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19.10.2020
Erfahrungsbericht

Corona, meine Kinder und ich …

Erfahrungsbericht einer Pflegemutter über ihren Einsatz für ihre traumatisierten Pflegekinder in der Corona-Krise.
Es ist beängstigend, wenn etwas um einen schleicht, man kann es nicht richtig fassen, aber plötzlich packt es einen.

So ging es uns mit Corona. Erst schlich dieses Virus nur als Wort in den Medien und in unseren Köpfen herum und dann plötzlich war es direkt präsent.

Plötzlich war alles anders – Schulen zu, Tagesablauf in der Familie auf dem Kopf gestellt und alle eng aufeinander in guten und auch schlechten Zeiten.

Man sitzt als Erwachsener, eigentlich als klar denkender Mensch – so schätzte ich mich bis dahin eigentlich ein- vor dem Fernseher und hört Nachrichten, informiert sich und braucht eine ganze Weile um alles zu verstehen, sich neu zu finden und auch um Maßnahmen umzusetzen. Vor allem, wie erkläre ich meinen traumatisierten, völlig verängstigten, entwicklungsverzögerten Kindern was jetzt los ist, warum alle Schulen zu sind und sie nicht am Nachmittag auf den Spielplatz gehen können, ohne sie noch mehr zu ängstigen oder außer Kontrolle geraten zu lassen?

Wir haben uns dann für die unkomplizierte Wahrheit entschieden. Haben den Kindern dieses geniale Video mit den Tennisbällen und den Mausefallen gezeigt, haben es mit der Erkältung, die dann alle in der Familie haben, wenn einer damit beginnt, erklärt.

Das war richtig, jedenfalls für uns.

Ich glaube, viele die das jetzt lesen können nachvollziehen, was es bedeutet, wenn Kinder eine Struktur, einen immer gleichen Tagesablauf brauchen und plötzlich haben sie dies nicht mehr.

Es ist schon schwer zu vermitteln: „Heute machen wir einen Ausflug und wir sind den ganzen Tag unterwegs.“

Manchmal denke ich im Stillen, ich bin die Einzige, die sich da freut. Dann mache ich mir Mut und glaube ganz fest, sie freuen sich innerlich und können es mir nicht so zeigen.

Bei Corona ist es aber ganz anders, nicht einfach nur ein Ausflug und dann ist alles wieder wie immer.

Jeder meiner 3 Jungs legte einen Papierhaufen auf den Tisch, starrten ihn mit nicht so erfreulicher Mine an und meinten. „Das sind unsere Aufgaben.“ Mein 4. Pflegejugendlicher (er ist 17 Jahre) lächelte mich an, die anderen Kinder an, und meinte: „Ich habe nichts, gehe weiter ins berufsvorbereitende Jahr.“ Er verschwand mit einem hämischen Lächeln in seinem Zimmer. Ich übersah es und dachte nur, Gott sei Dank, nur 3.

Meine Freude dauerte jedoch nicht lange. Er war dann auch zu Hause, brachte auch einen Papierstapel mit und die anderen 3 „Ausgelachten“ freuten sich diebisch.

4 Kinder (1x Grundschule, 2x Regelschule und 1x BVJ) mit Lernproblemen, Lese-Rechtschreib-Schwäche und eigentlich mit Förderunterricht saßen nun am Küchentisch, schauten mich an und dachten sicher: „Na, nun mach mal.“

Nach den ersten zwei Homeschooling-Tagen dachte ich, ich habe Pudding im Kopf.

Alle 4 fragten durcheinander, alle brauchten intensive Betreuung, ganz oft verstanden sie überhaupt nicht, was sie machen sollen, was die Aufgabenstellung ist und wo zum Kuckuck nochmal schon wieder dieses Buch, der Stift und das Lineal ist. Ich sah so über den Tisch und dachte, genau wie dieses Chaos auf dem Tisch so das Chaos in ihren Köpfen.

Noch einige Tage hielt ich so durch, mein inneres ICH weinte vor Verzweiflung aber aus meinem Mund kamen Sätze wie: „Komm das schaffst du!“ „Schau mal, das ist doch nicht schwer.“ „Warte bitte eine Minute, ich helfe dir gleich.“ „Toll, du machst das gut.“

Am Nachmittag war ich so durcheinander von Mathe, Deutsch, Englich, MNT und noch Chemie und Physik, dass ich nur noch in Trance meine Hausarbeiten, meine berufliche Tätigkeit und meine Mutterliebe bewerkstelligen konnte. Ich gab den Clown, den Animateur, den Tröster, den, den man für ernste Gespräche braucht und auch noch den Sündenbock, wenn wieder was schief ging.

Dann konnte ich in der Nacht nicht schlafen, stand auf und habe die Aufgaben meiner Kinder genau unter die Lupe genommen, habe überlegt, was müssen sie unbedingt können, was reicht, wenn sie es gehört haben und was kann jedes einzelne Kind mit seinen Diagnosen überhaupt leisten??? Mit diesem Ausschlussverfahren bin ich die folgenden Tage ins Homeschooling gegangen und es lief viel besser. Ich habe es sogar geschafft, nebenbei zu kochen und auch mal einige dienstliche Aufgaben zu erledigen.

Einen Tag vor Abgabetermin habe ich einen langen Brief an die jeweiligen Fachlehrer geschrieben, mein Vorgehen mit den Diagnostiken des jeweiligen Kindes begründet und habe freundlich darauf hingewiesen, dass ich es verstehe und auch nachvollziehen kann, dass es viel zu wenig Zeit war, um Förderkindern einen extra Lernplan zu erarbeiten.

Und juhuuu, ich hatte Erfolg. Die folgenden Aufgaben waren anders gestaltet als bei den „normalen“ Schülern.

Da ich eigentlich immer gute Erfahrungen mit den Schulen am Ort gemacht habe, hatte ich mir keine Sorgen wegen dem Brief gemacht aber, dass es so gut angenommen wurde, war klasse.

Klar gab es stressige Tage, klar waren Wutanfälle, nicht gerade freundliche Worte und auch Verweigerung oft ein Begleiter aber zum Schluss waren alle froh die Aufgaben geschafft zu heben und sie waren auch mächtig stolz.

Das Homeschooling war aber nur eine Seite der Medaille.

Ich kann mir vorstellen, dass der psychische Teil nicht nur in unserer Pflegefamilie ein Thema war.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Male ich ein Kind im Arm hatte, Mut zusprechen musste, in der Nacht an einem Bett saß und Geschichten zum Ablenken vorgelesen habe. Wie oft ich Tränen getrocknet habe, weil der Spielplatz immer noch zu ist und wie viele Male ich meinen Laptop oder bei den Kleinen mein Handy zur Verfügung gestellt habe um mal einen Videoanruf bei Freunden und Verwandten zu machen.

Wie oft musste ich meinem ADHS- Hüpfer mit viel Überredungskraft im Haus halten und ihm immer wieder erklären, dass es keine gute Idee ist, die erst im Januar gekaufte Couch als Sprungbrett zu nutzen.

Selbst ich als erwachsene Frau oder auch mein Mann konnten oft die Traurigkeit, die Enkel nicht sehen zu können, nicht so richtig verstecken. Wie oft haben wir überlegt, da wir als Selbstständige kein Einkommen in der Zeit hatten. Wir waren gegenseitig, ob Jung oder Alt, mit so vielen Gefühlen, Stimmungen und auch Ängsten konfrontiert.

Die etwas anderen Sommerferien sind nun vorbei und der Schulalltag, der etwas anders läuft, hat uns wieder.

Alle sind mit einem weinenden und einem lachenden Auge wieder losgezogen.

Wir vermissen diese tolle tägliche XXL Frühstückszeit. Die Frühstücksgespräche, dieses Erzählen von Geschichten, dieses herzliche Lachen. Vermissen tue ich die Fragen: „Mama wie mache ich das?“ und „Mama hilf mir.“

Dieser Trubel im Haus, überall Gewusel und Plappern.

Froh bin ich aber auch, dass wieder etwas Normalität angekommen ist, doch mal Ruhe im Haus ist und ich mich auf die Arbeit konzentrieren kann. Froh bin ich auch, dass die so wichtigen sozialen Kontakte, trotz der ganzen Hygienebestimmungen, wieder anlaufen und froh bin ich, dass meine Kinder die Umstellung auf die tägliche Schule, nur mit wenigen Schwierigkeiten, schaffen.

Trotz aller Tiefpunkte, die wir zu bewältigen hatten, sind wir noch enger zusammengerückt.

In unserer Familie hat der Zusammenhalt nochmal eine andere Form angenommen. Besondern unser jetzt 12-jähriger Pflegesohn, der immer etwas distanziert war, bisschen aus der Ferne alles beobachtet hat und sich sichtlich in der Familie wohl fühlt aber es nie verbal äußerte, ist wesentlich aufgeschlossener und lustiger geworden. Er macht oft Späßchen, kuschelt jetzt viel mehr und ist allgemein offener in der Familie.

Die letzten Monate haben uns als Familie sehr viel abgerungen. Besonders wir als Eltern mussten alle Kinder im Blick behalten. Wie schnell geht es, dass man ein Problem, eine Niedergeschlagenheit oder auch einen Rückzug eines Kindes in dieser aufregenden Zeit nicht mitbekommt. Es war eine extreme verantwortungsvolle Zeit.

Die Reaktion meines Jugendamtes?

Es machte mich traurig, dass in dieser hoch emotionalen Phase einige Maßnahmen vom Jugendamt folgten, die nicht etwa was mit Lob und Anerkennung schwierige Kinder gut betreut zu haben, zu tun hatten. Oder mit dem Lob die Arbeit zusätzlich durch die Betreuung der Kinder von zu Hause aus, teils auch in der Nacht, zu managen, sondern mit Maßnahmen, die einem das Signal gaben – Wir trauen dir nicht!

Gab es auch in anderen Jugendämtern plötzlich neue Aufforderung zu beweisen, dass man auch wirklich in der Coronazeit in den Urlaub gefahren ist, den Urlaubsplatz auch bis zu Ende genutzt hat, auch alle Kinder mithatte und nicht vielleicht das Urlaubsgeld unrechtmäßig bekommen hat?

Da ich ein sehr humorvoller Mensch bin, dachte ich gleich an die Krimiserien im Fernsehen. Vor meinem inneren Auge sah ich meine Kinder vor dem Ferienhaus mit einer aktuellen Zeitung stehen und ich mache ein Fahndungsfoto am Ankunftstag und bei der Abreise.

Wenn es nicht so ärgerlich wäre, könnte man lachen.

Ich, als Pflegemutter, hätte mir gewünscht, dass man geschrieben hätte – " Auch wenn ihr Urlaubsplatz durch die Coronaregeln nicht zur Verfügung steht, möchten wir mit der Auszahlung des Urlaubsgeldes einen Dank für die schwierige Zeit aussprechen und denken, die Sommerferien werden mit den Einschränkungen so ungewöhnlich, dass sie das Geld bestimmt für die Kinder gut gebrauchen werden.“ Oder man hätte den Kindern einen Brief, eine Karte oder Sticker mit den Worten: „Ihr könnt stolz auf euch sein, dass ihr diese Zeit so gut gemeistert habt.“ geschickt.

Aber ich bin ja nur eine Pflegemutter mit wirren Gedanken.

Eine weitere Neuerung mitten in der Pandemie war die Führung eines Fahrtenbuches ab 01.09.2020 für Fahrten zum Arzt bzw. zu Therapien. Es gab unterschiedliche Ansichten der gefahrenen Kilometer.

Ich warte geduldig auf die nächste Post vom Jugendamt, und denke bei der Einführung neuer Bestimmungen, ist noch Luft nach oben ...

… oder es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt bzw. nicht das richtige Gespür zur Verkündung dieser Neuheiten … einfach die Familien, die so viel leisten mussten auf dem falschen Fuß erwischt … ich überlege noch …!?!

Gerade habe ich in den Nachrichten gesehen, die Infektionszahlen werden wieder höher, Reisebeschränkungen werden ausgeweitet … Also noch kein Licht am Ende des Tunnels…

Also, bleibt oder werdet gesund !!!!

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