Sie sind hier

21.05.2008
Erfahrungsbericht

Der Antrag auf Hilfe für junge Volljährige

Henrike Hopp berichtet, wie eine Siebzehnjährige ihren Antrag auf "Hilfe für junge Volljährige" schreibt - und bewilligt bekommt.

von Henrike Hopp

Eine Pflegemutter machte mit mir einen Termin für sich und ihrer 17jährige Pflegetochter. Es ging darum, dass beim letzten Hilfeplangespräch die baldige Volljährigkeit von Sara angesprochen worden war und damit natürlich die Frage, wie es denn nun weiter gehen solle. Die Sozialarbeiterin wies darauf hin, dass es zwar eine "Hilfe für junge Volljährige" gäbe, dass diese aber für Sara nicht greifen würde, weil sie ja wohl gut drauf sei, altersgemäß entwickelt und auch schon richtig selbstständig sei. Da würde die "Maßnahme" Pflegefamilie nicht mehr greifen und deswegen müsse sie sich um andere Unterstützungssysteme bemühen. Die Jugendhilfe wäre jetzt draußen.
Sara war entgeistert, ihre Pflegeeltern empört – und so kamen sie denn.

Die Pflegeeltern hatten sich zuhause hingesetzt und überlegt, warum es denn noch sinnvoll sein würde, dass Sara weiterhin, ihrem Wunsch entsprechend, bei ihnen leben sollte. So begann die Pflegemutter erst einmal, mir diese Gedanken und Gründe zu schildern. Ich verstand sie, begriff ihre Sorgen und war wie sie der Meinung, dass Eltern ihr 18-Jährigen nicht auf die Straße setzen könnten.

Aber darum ging es ja nicht. Die Sozialarbeiterin wollte ja nun nicht, dass Sara auf die Straße gesetzt wurde, sie sah nur keine Möglichkeit, weiterhin "Jugend"hilfe zu leisten für einen volljährigen propper entwickelten jungen Menschen.

Wir wälzten die Kommentierung des Gesetzes zum § 41 Kinder- und Jugendhilfegesetz (Hilfe für junge Volljährige), druckten uns das Gutachten von Manfred Busch und Prof.G. Fieseler aus der pan-ev-Webseite aus und dachten nach.

Sara war sehr interessiert und aufgeschlossen bei der Sache, hörte zu, hatte Fragen und Ideen.

Schließlich wurde ganz klar: Sie musste diesen Antrag auch so richtig selbst stellen, es kam auf sie an, auf ihre Vorstellungen und auch auf ihre Darstellung der Situation. Sie erkannte, dass es unumgänglich war, dass sie begreiflich machen konnte, warum sie die Pflegeeltern noch brauchte und warum ein Jugendamt sagen konnte: o.k. die braucht uns noch.

Dass die Pflegeeltern das so sahen, war sicherlich das eine – was aber bei diesem Antrag nicht so die entscheidende Rolle spielt. Das Andere - und das Entscheidende - war eben das Engagement, die Mitarbeit, die Erklärung der jungen Volljährigen selbst.
So machte sich Sara an die Arbeit und heraus kam nachfolgender Antrag an ihr Jugendamt:

Hiermit stelle ich eine Antrag auf Hilfe für junge Volljährige.

Begründung:

1. Ich besuche noch 1 ½ Jahre das Berufskolleg. Ich habe also kein Einkommen
2. Ich finde, dass ich noch zuhause leben sollte weil:

  • ich mich in meiner Familie geborgen und aufgehoben fühle
  • ich mich noch nicht reif genug fühle, allein zu leben
  • ich glaube, ich würde untergehen, wenn ich jetzt allein leben müsste
  • Dinge, die unvorhersehbar sind, machen mich noch ganz unsicher
  • Konflikte zu meistern, finde ich auch noch schwierig
  • die Ausbildung stellt hohe Anforderungen an mich und wenn ich das alles allein schaffen müsste, würde das glaube ich nicht gehen
  • denn, ich brauche noch ganz viel Zuspruch. Wenn ich den nicht bekomme, verliere ich den Mut und glaube, ich schaffe es nicht mehr.

3. Ich beschäftige mich schon noch mit meiner Ursprungsfamilie, besonders da ...... Für solche Situationen brauche ich einfach die Unterstützung meiner Mutter
4. Ich kann putzen, kochen und meinen Tag geregelt bekommen und auch die Schule gut besuchen, aber – um das weiterhin gut machen zu können, brauche ich einfach die Basis meiner Familie.
Wenn ich mir vorstelle, allein leben zu müssen, krieg ich die Krise. Mal ist das ja ganz schön, aber länger ätzend. – zumindest jetzt noch.

Aus diesen Gründen – stelle ich einen Antrag auf Hilfe für junge Volljährige, so dass es mir weiter möglich ist, in meiner Pflegefamilie zu leben.

Ich bitte wirklich darum, dass mir dieser Antrag so gewährt wird.

Die Sozialarbeiterin rief ein paar Tage später an und meldete Erfolg auf der ganzen Linie. Das Team im Jugendamt habe verstanden und der Antrag sei jetzt erst mal für das nächste halbe Jahr nach Erreichung der Volljährigkeit genehmigt. Rechtzeitig vor Ablauf, müsse die Weiterführung des Antrages nach vorheriger Rücksprache mit der Sozialarbeiterin erneut gestellt werden.

Sara mailte mir den Erfolg. Sie war erleichtert und glaubt fest daran, dass es ihr gelingen wird, zumindest bis zur Zeit der Schulbeendigung diese Form der Hilfe weiter zu bekommen.

Sie gab mir die Erlaubnis, ihren Antrag zu veröffentlichen, damit auch andere junge Volljährige nicht so schnell den Mut verlieren und selbst nachdenken und sich erklären können.

Ihr Antrag ist eine Anregung für andere, sich Gedanken über ihre eigenen Gründe zu machen, weshalb ein Antrag auf Hilfe für junge Volljährige für sie in Frage kommt. Saras Antrag ist [kein] Musterantrag, der so wie er ist, übernommen werden kann. Jeder Einzelfall benötigt einen individuellen Antragstext.

Das könnte Sie auch interessieren

Tiefergehende Information

Junge Erwachsene mit Unterstützungsbedarf

Junge Erwachsene mit Unterstützungsbedarf - In den Bereichen Schule, berufliche Ausbildung, Familie und Partnerschaft, Identität/Jugendkultur kann eine zeitliche Verlängerung und damit eine Entkoppelung von Alter und Status, eine Ausdifferenzierung der Lebensformen, eine stärker ausgeprägte Vorläufigkeit von Lebensabschnitten und eine verminderte Verbindlichkeit einer Situation festgestellt werden.
Erfahrungsbericht

von:

Bericht

von:

herausgegeben von:

Diese eine Blume, die uns verbindet – RückBlickPunkte I

Ein Praxisbericht

Die Entstehung des Buches „Diese eine Blume, die uns verbindet – RückBlickPunkte 1“ ist eng mit der Vereinsbiographie von Löwenzahn Erziehungshilfe e.V. verknüpft: Stets war ein Handlungsgrundsatz in Vereinsführung und Team, möglichst viel Kontinuität in der Begleitung der jungen Menschen zu erhalten. So entstanden über viele Jahre Beziehungen, die in gewisser Weise einem Patenverhältnis ähneln. Das Projekt entwickelte sich durch den Wunsch der ehemaligen Pflegekinder, auch weiterhin organisiert miteinander im Kontakt zu bleiben.
Hinweis

Beteiligungsprozess SGB VIII Reform

Careleaver e.V., IGFH und Stiftung Universität Hildesheim formulieren drei Kernforderungen, die Leaving Care und die Begleitung von jungen Menschen bis 27 Jahre verwirklichen und weiter absichern könnten.
Projekt

Sieben Standards für das Leaving Care in der Pflegekinderhilfe

Im Rahmen des Projekts „Care Leaving – Übergänge für junge Menschen aus Pflegefamilien gestalten“ hat der Träger 'Familien für Kinder gGmbH' sieben Standards formuliert, die das Leaving Care von Pflegekindern nachhaltig verbessern.
Hinweis

App für Careleaver

Cariboo Tools & Features – eine App für alle Fragen rund um das Thema Jugendhilfe. Im Übergang aus der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit stehen Careleaver vor komplexen Herausforderungen. Die App Cariboo bietet eine digitale Erweiterung des Unterstützungsangebots der Jugendhilfe, um den Leaving Care Prozess – das heißt, den Auszug aus der Jugendhilfe – zu erleichtern.
Hinweis

EMPOWER YOUTH - Programm zur Stärkung junger Menschen

Das Online-Programm EMPOWER YOUTH wurde entwickelt für junge Menschen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen bzw. aufgewachsen sind. Die Studie ist auf die Mithilfe der jungen Menschen angewiesen. Nur noch bis Ende Oktober ist eine Anmeldung zum Online-Programm möglich. EMPOWER YOU bittet darum, die jungen Menschen auf diese Möglichkeit noch hinzuweisen und zur Anmeldung zu ermuntern.
Politik

Hilfe für junge Volljährige als KANN-Leistung???

Einige wesentliche Fachausschüsse haben dem Bundesrat die Empfehlungen 314/1/17zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen (KJSG) für seine Sitzung am 2. Juni 2017 zur Verfügung gestellt. Nach diesen Empfehlungen soll die Hilfe für junge Volljährige § 41 SGB VIII von einer "soll" auf eine "kann"Leistung umgestellt werden.
Projekt

Leaving Care und Nachbetreuung: Neue Aufgaben für die Kinder- und Jugendhilfe

Im Rahmen des Projekts »Fachstelle Leaving Care – Beratung und Infrastrukturentwicklung für Kommunen« der IGFH und der Stiftung Universität Hildesheim entstand eine Broschüre zu Rechtlichen Regelungen und Praxisempfehlungen für die Umsetzung des § 41a SGB VIII (Nachbetreuung junger Volljähriger).
Tiefergehende Information

Wenn Pflegekinder älter werden

Die Vollzeitpflege ist eine Hilfe zur Erziehung, die immer und besonders in den Jahren vor der Volljährigkeit auf eine Erziehung zur Selbständigkeit hin ausgerichtet sein soll. Um eine Einschätzung zu ermöglichen, wurden Selbsteinschätzungbögen entwickelt, die überwiegend noch in Wohngruppen eingesetzt werden, aber auch schon ihren Weg in die Pflegekinderdienste gefunden haben.