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09.06.2017
Erfahrungsbericht

Fiktiver Brief einer Pflegemutter an ihr ehemaliges Pflegekind

Gedanken und Empfindungen einer Pflegemutter im Rahmen eines Briefes

Mein lieber, unser lieber Sven,

Du wirst in wenigen Tagen schon 13 Jahre, damit kommst Du ins Teenager-Alter, als Kind möchte man immer ganz schnell groß werden, später möchte man die Zeit oft gerne anhalten. Wir haben schon so vieles an Deiner Entwicklung nicht erlebt. Leider. Wenn Du wüsstest, wie oft wir Dich denken. Es vergeht kein Tag an dem ich das nicht tue. Dein Foto steht immer noch bei uns im Wohnzimmer, so gehörst Du noch irgendwie zur Familie.

Uns ist bewusst, dass Dir das alles nichts hilft in Deiner Situation, denn Du weißt davon nichts. Denn wir dürfen Dich nicht sehen, nicht mit Dir sprechen, es wäre nicht gut für Dich und Du könntest Dich nicht eingewöhnen, so die Begründung der Mitarbeiterin des Jugendamtes uns gegenüber. Und das soll noch gelten nach mehr als drei Jahren, in denen Du jetzt in einemKinderheim lebst.

Wir glauben, Du hast Dich da längst eingelebt, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Aber das ist nur allzu verständlich. Wir dagegen sind der Meinung, dass es Dir helfen würde zu wissen, dass es Menschen gibt, die Du beeindruckt hast, bei denen Du eine tiefe Spur in Hirn und Herz gesetzt hast. Wir sind froh, dass Du so kompetente und herzliche Betreuer hast. Wir wissen auch, dass Du es Dir und Deinen Erzieherinnen manchmal schwer machst.

Ein besonderes Problem hast Du wohl mit Frauen, doch es gibt viele liebe Frauen und auch Deine Mutter liebt Dich sicher, wenn sie es Dir auch nicht so zeigen konnte. Dafür hat sie wohl zu viel eigene Probleme und wohl auch nicht die Liebe erfahren, die sie brauchte. Du kannst dafür nichts, aber vielleicht verstehst Du es eines Tages besser. Aber wir wissen auch, kein Heim ersetzt eine Familie. Und warum soll es schaden, noch mehr "Verstärker" und Menschen,die einen mögen an der Seite zu haben. Wir wollen und wollten Dir nicht schaden. Du hast schon genug mitgemacht und darüber sind wir beide sehr traurig. Darüber, dass Du in Deinen jungen Jahren schon so viel Schmerz erfahren musstest.

Wir haben nicht gewollt, dass Du noch mehr Abschiede verkraften musstest. Wir haben bald nachdem Du unsere Familie verlassen hast, einen schriftlichen Antrag an das Jugendamt gestellt, Dich wiederbei uns aufzunehmen und diesmal auf Dauer, falls Deine Eingliederung in der neuen, jüngeren Familie scheitern sollte. Damit Dir eben das, was Dir dann widerfahren ist, erspart bleibt, nämlich ein weiterer Wechsel. Doch das Amt hat anders entschieden und Dich nachdem Du Dich bei der neuen Familie nicht eingewöhnen konntest, in ein Heim gegeben. Dabei brachten wir das Wichtigste mit, was ein Kind braucht, nämlich Liebe, Fürsorge und eben Familienleben.

Wir haben wirklich um Dich gekämpft sehr lange, Du warst nicht weg und alles war gut. Es tat sehr weh. Dir als kleines Kind sicher noch viel mehr als uns. Ich höre noch heute Deine Worte am Telefon, als Du schon einige Zeit in der neuen Familie warst und diese uns zu Deinen 5. Geburtstag einlud: "Jetzt werde ich schon 5 Jahre und bin immer noch hier." Diese Worte haben uns traurig gemacht, weil aus ihnen die Sehnsucht nach uns klang. Wir hätten Dich gerne, sehr gerne wieder zu uns geholt. Aber das war leider nicht möglich. Dass nach unseren Gefühlen, unserer Liebe zu Dir keiner gefragt hat, mag ja noch sein. Aber sehr schlimm fand und finde ich, dass keiner wirklich interessiert ist an den Empfinden eines so kleinen Kindes. Wir wissen, dass sich die andere Familie wirklich sehr engagiert hat und es gab auch Zeiten, da wurden wir vom Jugendamt wieder mit ins Boot geholt. Wir sollten zum Netzwerk gehören, dass um Dich gespannt werden sollte. Aber bei allen Bemühungen, Du warst eben in der wichtigsten Zeit eines Kindes bei uns, hast hier das erste Mal Familie erlebt und Dich hier gebunden, mehr als jeder gedacht hat und deshalb konntest Du Dich dort nicht eingewöhnen. Dein Herz war noch bei uns, doch das wollte keiner sehen und statt dem Rechnung zu tragen, wurdest Du einem Gutachter vorgestellt, der dann im Sinne der Antragsteller entschied, denn alle wollten es sich leichter machen und so wurde konstaniert, Du seist "bindungs-und familienunfähig".

Dies hat uns dann richtig empört, wie kann man bei einen so kleinen 5-jährigen Jungen so ein Urteil fällen. Wir haben Dich anders erlebt und wissen, dass Du durchaus familienfähig und auch bindungsfähig warst, natürlich braucht das nach solchen Erfahrungen Zeit. Doch das wollte keiner hören. Wir waren auf einmal wieder nur lästig, zumal wir es noch gewagt hatten, gegen das Jugendamt zu klagen. Dabei ging es uns nicht gegen irgendwas, sondern für unseren Sven. Wir wollten wenigstens das Umgangsrecht, doch mit einen unerfahrenen Richter und noch unerfahreneren Anwalt hatten wir gegen das Jugendamt keine Chance.

So wurde Dir noch weiteres zugemutet. Es wurde wieder ein Gutachten bemüht, dies mal ging es dabei um uns und nach gut einstündigen Gespräch und einer kurzen Beobachtung unseres Umganges mit Dir, ja - Du durftest uns zu diesen Anlass wieder einmal sehen.Nach über einen Jahr ohne Kontakt und im Grunde konnten wir da tun was wir wollten, es war eh alles falsch. Es war verwöhnen, weil wir Dir zum Nikolaustag Schokolade mitbrachten und es war Zurechtweisen, als Du mit dem Ball spieltest und ich Dich ermahnte auf die weit nach unten hängende Pendellampe acht zu geben. Zum Schluss war man damit beschäftigt, die Teetassen weg zu räumen und konnte oder wollte nicht sehen, wie Du an den Beinen von Karl-Heinz hingst mit Tränen in den Augen. Das hat man nicht gesehen und es steht somit auch nicht im Gutachten, aber alles andere wurde akribisch beobachtet und festgehalten. Und nach diesen einen Treffen nach eineinhalb Jahren, wo keiner von uns so richtig wusste, wie er sich verhalten sollte, auch Du warst ganz nervös,und wusstest gar nicht, nach einer Weile, was Du zuerst erzählen solltest, alles sprudelte nur so raus. Du erzähltest von Deinen Schulerfolgen, wolltest uns imponieren. Aber das brauchst Du nicht, Du bist ein besonderer kleiner Mann.

Als Du mit Deinen 3 Jahren zu uns kamst, hast Du nur in einer undeutlichen Sprache geprappelt, in die wir uns erst einhören mussten. Aber es dauerte nicht lange und Du hast deutlich gesprochen und Dein Wortschatz wurde schnell grösser. Du saugtest alles auf wie ein Schwamm und lerntest sehr schnell, hattest ja auch eine Menge nachzuholen. Besonders gut spieltest Du Memory und mochtest Puzzle. Jeden Abend las ich Dir am Bett vor, das hast Du genossen und bald konntest Du die Reime selbst sprechen. Das Waschen und Duschen war nicht so Dein Ding, aber hinterher folgte immer das Eincremen, danach liefst Du dann freudig ins Wohnzimmer und alle mussten schnuppern, wie Du duftest. War mein Mann nicht auf Schicht musste er Dich Huckepack ins Bett bringen.

So gäbe es noch einige Episoden mehr zu erzählen, vielleichtergibt sich irgendwann mal die Gelegenheit. Nun erst mal zurück zu unseren ersten Treffen nach langer Zeit und dem darauf folgenden Gutachten. Wie bereits erwähnt wurde dann wieder ein Gutachten verfasst, in dem wir nicht gut weg kamen. Es ging dabei auch um unsere Kindheit, und Familien, was weiß jemand nach einer guten Stunde Gespräch schon über einen Menschen; wir vertrauten noch der Gutachterin und hätten manche Episode aus der Kindheit wohl lieber für uns behalten sollen. Nun wissen wir wenigstens wie das so läuft mit den Gutachten. Denn um die Zeit in der Du bei uns warst ging es nur am Rande, da konnte man nichts finden und stocherte statt dessen lieber in der Vergangenheit. Die ein Außenstehender nach einem Gespräch kaum einordnen kann. Selbst ein Fachmann oder eine Fachfrau nicht, mindestens sollten dazu mehrere Gespräche nötig sein. Aber das hätte ja wieder Kosten verursacht und die wollte man den Jugendamt wohl nicht zumuten. Zumal die Gutachterin gut mit dem Jugendamt zusammen arbeitete, warum sollte sie ihre zukünftigen Aufträge gefährden. Wir haben uns noch nie so gedemütigt gefühlt, wie nach dem Lesen dieses Gutachtens.

Doch zurück zu Dir. Wie solltest Du auch verstehen, dass wir schon wieder gingen und Dich zurück ließen und wir durften Dir das natürlich nicht sagen. Es hätte Dir auch nicht geholfen zu wissen warum, der Umstand blieb der gleiche. Besonders traurig hat mich gemacht, dass Du schon so früh gelernt hast, lernen musstest, Deinen Gefühlen nicht ganz nachzugeben. Jedes andere Kind hätte gejammert und geschrien und sich an uns gehängt, Du wusstest schon oder ahntest, dass dies vergebliche Mühe war. leider. Das muss doch frustrieren. Wieder wurde festgehalten, dass Dir der Umgang mit uns schaden könnte, Du Dich so in Dein neues Leben nicht einfinden könntest und somit wurde uns noch ein schlechtes Gewissen gemacht.

Ja lieber Sven, es ist eine lange Geschichte und sollte sie Dich eines Tages interessieren, wir haben sie für Dich festgehalten. Es gibt noch einige Fotos und Notizen über die gemeinsame Zeit mit Dir. Einige Fotos hast Du ja schon bekommen. Wir wünschen Dir alles, alles Gute für die Zukunft, dass Du Dein Leben ohne Bitternis gestalten kannst. Wir wünschen Dir viele liebe Menschen als Begleiter und eines Tages auch die eine große Liebe und eine Familie, der Du ein guter Vater sein kannst, anders als Du es erlebt hast. Und natürlich Gesundheit. Du sollst glücklich werden.

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