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14.11.2018
Erfahrungsbericht

Adoption eines Volljährigen nach dem Minderjährigenrecht

Bericht einer Pflegemutter, die ihren inzwischen über 30jährigen Pflegesohn adoptiert hat und dafür die besondere Möglichkeiten der Adoption eines Volljährigen nach dem Minderjährigenrecht nutzte.

Ich bekam meinen Pflegesohn mit sechs Jahren in Kurzpflege. Seine beiden Geschwister wurden auch zu Pflegeeltern vermittelt, da die Eltern obdachlos wurden und der Vater Alkoholkrank war. Das Einverständnis der Eltern lag dem Jugendamt vor. Beide schafften es nicht, sich in einem angemessenen Zeitraum ein stabiles Umfeld aufzubauen. Daraufhin wurde die Kurzpflege in Dauerpflege umgewandelt.

In dieser Zeit wurden die Auffälligkeiten des Kindes immer extreme und so kamen wir dahinter, welche Tortour an Vernachlässigung und körperlicher Gewalt dieser Junge jahrelang ertragen hatte. Ein sexueller Missbrauch hatte außerhalb des Elternhauses statt gefunden.

Mit sieben Jahren konnte das Kind keinen zusammenhängenden Satz sprechen. Er behielt nichts von dem, was er eine Stunde zuvor gelernt hatte. Dies bedeutete Umschulung in eine Lernbehindertenschule. Erst hier kam er etwas zur Ruhe und uns wurde bewusst, dass er einen hirnorganischen Schaden durch seine Vergangenheit davon getragen hatte. Nach mehrmaligem Nichterscheinen der Eltern wurde der Kontakt unterbrochen.

Es gab viele Höhen und Tiefen, die wir aber meisterten und unsere Zuneigung wandelte sich in echte Liebe.

Als er elf Jahre alt war sagte er versehendlich beim essen:“ Mama kann ich noch etwas haben?“ Danach hielt er sich den Mund zu und als ich fragte, was denn nicht in Ordnung sei, sagte er:“ Ich habe Mama zu dir gesagt.“ Ich sagte ihm, das sei nicht schlimm und wenn er wolle, dürfte er gerne Mama sagen. Dann kam seine Antwort die ich nie vergessen werde.

Er sagte“ Ich hab mich nie getraut Mama zu sagen, denn ich dachte, dann wirst du wie meine Mutter.“

Von diesem Tag an war der Junge bereit mich voll und ganz anzunehmen. Er brauchte viel Unterstützung, Anerkennung und Liebe. Meine leiblichen Kinder halfen enorm dabei ihn weiterzubringen!

Er machte eine gestützte Ausbildung und das Jugendamt wollte ihn mit 18 Jahren in ein betreutes Wohnen geben. Der mittlerweile junge Mann hatte totale Panik, aber durch die enorme Entwicklungsverzögerung durfte er bis zum 21. Lebensjahr bei uns bleiben. Er brauchte einfach diese Zeit zum nachreifen. Er schaffte seine Ausbildung und machte sogar den Führerschein. Dabei lernte er alles auswendig für die Theoretische Prüfung. Aus dem kleinen, hilflosen, geschundenen Kind war ein toller Mann geworden, der so oft er konnte zu unserer Familie Kontakt hatte.

Mit 29 Jahren versuchte er noch einmal den Kontakt zur Mutter herzustellen. Er sah auch seine Geschwister wieder. Es war schlimm für ihn zu sehen, dass seine jüngere Schwester ihr einjähriges Kind gerade in eine Pflegefamilie gab, weil sie wieder schwanger war. Seine Mutter wollte sich amüsieren und sie war nicht bereit über die Vergangenheit zu reden. Sie hatte keinerlei Bindung zu ihm. Sie hatte nicht ein einziges Babyfoto von ihm oder den Geschwistern. So hatte sein Leben eigentlich erst mit sechs Jahren bei mir begonnen.

Er beendete die Kontakte.

Mit 30 Jahren sprach er mich an, ob ich ihn adoptieren könne, er gehöre ja eh zur Familie und wolle mit seiner Vergangenheit abschließen. Wir wären die Familie, die er wolle und ich wäre die einzige Mutter, die für ihn eine Mutter war.

Nach unzähligen Hürden wegen Adressen und Einverständnis-Erklärungen meiner Kinder, wie auch die Beschaffung von allen Geburtsurkunden, adoptierte ich am 05.07.18 meinen Sohn nach §1772 BGB. Dies ist die Adoption eines Erwachsenen mit der Wirkung der Minderjährigen Adoption.

Er trägt nun meinen Namen, ist voll erbberechtigt und das Familienband zur Herkunftsfamilie ist erloschen. Mein Sohn ist angekommen mit 34 Jahren. Stolz präsentierte er mir seine neue Geburtsurkunde.

Er hat vor zwei Jahren eine neue Ausbildung auf dem offenen Arbeitsmarkt begonnen und bestanden. Nun baut er ein weiteres Jahr auf diese Ausbildung auf, um eine finanzielle Perspektive für seine zukünftige eigene Familie, die er gründen will, zu sichern.

Er wird ein toller und liebevoller Vater werden mit einer ebenso wundervollen Frau an seiner Seite! Ich bin so stolz auf mein Kind!

§ 1772 Annahme mit den Wirkungen der Minderjährigenannahme

(1) Das Familiengericht kann beim Ausspruch der Annahme eines Volljährigen auf Antrag des Annehmenden und des Anzunehmenden bestimmen, dass sich die Wirkungen der Annahme nach den Vorschriften über die Annahme eines Minderjährigen oder eines verwandten Minderjährigen richten (§§ 1754 bis 1756), wenn

a) ein minderjähriger Bruder oder eine minderjährige Schwester des Anzunehmenden von dem Annehmenden als Kind angenommen worden ist oder gleichzeitig angenommen wird oder

b) der Anzunehmende bereits als Minderjähriger in die Familie des Annehmenden aufgenommen worden ist oder

c) der Annehmende das Kind seines Ehegatten annimmt oder

d) der Anzunehmende in dem Zeitpunkt, in dem der Antrag auf Annahme bei dem Familiengericht eingereicht wird, noch nicht volljährig ist.

Eine solche Bestimmung darf nicht getroffen werden, wenn ihr überwiegende Interessen der Eltern des Anzunehmenden entgegenstehen.

(2) Das Annahmeverhältnis kann in den Fällen des Absatzes 1 nur in sinngemäßer Anwendung der Vorschriften des § 1760 Abs. 1 bis 5 aufgehoben werden. An die Stelle der Einwilligung des Kindes tritt der Antrag des Anzunehmenden.