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11.03.2009
Erfahrungsbericht

Ablehnung der Herkunftsfamilie als Sicherung der Zugehörigkeit

Peter kam mit einer seltenen Chromosomenstörung auf die Welt. Seine leiblichen Eltern konnten seine Behinderung nicht annehmen und gaben ihn zur Adoption frei. Er lebte gut drei Jahre in einem Heim für Schwerstkörper- und Geistigbehinderte. Mit dem Ziel der Adoption kam er in unsere Familie.

Peter kam mit einer seltenen Chromosomenstörung auf die Welt. Seine leiblichen Eltern konnten seine Behinderung nicht annehmen und gaben ihn zur Adoption frei. Er lebte gut drei Jahre in einem Heim für Schwerstkörper- und Geistigbehinderte. Mit dem Ziel der Adoption kam er in unsere Familie.

Die ersten Jahre waren stark geprägt durch therapeutische Maßnahmen. Er machte rasante Entwicklungssprünge. Wir stellten fest, dass er sehr ehrgeizig daran arbeitete so zu sein wie alle anderen - das zu können, was alle können.
Peter besuchte den Regelkindergarten und wurde aufgrund seiner Entwicklungsverzögerung erst mit acht Jahren in eine Regelschule eingeschult. Nach der Grundschule erkämpften wir den Übergang in eine Gesamtschule und dann in ein Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung. Dort machte Peter in diesem Jahr sein Abitur.

In den ganzen Jahren hatten wir die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sehr positiv empfunden.
Die Sachbearbeiterin machte uns zuerst deutlich, dass wir den Adoptionswunsch zurückstellen sollten bis wir mehr Klarheit über Peters Entwicklung hätten. So wurde Peter zum Pflegekind.
Sie beantragte die Namensänderung als Peter diesen Wunsch äußerte.
Als Peter ca. 13 Jahre alt war führte sie in unserem Beisein mit ihm ein Gespräch in dem sie ihn frage ob er eventuell seine leiblichen Eltern oder seine leibliche Schwester kennen lernen wollte. Peter verneinte.
Dieses Gespräch hat ihn dann sehr aus der Bahn geworfen – er hatte das Gefühl jemand stellt uns als seine Familie in Frage. Jetzt wollte er dringend adoptiert werden um solche Gespräche nicht mehr führen zu müssen.
Wir stellten den Adoptionsantrag, er wurde erneut zur Adoption freigegeben und wir adoptierten ihn. Peter wurde wieder ruhig.

Mit Peters leiblichem Vater (die leibliche Mutter war inzwischen verstorben) gab es im Rahmen der Adoption ein Gespräch, an dem ich teilnahm. Ich bot Peter an, dass er zu diesem Gespräch mitzukommen könne. Er lehnte mit der Begründung: „die haben sich um mich nicht gekümmert, was soll ich da“ ab. Das Gespräch mit Peters leiblichem Vater hat mich sehr beeindruckt. Die Tatsache eines seiner beiden Kinder abgegeben zu haben, hatte er nach den vielen Jahren noch nicht verdaut, er kämpfte im Gespräch mehrfach mit den Tränen.

In all den Jahren bei uns war seine Herkunftsfamilie für Peter jedoch nie ein Thema

Peter geht auch heute noch mit der Tatsache, dass er ein Adoptivkind ist, völlig offen um, es belastet ihn nicht. Er sagt in diesem Zusammenhang dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann, sie gehören zu seiner Geschichte, vor ihr kann er nicht weglaufen.

Wir als Adoptiveltern können nicht mitreden, wenn andere Adoptiveltern von ihren Kindern erzählen welche Probleme sie z.B. im Umgang in der Pubertät haben oder hatten. Bei uns blieb bisher alles ruhig. Peters größtes Problem in den ganzen Jahren war, aus unserer Sicht, die eigene Behinderung anzunehmen. Das hat er inzwischen geschafft.

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