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09.07.2008
Erfahrungsbericht

Besuchskontakte !? - Was für den einen ein Segen, ist für den anderen eine Qual.

Erfahrungen einer Pflegemutter

Erfahrungsbericht einer Pflegemutter

Die Gründe für die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien haben meist ihren Ursprung in der Herkunftsfamilie der Kinder. Manchmal können diese Gründe wegfallen und die Kinder können in die Herkunftsfamilie zurückkehren – wenn dies noch angemessen für das Kind ist.
Bei geplanten Rückführungen sind Besuchskontakte richtig und wichtig.
Wenn Kinder jedoch dauerhaft in einer Pflegefamilie leben und sich dort integrieren sollen machen zu häufige Besuchskontakte wenig Sinn.

Wir haben ein Pflegekind, welches inzwischen dauerhaft in unserem Haushalt lebt.
Rolf kam mit gerade zwei Jahren zu uns. In den ersten neun Monaten hatten wir tägliche Besuchskontakte, weil eine Rückführung geplant war. Dann erfolgte ein Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Mutter. Der Gutachter befand die Mutter für erziehungsunfähig. Rolf sollte also bei uns bleiben.
Trotzdem erfolgten im nächsten Jahr Besuchskontakte zweimal wöchentlich. Im darauf folgenden Jahr einmal wöchentlich. In den dann folgenden Jahren wurden die Besuchskontakte immer weiter verringert.
Nun – nachdem Rolf sechs Jahre bei uns lebt - gibt es einmal im Monat Kontakte zur leiblichen Mutter.
Die Kontakte fanden immer bei uns zuhause statt - das war für uns die einzige Chance halbwegs mitzukriegen, was die leibliche Mutter Rolf so alles erzählte.

Die Besuchskontakte stellten für Rolf eine echte Belastung dar. Das ist jetzt auch noch so.
Die Mutter, recht uneinsichtig, nutzt das Kind um all ihre Alltagssorgen abzuladen, stellt jeden neuen Freund als den neuen ‚Vater’ des Kindes vor und bringt regelmäßig Rolfs Welt durcheinander, in dem sie davon spricht, dass er bald wieder bei ihr wäre.

Nachdem sie zwischenzeitlich Zwillinge bekam, die in einer anderen Pflegefamilie leben, ist sie nun wieder schwanger.
Wie damals bei den Zwillingen wird Rolf auch dieses Mal immer wieder damit bombardiert, dass er der große Bruder ist und Verantwortung tragen soll.
Wieder geht es los, dass er zu hören bekommt, dass er bald bei der Kindesmutter sein wird und dass er für das neue Baby der große Bruder ist.
Was sich so ja vielleicht gar nicht so schlimm anhört, hat weit reichende zerstörerische Folgen für das Kind.
Immer wieder wird er verunsichert, muss uns belügen, weil es die Mutter ihm so aufgetragen hat. Er kann mit dem Begriff „sein Vater“ nicht wirklich was anfangen, weil er all die von der Mutter benannten „Väter“ nicht kennt, manche nicht einmal gesehen hat.
Die Folgen: Anfänglich, also vor ca. 5 Jahren pullerte er nach Besuchskontakten tagelang ein. Dies verfestigte sich, so dass er irgendwann kaum mehr trocken war.
Seit ein paar Jahren kotet er nun auch regelmäßig ein, allerdings nun schon nicht mehr nur direkt nach den Kontakten, sondern schon während der Kontakte und auch zwischendurch.
Er reagiert nach den Kontakten oft völlig hysterisch, schreit, tritt gegen alles was da ist und lässt sich überhaupt nicht beruhigen.
Erst wenn er „fertig“ ist, schluchzt er vor sich hin, kommt dann friedlich in meine Arme und vergewissert sich, dass wir ihn auch wirklich lieb haben und immer da sein werden.
Er stellt Fragen wie: Ich bin bei Euch wahr ?? Ihr habt mich lieb, oder ?? Mama S…(gemeint seine leibliche Mutter) kommt mich immer nur besuchen, oder ??

Wir erklären ihm regelmäßig, dass seine leibliche Mutter ihn nicht holen kann. Im Moment glaubt er uns schon, aber beim nächsten Besuchskontakt kommt alles wieder durcheinander und wir müssen erneut mit ihm reden. Er spricht mit uns aber nicht mehr wirklich darüber, das alles ‚schwebt’ so mehr in ihm drin.

Das Sorgerecht liegt beim Jugendamt. Die Vormünderin hat ihm leider noch nicht gesagt, dass sie die „Chefin“ ist und er nicht von uns weggeholt werden kann, weil sie dies nicht zulassen würde. Vielleicht würde ihm das ja helfen und sicherer machen.

Manchmal meldet sich Rolfs leibliche Mutter überhaupt nicht, dann ruft sie irgendwann wieder an. Er will seine Mutter durchaus sehen. Seine Oma kommt ja auch immer mit – und außerdem gibt es auch immer Geschenke.
Aber wenn sie gegangen sind, dann sucht er einen Grund um sich mit uns anzulegen, ist bocksbeinig und wütend. Wenn er sich die Seele ausgeschrieen hat, will er kuscheln.

Beim Pflegeelternwochenende hat er seine leiblichen Geschwister (die Zwillinge) kennen gelernt. Er war kurz interessiert – hat sie sich angeschaut – und gut wars.
Aufgrund der Erklärungen der Mutter (großer Bruder) hatten wir ihm immer wieder versichert, dass er für diese Zwillinge nicht zuständig sei und auch nicht auf sie aufpassen müsse. Dafür wäre die Mama da, und weil die dies nicht könnte, würden die Zwillinge eben in einer Pflegefamilie groß. Das war in Ordnung für ihn.

Nun ist die Mutter ja wieder schwanger. Das ganze „ du bist der große Bruder und du musst dann auf das Baby aufpassen“ geht wieder von vorne los.

Er kommt nicht zur Ruhe. Seine leibliche Mutter sieht nichts ein. Das Jugendamt weiß nicht, wie es die Mutter vom Besuchskontakten abhalten soll und findet auch, das Pflegekinder Besuchskontakte haben sollten.

Aus Berichten anderer Pflegeeltern weiß ich ja, dass Besuchskontakte sehr sinnvoll sein können, dass setzt aber eben voraus, dass die leiblichen Eltern dem Kind erlauben in der Pflegefamilie zu verbleiben und Bindungen aufzubauen.

Aber bei Rolf – gut zu erkennen – sind die Besuchskontakte kein Segen sondern eher ein Fluch.

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