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04.02.2013
Bericht zur Veranstaltung

Lotsen im Übergang - Rahmenbedingungen und Standards bei der Gestaltung von Übergängen für Pflegekinder

Eine empfehlenswerte Dokumentation der Fachtagung am 14. und 15. Juni 2012 des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Eine kurze Dokumentation der Fachtagung am 14. und 15. Juni 2012 des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Die Tagung beschäftigte sich mit nachfolgenden Punkten:

Begrüßung und Eröffnung

Die Begrüßung erfolgte durch Dr. Heike Schmid-Obkirchner. Sie ist Leiterin des Referates Rechtsfragen der Kinder und Jugendhilfe im Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend.

Auszüge aus ihrem Referat:

Pflegekinder sind in der Regel erheblich vorbelastet. Sie müssen sich mit schlechtenh, mitunter traumatischen Erfahrungen auseinandersetzen. Fast die Hälfte der Pflegekinder erscheint in einem behandlungsbedürftigen Umstand psychisch auffällig. Daher ist schon der erste Übergang in der Pflegekindschaft – die Begründung des Pflegeverhältnisses, das Verlassen der eigenen Familie, das Einfinden in der Pflegefamilie – eine sehr große Herausforderung für die Pflegekinder, aber auch für alle am Hilfeprozess Beteiligten. Hier werden entscheidende Weichen für eine gelingende Pflegekindschaft gestellt, in deren Verlauf die hohen Belastungen der Pflegekinder abgebaut werden müssen. Dieser Abbau hängt maßgeblich davon ab, ob die neue gewachsenen Bindungen zwischen den Pflegeeltern und den Pflegekindern im Interesse des Kindes gestärkt werden, ob die Pflegefamilien verlässlich, qualitativ hochwertig beraten und unterstützt und ob auch mit der Herkunftsfamilie qualifiziert gearbeitet wird….

Neben dem allgemeinen Handlungsauftrag zur kontinuierlichen Qualitätsentwicklung und –sicherung intendiert das Bundeskinderschutzgesetz auch eine verbindliche Sicherstellung der Hilfekontinuität für Pflegekinder. Dazu wurden Konkretisierungen in § 37 SGB VIII vorgenommen.

Im § 37 SGB VIII wurde außerdem ein neuer Absatz zur Sicherstellung der Hilfekontinuität aufgenommen, in dem die zentralen Inhalte des Hilfeplanes in Bezug auf die Pflegekinderhilfe konkretisiert wurden. Im Hilfeplan müssen die Art und Weise der Zusammenarbeit der Beteiligten am Hilfeplanprozess genau gereeglt, der Umfang der Beratung, die die Pflegefamilie erhalten soll, sowie die Höhe der laufenden Leistungen zum Unterhalt festgestellt werden. …..

Klargestellt wird darüber hinaus auch, dass diese im Hilfeplan festgelegten Leistungsinhalte nur geändert werden dürfen, wenn sich der Hilfebedarf ändert. Ein Wechsel der Zuständigkeit hingegen kann und darf kein Grund sein, die Festlegungen im Hilfeplan in Frage zu stellen bzw. zu ändern. …

Es bleibt beim Zuständigkeitswechsel nach zwei Jahren, aber es bleibt auch bei den beschriebenen Änderungen im § 38 SGB VIII. Jetzt gilt es zu prüfen, ob durch diese Änderungen im § 37 mehr Hilfekontinuität erreicht werden kann. Das BMFSFJ wird der Wirkungen der Änderungen im § 37 im Hinblick auf die Hilfekontinuität im Rahmen der Evaluation des Bundeskinderschutzgesetzes analysieren. Dabei werden wir ein besonderes Augenmerk auf die Übergänge, vor allem auf die Sollbruchstelle des Zuständigkeitswechsels richten. Darüber hinaus beabsichtigten wir, die Qualifizierung der Pflegekinderhilfe im Rahmen von Projekten im Sinne des neuen § 79a SGB VIII zu unterstützen. Im Jahr 2015 müssen wir dem Bundestag einen Evaluationsbericht vorlegen, in dem die Entwicklung in den Jahren nach Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes dargestellt und eventuell Nachbesserungsvorschläge angestoßen werden ….

Übergänge im Erleben von Pflegekindern und Qualitätsstandards

Prof. Dr. Klaus Wolf, Universität Siegen

Auszüge aus seinem Referat:

„Das menschliche Leben stellt einen lebenslangen Entwicklungsprozess dar, den der einzelne Mensch als Subjekt selbst mitgestaltet, bei dem seine Entwicklungs- und Lernprozesse aber andererseits auch in Verhältnissen stattfinden, die er nicht selbst geschaffen und eingericht hat, sondern die auch unabhängig von ihm als materielle und soziale Lebensbedingungen exisitieren und die er zunächst vorfindet, um sie im Verlaufe des Lebens zu beeinflussen.

In diesem lebenslangen Entwicklungsprozess finden immer wieder auch Übergange statt. Manche dieser Übergänge werden als deutliche Veränderung, Umbrüche und Zäsuren empfunden, andere finden allmählich statt, unbemerkt und oft auch unbewusst von dem Menschen, der sich verändert. Diese sehr unterschiedlichen Übergänge werden nicht nur sehr verschieden erlebt, sonders es gibt auch ganz unterschiedliche Begriffe für solche Übergangsphänomene: Statuspassagen, Ortswechsel, Beziehungsabbrüche, kritische Lebensereignisse, Schicksalsschläge und viele andere. …

Deswegen gibt es auch einen wichtigen Unterschied zwischen Veränderungen und Übergängen, die durch eigene Entscheidungen und Aktivitäten zielgerichtet ausgelöst und gestaltet worden sind, und solchen, die als Schicksalsschlag von außen wahrgenommen werden, als Ereignisse, die plätzlich ohne persönlichen Einfluss in das eigene Leben eingreifen. Kinder sind dabei in noch stärkerem Maße als Erwachsene auf ein Grundgefühl von Schutz und Stabilität angewiesen“.

Bilder und Modelle vom Pflegekind
„Ich empfehle stattdessen, Pflegekinder in erster Linie als Kinder und Jugendliche, Jungen und Mädchen wahrzunehmen, die versuchen, im schwierigen Gelände zurechtzukommen, Ihre Erfahrungen verarbeiten und sich ihre Welt erklären wollen, die ein positives Selbstbild entwickeln und handlungsfähig bleiben wollen. Damit sind die besonderen Belastungen und Lebenserfahrungen nicht ausgeblendet, aber der Blick richtet sich auch auf die normalen Aufgaben und Themen des Aufwachsens in unserer Gesellschaft, mit denen es die Pflegekinder auch zu tun haben“.

Verschiedene Dimensionen von Übergängen
„Übergänge können in verschiedenen Dimensionen beschrieben werden, drei möchte ich hervorheben: Übergänge als Ortswechsel, als Veränderungen im Beziehungsnetzwerk und als biografische Zäsuren. Der Autor beschreibt hier die verschiedenen Formen und Folgen der Übergänge, ob verbunden mit Beispielen aus den Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen und empfiehlt den Vergleich mit der Praxis in den USA bei der Fremdunterbringung eines Kindes“.

Belastungen und Ressourcen im Übergang
„In Übergangssituationen haben Menschen besondere Probleme zu bewältigen und sie erleben spezifische B elastungen. Solche Probleme können Sie bewältigen, wenn ihnen die dafüt notwendigen Ressourcen zugänglich gemacht werden. Solche Aufgaben, Probleme und Belastungen bestehen für die Eltern, die Pflegeeltern, die Kinder der Pflegeeltern, die Geschwister und weitere – und eben für die hier im Mittelpunkt stehenden Pflegekinder“.

Anhand von Zitaten aus biografischen Interviews werden nun die die Aufgaben der Pflegekinder und die notwendigen Ressourcen skizziert.

  • In die Fremde kommen
  • Fremdbestimmung oder Beteiligung
  • Sorge um die anderen
  • Der Guide oder professionelle Lotse als Ressource

In der Zusammenfassung heißt es:
„Pflegekinder haben ungewöhnliche Übergänge zu bewältigen. Viele dieser Übergänge sind auch durch Entscheidungen Sozialer Dienste und von Familiengerichten ausgelöst. Jeder Übergang löst neue Aufgaben der Neuorientierung und Bewältigung aus und erfordert Aufmerksamkeit und bindet Kapazitäten. Trotzdem können Wechsel außerordentlich notwendig sein, um Lebens- und Entwicklungsbedigungen zu verbessern.

Für den professionellen Umgang mit Übergängen von Pflegekindern lassen sich folgende Ziele unterscheiden:

  • Eine Vermeidung der vermeidbaren Turbulenzen durch eine längerfristig angelegte Kontinuität sichernde Planung
  • Eine hinreichende Unterstützung der Familien, um einen ungeplanten Ausschluss des Kindes aus seiner Familie zu vermeiden
  • Die Abmilderung der Belastungen beim Wechsel durch Partizipation der Kinder an den für wichtigen Entscheidungen und die Sorge professioneller Dienst, dass ein Guide für die Kinder den Wechsel begleitet“

Sicherung der Hilfekontinuität bei Zuständigkeitswechsel durch das Bundeskinderschutzgesetz

Diana Eschelbach, Mitarbeiterin im Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht DIJuF e.V.

Das Referat unterteilt sich in nachfolgende Abschnitte:

  • Vorgeschichte
  • Sonderzuständigkeit nach $ 86 Abs. 6 SGB VIII
  • Kritikpunkte
  • Ergebnisse aus Forschungsprojekt und Arbeitsgruppe des BMFSFJ
  • Gesetzgebungsprozess
  • Änderungen im § 37 SGB VIII
  • Änderungen in § 86c SGB VIII

Biografiearbeit für Pflegekinder und mit Pflegekindern

Heidrun Sauer, Teamtleiterin, Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. Berlin

  • Brücken bauen - Pflegekinder stärken

Biografiearbeit stärkt Pflegekinder auf vielen Ebenen. Sie bietet ihnen die Chance, Brücken zwischen ihren früheren und aktuellen Lebensbereichen zu bauen und unterstützt sie, auch komplexe, oft komplizierte Zusammenhänge zu verstehen

  • Facetten der Biografiearbeit
  • Mit Biografiearbeit Übergänge gestalten
  • Die Rolle der ‚Lotsen‘ im Übergang

Ergebnissberichte von 6 Arbeitsgruppen zum Thema:

Wie geht es Kindern, was brauchen Kinder, was braucht die Praxis um Übergänge erfolgreich zu gestalten?

  • Inobhutnahme – erste Schritte aus der Krise + Perspektivklärung
  • Zurück nach Hause? Rückführung in die Herkunftsfamilie als geplanter und gestalteter Übergang. Welche Kriterien sind entscheidend?
  • Gestaltung von übergängen in die Pflegefamilien und in Anschlusshilfen – Vorstellung und Diskussion fachlicher Standards für die Gestaltung dieser Übergänge und verschiedener Fallbeispiele
  • Wann ist Zeit? Verselbständigung erwachsener Pflegekinder – Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Begleitung
  • Der richtige Platz für das Kind? Das erste Jahr in der Verwandtenpflege: Überprüfung und Begleitung der Familie
  • Vorzeitige Beendigung/Abbruch von Pflegeverhältnissen: Kriterien an und für Anschlusshilfen

Best-Practice-Arbeitsgruppen zur ‚Gestaltung von Übergängen‘ – Bericht von 5 Arbeitsgruppen
Übergänge für Pflegekinder bis zum fünften Lebensjahr von Familiärer Bereitschaftsbetreuung (FBB) in eine geeignete Pflegefamilie gestalten – Qualitätsstandards im Prozess
Andreas Sahnen, Leiter des Pflegekinderdienstes im Kinderhilfezentrum Jugendamt Düsseldorf

Kooperation ASD und PKD – Konzeptionelle Grundlagen der derzeitigen Neuorganisation des PKD der Stadt Köln
Klaus-Peter Vollmecker, Stellvertretender Leiter des Amtes für Kinder, Jugend und Familie Köln

Clearing – Welche Ressourcen gibt es im sozialen Nahraum und wie kann Bindungsqualität gewährleistet werden?
Alexandra Szylowicki, Geschäftsführerin, Pflege- und Patenkinder Fachdienst für Familien (PFIFF) GmbH, Hamburg

Verliebt, verlobt... Verwandtenpflege. Wenn Übergänge anders als geplant verlaufen - Best-Practice-Beispiel aus der Verwandtenpflege in Bremen
Sabine Simon, Interne Fachberaterin/Qualitätsentwicklung, PiB Pflegekinder in Bremen

Vorbereitung von Pflegepersonenbewerber/innen: Interessentengewinnung und Eignungsfeststellung
Elke Wagner, Referatsleiterin, Landesjugendamt Brandenburg, Bernau

Gestaltung von Übergängen aus der Sicht der Fachkräfte
Was brauchen

  • Professionelle Fachkräfte
  • Pflegekinder
  • Pflegefamilien
  • Herkunftsfamilien

Dr. Thomas Mesen, Fachlicher Leiter, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) e.V.
Aufgabe dieses Referates ist es, zum Abschluss der Tagung die Eindrücke zusammenzufassen und unter den o.a. Überschriften ein Fazit zu ziehen.