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10.11.2010
Erfahrungsbericht

Bericht einer leiblichen Tochter von Pflegeeltern

Gott sei Dank musste Laura nicht gehen. Sie ist noch immer bei uns. Jetzt 6 Jahre. Sie ist meine Schwester – absolut. Es wäre schön, wenn wir sie adoptieren könnten. Irgendwie, so finde ich, würde das mehr ausdrücken was sie jetzt eigentlich ist.

Meine kleine Pflegeschwester und ICH

Ich war 14 Jahre alt, mein Bruder 10 und meine kleine Schwester Vera knapp 2 Jahre alt als meine Mutter ein Tagespflegekind aufnahm. Das Mädchen – Laura – war etwas älter als meine kleine Schwester, aber meine Mutter meinte, dass die beiden Mädchen doch gut zusammenpassen würden. Sie könnten zusammen spielen und so, und das wäre für Vera doch sicherlich schön, denn wir waren ja nun wirklich schon zu groß.

Laura war das Kind einer noch sehr jungen Mutter, die noch in ihrer Ausbildung steckte. Bisher war Laura eine zeitlang mit der Mutter in einem Mutter-Kind-Heim gewesen, dann bei der Oma. Aber das klappte wohl nicht mehr so richtig, so dass Laura nun zu uns in Tagespflege kam. Laura kam morgens und wurde so gegen vier Uhr nachmittags wieder abgeholt.

Ich kriegte von Laura nicht viel mit, denn ich besuchte zu der Zeit eine Ganztagsschule und war meist erst nach vier Uhr zuhause. Außerdem hatte ich andere Interessen als Zuhause rumzuhängen. Ich war viel mit meinen Freundinnen zusammen und kannte Laure eigentlich nur vom Erzählen.

Eines Tages kam ich nach Hause und Laura saß in unserer Badewanne. Es war schon früher Abend und ich wunderte mich. „Laura ist krank“ sagte meine Mutter „Ihre Mutter kann sich so nicht richtig um sie kümmern und deswegen haben wir vereinbart, dass sie solange bei uns bleibt, bis sie wieder gesund ist“. O.K. war kein Problem.

Laura wurde wieder gesund und blieb immer noch. Irgendwie blieb sie einfach. Die Mutter sagte, dass sie schon käme und wiederholen würde, aber irgendwie kam sie zwar, aber sie ging immer wieder ohne Laura weg. Und als sie einmal für zwei Wochen nicht wiederkam, wurde Laura unser Pflegekind, so richtig mit Jugendamt und so.

Ganz am Anfang hat Laura relativ schnell zu meinem Vater PAPA gesagt, obwohl es doch noch gar nicht klar war, dass sie zu uns gehören würde. Sie hat auch schnell MAMA zu meiner Mutter gesagt. Aber da war ja noch ihre eigene Mutter im Hintergrund und irgendwie hat mich das wohl deswegen nicht gestört. Aber das mit dem PAPA war was anderes. Es hat mich wütend gemacht. So ging sie beim Spazierengehen immer neben ihm, hielt ihn an der Hand und sagte immer PAPA; PAPA und das fand ich total besitz ergreifend. Es hat mich gestört auch für meine anderen Geschwister. Obwohl ich schon so groß war hatte ich auch das Gefühl, wenn sie PAPA sagte, dass er für sie mehr PAPA ist als für mich. Vielleicht war es aber auch so, weil ich schon so groß war?

Sollte sie doch ihren PAPA alleine suchen und sie hat auch überhaupt keinen PAPA zu brauchen gehabt. Ihre Mutter hatte schließlich zu der Zeit einen Freund und ich dachte, der könnte doch ihr Papa sein und das es nicht meiner sein musste. Bei der Mama hatte ich ja immer das Gefühl, dass sie ja eigentlich eine hatte, aber einen Papa hatte sie ja nicht und es machte mich schon wahnsinnig, wenn sie so souverän PAPA sagte. Sie wollte das sagen, sie hat bestimmt gemerkt, dass sie mich damit geärgert hat, denn sie hatte ja noch gar keine Bindung an ihn. Es war pure Eifersucht.

Dieses Gefühl war nicht ganz so lange. Aber es war besonders immer bei den Spaziergängen. Da hing sie an einer Hand von ihm und ich habe im Hintergrund immer aufgepasst, dass meine kleine Schwester Vera die andere Hand nahm. Ich fand, Laura hatte ihn überhaupt nicht zu vereinnahmen, er hatte genug zu tun mit uns. Der war als PAPA ausgelastet und brauchte nicht noch ein Kind. Ich habe in ihr nicht das kleine Kind gesehen, sondern die Konkurrentin. Da war ich ganz böse.

Ich glaube, mein Vater hat das gar nicht so gemerkt, aber Laura hat das gewusst genossen zu jemandem PAPA sagen zu können.

Sie hatte aber auch eine so total anstrengende Art. Sie tat immer so, als ob es selbstverständlich sei und als ob ihr alle zu Füßen liegen müssten. Sie hatte nicht das Gefühl, sich mal anzupassen oder unterordnen zu müssen.

Am Anfang hätte ich ganz gut ohne Laura auskommen können. Sie hat mich nur gereizt. Sie war verwöhnt und zickig. War weiß Gott kein Kind, was man sofort gern hatte. Sie hatte sich auch nicht auf Dauer bei uns eingerichtet und war voll Abwehr. Die ist nicht einmal zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich mal mir ihr spiele und so.

Ich habe sie überhaupt nicht als meine Schwester angesehen. Ich wurde natürlich von meinen Freunden darauf angesprochen, habe auch gesagt, das ist so was wie ne Schwester – aber im Prinzip habe ich gedacht: die verkrümelt sich wieder mit ihrer Mutter weit weg und lässt und wieder in Ruhe.
Sie hat sich auch eine ganze Zeit nicht an uns gebunden gefühlt. Wir waren für sie so was wie Kindergarten.

Zu der Zeit war sie tagsüber immer bei meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Die beiden Mädchen mochten sich. Als sie dann in den richtigen Kindergarten kam, holte ich sie auch manchmal ab. Da hat es mich dann gerührt, dass sie sich richtig gefreut hat und glücklich war, wenn sie wieder Zuhause war. Und dann habe ich mich mal mehr mit ihr beschäftigt und bekam Spaß daran, mit den beiden Kleinen auch zu spielen.

Dann wurde mein Gefühl zu ihr besser. Ich begann sie zu mögen. Sie war schwierig, ja –aber sie war auch nett und ich merkte, wie sehr meine kleine Schwester an ihr hing.

Obwohl mir immer noch nicht klar war (und jetzt weiß ich, dass es auch meinen Eltern nicht klar war) ob sie nun zu uns gehörte oder nicht, hat mich eine Sache immer schon wahnsinnig aufgeregt: wenn Lauras Mutter kam, verlangte sie immer etwas – ich meine, sie erwartete immer, dass alles so war, wie es haben wollte. So kann sie z.B. im Sommer zu ihrem Badeausflug das Kind abholen und wir haben Laura zurechtgemacht und für die Mutter war das alles selbstverständlich und ich kam mir dann wie ein Kindermädchen vor. Sie kam und wir sprangen. Ich habe mit meiner Mutter immer rumgemeckert, dass sie das mit Laura und ihrer Mutter so zuließ. Aber bald kam sie nicht mehr so oft und viele Besuchstermine ließ sie platzen. Und mit Laura konnte sie auch gar nicht mehr gut reden. Sie verstand das Kind nicht.

Ich kann gar nicht mehr die Zeit sagen, wann Laura denn nun zu uns gehörte. Aber, als wir nach zwei Jahren in eine größere Wohnung umzogen, half ich intensiv dabei, für Laura ein eigenes Zimmer herzurichten. Für mich war das so etwas wie eine Quasi-Adoption.

Da fing die Mutter an, Laura wieder zu sich holen zu wollen. Und Laura war ein Wochenende bei ihr. Da war es wirklich komisch, dass sie nicht da war. Mich hatte es immer schon gestört, dass wir uns jahrelang in allem um das Kind gekümmert haben und die Mutter sie dann einfach so zu sich nehmen würde, denn schließlich war das mit der Laura ja auch schwierig. Es war schwierig, das alles so hinzukriegen, mit der Laura, meinem Bruder, meiner kleinen Schwester und so eine Familie zu organisieren.

Es hat mich schon nicht gepasst, weil mir klar war, dass es hier einmal Probleme geben müsste. Anfang hat mir das mit dem Kind als solchem in unserer Familie nicht gepasst. Auch wenn meine Mutter der Laura Sachen gekauft hat und so. Es hat mir alles nicht gepasst, weil ich die Laura nicht als meine Schwester angesehen habe und ich wollte nicht, dass sie dazugehört. Ich habe das nie so sagen können und wollte es auch nicht sagen.

Ganz allmählich kam es ja dann anders. Gemeinsamer Urlaub, gemeinsames Erleben mit der Laura haben mich ihr näher gebracht. Als wir hierher gezogen sind, war für mich klar, dass es gar nicht mehr anders geht und dass es für Laura nicht mehr anders geht. Dass es nicht einfach war habe ich schon zu Anfang gesehen, aber wie sie weg war da bei ihrer Mutter, da war es schon furchtbar. Aber Lauras Mutter meinte, dass sie schließlich nicht nur die Tante für Laura sein wolle. Aus meiner Sicht war sie zu diesem Zeitpunkt schon viel weniger als eine Tante. Die Laure hatte das schon für sich geklärt.

Die Einschulung war so ein Punkt. Als Laura hier bei uns in die Schule kam, dachte ich: wenn sie hier in die Schule kommt, dann bleibt sich auch für immer und auch für Laura war das klar.

Da habe ich die Laura auch schon gern gehabt und sie tat mir leid, dass die Mutter wollte, dass sie wieder gehen sollte und es hat mich wütend gemacht. Es war so absurd. Wir haben alles gemacht für das Kind, alles gekauft, alles entschieden und wir wussten auch, dass die Mutter sagen konnte, so – das war’s. Und deswegen hat sie sie ja auch einmal diesen Tag mitgenommen und am nächsten Tag wiedergebracht. Im Laufe der Zeit war Laura ja auch schon ruhiger und sanfter gewordne und man konnte ja auch schon mir ihr reden, nicht so wie früher, wo sie nur Krach machen konnte und nichts sagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Laura nicht mehr zu uns gehören sollte. Ich habe oft wach gelegen und mir überlegt, wie das denn für Laura wäre, wenn sie nicht mehr bei uns ist. Wo sie dann hinkäme und ob die Mutter sie wieder zu uns bringen würde, wenn es bei ihr nicht klappte.

Gott sei Dank musste Laura nicht gehen. Sie ist noch immer bei uns. Jetzt 6 Jahre. Sie ist meine Schwester – absolut. Es wäre schön, wenn wir sie adoptieren könnten. Irgendwie, so finde ich, würde das mehr ausdrücken was sie jetzt eigentlich ist.

Dieser Bericht wurde mir erzählt und so aufgeschrieben wie er gesagt und gemeint war.

Henrike Hopp

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