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20.04.2020
Erfahrungsbericht

Adoptivmütter in der Pubertät

Leben mit doppelter Elternrolle

Erfahrungen, Überlegungen und Gefühle einer Adoptivmutter mit einer Adoptivtochter in der Pubertät.

Themen:

Als ich mir den Film „Dschungelbuch 2“ noch einmal im Fernsehen angeschaut hatte, haben die Worte von Moglis „Adoptivvater“ – „Ich hätte doch verstehen müssen, dass der Dschungel immer ein Teil von Dir ist !“ – mich motiviert, diesen bereits begonnenen Beitrag neu zu schreiben.

Auch ich war mir als Adoptivmutter nicht immer bewusst gewesen, was meine Tochter bewegte. Aber sie hat mich durch ihr Handeln dazu gebracht, mich mit diesem Thema intensiver zu befassen, mich in Seminaren mit anderen Adoptiveltern darüber auszu-tauschen, Fachbeiträge zu lesen und unser „Miteinander“ und „Gegeneinander“ zu reflektieren.

Zunächst ein kurzer Erfahrungsbericht: Unsere Tochter kam mit 7 Tagen inkognito zu uns, meinem Mann, unserem 2 1/2jährigen Sohn und mir. Sie allein bestimmte fortan meinen Tagesablauf, denn sie nahm nur Nahrung an, wenn sie vorher heftig geschrieen hatte, das konnte schon eine Stunde nach der letzten Mahlzeit sein, aber auch bis zu 8 Stunden dauern, auf einen Tag-Nacht-Rhythmus hat sie sich erst sehr viel später eingelassen. Aber sie genoss meine Nähe, sich eng an mich zu schmiegen und sich den Rücken kraulen zu lassen, wann immer ich für sie da war. Diese Strategie, mit mir zu kämpfen, wenn ich ihr etwas abverlangte und stundenlang mit mir zu schmusen, wenn ich mich auf sie einließ, behielt sie durch Trotzphase, Kindergarten und Grundschulzeit bei und war bei der Umsetzung sehr abwechslungs- und ideenreich. Natürlich entwickelte ich meine „Gegenstrategie“, um unsere Kämpfe möglichst in Frieden und nicht mit meinem Sieg und ihrer Niederlage zu beenden, wenn ich auf meiner Anforderung an sie bestehen musste.

Ich habe mich oft gefragt, warum meine Tochter sich mir gegenüber so verhält. Rückblickend bin ich überzeugt, dass ihre frühe Trennung von ihrer Mutter eine Ursache dafür war. Bei der Geburt verlässt das Baby die Geborgenheit des Mutterleibs, findet aber bei jedem Kontakt mit der Mutter etwas Vertrautes wieder: Herzschlag, Schwingungen, Geräusche, Geruch, Stimme der Mutter sind ihm seit Monaten vertraut. Wie irritierend muss es für ein Baby sein von der Mutter getrennt zu werden, wie traumatisierend, nur Fremdheit um sich herum wahrzunehmen und die Trennung nicht einordnen zu können. Es will aber in dieser kalten Welt überleben und wendet deshalb viel Energie auf, sich wieder einen Menschen, eine „neue Mutter“, vertraut zu machen. Doch auch seine Angst und seine Wut, von seiner Mutter verlassen zu sein, braucht Raum und muss sich folglich ebenfalls gegen die neue Mutter richten. Auch wenn dies alles im Unterbewussten abläuft, kann man Kindern ihre Adoption nicht verheimlichen, sie spüren sie von Anfang an. Als Folge dieser Erkenntnis haben sich neben der Inkognito-Adoption offene Formen von Adoption entwickelt, die es den Kindern ermöglichen, weiterhin in Kontakt mit der vertrauten Geburtsmutter zu bleiben.

Wir haben aus der Adoption unserer Tochter nie ein Geheimnis gemacht, sie konnte mit uns darüber sprechen wann immer sie wollte. Bilderbücher wie „Der Findefuchs“ standen im Kinderzimmer, „Das Buch von Bublan, der neue Eltern bekam“ war ihr liebstes. Als unsere Tochter älter wurde und Familie in der Schule Thema wurde, nahmen die Fragen nach ihrer ersten Familie zu. Wir sagten ihr alles, was wir wussten. Als sie dann zu Beginn der Pubertät den Wunsch äußerte, ihre leibliche Mutter kennen zu lernen, haben wir uns auch darum bemüht. Da dies jedoch nicht realisierbar war, verstärkten sich ihr Empfinden und ihr Schmerz darüber, abgegeben, abgelehnt worden zu sein und ihre dadurch bedingte Wut gegen die Mutter bekam ich in voller Breite ab. Mit meinem Versuch, sie zu trösten: „Deine Mutter hat dich genau so lieb wie ich, sie hat dich nicht verstoßen, sie hat dich uns geschenkt, damit es dir gut geht“ half ihr nicht sondern verstärkte nur ihren Zorn: „Ihr seid beide doof, die weil die mich nicht will, du weil du mich willst, und keiner fragt mich ob ich das will. ICH WILL NICHT !!!“ In der Folgezeit bekam ich ihre Ablehnung beider Mütter deutlich zu spüren. Sie wandte sich nur noch an mich, wenn sie mich dringend für etwas brauchte, ihr Alltagsleben regelte sie mit meinem Mann. Ich weiß nicht, wie ich diese Zeit ohne mein Wissen um meine Doppelrolle ausgehalten hätte. In dieser Zeit war es für mich auch eine große Hilfe, dass ich Menschen hatte, mit denen ich darüber reden konnte, von denen ich mich verstanden fühlte: Eltern unserer Adoptiv- und Pflegeelterngruppe. Auch von meiner Sozialarbeiterin im Fachdienst des Jugendamtes fühlte ich mich verstanden, sie war zuständig für unser Pflegekind und hatte somit auch berufliche Erfahrung mit doppelter Elternschaft. Oft stoßen Adoptiveltern in ihrem Amt auf Unverständnis und Ratlosigkeit, wenn sie mit ihren „Pubertätsproblemen“ nach Unterstützung fragen, denn nach Abschluss der Adoption werden sie behandelt wie leibliche Eltern und fallen in die Zuständigkeit des ASD. Adoptiveltern brauchen immer einen Fachdienst!

Pubertät eine anstrengende Zeit für Eltern und Kinder ist, wissen wir alle im Rückblick auf unsere eigene Pubertät. Dass Adoptivfamilien – Eltern wie Kindern – hier aber eine doppelte Leistung abverlangt wird, die kreative Kompetenz und besondere Lösungsstrategien erforderlich macht, ist den meisten Betroffenen vorher nicht bewusst. Um zu ihrer eigenen Persönlichkeit zu finden, müssen sich Adoptivkinder von zwei Eltern(paaren) abnabeln: den Adoptiveltern, mit denen sie leben, und den Herkunftseltern, die sie nicht oder nur wenig kennen. Für uns Adoptiveltern bedeutet dies nicht nur den normalen Pubertätsstress, wie wir ihn aus unserer eigenen Jugend kennen.

In der Auseinandersetzung mit unseren Kindern erleben wir uns als Vertreter, Rivalen und manchmal vielleicht auch als Verbündete der abwesenden Herkunftseltern, die wir in der Regel nicht kennen, über die unser Wissen (amtlich) gefiltert ist und von denen sich unsere Kinder tief verletzt fühlen, die sie aber dennoch idealisieren zur Aufwertung ihres eigenen Selbstwertgefühls. Unsere Kinder fragen sich, was an ihnen überhaupt liebenswert ist und welche der negativen Eigenschaften der leiblichen Eltern an ihnen haften geblieben sind. Sie sind unsicher: bin ich so schlecht, dass mich niemand auf Dauer behalten kann? oder ist die Zuneigung meiner Adoptiveltern wirklich ernst gemeint?

„Ihr seid ja gar nicht meine richtigen Eltern!“ bekommen viele von uns zu hören. Wir sollten diese Worte nicht nur auf uns beziehen und empfindlich, verärgert oder gar ablehnend darauf reagieren. Vielmehr sollten wir sie hinterfragen, mit Verständnis und Liebe. Denn oft sind sie nur ein unbewusster Vorstoß unserer Kinder uns etwas mitzuteilen: Bei Streitigkeiten eingesetzt versuchen sie durch diesen verletzenden Satz heraus zu finden, wie wir Adoptiveltern damit umgehen, versuchen uns zu testen, welchen Platz und welche Sicherheit sie in unserer Familie haben, ob sie wieder weggegeben oder verlassen werden so wie früher. Oder in ihrer Auseinandersetzung mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte ist es ihr Versuch uns darauf aufmerksam machen, ihnen zu helfen, ihre Wurzeln zu finden, ihre leiblichen Mütter/Eltern kennen zu lernen. Für viele Adoptierte besteht tief im Innern das Verlangen, eine Beziehung zu der für sie frühesten menschlichen Verbindung, zu ihren Erzeugern, aufzubauen, so dass sie mindestens einen leiblichen Elternteil finden wollen. Um unsere Kinder bei der Suche nach und der Begegnung mit ihrer Herkunftsfamilie unterstützen zu können, sollten wir uns unsere Gefühle bewusst machen, die wir für diese Personen empfinden. Nur wenn wir ihnen Wertschätzung entgegen bringen, sind wir unseren Kindern eine wirkliche Hilfe. Unsere uns unbewusste Unsicherheit, Angst oder Ablehnung wird von den Kindern erspürt, überträgt sich auf sie und behindert sie in diesem so wichtigen Prozess.

Auch den Kindern bekannte äußere Gründe, die ein Finden leiblicher Eltern unmöglich machen, können bei unseren Kindern Verhaltensweisen auslösen, die für uns Adoptiveltern eine große Belastung sind. Den Kindern ist ihr Handeln nicht bewusst. Fragt man sie nach dem Warum, haben sie nur ganz selten eine Antwort. Wenn wir die Ursache ihres Verhaltens erahnen, sollten wir sie mit ihnen nicht direkt ansprechen, das hilft den Kindern meist nicht, ihr Verhalten zu ändern. Ein 13jähriges Adoptivkind zerschneidet alles was ihm vor die Schere kommt: Papier, Hefte, Bettwäsche, Gardinen, seine Kleidung, seine Haare … Auf Bitten seiner Adoptiveltern, das zu lassen, auf ihre Ermahnungen und ihre Androhung von Konsequenzen reagiert das Kind aggressiv und verletzend und schneidet weiter. Dieses Kind ist als Baby zunächst in ein Heim und kurze Zeit später in seine Adoptivfamilie gekommen. Es weiß, dass es adoptiert ist, es weiß aber auch, dass seine Mutter mit unbekanntem Aufenthalt in ihr Heimatland abgeschoben wurde. Dem Kind wurde dadurch jegliche Verbindung zu seinen Wurzeln abgeschnitten. Ihm zu sagen: „du zerschneidest Dinge, weil dir etwas Wichtiges zerschnitten wurde“, würde dem Kind wenig helfen. Liebevolles Verstehen seiner Trauer und seiner Wut über dieses Abgeschnittensein von seiner Mutter, von seinen Wurzeln, und die Zusicherung, dass die Mutter trotz ihrer Abwesenheit zur Familie gehört und geliebt werden darf, kann dem Kind vielleicht ein Gespür dafür vermitteln, dass auch seine Adoptiveltern traurig oder ärgerlich darüber sind, dass es Dinge zerschneidet, die sie ihm geschenkt haben weil sie es lieb haben. Aber auch wenn wir das uns störende und belastende Verhalten unserer Kinder nicht ändern können, ist es mit dieser Haltung unseren Kindern und ihren Eltern gegenüber leichter zu ertragen.

„Wie hast du eigentlich ausgehalten, dass ich dich so gehasst habe?“ fragte mich meine 16 jährige Tochter. „Weil ich wusste, dass ich für dich zwei Mütter war“ antwortete ich ihr.