Sie sind hier

22.05.2008
Erfahrungsbericht

MARIE von der "Rückführung" bis zur Namensänderung

Ein Pflegevater berichtet.

Im April 1995 kam Marie als neunmonatiges Pflegekind zu uns. Die ledige Mutter war alkoholabhängig und hatte schwere Persönlichkeitsstörungen. Ihr Lebenspartner und Maries Vater wurde uns als trockener Alkoholiker geschildert. Was die Trockenheit betraf, so hegten wir nach dem ersten Kennenlernen unsere Zweifel.

Marie sollte auf die Dauer von 6-8 Wochen bei uns bleiben, bis die Mutter eine Entzugstherapie hinter sich gebracht habe. Also eine zeitlich relativ klare Absprache, an der es für uns als erstmalige Pflegeeltern nichts zu deuteln gab.

Marie gliederte sich recht schnell bei uns ein und wir stimmten unseren Lebensrhythmus ganz auf sie ab. Maries Mutter jedoch brach ihre Therapie ab und gab sich weiter dem Trunke hin und mußte mehrmals stationär entgiftet werden. Der Kontakt zu ihr - einmal wöchentlich für eine Stunde - gestaltete sich zunehmend schwieriger.

Das Jugendamt stimmte schließlich einer Mutter/Kind-Therapie zu. "Vor Gericht kommen wir mit einer Ablehnung nicht durch, zumindest müssen wir den Versuch zulassen", war das Argument. Mittlerweile war Marie 9 Monate bei uns. Ihr halbes Leben. Sie lernte laufen und die ersten Worte sprechen. Von ihrem traurigem auch ängstlichem Gesichtsausdruck war nichts mehr zu erkennen, stellten wir fest, als wir die Fotos betrachteten.

Nun denn, der Zeitpunkt der Rückführung war gekommen. Geplant war: Freitag und Samstag, jeweils 8 Stunden Besuchskontakt mit der Mutter; ab Sonntag sollte sie ganz bei ihr bleiben. Die Realität stellte sich anders dar.

Freitagmorgen. Marie ist mürrisch und gar nicht so gut gelaunt wie sonst. Als ihre Mutter sie abholen will, wehrt sie sich vehement in den Kinderwagen gesetzt zu werden. Unter lautstarkem Protest verläßt sie unser Haus. Was tagsüber mit ihr passiert, wissen wir nicht. Der Mutter geben wir die erste Fuhre Kleidung und Spielsachen mit.

Abends kommt Marie zurück. Die Mutter erzählt uns daß Marie keinen Mittagsschlaf halten wollte und geweint hat. Zunächst verhält sie sich abwartend, bekommt dann einen Wutausbruch. Ein 18-monatiges Kind räumt in unserem Haus ab. Sie wirft mit Büchern um sich. Schreit. Unmöglich, sie zu beruhigen. Sie will weder essen noch trinken. Irgendwann schläft sie völlig übermüdet für 3-4 Stunden ein. Während sie schläft ruft sie immer wieder "nein, Papa, Mama". Wir sind fassungslos. Zwar wissen wir aus Vorgesprächen und Erfahrungen anderer Pflegeeltern, wie schwierig eine Rückführung sein kann, auch das letztendlich das Kind die Zeche zu zahlen hat. Das es sich aber so darstellt, das hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen.

Am folgenden Morgen will Marie nicht aufstehen, sich nicht anziehen lassen und wirft sich in der Küche auf den Boden - weint und schreit. Als sie ihre Mutter sieht, verstärkt sich ihr Verhalten. Das Schauspiel des Vortages wiederholt sich. Den Satz der Mutter "Dann setzen sie die Kleine mal in den Kinderwagen, dann habe ich nicht die schlechten Karten", haben wir heute noch im Ohr. Nachdem Marie und ihre Mutter das Haus verlassen haben, ruft uns die Sozialarbeiterin des Jugendamtes an. Wir berichten. Schnell wird uns klar - so geht das nicht. Wir überlegen, welche Maßnahmen geeignet sind zu ergreifen unter Berücksichtigung der Spielregeln.

Gegen 18.00 Uhr kommt Marie in Begleitung ihrer Mutter zurück. Auch diesmal erzählt sie, daß die Kleine weder essen noch schlafen wollen. Die letzte Übernachtung bei uns steht bevor. Zunächst bewegt sich Marie im Zeitlupentempo durch die Räume, wirkt abwesend, apathisch. Dann wiederholt sich das ganze Spektakel des Vorabends. Zudem muß sie sich mehrfach übergeben. Wir rufen den Kinderarzt an. Er kennt Marie samt ihrer Vorgeschichte. Die Mutter hat er nie gesehen. Wenn eine Vorsorgeuntersuchung mal stattgefunden hat, nahm deren Freund den Termin wahr. Wir können nichts tun - müssen tatenlos zusehen. Es klingelt an der Tür. Die Sozialarbeiterin möchte sich über Maries Verfassung informieren. Sie ist schockiert. Mit einem Telefonanruf bei der Mutter bricht sie die Rückführung ab. Seit diesem Abend bis heute - schläft Marie grundsätzlich nicht alleine ein. Sie klammert sich an uns. Wir nehmen sie zu allen Gängen mit. Absolut. Zur Toilette, zum Duschen ... überall. Marie ist mißtrauisch. Die Besuchskontakte finden nun wieder im Jugendamt statt. Wie gehabt, einmal die Woche für eine Stunde in unserer Anwesenheit. Als die Mutter ihr erklärt, so ganz nebenbei während des Spielens: "Das sind nicht deine Mama und Papa", weint sie und will für die restliche Besuchszeit nur noch bei uns sitzen. Zu Hause bekommt sie einen Tobsuchtsanfall mit Fieber und Erbrechen.

Zwischenzeitlich ruft die Mutter mehrmals bei uns an und will sich erklären lassen, warum die Rückführung abgebrochen worden ist. Sie scheint erheblich unter Alkohol zu stehen. Von Maries Wohl, klarer Argumentation oder gar Logik keine Spur. Die weiteren Besuche im Jugendamt sind emotional geladen. Auf allen Seiten. Während sie mit der Mutter spielt, hält Marie ständig Blickkontakt zu uns und kommt immer wieder auf uns zu, um Körperkontakt aufzunehmen. Offensichtlich bekommen ihr die Besuche nicht gut. Immer wieder die gleichen Reaktionen nach den Kontakten.

Die Besuche werden auf die Dauer von drei Monaten eingestellt. Langsam kommt Marie zur Ruhe, obwohl sie immer noch nicht alleine einschlafen will und überallhin mitgenommen wird. Ihr Standardspruch: "Marie kommt mit". Uns fällt auf: Sie hat nach dem Rückführungsversuch alle ihre Puppen umbenannt. In Namen aus unserem Freundeskreis. Sind wir zu Besuchen eingeladen, möchte sie bereits nach kurzer Zeit wieder heim. Allenfalls zu Besuchen bei den "Pflegegroßeltern", hält sie es längere Zeit aus.

Das 1. Halbjahr 1996 war für uns absolut streßig. Also beschließen wir einen Auslandsurlaub. Santorin/Griechenland. Bevor Marie zu uns kam haben wir diese Insel schon mehrfach besucht und dort einen Bekanntenkreis aufgebaut. Zwei Wochen entspannen. Vielleicht kommt Marie dort mehr zur Ruhe und findet etwas Abstand. Die ersten drei Tage sind einfach toll. Marie spielt am Strand mit griechischen, deutschen und englischen Kindern.

Am vierten Tag jedoch – Marie ist wie ausgewechselt. Mürrisch, will nicht essen. Sie ereilen wieder die bekannten Attacken. Als sie dann noch 40 Grad Fieber bekommt, suchen wir die Inselklinik auf. Dort gibt es eine Kinderabteilung, doch es wird keine körperliche Erkrankung festgestellt. Wir beschließen den Rückflug - entgegen dem Anraten unserer Freunde. Marie bekommt Durchfall, muß sich mehrfach übergeben. Am Flughafen Düsseldorf überlegen wir. Fahren wir nach Hause oder samt Rucksäcken in die Kinderklinik. Die Symptome sind nach wie vor die gleichen. Als wir unser Haus betreten und Marie auch noch die "Pflegegroßeltern" sieht, sind wir baß vor Erstaunen. Marie läuft wild grölend durch die Zimmer und innerhalb einer Stunde sinkt ihre Körpertemperatur von 39,5 auf 37,0 Grad. Sie hat unsäglichen Appetit und wir sind gleichermaßen froh wie fassungslos.

Nach einiger Zeit finden wieder Besuchskontakte mit der Mutter statt. Damit sie entspannter ablaufen, finden diese Besuche im bekannten Umfang in unserem Haus statt. Marie reagiert recht positiv. Das die Mutter nicht ihr, sondern meiner Frau kleine Geschenke mitbringt, registrieren wir am Rande. Egal. Hauptsache, das Kind nimmt keinen Schaden. Bei einem folgenden Anhörungstermin stimmt der Richter einer Ausweitung des Besuchsrechtes zu. Zunächst sieht alles ganz gut aus. Wir unternehmen einen zweiten Urlaubsversuch. Gleiche Insel, gleiche Leute, gleiche Unterkunft. Nach einer Woche sind wir wieder daheim. Marie kann partout keinen Umgebungswechsel vertragen.

Die folgenden - telefonisch abgesprochenen - Besuchskontakte werden größtenteils von der Mutter abgesagt. Neulich rief sie uns an. Deutlich alkoholisiert forderte sie die Rückführung - unter allen Umständen. "Da muß sie eben durch, das ist mein Kind", waren ihre Worte.

Gutachten – heißt "gut achten"

Das fachpsychologische Gutachten wurde vom Vormundschaftsrichter in Auftrag gegeben. Maries leibliche Mutter und deren Rechtsbeistand haben eindringlich die Expertise zur Besuchsregelung gefordert. Ebenso eindringlich warnte der Richter vor den Konsequenzen. "Das kann für sie nachteilig werden". Die Dame vom Jugendamt hätte lieber ein Gutachten zum Sorgerecht gesehen. Damit wäre zumindest eine Prognose zum weiteren Verlauf möglich. Nundenn - der Auftrag wurde erteilt. Fragestellung: Schaden Besuche durch die Mutter dem Kindeswohl? Häufigkeit und Dauer der Besuche. Welcher Besuchsort sollte gewählt werden? Welche künftige Entwicklung ist zu erwarten?

Und wir warteten auf eine Terminabsprache.

Sechs Wochen später steht der Gutachter in der Tür. Wir stellen fest, Psychologen sind ganz normale Menschen und haben überhaupt keine Ähnlichkeit mit Siegmund Freud.

Den Ablauf des ersten Besuches haben wir vorher mit ihm telefonisch festgelegt. Zunächst wolle er Marie "untersuchen", wie er sich ausdrückte, dann war mit uns als Pflegeeltern ein längeres Gespräch vorgesehen.

Gar nicht so einfach, Marie mit einem fremden "Onkel" alleine in einem Zimmer zu lassen. Als erste verläßt meine Frau den Raum, weil es an der Tür geläutet habe - Marie nichts wie hinterher. "Bleib doch hier und leiste uns ein wenig Gesellschaft", versuche ich sie zu bremsen. "Bitte ohne Druck", entgegnet der Psychologe. Marie betritt wieder das Zimmer und wirft sich zu Boden. Der Gutachter notiert dieses. Er versucht Kontakt zu ihr aufzunehmen. "Wie heißt du denn, hast du aber einen schönen Pullover, zeig mir doch mal dein Spielzeug". Marie ist sehr zurückhaltend; wirft sich immer wieder zu Boden. Einerseits ist sie freundlich zugewandt, andererseits baut sie eine Mauer auf. Wir haben den Eindruck, Marie weiß um die Wichtigkeit des Besuches. Unter fadenscheinigen Ausreden verlasse ich das Zimmer. Nun ist der Gutachter alleine mit Marie in unserem Wohn- und Arbeitszimmer. Meine Frau und ich stehen für ca. 15 Minuten eine Etage tiefer im Flur und warten. Ich kann nicht sagen, ich sei aufgeregt gewesen. Aber da war ein ganz merkwürdiges Gefühl. Wie vor 20 Jahren nach dem mündlichen Abitur.

Immer wieder horchen wir nach oben, drücken die Zigarette aus, halten die Luft an. Marie und der Gutachter scheinen sich zu unterhalten. Dann hören wir, wie sich Marie wieder zu Boden wirft. "Das macht sie doch sonst nie", bemerkt meine Frau. Dann hören wir wieder Maries Lachen. Der Gutachter bittet uns wieder zu sich und wir ziehen um in Maries Zimmer. Hier hat sie ein richtiges Spielhaus. Mit Küche, Möbeln und Fenster. Marie betritt ihr Haus, bittet mich "komm sie bitte rein" und verschließt alle Türen und Fenster. "Draußen sind Wölfe". Der Gutachter schreibt mit. Vorerst will bei Marie keine rechte Spielfreude aufkommen. Klar - sie fühlt sich beobachtet. Zusammen stimmen wir ein Lied an und spielen unser berühmtes Telefonspiel. "Ringring, Telefon, Marie geh mal dran". Ist Marie guter Dinge, führt sie minutenlange Gespräche mit Oma, Opa, Käpt’n Blaubär oder Jim Knopf. Dieses Mal: "ist keiner dran". Diese Situation ließ mich nicht gerade sicherer werden und meine Frau hatte auch einen so merkwürdigen Augenaufschlag. Der Gutachter schrieb und schrieb. Mit einem Mal reißt Marie einen ihrer Fensterläden auf: "Komm, ich koch dir ein paar Nudeln". Jetzt hatte der Gutachter diesen merkwürdigen Augenaufschlag und Marie kochte was das Zeug hielt. Nach einer Weile war es fürs erste genug und wir konnten die Oma zu Maries Betreuung telefonisch abrufen, die von Marie überschwenglicher als sonst begrüßt wurde.

Im Wohnzimmer übergaben wir dem Gutachter ein Exemplar unserer Tagebuchaufzeichnungen. Seit dem Rückführungsversuch im Januar '96 verfaßten wir tagebuchähnliche Aufzeichnungen zu Aktionen und Reaktionen, insbesondere Verhaltensauffälligkeiten vor und nach Besuchskontakten.

"Diese Aufzeichnungen können nur subjektiv sein", äußerte der Psychologe. Mag sein. Als Ergänzung zu seinen Notizen mochten sie vielleicht doch sachdienlich sein. Es folgte ein längeres Gespräch zu dritt.

Anfangs war ich mehr damit beschäftigt, mich auf meine Gestik und Wortwahl zu konzentrieren. Bei Gesprächen mit Psychologen - vielleicht fehlt es mir da an Routine - fühle ich mich immer sehr leicht in meiner Taktik durchschaut, was mich nicht gerade sicher wirken läßt. "Versuchen sie ehrlich zu sein, nichts zu verschweigen und nichts dazu zu komponieren. Es geht hier einzig und allein um das Wohl des Kindes". Meine Frau brach das Eis, das sich vor mir aufgebaut hatte. Sie sprach sehr gefühlsbetont von den Belastungen, die Marie in ihrem kurzen Leben erfahren hat. Die Maßnahmen, die wir um das Kindeswohl nicht zu gefährden, ergriffen hatten. Der Gutachter hörte interessiert zu, manchmal den Kopf schüttelnd. Er reagierte etwas unwirsch, als wir das Vorgehen des Vormundschaftsrichters bei der Verhandlungsführung kritisierten. Zu Gesprächsende informierte er sich über unsere sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse.

Folgend würde er die leibliche Mutter besuchen, einen weiteren Besuch bei uns terminieren und gegebenenfalls Marie im Umgang mit ihrer Mutter beobachten. Natürlich möchten wir ihm eine erste Stellungnahme abringen. Der Gutachter äußert sich recht spärlich, was wir letztendlich auch einsehen.

Mitte März findet ein weiterer Besuch statt. Zwischenzeitlich hat er die leibliche Mutter und deren Lebensgefährten aufgesucht.

Es ist 13 Uhr und bei Marie ist von Mittagsschlaf keine Spur. Zunächst versucht er behutsam zu Marie einen Kontakt herzustellen. Wir verdrücken uns in Richtung Kinderzimmer. In unserem Wohnbüro holt der Gutachter Puppen aus dem Koffer. Wir können nur hören, nicht sehen. "Ist das ein Junge oder ein Mädchen? Ist Mama ein Mädchen oder ein Junge?" Marie scheint etwas überfordert. Auf Befragen greift sie an Nase, Ohren, Augen und Füße. Er drückt ihr eine Babypuppe in die Hand. "Ich glaube, das Baby hat Hunger. Gibst du ihr was zu essen?" Marie nimmt die Puppe und kommt zu uns ins Spielzimmer. Meiner Frau drückt sie die Puppe in die Hand und sagt: "Da Mama, das Baby hat Hunger". Der Gutachter macht sich Notizen.

Er zeigt uns Polaroid-Fotos, die er von den leiblichen Eltern bekommen hat und möchte wissen, ob wir Marie zumuten können, sie ihr zu zeigen. Auf diese Weise könne er versuchen, evtl. auf eine Beobachtung anläßlich eines Besuchskontaktes zu verzichten. Genaueres müsse er aber erst ausarbeiten. Mit gemischten Gefühlen willigen wir ein. Die Fotos waren wirklich schrecklich - und dann noch Polaroid bei Dunkelheit draußen geblitzt. Der Gutachter unterhält sich mit Marie über Spielzeuge, über Mama und Papa. Ganz beiläufig zeigt er ihr die Fotos. "Kennst du die?" Marie sagt nichts. Sie haut nur mit der Faust auf die Fotos. Sie ist wütend und schmeißt mit Gegenständen um sich. Nach einer Weile hat Marie sich beruhigt und wir können mit ihr spielen, während der Gutachter sich Notizen macht.

Das anschließende Gespräch zu dritt beginnt der Psychologe: "Welche Signale soll ein Kind noch senden?" Er hat unsere Tagebuchaufzeichnungen gelesen. Sie paßten mit seinen Ausarbeitungen, den Gerichtsunterlagen, sowie den medizinischen Unterlagen, die er nach Schweigepflichtentbindung durch das Jugendamt, von der Krankenversicherung erhalten hatte, überein. Er schien unseren Aufzeichnungen größere Bedeutung beigemessen zu haben, als wir dachten. Aber uns wurde schnell klar, hätten wir uns diese Zeilen aus den Fingern gesaugt, müßten wir eine umfangreiche psychologische Ausbildung haben. Die Mosaiksteine paßten zusammen. "Es wird mir immer deutlicher, sie sind faktisch die Eltern", diese Worte waren wie Balsam. "Dieses Kind kann man aus kinderpsychologischer Sicht nicht mehr aus diesem Umfeld herausnehmen. Marie hat keinen Vorteil, wenn ihre Mutter sie besucht - ganz im Gegenteil". Das war deutlich.

Anschließend kritisierte er Besuchskontakte, die in unserem Haus stattfanden. "Wo soll das Kind seine Schutzburg finden, wenn nicht hier? Das Kind muß geschützt werden."
Wir hoffen, der Richter sieht das auch so. Mittlerweile sind 23 Wochen ohne Besuchskontakte vergangen. Das Gutachten liegt bei Gericht vor. Bei uns nicht. Die leibliche Mutter rief uns an: "Diesen Gutachter lehne ich ab. Der ist viel zu jung. Ich will ein neues Gutachten."

Wir hoffen, der Richter sieht das nicht so.

Eine unendliche Geschichte

Im April sind es zwei Jahre, die die 32-monatige Marie als Pflegekind in unserer Familie ist.

Die leibliche Mutter läßt nicht locker. Bei einem Anhörungstermin beantragt sie die Ausweitung der Besuchsregelung von einer auf vier Stunden wöchentlich, betont aber im gleichen Atemzug, für das Kind nicht sorgen zu können, da sie ihre primären Ängste mit Alkohol überlagere. Die letzten Besuchstermine habe sie unkommentiert verstreichen lassen, da ihr ein Besuchskontakt in unserem Haus psychisch nicht zumutbar sei.

Der Richter gibt dem Ansinnen statt. Versuchsweise sollen die Kontakte schleichend ausgedehnt werden. Als ersten Termin legt er den 1. Weihnachtstag fest. An diesem Tag soll der Besuch zum ersten Mal seit über einem Jahr ohne uns auf die Dauer von zwei Stunden stattfinden. Folgende Besuche wöchentlich zwei Stunden. Maries jeweilige Verfassung soll aber hierbei berücksichtigt werden. Die Forderung der Rechtsanwältin der leiblichen Mutter, diese möge dann aber bitte von einer neutralen Person festgestellt werden, kennzeichnet sehr deutlich den Zustand des Pflegeverhältnisses. Weiterhin fordert die Anwältin im Auftrag ihrer Mandantin die Anfertigung eines fachpsychologischen Gutachtens zur Klärung der weiteren Besuchsregelung.

Es kommt der 1. Weihnachtstag und somit der erste Besuchskontakt, der ohne uns stattfindet. Im Vorfeld machen wir Marie diesen Besuch "schmackhaft". Ziegen gucken, spazieren gehen. Marie will nicht. Sie läßt sich weder wickeln noch anziehen, geschweige denn, das Haus verlassen. Mit einiger Überredungskunst geht sie dann doch mit. Die Kindesmutter bringt Marie nach zwei Stunden wieder zurück. Zunächst verhält sich Marie abwartend, bewegt sich im Zeitlupentempo durchs Haus, um dann abzuräumen. Mit Tritten und Bissen traktiert sie uns, will andererseits aber auf den Arm und schmusen. In unserem Haus will sie sich nur in ganz bestimmten Ecken aufhalten. Wollen wir das Haus verlassen, versteckt sie sich unter dem Abflußrohr unseres Gäste-WC’s. Gemeinsame Einkäufe oder Besuche bei Freunden brechen wir ab, weil Marie nach Hause will. Immer wieder muß sie sich im Rahmen von Schreiattacken erbrechen. Marie bekommt stundenweise Fieber. Bis zu 40 Grad. Wir suchen den Kinderarzt auf, der eine psychosomatische Reaktion diagnostiziert.

Abends kommt Marie nur schwer in den Schlaf. Häufig wird sie wach und nimmt uns in die Arme. Marie sucht dauerhaften Körperkontakt; versichert uns nachhaltig: "Ich habe euch lieb. Du bist mein Papa und du bist meine Mama".

Nach dem dritten Besuch ist für Marie das Maß voll. Sie scheint das Vertrauen in uns verloren zu haben; schenkt unseren Worten kaum Glauben, wenn wir ihr sagen, wir würden nur mal kurz mit ihr wegfahren und einen Einkaufsbummel unternehmen. Ihr Mißtrauen erhält eine nie dagewesene Qualität. Bei jeden Telefonklingeln zuckt sie zusammen. Nahezu unaufhörlich weint und schreit sie. Marie verweigert die Nahrung und sie verweigert den Schlaf. Als hätte sie Angst, im Schlaf könne etwas gegen ihren Willen geschehen. Sie schläft nur stundenweise im Arm meiner Frau. Nachts liegt sie zwischen uns im Ehebett. Häufig wird sie wach und klammert sich noch fester an uns. In dieser Zeit hat sie über drei Pfund Körpergewicht verloren.

Und dann passiert das, was uns daran zweifeln läßt, daß es im Leben Zufälle gibt. Frau H. von der "Vereinigung der Pflege- und Adoptiveltern" ruft an. Wir lernten uns im Herbst 96 anläßlich eines Pflegeeltern-Seminars in Oer-Erkenschwick kennen. Sie möchte sich nach unserem und natürlich Maries Befinden erkundigen. Was dann geschieht, ist das, was man Krisenhilfe nennt. Innerhalb einer Stunde steht Frau H. auf der Matte. Sehr schnell erfaßt sie die Situation und vor allem: sie weiß als Dipl. Sozialarbeiterin genau, welche Maßnahmen nun geeignet sind zu ergreifen. Zusammen formulieren wir einen Eilantrag ans Amtsgericht. Meiner Frau und mir wollen die Worte nicht so gut aus der Feder. Wir haben - salopp ausgedrückt - eine 68er-Mentalität; diskutieren, lassen uns relativ schnell auf Kompromisse ein, wollen nicht verletzen und vor allem sehen wir "das Gute" im Menschen. Als Fachfrau im Bereich des Pflege- und Adoptivkinderwesens kennt Frau H. alle rechtlichen Möglichkeiten und natürlich die entsprechenden Formulierungen. Der Eilantrag geht noch am selben Abend als Fax an das Gericht. Frau H. verfaßt noch in der Nacht einen Besuchsbericht, welchen sie ebenfalls ans Gericht faxt. Um ganz sicher zu gehen, geben wir tags darauf unseren Antrag beim Amtsgericht persönlich ab.

Angesichts der möglichen Gefährdung des Kindeswohls setzt der Vormundschaftsrichter die Besuchsregelung daraufhin aus.

Langsam - ganz langsam stabilisiert sich Maries Zustand. Sie braucht über zwei Wochen, bis sie zu einem annähernd normalen Eßverhalten findet. Allerdings ist sie nach wie vor mißtrauisch, insbesondere, wenn wir das Haus verlassen wollen oder wenn ihr unbekannte Personen zu Besuch kommen. Manchmal führt das dann zu Irritationen, wenn Marie meine Arbeitskollegen fragt: "Gehst du jetzt wieder"?

Ende Januar kommt der Gutachter. Marie verhält sich zurückhaltend. Sie sendet Signale, indem sie sich zu Boden wirft. Der Gutachter untersucht Marie in einer ungemein geschickten Weise. Kann sie greifen, ist sie aufmerksam, reagiert sie auf Reize, kennt sie ihre Körperteile, etc. Beim Spielen mit Marie macht er sich Notizen. Nach zwei Stunden kommt die "Pflegeoma" zu Maries Betreuung, damit sich der Gutachter ungestört mit uns unterhalten kann. Gegen Mittag verläßt er uns. Er wird dem Gericht empfehlen, die Besuchsregelung bis zur endgültigen Erstellung des Gutachtens auszusetzen. Dieses kann aber noch dauern. Er wird noch ein- bis zweimal die leibliche Mutter besuchen. Ebenso ist ein weiterer Besuch bei uns notwendig. Darüber hinaus wird er Marie noch im Umgang mit der leiblichen Mutter beobachten. Dieses aber nur in dem Rahmen, den er unter Berücksichtigung des Kindeswohls verantworten kann.

Mit der Zeit findet Marie immer mehr zu ihrer kindlichen Form zurück. Wir lassen ihr alle nur möglichen Freiräume. Immer wieder sagen wir ihr: "Hier ist dein Zuhause", oder "Tante Ariane (so nennt sie ihre leibliche Mutter) kommt nicht mehr". In ihren Augen erkennen wir die Erleichterung, die sie erfährt, wenn wir mit dem Auto in "unsere" Straße einbiegen.

Der Gutachter hat die Kindesmutter besucht. Sie spricht auf unseren Anrufbeantworter und möchte sich nach Maries Zustand erkundigen. Das bekommt Marie mit. Und - sie reagiert. Wiederum wirft sie mit Gegenständen um sich, will das Haus nicht verlassen und vergewissert sich unentwegt unserer beider Anwesenheit - auch nachts. Sie klimpert mit den Augenlidern, ist überaus nervös. Für einige Tage stottert sie.
Auf den Anruf reagieren wir nicht. Die Qualität dieser Telefonate sind uns nur zu gut bekannt.

Als der Gutachter die leibliche Mutter nach ca. drei Wochen ein zweites Mal besucht, klingelt bei uns wiederum das Telefon. Die Kindesmutter kann das alles gar nicht glauben, während sich im Hintergrund ihr Lebenspartner immer wieder in einer unsäglich aggressiven Form ins Gespräch einmischt. "Wir wollen das Kind sofort wieder zurück haben. Das zweite Gutachten ist schon in Arbeit".

Und wir fragen uns, was ist dem Kind psychisch zumutbar? Wir haben darauf eine Antwort gefunden: nichts mehr. Wir haben eine neue Marschrichtung festgelegt - auch wenn es unserer Mentalität entgegenläuft. Wir werden nur noch Maries Interessen im Auge haben und hartnäckiger bei Anhörungsterminen sein.

Zur Not werden wir die Krisenhilfe in Anspruch nehmen.

Marie hat ein Recht auf eine glückliche Kindheit, mit allem, was dazugehört. Verdammtnochmal.

Zwischen zwei Anhörungen lagen knappe drei Monate. In dieser Zeit hat sich Marie dahingehend entwickelt, daß sie nunmehr den Kindergarten ohne Begleitung besucht. Sogar auf ihre Windeln kann sie verzichten. Was für "normale" Kinder als weniger bemerkenswerte Entwicklung angesehen wird, bedeutet für Marie einen gewaltigen Schritt vorwärts. Der erste Prozeß kindlicher Lösung ist geschafft, somit bescheinigt sie uns Vertrauen. Sie weiß: Mama und Papa sind verläßlich. Getroffene Absprachen werden eingehalten. Wir haben noch nie eine derart vergnügliche Marie erlebt. Völlig erschöpft hält sie mittags in ihrem(!) Bett dezent lächelnd einen Mittagsschlaf.
Trotzdem sind wir nach wie vor auf der Hut. Den anberaumten Anhörungstermin Anfang Dezember besprechen wir nur in Maries Abwesenheit. Dennoch bemerkt Marie, daß da was im Busche ist. Vielleicht lag es aber auch an der Jahreszeit. Marie äußert wiederholt, völlig aus dem Zusammenhang: "Ich will nie mehr zu Tante Ariane, da war auch ein anderer Opa, mit dem mußte ich spielen". Die letzten Besuche waren zu Weihnachten ‘96. Welches dreijährige Kind kann sich schon daran erinnern, was vor einem Jahr war?

Für den Tag der Anhörung wird Marie von ihrem Kindergartenschwarm Pitti zum Mittagessen mit anschließendem Spielen eingeladen. Die von uns lancierte Einladung gibt uns die Möglichkeit, die Resultate der Anhörung mit unserer Anwältin und der Dame vom Jugendamt ohne Zeitdruck zu diskutieren. Die Anhörung selbst erstreckt sich auf gut eine Stunde. Wir erleben, wie nützlich es ist, den Gutachter zum Termin zu laden. Die leiblichen Eltern erklären sich damit einverstanden, die Ausübung des ihnen wieder zu übertragenden Sorgerechts ruhen zu lassen. Auch weiterhin soll das Jugendamt Vormund sein.

Der Richter befragt den Gutachter zu einzelnen Passagen seiner Arbeit; insbesondere hinterfragt er Formulierungen wie ... "sollten bis auf weiteres keine Kontakte mehr stattfinden". "Hier ist von einem Zeitraum mindestens bis zur Einschulung auszugehen". Damit hat keiner gerechnet. Wir lehnen uns entspannt zurück. Die gegnerische Anwältin spricht von einem Schock für die leiblichen Eltern. Sie versucht zu retten, was zu retten ist. "Wie sieht es mit Briefen und Geschenken zu Weihnachten und zu Geburtstagen aus?" Der Gutachter: "Absolut nein, alles ist angstbesetzt". Nun will die Anwältin eine Breitseite auf uns abfeuern: "Inwieweit projizieren die Pflegeeltern ihre Angst auf Marie und lösen so maßgeblich die Angstproblematik aus?"

"Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Es stellt die andere Seite der erforderlichen Sorge dar. Klar haben die Pflegeeltern Ängste und werden diese dem Kind, wenn auch unbewußt, mitteilen. Dieses kann aber nicht Auslöser für eine Angstproblematik sein".
Weiterhin spricht er die Möglichkeit einer Namensänderung an, was für Maries Entwicklung und für ihre Einbindung von Vorteil wäre. Kategorisch lehnt die Anwältin ab. Allen Ernstes vergleicht sie Pflegekinder mit Scheidungskindern und deren unterschiedlichen Familiennamen. In unseren Augen scheint die Dame ja mächtig kompetent zu sein.

Die leiblichen Eltern seien interessiert an Maries Entwicklung und so verabreden wir, zweimal jährlich über das Jugendamt einen Bericht nebst aktuellem Foto zu schicken. Hiervor warnt der Gutachter, würden doch die Eltern in ihrem Trennungsschmerz jedesmal restimuliert. "Das Beste wäre (Zäsur, alle sehen ihn gespannt an), wenn die Pflegeeltern Marie adoptieren könnten". Empört wird dieses von den leiblichen Eltern abgelehnt.

Weiterhin fragt der Richter, inwieweit eine Prognose erstellbar sei, hinsichtlich der Ausübung des Sorgerechtes durch die leiblichen Eltern. Er siedelt die Wahrscheinlichkeit, daß sie es nicht können, bei 99% an. Darüber hinaus wird Marie in absehbarer Zeit mit ihrer Herkunftsgeschichte beschäftigt sein. Hierzu sei sehr viel Fingerspitzengefühl und Ein fühlungs vermögen der Pflegeeltern von absoluter Notwendigkeit. Eine psychotherapeutische Begleitung sei durchaus denkbar und auch wünschenswert. Da darf es zu keiner zusätzlichen Belastung aller Be teiligten in puncto Sorge rechtsausübung kommen.

Am Verlauf der Anhörung können wir festmachen: Ohne Gutachter wären wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu diesem Ergebnis gekommen. Nicht unerwähnt darf hierbei unsere Anwältin bleiben, die in absoluter Souveränität mit dem Gutachter Bälle ausgetauscht hat.

Das die leiblichen Eltern dieses Gutachten, vor dem sie durch den Richter eindringlich gewarnt wurden, selbst initiiert haben, sei ein Schmankerl am Rande.

Ohne uns auf die Schulter klopfen zu wollen; so oder ähnlich haben wir die Weiterführung der Pflegschaft erwartet. Der Weg dorthin war nervenaufreibend, zeitaufwendig, von Verzicht geprägt und nicht ganz billig - aber in jedem Fall lohnend.

Es gibt noch viel zu tun ...

Mittlerweile liegt das Gutachten vor. Der Richter hat uns ein über 50seitiges Exemplar zukommen lassen. Der Inhalt läßt absolut keinen Zweifel. In klaren Worten beschreibt der Gutachter Maries bisherigen Lebensverlauf, sowie ihre derzeitige Befindlichkeit. Auftragsgemäß bezieht er Position zur Besuchsregelung und den damit verbundenen Reaktionen. Er kommt zu dem Schluß, eine Besuchsregelung schade Marie, zumindest in den nächsten Jahren. An eine Rückführung sei in keinem Fall zu denken. In den nächsten Jahren soll im Vordergrund die Festigung der Beziehung zu den Pflegeeltern stehen. Nicht berücksichtigt soll dabei die Klärung der Herkunft in Verbindung mit der Herkunftsgeschichte werden! Im Alter von etwa vier Jahren wird geklärt werden, ob eine weiterführende kinderpsychotherapeutische Betreuung notwendig wird. Weiterhin bringt der Gutachter zu Papier, was wir uns am Liebsten einrahmen würden. "Es liegt eine faktische, bzw. psychologische Elternschaft vor". Er schreibt ausführlich über die Geschichte der leiblichen Eltern und prognostiziert die weitere Zukunft. Gegen Ende des Gutachtens sind wir dann an der Reihe. "Marie lebt in einer kindgerechten Umgebung... die Pflegeeltern gehen behutsam auf die bestehende Angstproblematik des Kleinkindes ein"... etc.

Absolut deutlich. Dennoch fragen wir uns, was da wohl noch kommen mag. Die leiblichen Eltern lehnen das Gutachten, welches sie selbst initiiert haben, ab. Erneut argumentieren sie, der Gutachter sei zu jung und außerdem würden sie das alles gar nicht verstehen.

Nach einiger Zeit der Sicherheit klingelt bei uns wieder einmal das Telefon. Die leibliche Mutter teilt uns mit, sie und der leibliche Vater würden nunmehr heiraten, somit bekäme Marie einen neuen Nachnamen.

Immer wieder sind es diese Telefonate, die uns aus unseren Träumen und Zeiten der Sicherheit reißen. Eine Heirat der leiblichen Eltern schafft neue Rechtsverhältnisse. Marie wird somit eheliches Kind. Der Mutter wurde 1995 die elterliche Sorge entzogen, gegen den Vater - einem mehr oder minder trockenen Alkoholiker - liegt nichts vor. Er hat das Sorgerecht. Wie wird er es ausüben wollen? Kann man es ihm entziehen? Liegt die Vormundschaft weiterhin beim Jugendamt? Wieder viele Fragen, die wir nicht schlüssig beantworten können. Zweifelsfrei wird es in der nächsten Zeit eine erneute Anhörung geben. Diese Anhörungen lieben wir besonders. Wir telefonieren mit dem Jugendamt und Frau H. von der Vereinigung. Uns wird die neue Rechtssituation erläutert: tatsächlich liegt das Sorgerecht beim leiblichen Vater. Am Status quo ändert sich vor einer Anhörung allerdings nichts. Beim Jugendamt gibt der frisch gekürte Vater an, er bräuchte noch eine Zeit der Überlegung, wie er nun weiter verfahren will.

Nun tun wir, was wir vielleicht schon viel früher hätten tun sollen. Wir beschaffen uns einen Rechtsbeistand. Klärung der Vertragsmodalitäten, Bestellung beim Gericht unseres Wohnortes. Akteneinsicht durch die Anwältin. Sie liest das Gutachten und unser Tagebuch. "Machen sie sich erst sorgen, wenn ich es ihnen sage". Das tut gut und Marie geht in den Kindergarten. Anfangs einmal die Woche für zwei Stunden. Meine Frau ist mit dabei und Marie hat Spaß. Genau dreimal. Marie bekommt mit, wie meine Frau vor einem Kindergartentermin mit dem Jugendamt telefoniert. Dann ist der Ofen aus. Widerwillig und mürrisch geht sie mit. Dieses verunsichert uns allerdings nicht allzusehr. Schließlich soll sie erst nach den Sommerferien voll integriert werden. Bis dahin vergehen noch ein paar Wochen. Am 18. August ist es dann soweit. Im Vorfeld haben wir sie behutsam auf diesen Tag vorbereitet. Und - es geht daneben. Anfangs waren wir zu zweit dabei. Ich habe mich nach ca. 1 Stunde ausgeblendet, meine Frau etwas später. Abholung nach einer weiteren Stunde. Am nächsten Tag will Marie nicht. Mit sanftem Druck überzeugen wir sie. Marie protestiert immer deutlicher und wir beschließen, den Kindergarten für einige Zeit auf Eis zu legen. Nach einem Gespräch mit der Heilpädagogin des Kindergartens unternehmen wir einen neuen Anlauf. Diesmal muß die Oma herhalten. Zu unserem Erstaunen klappt das ganz gut. Marie spielt mit anderen Kindern was das Zeug hält. Auch ihr spielen daheim bekommt neue Qualitäten. Rollenspiele sind momentan angesagt. Meine Frau ist Marie, Marie ist Mama und ich bin und bleibe Papa. Bis zum letzten Wochenende, da war ich Boris Becker, und meine Frau Michael Stich. "Stich, hol’ mal die Bälle". Offensichtlich tut ihr der Kindergarten gut.

Der Anhörungstermin ist auf Mittwoch festgelegt. Obwohl wir in Maries Anwesenheit diesen Themenkreis ausklammern, ahnt sie, daß der heutige Tag eine für sie und somit auch für uns, lebensbeeinflußende Maßnahme bringen kann. Als wir sie bei Oma und Opa abgeben, schreit sie und macht auf uns einen überaus verängstigten Eindruck.
Langsam wird es eng im Richterzimmer. Der Richter, meine Frau und ich, unsere Anwältin, die Dame vom Jugendamt, die leiblichen Eltern und deren Rechtsbeistand.

Punkt elf werden wir in den Raum gebeten. Allerdings vermissen wir die leiblichen Eltern. Die lassen sich durch ihre Anwältin entschuldigen. Nach einem Türkeiurlaub hätten beide eine Darminfektion und könnten aus diesem Grund den Termin nicht wahrnehmen. Die Anwältin selbst habe erst am Morgen von dem anberaumten Termin erfahren, weil der Richter es versäumt habe, sie zu laden. Deshalb habe sie mit ihren Mandanten keine Rücksprache halten können. Und eigentlich brauche sie erstmal drei Wochen Zeit, um die Vorstellungen ihrer Mandanten in Erfahrung zu bringen. Dann beantragt die Anwältin aus Honorargründen, die Verfahren abzutrennen. Sorgerecht beim Vormundschaftsgericht, Besuchsregelung beim Familiengericht. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Um was geht es hier eigentlich? Vehement setzt sich unsere Anwältin ein. So geht das nicht. Weiterhin geht es bei der Anhörung - die eigentlich schon gar keine mehr ist - um Verfahrensfragen. Positiv für uns; wir erfahren die Meinung des Richters zum Gutachten. Absolut klar. Es gibt da noch ein paar Interpretationsschwierigkeiten, weshalb unsere Anwältin die Ladung des Gutachters zur nächsten Anhörung erwirken wird.

Und so warten wir - wieder einmal. Wir hoffen, der nächste Anhörungstermin liegt nicht wieder kurz vor Weihnachten. Weihnachten ist nämlich ein Fest des Friedens. Wir meinen den Frieden, den Marie und wir nun endlich finden sollten.

Über Risiken und Nebenwirkungen

Verabredungsgemäß verfassen wir einen Bericht über Maries Werdegang und lassen ihn via Jugendamt den leiblichen Eltern zukommen. Im Vorfeld haben wir intensiv darüber nachgedacht, was in solch einem Bericht wohl stehen mag. Die Auslegungsweisen und Umgangsformen der leiblichen Eltern in der Vergangenheit sind uns nur in allzu unguter Erinnerung. Also beschreiben wir in sachlicher Form Maries momentanen Entwicklungsstand und legen ein Foto bei.

Maries Zustand stabilisiert sich. Im Kindergarten schließt sie neue Freundschaften; verwirft alte - sie nimmt regen Anteil an den Geschehnissen um sich herum. Stundenlang betreiben wir Puzzle-Spiele, malen Bilder für alle möglichen Freunde und Verwandte. Immer wieder staunen wir, wie Marie sich Liedertexte merken kann. Nicht nur Texte von Kindergartenliedern. In ihrem Repertoire sind auch Songs von Status Quo und Christian Anders. Mitunter sitzen wir im Auto und singen "Es fährt ein Zug nach nirgendwo". Scheußliches Lied, aber Marie hat Spaß. Neulich klopfte sie an den Fernseher: "Tabaluga, komm da raus. Der hört mich gar nicht".

Anfang des Jahres erhalte ich einen BfA-Bescheid. Ein schon fast in Vergessenheit geratener Reha-Antrag wird bewilligt. Wir beschließen, die erste Kurwoche gemeinsam zu verbringen. Wir wollen testen, wie Marie auf einen Umgebungswechsel reagiert. Ich kure bis 16 Uhr, den Nachmittag und frühen Abend verbringen wir gemeinsam. Nach einer Woche bringe ich meine beiden "Mädels" nach Hause. Es gab keine größeren Probleme. Wir können also in diesem Jahr einen Sommerurlaub planen.

Zuhause wieder eine Überraschung. "Solange der Papa nicht da ist, gehe ich auch nicht in den Kindergarten". Scheinbar leidet Marie unter der Trennung. Da helfen auch keine Telefonate. Als Marie fragt: "Ist der Papa jetzt bei einer anderen Mama?", setze ich mich ins Auto und fahre nach Hause. Wir spielen und reden. Anschließend scheint Marie beruhigt. Es wird ein Kalender gefertigt. Für jeden Kurtag ein Kästchen, das morgens ausgemalt wird. In fünf Kästchen kommt Papa zurück. Es funktioniert. Zwei Tage nach meiner Rückankunft nimmt Marie wieder ihre Kindergartenbesuche auf. Es gibt ein paar Startschwierigkeiten, die wir aber schnell im Griff haben.

Der Alltag kehrt wieder ein in unserem Hause. Alltag bedeutet Regelmäßigkeit und Regelmäßigkeit tut Marie gut. Ich habe noch ein paar Tage frei. Reste aus 1997. Marie wirkt ausgeglichen, wie schon lange nicht mehr. In dieser Friede-Freude-Eierkuchenzeit werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und resümieren. Es war eine äußerst bewegte Zeit, die uns oft an den Rand der Leistungsfähigkeit gebracht hat. Vielmehr hätten wir emotional nicht ausgehalten. Aber - uns wurde geholfen.

Wir erinnern das beherzte Eingreifen der Sozialarbeiterin des Jugendamtes, als sie die Rückführung im Januar 1996 abbrach. Absolut mehr Einsatz, als man von einer Behörde landläufig erwartet. Die Inanspruchnahme der Krisenhilfe und was sie uns gebracht hat. Weiterhin der hartnäckige Einsatz des Jugendamtes, wenn es bei Anhörungen um das Kindeswohl ging. Mittlerweile hat die Sozialarbeiterin bei Marie einen besseren Stand. Sie wird nicht mehr als Überbringerin schlechter Botschaften gesehen. Weiterhin erinnern wir die Überlegungen, uns trotz der "Jugendamt-Rundum-Betreuung" einen Rechtsbeistand zu besorgen. Unsere damaligen Gedanken gingen von "Vertrauensbruch gegenüber dem Jugendamt", über "... was wird wohl der Richter denken" bis "wir setzen für Marie alle Mittel ein". Wir haben uns für eine Anwältin entschieden, damit wir mehr Sicherheit fühlen und die ewigen "was tun wir, wenn"-Gedanken endlich ein Ende haben. Wir erinnern die Zeit des Gutachtens. Vor allem die Zeit davor. Was mag da wohl kommen? Wie wird der Richter entscheiden? Eigentlich war es eine Zeit der Fragezeichen - der Unsicherheit. Tun wir genug für Marie, ergreifen wir die richtigen Maßnahmen?

Nun denn, diese Zeit ist vorbei, zumindest bis zu Maries Einschulung. Und Marie geht es gut. Neulich fragte sie: "Kann ich einen Bruder haben. Dem geht es dann auch gut. Er kann auch in meinem Bett schlafen".

Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen wir das Jugendamt oder lesen Maries Geschichte nochmals im "Paten".

Wir stehen bereit und sind neugierig drauf, was da wohl kommen mag ...

Wenn einer eine Reise tut ...

Mitte April erhalte ich die Möglichkeit, auf Einladung der Staatskanzlei, einen Hilfsgütertransport nach Rumänien und Bulgarien zu begleiten. Anfangs ist Marie von diesem Vorhaben überhaupt nicht begeistert, schließlich waren wir zu Beginn des Jahres wegen meiner Reha-Maßnahme für fast vier Wochen getrennt. Detailliert schildern wir ihr diese Reise. Ein befreundeter Journalist, der eine solche Tour in der Vergangenheit schon absolviert hat, erzählt ihr von Kindern, die weder ausreichende Kleidung, noch Spielzeug haben - in Heimen leben müssen. Von kranken Kindern, die keine Medizin bekommen können. Von Krankenhäusern, wie Marie sie kennt, ganz zu schweigen. Er erzählt von einem dreijährigen Jungen, dessen Lungen von Bakterien befallen waren. Weil es keine Medikamente gab, hatte er noch eine Lebenserwartung von allenfalls fünf Tagen. Als die Besucher von diesem Jungen hörten, durchsuchten sie alle LKW’s nach den entsprecheneden Tabletten – ohne Erfolg. Danach ein Anruf bei einem Arzneigroßhändler in NRW, der ein entsprechendes Paket am Flughafen bei Austrian Airlines dem Piloten in die Hand drückte. Drei Stunden später war das Medikament in der Klinik im Temesiora. Das Kind konnte nach 14 Tagen das Krankenhaus verlassen. Kostenpunkt dieser Aktion: DM 123.

Marie hört gespannt zu. Als unser Freund seine Ausführungen schließt, geht Marie in ihr Kinderzimmer und holt ein Stofftier – wir sollen es mitnehmen. "Die Kinder in Rumänien wollen doch auch spielen". Im Freundes- und Bekanntenkreis sammeln wir für diesen Konvoi alles, was wir in die Finger kriegen können. Marie quatscht so ziemlich jeden an, der ihr in die Quere kommt. "Hast du noch was für Rumänien"?, wird zu ihrem Standardspruch am Telefon. Wenn meine Frau für unsere Benefiz-Oldie-Night auf Sponsorenjagd geht, so tut sie dieses mitunter mit einer gewissen Dreistigkeit, die mir schon fast die Schamröte ins Gesicht schießen läßt. Marie jedoch setzt noch eins drauf. Als sie in der Metzgerei ein Stück Fleischwurst in der Hand hält und nach einem weiteren für Rumänien fragt, schreite ich ein.

Am Tag der Abfahrt, steigen mein Freund und ich in einen bis unters Dach beladenen Krankenwagen. Das Fahrzeug selbst wird in Rumänien bleiben. Marie gibt mir ihren schon lange gehegten Wunsch nach einem Brüderchen mit auf den Weg. "Sieh doch mal, was du da machen kannst", verabschiedet mich meine Frau. In der Tat beschäftigten wir uns schon eine ganze Zeit mit diesem Thema.

Vor mir liegen sieben Tage in einem Konvoi mit über 80 Fahren, die mir bis auf einige wenige alle unbekannt sind. Über 100 Tonnen Hilfsgüter in 43 Fahrzeugen mit einem Gesamtwert von 250.000 DM. Die Eindrücke, die ich auf dieser Reise gesammelt habe, werden mich noch lange begleiten. Vor allem die Momente, in denen ich mich hinter meiner Videokamera versteckt habe und ich mir wie ein Sensationsreporter vorkam, der möglichst viele schlimme Bilder in seinem Film haben möchte.

Täglich erkundigt sich Marie nach unserem Reiseverlauf. "Was machen die Kinder"?
"Wie gut, daß wir ein Handy haben", denke ich so manches mal. Diesen Gedanken verwerfe ich allerdings, als ich die Rechnung in den Händen halte.

Zwar bringe ich für Marie kein Brüderchen mit, dafür sieht sie aber im Film, wie ein kleiner rumänischer Junge ihren Teddy in Händen hält. Marie ist froh und ich glaube auch ein wenig stolz. Während meiner Abwesenheit hat es Marie kategorisch abgelehnt, den Kindergarten zu besuchen. Sie hat immer noch Schwierigkeiten, mit Veränderungen umzugehen. Sobald etwas aus der Routine fällt, unternimmt Marie nichts, was sie das Haus verlassen läßt. Wir lassen sie gewähren.

Im Juli muß ich zu einer stationären Behandlung ins Krankenhaus. Auch in dieser Zeit verweigert Marie den Kindergarten. Anschließend hat sie Mühe, sich wieder ins Kindergartenleben einzugliedern, aber es gelingt.

Auf Vorschlag des Jugendamtes übernehmen wir Maries Vormundschaft. Es gibt einen fünfminütigen Anhörungstermin. Die leiblichen Eltern wollen dieses ablehnen, weil sie nicht einsähen, warum wir das Sorgerecht bekommen sollen. "Aber das Ehepaar H. bekommt doch gar nicht das Sorgerecht, das behalten sie doch weiterhin. Sie üben es nur nicht aus. Die Vormundschaft ist lediglich gedacht, damit die H’s nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Jugendamt gehen müssen". Daraufhin willigen die leibliche Eltern ein – und ich verstehe die Welt nicht mehr. Wir haben die Vormundschaft – aber nicht das Sorgerecht. Egal – wir sind Vormund, mit allen Rechten und Pflichten, basta. Die uns zugeteilte Rechtspflegerin kommentiert das Anhörungsprotokoll nur mit den Worten: "was hat er sich denn da wieder zurecht beschlossen"?

Langsam aber sicher steht der Urlaub ins Haus. Wir überlegen, ob wir es denn in diesem Jahr wagen wollen. Unsere Trauminsel Santorin. Mutig und siegessicher beschließen wir, es in diesem Jahr für zwei Wochen versuchen zu wollen. Marie stimmen wir langfristig ein. Wir suchen alte Fotos raus, sehen Videofilme, reden über unsere Freunde dort und jedes Flugzeug am Himmel nimmt Kurs auf Griechenland. Bei Marie machen wir kindliche Vorfreude aus.

Drei Wochen vor dem Reisestart klingelt bei uns das Telefon. Die Sozialarbeiterin des Jugendamtes fragt, ob wir denn einen sechswöchigen Jungen aufnehmen wollen. Mutter 15 Jahre, Vater unbekannt, Nationalität: marokkanisch. Weiterhin klärt sie uns über die gesundheitlichen Risiken auf, die bei dem Säugling zu beachten wären. Als Marie abends im Bett ist, diskutieren wir Für und Wider. Der Urlaub ist in jedem Fall gesichert. Die Sozialarbeiterin besorgt uns für unsere Abwesenheit eine Pflegefamilie. Wir können ja schlecht einen Jungen aufnehmen und als erste Maßnahme muß Marie auf ihren Urlaub verzichten. Die gesundheitlichen Risiken lassen vor allem mich etwas erschrecken. Wir beschließen, es zu wagen. In Begleitung der Jugendamt-Mitarbeiterin begeben wir uns in die Kinderklinik. Hier klärt uns nochmals die Oberärztin auf, dann können wir Max sehen. Wir schmelzen weg wie Sannella in der Sonne. Meine Frau versorgt das 47 cm, 2500 g-Etwas, während ich mit Frau M. Absprachen treffe. Im Hinblick auf die Herkunftsgeschichte unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Entwicklung gehen wir eine "Pflegschaft mit dem Ziel einer Inkognito-Adoption" ein.

Marie ist wie aus dem Häuschen. Sie bietet an, Spielzeuge zu teilen und für ihren Bruder zu sorgen. Sogar ihr Bett stellt sie zur Verfügung. Zwar schläft sie seit Jahr und Tag in unserem Bett und das Kinderbett steht im Kinderzimmer, weil in ein Kinderzimmer auch ein Bett gehört. Wir erklären Marie, daß Max noch ein Säugling ist, mit dem man noch nicht so spielen kann, wie im Kindergarten. Das kleine Kinder noch mehr schreien als Marie es tut und vor allem, daß Babys auch nachts gefüttert werden müssen. Hier hört Maries Service auf. "Nachts will ich schlafen, das müßt ihr dann schon machen". Marie wird bei der Einrichtung des neuen Kinderzimmers mit einbezogen. Schließlich ist sie als Kind ja Fachfrau. Mitte August ist es dann soweit. Wir können Max aus der Klinik holen. Die Wochen vorher sind wir täglich dort gewesen und haben ihn versorgt – gewissermaßen als Anbahnung. Einmal durfte Marie auch durch ein Fenster sehen. Stolz wie Oskar erzählte sie überall: "Mein Bruder hat schwarze Haare und ist ganz klein. Mit dem kann man nicht spielen".

Zeitgleich laufen unsere Reisevorbereitungen. Max kommt in eine Bereitschaftspflegefamilie und Otto, unser treuer vierbeinige Gefährte, in eine Hundepension. Mit gemischten Gefühlen steigen wir ins Flugzeug. Wie mag es Max wohl gehen? Bei Familie K. ist er bestens aufgehoben. Da gibt es noch vier weitere Kinder um ihn herum. Aber wie mag Marie mit dieser Reise umgehen. Vor allem jetzt, wo ihr innigst gewünschter Bruder da ist. Dann die Erinnerungen an unsere Urlaubsversuche 1996. Einmal mehr machen wir die Erfahrung, daß immer dann, wenn wir großes Übel auf uns zukommen sehen, es alles ganz einfach ist. Als wir den Flughafen von Santorin verlassen, bemerkt Marie: "Ist aber schön hier". Recht hat sie und vor lauter Euphorie miete ich einen Jeep gleich für zwei Wochen. Vor uns sind zwei herrliche Wochen.

Sommer, Sonne, Sand und Meer. Unsere Freundin Irene hat das Spielzeug, welches wir vor zwei Jahren bei unserem fluchtartigen Abschied hinterlassen haben für Marie aufgehoben. Marie erkennt alle wieder. Tante Irene in der Pension, Onkel Gidi, der Kellner in unserem Stammlokal und Tante Maria, die Besitzerin. Morgens kalimera, abends kalinichta. Erholung pur. Als wir unser Zimmer einrichten, kommt Mellonis: "This bed is for you and your wife and thisone is for Marie". Marie versteht. Wie selbstverständlich klettert sie abends in ihr eigenes Bett. Ohne große Diskussionen.

Regelmäßig rufen wir bei Familie K. an und lassen uns über Max unterrichten. Marie telefoniert öfter mit Oma und Opa als mir lieb ist, aber was macht man nicht alles für die Telekom-Aktien. An unserem ersten Strandtag geschieht es, daß eine Welle mir meine Sonnenbrille (mit optischen Gläsern) vom Gesicht spült. Marie schreit, ist außer sich. Sie klammert sich an mich und meine Frau. Also doch nicht so einfach. Natürlich habe ich eine Reservebrille und es ist alles auch nicht so schlimm. Wir kaufen einen Sonnenbrillen-Aufsatz und fertig. Von diesem Zeitpunkt an, durfte ich nicht mehr mit Brille ins Wasser. An diesem Vorfall können wir festmachen, wie verletzlich noch Maries scheinbar gefundene Sicherheit ist. Im Wasser klammert sie sich an mich und versichert sich mindestens einmal täglich: "Wir bleiben immer zusammen"! Wir haben Marie versprochen, daß wir den ganzen Urlaub über zusammen sind und das nichts passieren kann. Zwei Wochen nur und allein für Marie. Es kommen gelegentlich Fragen nach Zuhause, öfter fragt sie nach Max, aber sie weiß, Max ist auch noch da, wenn wir zurück sind. Und Otto macht Ferien auf dem Hundehof.

Wie wir so mit dem Jeep über die Insel fahren und ein Lied auf den Lippen haben, fragt Marie: "Wo ist eigentlich meine zweite Mama"? Wir fragen, was sie sich denn wohl darunter vorstelle. "Aber ich habe doch auch zwei Omas und zwei Opas".

Wir werden uns Gedanken machen müssen, Maries Herkunftsgeschichte zu klären. Der Gutachter empfahl, dieses nicht vor der Einschulung zu tun. Marie ist pfiffig und aufgeschlossen. Oftmals haben wir das Gefühl, daß sie mehr über sich weiß, als wir ahnen, aber wir wollen nichts vom Zaune brechen. Mal sehen was kommt.

Nach dem Urlaub wissen wir, wie wichtig diese Reise war und das die Entscheidung, wegen Max nicht darauf zu verzichten, richtig war. Marie geht wieder regelmäßig in den Kindergarten. Sie freut sich drauf. Die Kindergärtnerin erklärt uns, Marie habe in keiner Weise Eingliederungsschwierigkeiten gehabt, wie es sonst nach einer längeren Pause der Fall gewesen sei. Überhaupt sei sie "wie ausgewechselt". Ausgelassen, fröhlich, zugewandt. Die vorher sonst übliche Frage gegen 11 Uhr: "Wann kommt meine Mama"?, stelle sie auch nicht mehr. Und wenn meine Frau sie zusammen mit Max dort abholt, dann ist da wieder ihr Stolz. Sie möchte Max beschützen. So sieht sie ihre Aufgabe als große Schwester.

Und – man glaubt es kaum, seit diesem Urlaub schläft Marie in ihrem eigenen Bett. Ohne unser Zutun. Manchmal steht sie in der Nacht vor unserem Bett, mit Schmusedecke und Kopfkissen und bittet um Einlaß, den wir ihr auch gerne gewähren. Ansonsten kümmert sich Marie rührend um ihren kleinen Bruder. Sie wiegt ihn im Arm und manchmal darf sie ihm auch die Flasche geben. Wir haben den Eindruck, Marie ist durch ihren kleinen Bruder gereift – man sagt dann wohl "vernünftiger". Wir können mit ihr besser Absprachen treffen als vorher. Neulich holte ich Marie vom Kindergarten ab. Während eines ergiebigen Dauerregens, war das Dach undicht geworden und es fiel eine Akustikplatte von der Decke. Eine Lapalie. Tagsdrauf mußte ich mit ihr in den Raum und nachsehen, ob auch alles repariert ist. Erst als ihr die Kindergärtnerin versichert, es sei alles wieder in Ordnung, willigt sie ein und ich darf gehen.

Auch jetzt, in der Nachurlaubszeit vergewissert sich Marie regelmäßig: "Wir bleiben für immer zusammen"!

Meine Frau hat blonde Haare, ich dunkelblonde, Marie rote und Max schwarze. Das wird Fragen geben – und wir wollen Marie Anworten geben ohne zu lügen oder zu verletzen.

Ein ganz normaler Tag

Morgens um 6 Uhr 30 klingelt der Wecker. Nehmen wir an, es sei Mittwoch. Ein Tag wie viele andere. Links neben mir liegt Marie. In einer Position, wie eben nur kleine Kinder liegen können und mir Rückenschmerzen verursachen würden. Das Bett auf der anderen Seite ist leer. Die netteste Frau westlich des Urals hat morgens gegen fünf unser mandeläugiges Etwas von Baby versorgt und ist dann gleich aufgeblieben. Scheinbar habe auch ich geschlafen wir Marie, stelle ich fest, als ich meine Knochen sortiere und mit den morgendlichen Dehn- und Streckübungen beginne. Marie erwacht und tut laut kund, sie habe Hunger. Schottische Graupensuppe oder Brühwürstchen mit Mayonnaise. Nachdem ich eine Magentablette genommen habe, gieße ich mir einen Kaffee ein. Marie will schon jetzt unterhalten werden. Nach kurzer Ansprache drücke ich die TV-Fernbedienung. "Sesamstraße" für Marie, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung für mich. Marie verdrückt das zweite Würstchen und ich ordne meine Gedanken. "Was liegt heute so alles an?" Das Telefon klingelt: Kollege H. meldet sich für den heutigen Tag krank. Also versuche ich Ersatz zu bekommen. Ich grase den hiesigen Markt für freiberufliche Kameramänner ab und werde einfach nicht fündig. Nach Rücksprache mit dem Redakteur beschließe ich, den Dreh "sterben" zu lassen.

Jetzt raus mit Otto, unserem Freund auf vier Pfoten. Erstes Gerangel an der Leine; er kann "Joker", den Bordstein-Cocktail von nebenan einfach nicht ausstehen.

Zwischenzeitlich hat sich Tim zu Marie gesellt und man verbringt die Zeit mit gegenseitigem Anhimmeln. Um acht ist die Zeit der Trennung gekommen; Marie wird von mir zum Kindergarten gebracht und ich habe immer noch keinen Ersatz für eine ebenfalls erkrankte Cutterin gefunden. Das Verabschiedungsritual im Kindergarten ist für Marie mittlerweile zur Routine geworden. Ich fahre noch kurz zu Hause vorbei um zu telefonieren und mich von meiner Frau und von Tim zu verabschieden. Stau auf der A40. Was auch sonst. In Höhe Bochum-Hamme habe ich eine Cutterin gefunden und drehe genüßlich das Radio an. Heute soll ein ruhiger Tag werden, nicht so hektisch wie die vergangenen. Schlag zehn betrete ich das Betriebsgelände und werde mit den ersten Unmutsäußerungen begrüßt. Ein Techniker ist verspätet eingetroffen, somit kann ein Termin nicht wahrgenommen werden, derweil sich ein Interviewpartner die Beine in den Bauch steht. Im Aufzug erfahre ich, die Kaffeemaschine in der Kantine sei defekt. Unsere Sekretärin teilt mir mit, der Chef käme heute später, somit sei eine anberaumte Besprechung wegen Urlaubs- und Dienstplangestaltung unter dem Motto "Intensivierung der regionalen Berichterstattung" auf unbestimmt vertagt. Anruf der Redaktion: "Wir haben einen Studiogast für eine Live-Konferenzschalte zu "NRW am Mittag". Prima, die haben einen Gast und ich keine Maskenbildnerin. "Geht nicht", höre ich von den Studiotechnikern, "wir haben zuwenig Personal". Also ist säuseln für mich angesagt. Natürlich geht es mit dem Hinweis auf unseren Programm-Auftrag.

Zwischenzeitlich wird auf der Redakteursschaltkonferenz beschlossen, für eben diese Sendung einen aktuellen Beitrag zu produzieren. "Dazu braucht man ein Kamerateam und eine Cutterin", bemerke ich süffisant, als ich in die ungläubigen Augen eines Programmmachers blicke. "Beides habe ich nicht". Egal, müssen wir aber machen. Irgendwie geht das schon. Klar, irgendwie – und es geht. Wir warten auf unseren Gast, der nicht kommt. "Ja wo ist er denn?" – im Stau und dann auch noch auf dem Weg ins falsche Studio. Das Problem haben jetzt andere. Zwischenzeitlich führe ich einige unersprießliche Gespräche mit freiberuflichen Autoren. Diese Menschen haben die Unart, Beiträge realisieren zu wollen, wenn ich über keine Kapazitäten verfüge, womit ich auf basses Unverständnis stoße. Also werde ich anmieten müssen. "Fernsehen machen kostet Geld", sagt mir ein Hierarch. Geld, welches ein anderer Hierarch nicht ausgeben will oder besser gesagt nicht kann, weil er seinen Jahresetat schon hoffnungslos überzogen hat. Der geneigte Fernsehbetrachter mag den Eindruck gewinnen, in der Welt würde nur soviel passieren, wie in einer Sendung Platz hat. Dieses stimmt allerdings nur bedingt. Also wird auf dem freien Markt angemietet und ich suche nach Wegen, die Kosten so gering wie möglich zu halten.

Anruf von meiner Frau: "Otto (unser Wauwau) gluckert so im Bauch". Dazu möchte ich mich im Moment nicht äußern, weil sich neben mir gerade eine Cutterin über einen Autor beschwert, der nur ungenügend vorbereitet zum Schnitt erschienen ist und ihr Schneidetisch darüber hinaus einen technischen Defekt hat. Ein Kamerateam betritt mein Büro und schnell erkenne ich, die Herren befinden sich in einem Zustand der psychischen Erregung. Es ist halt wenig vorteilhaft, von einem Ereignis berichten zu wollen, was erst nächste Woche passieren wird. Weil man eben vor Ort war, konnte man einen anderen Termin, der als weniger gewichtig eingestuft war, nicht wahrnehmen. Die siebte Person, die mein Büro betritt, verlangt lautstark nach einem Team. Der Autor ist einer brandheißen Spur auf den Fersen. Ausrücken und einen Schnitt organisieren mit anschließender Tonnachbearbeitung. Gut, daß ich über vier Amtsleitungen verfüge. Eine Kollegin bereitet eine Live-Schalte vor und braucht unbedingt vier Kabelhilfen. Da ich diese nicht in meinem Schreibtisch habe, telefoniere ich wie der Teufel. "Wir brauchen noch Drehmaterial aus Köln", die Dame aus dem Archiv drängt ein wenig und ich bestelle MAZ-Komplexe im Mutterhaus, organisiere Überspielungen über spezielle Glasfaserleitungen und habe noch ein paar sanfte Worte für eine Kollegin übrig, die unter chronischem Liebeskummer leidet. Es rufen freie Mitarbeiter an, die sich nach der Möglichkeit einer Beschäftigung erkundigen. Wir werden Wege finden. Da kann ich vielleicht was in anderen Studios richten.

"Otto gluckert immer noch", diesmal ist Marie am Telefon. "Und außerdem ist der Mathias ganz doof, der hat mich im Kindergarten geschuppt.“ "Warum denn?" "Weil ich ihn gekniffen habe." "Na siehst du, Aktion und Reaktion", sage ich meiner Frau und Marie läßt meine Kollegen schön grüßen. Weil ich das Telefon laut gestellt habe, sehe ich heute zum ersten Mal in amüsierte Gesichter. Ein Blick auf die Wand hinter mir. Marie und Tim in Hochglanzcolor. "Wie geht’s denn so?" Es folgt eine kurze Exkursion in unsere mittlerweile heile Familienwelt. Ich berichte von Marie und ihrer Entwicklung, von Tim, wie er beginnt, seine Umwelt wahrzunehmen und prognostiziere eine positive Zukunft für unseren Familienverbund.

Wir stellen fest, es gab fehlerhafte Dienstplanungen. Es fehlt an Personal an allen Ecken und Kanten. Auch Hierarchen haben ein Herz und können nicht "nein" sagen, wenn es um Urlaubswünsche geht. Der Katzenjammer findet dann auf meinem 2,5x1,2 m-Schreibtisch statt. Wir werden irgendwelche Wege finden. Wenn sich jetzt noch jemand krank meldet, bricht mein Kartenhaus zusammen.

Mittags speise ich in der Kantine. Über den Begriff "Internistenteller" kann die Betreiberin zwischenzeitlich lachen. Anschließend betreten die von mir so hoch geschätzten Kollegen des Sports das Büro. Es scheint ein "versuchsweise richtungsweisendes Fußballspiel" des hiesigen Erstligisten zu geben. Wir brauchen also einen Mitschnitt von 19.30 bis 22.30 Uhr einschließlich folgender Pressekonferenz. Bis zwei Uhr nachts schneiden und überspielen zu anderen Sendeanstalten. Da ich von Fußball so wenig Ahnung habe, wie eine Kuh vom Sonntag, lasse ich mich informieren. Gottlob verfügen die Sportkollegen über eine gewisse Portion Humor.

"Wann kommst du nach Hause?", fragt meine Frau. Weil Otto immer noch gluckert, wird eventuell ein Tierarztbesuch notwendig. Der macht aber um 18 Uhr dicht. Da hilft alles sinnieren nicht, warum gerade wir einen 40 Kilo-Schäferhund haben müssen und die anderen die Pinscher. Ich versuche den Fokus unseres Telefonats auf unsere Reiseapotheke zu lenken, mit den entsprechenden Humanmedikamenten, die erfahrungsgemäß auch bei Otto wirken. Beiläufig erfahre ich, wie Marie unsere Haushaltshilfe malträtiert. Sie möchte der Dame hilfreich zur Seite stehen und rennt mit Aufnehmer und Wischeimer durchs Haus. Gottlob hat Frau Oehme eine gehörige Portion Langmut. Der weitere Arbeitstag wird gefüllt mit der Planung für den Folgetag. In aller Regel erfährt diese Planung am nächsten Morgen diverse Änderungen. „In Anbetracht der Nachrichtenlage wird eine kurzfristige Umdisposition erforderlich", sagt man dann. "Ich könnte ja so ein Lymphdrüsenemphysem kriegen", errege ich mich. "Du bist der einzige Aufnahmeleiter, der mit einem Stethoskop durchs Studio rennt und diese "Hirsefinken" bei Laune hält", bemerkt der Spaßvogel vom Sport. Nachdem ich eine chronische Monetäranemie diagnostiziert habe, verläßt er kopfschüttelnd den Raum.

Mein Freund von der WAZ-Wattenscheid ruft an und teilt mir einen Besprechungstermin für unsere im März stattfindende Oldienight mit. Bei der Gelegenheit besprechen wir noch einige wichtige Details und reden uns gegenseitig Mut zu bei der Bewältigung unserer beruflichen Herausforderungen. Magu, Schlagzeuger einer teilnehmenden Band schlägt einen neuen Moderator vor. Zweckmäßigerweise verabreden wir einen ersten Kontakt in unserer Kantine. Hoffentlich ist bis dahin die Kaffeemaschine repariert. Gegen Halbsieben ist Feierabend und ich begebe mich in den Stau auf der A40. Warum gerade immer die Gegenrichtung staufrei ist, wage ich nicht zu ergründen. Somit habe ich aber die Gelegenheit, den Tag Revue passieren zu lassen. Das sind dann die Momente, in denen ich weiß, warum ich in Gehaltsgruppe 5/Endstufe bin.

Nachdem ich mehr oder weniger umständlich in unsere Garage gefahren bin – die gebogene Einfahrt macht mich noch wahnsinnig – werde ich lauthals von Marie begrüßt, die mir sofort sagt, daß sie mir nicht sagt, was sie heute alles angestellt hat. Tim begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und gemeinsam essen wir zu Abend. Otto gluckert zwar immer noch, aber nicht mehr so schlimm, wie noch am Mittag. Die Medizin hat ihre Wirkung getan. Marie berichtet mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit, was sie so alles angestellt hat. Und meine Frau und ich fragen uns, wie lange Frau Oehme wohl noch kommen mag. Weiterhin geht es um die anstehenden Untersuchungstermine für Tim beim Kinderarzt, beim Neuropädiater und im Humangenetischen Institut. Marie und ich drehen noch eine Runde im Park mit Otto.

Samstag ist wieder Reitstunde und Kevin hat Marie zum Geburtstag eingeladen. Sie möchte ihn aber nicht heiraten, sondern lieber ihren Schwarm Pitti. Nicht schlecht, sein Papa ist Tierarzt, meine ich nur, wenn Otto mal wieder gluckern sollte. Nachdem ich etwas "Beobachtung der Medienlandschaft" betrieben habe, darf Marie noch "Die Dinos" im Fernsehen ansehen. Später wird sie auf der Couch einschlafen und ich werde sie in unser Bett bringen. Im letzten Bericht hegte ich noch die Hoffnung, Marie würde – mittelfristig betrachtet – den Weg in ihr eigenes Bett finden. Diese Hoffnung konnte ich getrost zu Grabe tragen. Wir werden sehen. Leise hege ich den Verdacht, in näherer Zukunft werden wir zu viert im Bette liegen. Soll auch in Ordnung sein, spendet Wärme.

Nachdem Marie Besuch vom Sandmännchen bekommen hat, begeben wir uns an weitere planerische Arbeiten. Absprachen bezüglich Sponsoring der nächsten Oldienight durch die hiesige Unternehmerschaft. Langsam aber sicher müssen die Entwürfe für Eintrittskarten und Plakate raus, da gilt es nochmals Hand anzulegen. Die Ticketvorbestellungen haben ein größeres Ausmaß angenommen, als wir erwartet haben, nachdem die WAZ unsere Internetseite www.oldienight.de vorgestellt hat. In welcher Form wollen wir eine Gästeliste führen unter Berücksichtigung der Publikumskapazität von max. 1.000 Personen?

Weiterhin hat der Architekt leider einen unvollständigen Bauantrag beim Bauordnungsamt abgeliefert, was zu Verzögerungen bei unserem abermaligen Anbauvorhaben nach sich ziehen kann. Er vergaß, die Gebäudehöhe in Metern über Normalnull anzugeben. Bis dato ist mir schleierhaft, warum ein Bauamt wissen will, wie hoch über dem Meeresspiegel unser Dachfirst liegen wird. Manchmal mag ich gar nicht mehr über dergestaltige Fragen nachdenken, sondern beantworte sie einfach.

Schließlich soll Tim in absehbarer Zeit ein anderes Zimmer bekommen, deshalb wird eine Baumaßnahme notwendig. Nämlicher ist zwischenzeitlich wach geworden und bekommt sein Fläschchen, derweil ich mich frage, warum ich wohl müde bin. Irgendwann finden wir den Weg ins Bett, mit dem Gedanken, es war mal wieder ein Tag so recht nach unserem Maß. Morgen muß ich ein wenig früher aufstehen. Beim Standesamt wollen wir die Namensänderung für Marie beantragen. Dieses wird bei der leiblichen Mutter wieder zu heftiger Gegenwehr führen. Auch hier werden wir sehen. Wir sind guten Mutes.
"If Time goes by"

Man sollte sich nie zu früh freuen. Kaum habe ich die letzte Ausgabe des "Paten" gelesen, wurde uns auf Anfrage vom örtlichen Standesamt mitgeteilt, die leibliche Mutter habe zwei Tage vor Fristablauf Einspruch zu Maries Namensänderung eingelegt. Man könnte fast bösen Willen vermuten. In Kenntnis der Person haben wir jedoch damit gerechnet. Eben weil psychisch kranke Alkoholiker nicht einschätzbar in ihren Reaktionen sind.

Dieser Ein- oder Widerspruch geht nun seinen Weg an die Widerspruchsstelle in A. Dort wird nach Aktenlage entschieden. Den Standesbeamten aus B. kann nichts aus der Ruhe bringen. Den einzigen Nachteil den er sieht, besteht in der Wartezeit. "Bislang ist in noch keinem von mir bearbeiteten Fall einem Einspruch entsprochen worden". So seine Worte. Der Kollege in A. will seine Entscheidung "wasserdicht" formulieren. Aus diesem Grund braucht er das Gutachten, welches vor längerer Zeit angefertigt wurde. Er erhält es gleich mehrfach. Von unserer Anwältin aus K., die wir umgehend eingeschaltet haben, sowie übers Jugend/Standesamt. Als sich unsere Anwältin ins Verfahren einschalten will, erhält sie eine durchaus positive Antwort aus A. "So wie der Fall liegt, wird dem Widerspruch nicht stattgegeben werden". Bon. Danach bleibt der leiblichen Mutter nur noch der Klageweg. Und hier ist wieder die einschätzbare Nichteinschätzbarkeit. Tut sie es oder tut sie es nicht. Unter Anbetracht der Tatsache, daß ihr vom Sozialamt nur dann Verfahrenshilfe eingeräumt wird, wenn eine Aussicht auf Erfolg besteht, dürfte sie von diesem Vorgehen Abstand nehmen. Ob sie aber überhaupt noch öffentliche Hilfe empfängt, sei dahingestellt. Zumindest seit einem Telefonat, welches meine Frau mit einem örtlichen Bestatter geführt hat. Dieser wollte wissen, wer denn wohl für die Beerdigungskosten von Maries leiblichem Vater aufkommen würde. Da wir als Vormund die Erbschaft ausgeschlagen haben, kann Marie weiterhin in eine finanziell unbelastete Zukunft blicken. Schwieriger hat es da ihre leibliche Mutter. Das Sozialamt zahlt nämlich nicht, weil für sie anderweitig das Auskommen bestritten wird. Ihr Gatte hat ihr einen Witwenrentenanspruch aus seiner "mehrtägigen" Erwerbszeit hinterlassen. Ob nun die Bewilligung von Verfahrenshilfe mit der Übernahme von Beerdigungkosten in einem kausalen Zusammenhang zu sehen sind, weiß ich nicht. Nach bewährter Form lassen wir mal wieder die Zeit ins Land streichen.
Pünktlich zu Maries fünftem Geburtstag findet unsere Anbaumaßnahme ein vorläufiges Ende. Bis auf ein paar Kleinigkeiten sind alle Arbeiten getan. Zum Geburtstag bekommt Marie u.a. ein Schwimmbecken. Die Ausschweifungen der Geburtstagsparty kann man sich vorstellen. Der Pool hält einer 10-köpfigen Belastungsprobe stand. Und Marie ist glücklich. Kartoffellaufen, Topfschlagen und andere kleine Spielchen aus unserer Kinderzeit und dann wieder ins kühle Naß.

Und doch merken wir immer wieder, daß Marie mit ihrer, wenn auch unbewußten, Vergangenheit zu kämpfen hat. Irgendwann wird ihr alles zu viel. Sind Handwerker im Haus, hält sie sich lieber bei Oma und Opa auf. Sie inspiziert zwar nach Feierabend die verrichteten Arbeiten, aber unbekannte Menschen sind ihr zweifelhaft. Bei ihrer Party merken wir, wie sie sich immer wieder zurückzieht und alleine vor sich hin spielt. Es waren denn wohl doch ein paar Kinder zu viel. Marie braucht scheinbar einen überschaubaren, geschützten Rahmen. Im Moment überlegen wir, ob sie denn wohl im nächsten Jahr das Selbstvertrauen hat, in die Schule zu gehen. Wir tendieren eher dahin, sie ein Jahr später einzuschulen. Zu deutlich sind die Belastungen der ersten zwei Lebensjahre. Und wir wollen Marie keiner umgehbaren Belastung aussetzen.

Auf der anderen Seite fragen wir uns oft, wo Marie wohl all ihre Energie herholt. Jetzt in den Sommermonaten tobt sie tagsüber mit ihren Freundinnen draußen herum und am Abend kann es passieren, daß sie noch die "Tagesthemen" mitbekommt. "Immer das doofe "Jugolalien". Marie nimmt Anteil am Weltgeschehen. Auch nimmt sie Anteil an der Entwicklung unseres Tim. Der jetzt einjährige kleine Racker ist, anders als Marie, die Ruhe selbst. Man könnte meinen, ein zufriedener Zeitgenosse. Aufgrund seiner Herkunftsgeschichte ist er leider erst auf dem Entwicklungsstand eines 6-7 monatigen Babys. Als der Kinderarzt auf zehn Monate erhöhte, waren wir ein wenig beruhigter. Auf der einen Seite wollen wir diese Zahlenspielchen, was ein Kind in welchen Monat können muß, vermeiden. Auf der anderen Seite wollen wir jedoch wissen, was da wohl noch alles auf uns zukommen wird. Zumindest tun wir unser mögliches mit Frühförderung, Krankengymnastik, Vojta-Therapie und regelmäßigen neurologischen und internistischen Untersuchen. An dem Verhältnis zwischen Marie und Tim jedenfalls gibt es nichts zu mäkeln. Marie kümmert sich. Keiner darf ihrem Tim zu nahe kommen. Zu den Untersuchungen will sie jeweils mit, was gelegentlich etwas nervend ist. Aber besser so, als Eifersuchtsdramen. Wenn Tim die Flasche bekommt, verfällt Marie mitunter ebenfalls in ein Kleinkindstadium. Dann bekommt sie auch ein Fläschchen und hat ihre liebe Ruhe.

Alles in allem, ist uns die angestrebte Ruhe erhalten geblieben. Und die leider noch nicht final durchgeführte Namensänderung haut uns auch nicht vom Hocker. Das wird die Zeit schon richten. Mit dieser Mentalität sind wir bis heute immer ganz gut gefahren. Etwas aufreibender wird es in den nächsten Wochen wohl werden, wenn wir unsere Oldienight in Bottrop vorbereiten. Hier ist Marie voll ins Geschehen integriert. Sie hat an einer Hallen-Vorbesichtigung teilgenommen und beteiligt sich auf der Suche nach Sponsoren. Besonders stolz ist sie, daß ein Foto von ihr im Internet ist. Unter www.oldienight.de/Erinnerungen ist Marie als jüngster Roadie abgelichtet. Irgendwann werden wir ihr erzählen müssen, daß wir mit dieser Veranstaltung u.a. das Pflege-und Adoptivkinderwesen unterstützen wollen. Sie kümmert sich also auch um sich selbst, ohne es zu ahnen.

Karten unter [bottrop@oldienight.de] oder über die Geschäftsstelle, die Reservierungswünsche bestimmt an uns weiterleitet.

Marie unter neuem Lable

Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, was es wohl über Maries aktuellen Werdegang zu berichten gäbe. In der Tat sind in den letzten Monaten keine Ereignisse eingetreten, die Anlaß zu Besorgnis gäben.

Anfang des Jahres planten wir die Namensänderung zu beantragen. Ursprünglich gedachten wir dieses unter Zuhilfenahme unseres Rechtsbeistandes zu tun. Ein kurzer – mehr zufälliger – Besuch beim Standesamt unseres Wohnortes belehrte uns jedoch eines Besseren.

"Absolut kein Problem, wenn es dem Kindeswohl dient", sagte der Beamte. Die Reihenfolge des Vorgehens war schnell abgesprochen.

Antrag auf Namensänderung beim Standesamt, Stellungnahme des Jugendamtes wg. Kindeswohl, Stellungnahme der leiblichen Mutter. Mit diesen Schriften zum Gericht mit der Bitte um vormundschaftsgerichtliche Genehmigung. Sobald die Genehmigung beim Standesamt vorliegt, läßt man vier Wochen Widerspruchsfrist ins Land ziehen und schon hat das Kind einen neuen Namen.

Die leibliche Mutter läßt sich Zeit mit ihrer Stellungnahme, genauer gesagt, reagierte sie bis heute nicht, was den Standesbeamten nicht sonderlich verwunderte. In solchen Fällen gibt es eine einfache Verfahrensweise. Man wartet 14 Tage und nimmt Schweigen als Zustimmung an. Auf meine Einwendung, die Mutter könne ja in Urlaub oder – was näher liegt – sich in einem Krankenhaus aufhalten, läßt den Beamten kühl. In beiden Fällen hat sie sich um ihre eingehende Post zu kümmern; außerdem gibt es da ja noch die Widerspruchsfrist.

Bis jetzt sind alle Hürden genommen. Die Stellungnahmen liegen vor, ebenso die vormundschaftsgerichtliche Genehmigung. Am 08. April ist die Widerspruchsfrist abgelaufen. Nachdem eine Verwaltungsgebühr in Höhe von DM 200,-- gezahlt ist, werden wir eine entsprechende Urkunde in Händen halten und die Verwaltungsmaschinerie der Familie H. wird auf einen neuen Höhepunkt zusteuern. Bei über 20 Institutionen, Behörden, Vereinen und Verbänden werden wir die Namensänderung kundtun. Es wird ein wahrer Hochgenuß. Meine Datenbank habe ich bereits entsprechend präpariert.

Marie bekommt von all diesen Umtrieben nichts mit. Für sie ist sie nach wie vor eine "H."

Ebenso ihr Bruder Tim. Marie hegt, pflegt und beschützt das nicht mehr ganz neue Familienmitglied, daß es eine Pracht ist, beide zu beobachten. Tim scheint Marie ebenfalls ins Herz geschlossen zu haben. Anders ist sein breites Lächeln nicht zu interpretieren, wenn er Marie sieht. Und Marie schmilzt dahin. Bei Arztbesuchen läßt es sich Marie nicht nehmen, sich über Tim’s Gesundheit näher zu erkundigen. Gehe ich mit ihr in die Stadt, kauft Marie zuerst für ihren Bruder und dann für sich ein. Manchmal frage ich mich allerdings, was Tim wohl mit Buntmalstiften und Kartoffelchips anfangen will.

Mit Freude beobachten wir, wie Marie sich zu einem selbstbewußten Menschen entwickelt. Mitte Januar erhält sie eine Einladung zum Gasttraining in einem Jiu-Jitsu-Verein. Schon am ersten Tag schließt sie Bekanntschaft mit Gleichaltrigen. Beim dritten Training meint sie jedoch, dieses wäre für sie nicht der richtige Sport. Es ist ihr zu anstrengend, lieber reitet sie auf "Fürstin" durch den Park vor der Haustür. In nächster Zeit möchte sie Klavierspielen lernen. Wenn wir bei unserem Freund zu Besuch sind, ist sie nur schwerlich vom Instrument zu bewegen. Hin und wieder kann ich bei ihrem Spiel auch eine Melodie erkennen.

Nach längerem Bitten und nach reiflicher Überlegung hat Marie ihren ersten eigenen PC bekommen. Ich war es einfach leid, an meinem System zu reparieren und zu bereinigen. Vater hat sich einen neuen Rechner zusammengeschraubt und Marie hat in ihrem Zimmer einen Rechner vollgepackt mit "Löwenzahn" und Co. Ein- bis zweimal die Woche beschäftigt sie sich mit dem Gerät. Wir brauchen also nicht einmal korrigierend eingreifen. Der PC ist für Marie ein Spielzeug, wie andere auch. Es gibt wohl keinen Unterschied zwischen High Tech und Teddybär.

Bei den Aufbauarbeiten zu unserer jährlich stattfindenden Großveranstaltung, rast Marie auf Flight-Cases sitzend durch die Halle und kann sogar die Mitarbeiter, die sie ein Jahr lang nicht gesehen hat, mit Namen begrüßen. Immer wieder sind wir überrascht, wie aufgeschlossen sie auf die Menschen zugeht, allerdings oftmals mit der notwendigen Distanz. Sie hat im Laufe der Zeit ein gewisses Feingefühl entwickelt.

Wir sind eine Familie, in der es alles andere als langweilig zugeht. Es gibt immer irgendeine Aktivität oder es sind Aktionen in Vorbereitung. Bei jedweder Aktion ist Marie mit von der Partie. Und dieses ohne Druck oder Zwang. Sie beteiligt sich aus eigenem Antrieb. Oftmals erzählt sie davon im Kindergarten oder in ihrem Freundeskreis. Wir erkennen in ihren Worten einen gewissen Stolz und wir wiederum sind dann stolz auf unsere Marie – auch darauf stolz, wie sie uns und anderen den Weg gewiesen hat, die Geschicke in die Hand zu nehmen.

Neulich war ich zu einem Seminar für werdende Pflegeeltern eingeladen. Hier ist mir wieder einmal klar geworden, was in den letzten vier Jahren alles passiert ist – auch mit mir. Welche Kraft wir imstande sind zu entwickeln und wie uns ein Kind zeigen kann, wie man das Schicksal eben nicht aus der Hand gibt und wie Gerichtsbeschlüsse ins Gegenteil verkehrt werden können. Noch aber sind wir nicht am Ende unserer Träume. Irgendwann so hoffen wir, sind wir eine Familie, in der nicht nur alle den gleichen Namen tragen, sondern die auch familienrechtlich eine Einheit bildet.

Bei unserer neuerlichen Baumaßnahme haben wir Marie schon ins Planfeststellungsverfahren mit einbezogen. Sie konnte sich selbst aussuchen, welches Zimmer sie beziehen möchte. Logischerweise fiel ihre Wahl auf das Zimmer unterm Dach. Nachdem die Baugenehmigung abgeschlossen waren, teilte uns Marie – mehr beiläufig – mit, sie würde ebenso gerne mit Tim in einem Zimmer wohnen. Nun denn, bauen wir also im wahrsten Sinne des Wortes auf die Zukunft.
Irgendwie bauen wohl alle Pflegeeltern auf die Zukunft.

Wo Marie drauf steht, ist auch Marie drin!

Es ist schon eine Weile her, dass ich über Maries Werdegang, insbesondere über den Verlauf der Namensänderung berichtet habe. Lassen sie mich rekapitulieren.
Für Maries Wohl erachteten wir es als unumgänglich, dass Marie unseren Familiennamen trägt. Also beantragten wir beim Standesamt die Namensänderung.
Stellungnahme des Jugendamtes, Stellungnahme des Vormundschaftsgerichts. Alles in Ordnung; also gab das Standesamt ebenfalls seinen Segen. Der Bescheid ging an uns mit einer vierwöchigen Einspruchsfrist, welche die leibliche Mutter auch prompt wahrnahm. Sie verweigerte ihre Zustimmung. Mit diesem Einspruch ging es zur Beschwerdestelle nach Arnsberg. Dort erkannte man die Situation und wies die Beschwerde ab. Der leiblichen Mutter wäre nur noch der Klageweg geblieben, den sie nicht beschreiten wollte.

Kurzum, Marie ist jetzt eine H.

Obwohl wir diese Vorgänge sehr vorsichtig behandelten, blieb es nicht aus, dass Marie von diesen Vorgängen erfuhr. Mehr beiläufig fragte Marie mich, ob wir denn alle den gleichen Nachnamen trügen. Gottlob brauchte ich sie nicht belügen. Einen Tag vorher flatterte uns die Benachrichtigung zur Namensänderung ins Haus.

Marie machte innerhalb einer knappen Woche einen riesigen Entwicklungssprung. So jedenfalls erschien es uns. Maries Selbstbewusstsein hat einen gewaltigen Schub bekommen. Meine Frau und ich diskutierten, wie wir die berühmte "Klärung der Herkunftsgeschichte" angehen sollten. Dieses Thema schwebt wohl über vielen Pflegefamilien. Wir überlegten uns diverse Szenarien. Und wie sooft im Leben, kam alles anders, als wir dachten. Marie und ich fuhren durch unseren Ort. Es regnete.
Marie sagte wie aus heiterem Himmel: "... und dann bin ich bei der Mama aus dem Bauch gekrabbelt. Nicht so ganz", und ich merkte, wie sich eine gewisse Trockenheit in meinem Mund breit machte. "Nee, ach ja, die Frau M. ("unsere" Sozialarbeiterin) hat immer ganz viele Babys im Bauch und verteilt die dann an die Familien". Jetzt blieb mir nichts anderes mehr, als mit der Wahrheit herauszurücken. "Es gibt Menschen, die können oder wollen ihre Kinder nicht richtig versorgen. Und dann kommen Frauen wie Frau M. und suchen für diese Kinder eine neue Familie" Draussen regnete es immernoch. "Ich habe meinen Schirm vergessen," das war Maries Reaktion auf diesen klärenden Satz. Für diesen Moment. Ganz bewusst habe ich nicht von anderen Müttern und Vätern gesprochen. Diese Begriffe sollten auch weiterhin positiv besetzt sein.

Von nun an sprach Marie von "der Frau, die mich geboren hat". Gelegentlich redete sie darüber. "Die Frau, die mich geboren hat stinkt immer so und hat mir nichts zu essen gegeben und nur gut, dass wir den Tim da rausgeholt haben, der hätte doch bestimmt auch nichts zu essen gekriegt". Für ca. eine Woche beschäftigte Marie dieses Thema. Wir merkten aber, dass dieser Themenkreis nicht mit Angst besetzt war. Wir fragten Marie, ob sie denn die Frau ... mal auf einem Foto sehen oder vielleicht später mal treffen wollte. Fehlanzeige. "Damit will ich nichts mehr zutun haben!" Das war deutlich.

Die Kombination Namensänderung und Klärung der Herkunftsgeschichte hat sich als ideal erwiesen. Durch die Änderung des Namens haben wir Marie die Unabänderlichkeit unserer Familie dargelegt. "Wer gleiche Namen trägt, geht nicht auseinander", so ihre Logik. Schon lange hatten wir das Gefühl, dass Marie ahnt, dass da noch was ist, was anders ist, als in anderen Familien.

Augenscheinlich wusste sie es nicht auszudrücken. Es schien aber etwas zu sein, wovon Gefahr ausging. Mit der Klärung der Herkunftsgeschichte waren diese Unklarheiten beseitigt. Marie hat ihre Identität gefunden. Sie sieht ihren Pflegekind-Status als ein Privileg an. Normale Familien seien doch nur langweilig. Gewiss, Langeweile ist in den letzten Jahren bestimmt nicht aufgekommen. Erst jetzt steht für Marie fest, dass es an unserem Familienverbund nicht zu rütteln ist.

Freundin Nina wurde in diesem Jahr eingeschult. "Wenn du mal was nicht weißt, dann kannst du mich ruhig fragen. Ich erkläre es dir dann". Ich denke, das strotzt doch nur vor Selbstsicherheit. Gelegentlich lässt Marie sich von meiner Frau Hausaufgaben aufgeben. Zweimal das Alphabet abschreiben und rechnen ohne Finger. Es funktioniert herrlich. Anfang Juni waren wir zum Urlauben auf unserer Insel. Das erste Mal hatte Marie Fernweh. Sie lernte wieder viele Kinder kennen. "Ich versteh die zwar nicht, aber wir spielen trotzdem zusammen".

Kommenden Montag fahren wir wieder auf unsere Insel. Marie packt schon seit Tagen ihren Koffer. "Wenn wir da ein Kind sehen, dem es schlecht geht, dann nehmen wir es mit nach Hause, dann geht es dem Kind auch gut". Ich intervenierte, so einfach wäre es ja nun nicht. Was sagte meine kleine große Tochter: "Wir können dann ja mal höflich bei Frau M. anfragen.

Da fehlen mir einfach die Worte.

Das könnte Sie auch interessieren

Moses Online Themenheft
Kinder, die in Pflegefamilien aufwachsen, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich wie beispielsweise das Erleben von Misshandlung oder Vernachlässigung. Diese Erlebnisse werden von jedem Kind individuell verarbeitet, führen bei den Heranwachsenden jedoch häufig zu Traumatisierungen. Mit diesem Heft wollen wir aufzeigen, warum ein Kind ein Pflegekind wird. Wie der Weg von dem Gedanken, ein Kind aufzunehmen, hin zum Leben mit einem Pflegekind sein kann. Was sich für die Familie verändern wird, wenn ein Pflegekind kommt und welche Voraussetzungen und Bedingungen es gibt, wenn das Kind in der Pflegefamilie lebt. Dieses Themenheft ist Ihre perfekte Einführung in das Thema Pflegekinder.
Moses Online Themenheft
Das Pflege/Adoptivkind fühlt, denkt und handelt anders als die Pflege-/Adoptiveltern dies durch ihre leiblichen Kinder gewöhnt sind. Kinder reagieren auf das, was sie im Leben erfahren haben, und Erfahrungen dieser Kinder sind andere Erfahrungen, als die der leiblichen Kinder. Im Themenheft "Alltägliches Leben" erfahren Sie, wie Sie das Verhalten der Kinder verstehen und damit passend umgehen können.