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01.09.2010
Erfahrungsbericht

Der arme Kleine war ganz groß

Ein Erfahrungsbericht einer Pflegemutter über die Aufnahme eines anderthalbjährigen, extrem selbständigen Jungen, der erst lernen muss, ein Kind zu sein

Themen:

Zur eigenen Tochter, die gerade in die Schule gekommen war, konnten sich die Pflegeeltern gut ein kleineres Kind vorstellen. Die Tochter war alt genug um „abgeben“ zu können und würde sich durch ein wesentlich jüngeres Kind nicht aus der Rolle gedrängt fühlen. Das jüngere Kind konnte viel durch eben diese Tochter lernen.

So sagten die Pflegeeltern zu, als das Jugendamt anrief und fragte, ob sie sich die Aufnahme eines 1 ½ jährigen Jungen vorstellen konnten. Ein so kleines Kind wollte man nicht in ein Heim geben, auch nicht vorübergehend und eine Bereitschaftspflegefamilie war nicht greifbar. So nahmen die Pflegeeltern schon nach wenigen Tagen den Jungen auf.

Jens hatte bei der Mutter gelebt und war von ihr vernachlässigt worden. Die Pflegeeltern sahen die Vernachlässigung nicht direkt, denn der Junge wirkte nicht ausgehungert, aber er war ungepflegt und trug schäbige Sachen.

Nach ein paar Tagen wurde den Pflegeeltern klar, was Vernachlässigung bei diesem Kind bedeutete: Jens aß nur ganz wenige Dinge. Er kannte nichts außer Brot und Plätzchen und trank nur Wasser. Er sagte nichts, besorgte sich alles was er brauchte. Er war extrem selbständig. „Er was so klein und konnte eigentlich alles“ sagte die Pflegemutter.

Einmal beobachtete sie ihn im Badezimmer, als er den Stöpsel des Waschbeckens umgedreht hatte und geduldig darin die Wassertropfen aus dem Hahn auffing und das bisschen Wasser dann trank. Wenn er musste, erledigte er sein Geschäft in der Ecke des Zimmers. Wenn er etwas zu trinken übrig gelassen hatte, schüttete er es im hohen Bogen über die Schulter auf den Boden. Er kümmerte sich nicht um das Tun und Lassen der anderen, er sorgte für sich selbst. Die Pflegefamilie war wie vom Donner gerührt „ Er brauchte uns nicht, schaffte es allein klar zu kommen und war doch noch sooo jung“.

Jens hat inzwischen gelernt, wieder Kind zu werden. Aber es dauerte eine ganze Zeit und in dieser Zeit wurde an seinem Verhalten deutlich, wie er bei der Mutter gelebt haben musste.

Die Pflegeeltern fragten beim Jugendamt nach und es bestätigte sich ihre Vermutungen:
Jens war unendlich viel allein in der Wohnung gewesen. Die Mutter war unterwegs. So lebte er völlig frei und ohne jede Obacht, ohne Erziehung, Regeln und nur sich selbst überlassen. Er überlebte indem er zu essen fand, ans Trinken kam etc. Die Mutter hat wohl auch immer wieder etwas beschafft und es irgendwo hingelegt. Hin und wieder war sie wohl auch da, denn er sprach ein paar Worte. So genau weiß keiner, was eigentlich so im Alltag ablief.

Jens ist heute 9 Jahre alt. Er ist ein kluger Junge, gut in der Schule. Er ist ein Macher, tut alles, muss alles regeln, liebt es Dinge zu entscheiden und die Kontrolle zu haben. Er fragt viel, will alles wissen. Fühlt sich klar zugehörig zu seiner (Pflege)Familie.

Neulich wollte er plötzlich seine leibliche Mutter sehen. Da diese aber zur Zeit in einem erschreckendem Zustand ist, hat die Sozialarbeiterin ihm davon abgeraten und ihm vorgeschlagen, doch zu warten bis er 12 Jahre alt sei und dann könne man ja nochmals darüber nachdenken.
Damals war er einverstanden. Aber er hat viel darüber nachgedacht, denn plötzlich sagte er zur seiner Pflegemutter: „Ich will sie ja schon noch mal sehen, aber zu ihrer Beerdigung gehe ich nicht“

Bestürzt wusste die Pflegemutter darauf keine Antwort zu geben. Was meinte er damit? Wieso Beerdigung?. Dann fiel ihr ein, dass sie Unterlagen von ihm zu lesen bekam, als sie Vormund von Jens wurde. In diesen Unterlagen stand, dass die Mutter mehrfach Suicidversuche unternommen hatte. Sollte er sich vielleicht erinnern können? War er vielleicht irgendwie dabei früher, als sie dies mal getan hat? Aber da war er doch noch keine zwei Jahre alt gewesen?!
Jens scheint hier ein sehr frühes „Wissen“ zu haben, vergleichbar seiner Körpererinnerungen an frühere Erfahrungen, die sich erkennen lassen in seinen Ängsten, die immer wieder so schnell entstehen.

Jens hat eine souveräne, annehmende und ihn liebende Familie gefunden. Er hat gelernt, sich fallen lassen zu können, und die Eltern haben gelernt, dass dieses Fallenlassen immer noch ein vorsichtiges Fallenlassen ist, nicht einfach so und total oder blind, sondern immer mit ein wenig Zögern und ein wenig Kontrolle. So wie er es eben kann und so ist es o.k.

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