehr. Meine Mitschüler wussten es alle, das wollte ich auch so. So konnte ich sein wie ich war, ich hatte immer Angst vor dem Schwimmen, zum Teil war ich auch beim Spielen anders (aber das kann ich nicht mehr genau beschreiben). Und so musste ich mich nicht für mein Verhalten entschuldigen.
Es war halt normal, es gehörte zu meinem Leben dazu, dass ich Pflegekind bin und dazu stehe ich!
Ich habe in meiner alten Schule auch eine Art Semesterarbeit zu diesem Thema geschrieben, meine Lehrer fanden es sehr interessant.

Meine Pflegeeltern haben sich die ganzen Jahre sehr liebevoll um mich gekümmert, sie haben mich groß gezogen und sind sozusagen meine Eltern!
Ich kannte keine anderen Personen, wenn irgendetwas war, ich konnte zu ihnen gehen und sie haben es geklärt. Wenn ich mal Kinder haben werde, sind das die Großeltern für meine Kinder.

Meine leibliche Mutter wollte/will immer zu mir Kontakt aufbauen. Sie rief ein paar Mal bei mir zu Hause an und wollte dass ich zurückkomme. Einmal war sie sogar in unserer Wohnung und hat sich geweigert ohne mich wieder zu gehen. Die örtliche Polizei musste sie dann davon überzeugen, dass das nicht gehen würde, erst ein Telefonat mit dem Staatsanwalt überzeugte sie dann. Ich war verängstigt, für mich war das eine fremde Frau. Mein Pflegevater sorgte in dem Moment für mich und beruhigte mich. Ich hatte Angst, dass ich wieder zu meiner leiblichen Mutter müsste.
Sie sagte jedes Mal dem Mitarbeiter des Jugendamtes, dass ich mich doch bitte melden solle oder ihr wenigstens ein Foto schicken solle. Das lehnte ich immer ab! Mein Plan war immer, dass ich meine Schule in Ruhe zu Ende machen wollte, und dass ich keinen Kontakt mit meiner Mutter gebrauchen kann. Dies würde mich vermutlich zu sehr belasten.
Seit Oktober 2005 habe ich nun auch Kontakt zu meinen fünf Halbgeschwistern. Sie hatte ich seit 1988 nicht mehr gesehen oder gesprochen. Das war ein freier Entschluss und ein richtiger zum richtigen Zeitpunkt. Alle meine Freunde unterstützten diesen Entschluss und standen hinter mir.
Es war schon ein sehr komisches Gefühl, wenn sich am anderen Ende der Telefonleitung auch jemand mit meinem Nachnamen meldete. Oder überhaupt diese Stimme eines eigentlich Fremden zu hören und denken zu müssen „Hey, das ist mein Bruder“.

Im letzten Jahr 2006 habe ich dann mit meiner damaligen Freundin meinen einen Bruder und seine Familie besucht. Es war ein sehr komisches Gefühl sein eigen Fleisch und Blut gegenüber zu stehen. Ich wollte es erst nicht wahr haben, dass das mein Bruder ist. Es war aber ein sehr schöner Besuch bei ihm, es war mir sehr wichtig dass meine damalige Freundin mitgekommen ist, weil sie ein Mensch ist, der ich 100 %ig vertraue und meine ganze Lebensgeschichte kennt.

In der späteren Zeit habe ich dann meine Geschwister (fast) alle kennengelernt, auch diese Begegnungen waren sehr bewegend.
Ich bin meinen Großeltern begegnet, habe meine Tante, meinen Onkel, meine Cousine, 2 Brüder und eine Schwester kennengelernt dieses Jahr im Mai.
Ich war sehr aufgeregt und nervös als ich das erste Mal in meine Geburtsstadt gefahren bin.
Alles so ist fremd und neu, obwohl ich dort geboren bin.
Aber meine Wurzeln liegen nun mal in dem Ort…
Demnächst will ich noch das letzte Puzzlestück in meiner Familie kennenlernen: meine Schwester die ich bisher noch nie gesehen habe.
Meine leiblichen Eltern möchte ich nicht kennen lernen, sie waren für mich damals nicht da. Ich habe meine Eltern, und das sind meine Pflegeeltern!

Unterstützung durch meine Pflegeeltern habe ich sehr viele bekommen, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder auch in der Schule und überall sonst wo ich sie brauchte. Meine Pflegeeltern selber kommen damit sehr gut zurecht.

Mein Chef im Baumarkt weis, dass ich ein Pflegekind bin und weis von meiner Vergangenheit. Beim Bewerbungsgespräch war er neugierig und fragte mich wie es dazu kam und wie ich damit lebe.

2005 hat das Jugendamt Bielefeld eine Kampagne gestartet in der Pflegeeltern gesucht wurden, damals hab ich mit dem Jugendamt Kontakt aufgenommen und nehme seitdem an Informations-Veranstaltungen der Kampagne teil.
Dort erzähle ich meine Lebensgeschichte und die Zuhörer stellen dann Fragen an mich.
Dieses ist immer sehr interessant, es sind immer unterschiedliche Reaktionen von den Menschen.
Es hat mir gezeigt dass ich mir es als Ziel setzen muss, das Pflegekinder einen besseren Ruf bekommen und nicht immer negativ über die Arbeit der Jugendämter berichtet wird.

Ich kann es mir sehr gut vorstellen, später selber einmal Pflegekinder aufzunehmen. Es ist eine wichtige Aufgabe Kindern ein Zuhause zu geben. Die Kinder danken es den Pflegeeltern in jeder Hinsicht, selbst ein Lächeln ist eine Belohnung.

Wenn Sie mit Kai in Verbindung treten wollen, dann schicken Sie an die Redaktion moses-online eine Mail. Wir werden diese Mail an Kai weiterleiten.

hier können Sie den Artikel der FAZ einsehen

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