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23.05.2008
Erfahrungsbericht

Daniel und die Körperbezogene Interaktionstherapie

Erfahrungsbericht über Daniel und die Körperbezogene Interaktionstherapie.

Vorgeschichte

Daniel ist im Alter von knapp sieben Monaten nach vielen Stationen (Bereitschaftspflege, Herkunftseltern, Obdachlosenheim, Kinderklinik, Kinderheim und wieder Bereitschaftspflege) in unsere Familie gekommen. Er war bedingt durch die Alkoholsucht und der psychischen Krankheiten seiner Herkunftseltern stark vernachlässigt, depriviert und fehlernährt. Er hatte im Alter von 2 Monaten z.B. Fleischbrühe statt Milch in die Flasche bekommen.

Bei einer ärztlichen Untersuchung stellte der Arzt eine Wirbelsäulenverletzung fest. Der Herkunftsvater berichtete später von Schütteltraumen seitens der Herkunftsmutter. Daniel war also auch körperlich angegriffen worden. Er war zunächst sehr passiv. Er weinte nicht und schlief besonders bei Stress ein und erbrach ständig.

Verlauf bei uns

Daniel entwickelte sich langsam aber stetig. Er ging immer mehr Blickkontakt ein und konnte durch diverse verhaltenstherapeutische Maßnahmen seine Angst vor dem Essen reduzieren. Er erbrach weniger und begann zwischen uns und anderen Personen zu unterscheiden.

Durch die Besuchskontakte verlor Daniel auch das Vertrauen zu den Pflegeltern.

Ein halbes Jahr nachdem Daniel zu uns gekommen war, begannen die einmal im Monat stattfindenden Besuchskontakte. Danach ging es Daniel, der sich während der Kontakte wieder gewohnt passiv und überangepasst verhielt, sehr schlecht. Er erbrach wieder viel und schrie nachts. Von Besuchskontakt zu Besuchskontakt verlor er zunehmend das Vertrauen zu uns und verweigerte nicht nur Blickkontakt sondern auch Körperkontakt und Nahrung. Daraufhin haben wir uns intensiv psychologisch beraten lassen. Der Therapeut erklärte uns, dass Daniel uns als Mittäter sähe, da wir ihn ja auch immer wieder in diese angstmachenden Situationen brächten. Er wüsste nicht, ob wir ihn nach den Kontakten wieder mit nach Hause nähmen. Daniel wäre somit retraumatisiert, und sein Urvertrauen wäre wieder einmal zerstört worden.

Der Psychologe empfahl uns eine haltgebende Erziehung, aber wie die bei so einem kleinen Kind praktisch aussehen sollte, wusste er auch nicht genau. Also haben mein Mann und ich uns nach vielen Gesprächen an meine beruflichen Wurzeln (ich arbeite seit 18 Jahren mit Kindern) erinnert und eine Kollegin um eine Anleitung zur Körperinteraktionstherapie gebeten.

Die Phase der Körperbezogenen Interaktionstherapie

Das erste Mal habe ich die Therapie mit Daniel allein durchgeführt. Er war zu diesem Zeitpunkt ungefähr ein Jahr und sieben Monate alt. Die alleinige Tatsache, dass ich ihn nur auf meinen Schoß mit dem Blick zu mir genommen habe, hat ihn schon völlig verrückt gemacht. Er wehrte sich und tat alles was in seiner körperlichen Macht stand, um schnell wieder aus dieser Situation zu kommen und allein zu sein.

Immer wieder bot ich Daniel erneut den Körperkontakt an und beschrieb parallel pausenlos seine Gefühle: "Ich weiss, dass du ganz viel Angst hast und schon viel erlebt hast und ein mutiger starker kleiner Junge bist, aber du musst nicht alles allein schaffen, denn ich bin auch stark und pass auf dich auf und weil ich dich so lieb habe, halte ich dich ganz fest und passe auf, dass dir keiner mehr Angst macht, und ich nehme dich immer wieder mit nach Hause".

Diese erste Situation dauerte ungefährt 1,5 Stunden bis Daniel mich wieder anschaute, auf meinem Arm blieb und ich ihm ein Lied vorsingen konnte. Danach waren wir beide fix und fertig, aber am Abend ließ er sich schon die Milchflasche auf dem Arm geben und erbrach weniger.

Nach der Therapie sucht Daniel immer öfter Trost bei den Pflegeeltern.

Diese Aktion habe ich noch weitere zwei bis drei Mal durchgeführt, mein Mann ebenfalls noch ein bis zwei Mal. Jedes Mal ging es immer schneller und besser.

Daniels Essstörungen wurden immer weniger. Er nahm viel mehr Blickkontakt auf und fing an mit einem Kuscheltier im Bett zu schmusen. Vorher flog immer alles aus dem Bett, sogar die Bettdecke. Daniel fing an Trost bei uns zu suchen. Er kam immer öfter in unsere körperliche Nähe, wollte schmusen und Kitzelspiele spielen.

Heute

Daniel ist jetzt 3,4 Jahre alt und viel selbstbewusster, bewegungsfreudig und spielt gern mit anderen Kindern. Er benötigt immer noch viel Struktur. Variationen seines Tagesablaufes sind kaum möglich. Er wirkt zum Teil etwas sehr stereotyp oder phlegmatisch und sucht darüber viel Sicherheit und Halt. Er macht gerne Unsinn und unterwandert gerne - wie alle Kinder in dem Alter - Regeln, sucht aber bei Angst, Schmerz oder Müdigkeit unsere Nähe und ist gerne auf unserem Arm oder an unserer Schulter.

Nachts, wenn er schlecht schläft, kommt er seit circa acht Monaten zu uns ins Bett und kuschelt sich an uns. Seine Essstörungen sind vorbei. Daniel muß leider ( bedingt durch massive Hörstörungen und eine Sprachbehinderung) oft zu Ärzten, was früher immer ein großes Drama war. Heute geht er dort entspannter hin, besteht aber darauf, dass die Untersuchungen auf unserem Schoß erfolgen. Sein Lieblingssatz ist bist heute: "Wir müssen dahin, aber Mama passt auf und nachher geht’s wieder nach Hause“.

Die Besuchskontakte sind seit acht Monaten wegen eines Rechtsstreites mit den Herkunftseltern, die das Sorgerecht und ihn wiederhaben wollen, ausgesetzt. Bis heute haben wir noch kein Gerichtsurteil, aber wir hoffen das Beste !!!!!!

Der Name des Kindes wurde von der Redaktion geändert. Die Pflegeeltern wollten anonym bleiben. Bei Fragen können wir einen Kontakt zu ihnen herstellen.

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