Sie sind hier

13.11.2012
Bericht zur Veranstaltung

"Lotsen im Übergang" - Rahmenbedingungen und Standards bei der Gestaltung von Übergängen für Pflegekinder

Die Dokumentation zur Fachtagung vom 14.-15.06.2012 ist veröffentlicht worden. Unter diesem Motto "Stabile Brücken für Pflegekinder bauen" wurde auf der Tagung die Gestaltung der Übergänge bei Pflegekindern und dabei insbesondere die Rolle der Fachkräfte als „Lotsen im Übergang“ aus sozialpädagogisch-forschender und rechtlich-organisatorischer Sicht diskutiert.

Auf der Internetseite fachtagungen-jugendhilfe.de heißt es:

Es hat uns keiner "Tschüß" gesagt.

Zu „Übergängen im Erleben von Pflegekindern“ stellte Prof. Dr. Klaus Wolf von der Universität Siegen aktuelle Forschungsergebnisse vor und ging aus Sicht der Pflegekinder u.a. auf die Frage ein: Wie erleben Pflegekinder Übergänge? Als ein „In die Fremde Kommen“, als einen Wechsel an einen fremden Lebensort mit einem veränderten Beziehungsgefüge. Die Untersuchungen ergaben, dass vor allem Kontinuitätssicherung, eine vertraute Bezugsperson und „echte“ Partizipation wichtig sind, damit sich Übergänge nicht als ein Entwicklungsrisiko erweisen. Übergangsphasen dürfen daher nicht zu einem „Open-End-Prozess“ werden und Pflegekinder sowie Pflege- und Herkunftseltern dürfen weder allein noch im Unklaren gelassen werden.

Etwas Vertrautes mitnehmen ...

Jeder Übergang ist zeit- und ressourcenabhängig und jeder am Hilfeprozess Beteiligte hat Übergänge zu bewältigen. Unter der Leitfrage „Wie geht es Kindern, was brauchen Kinder, was braucht die Praxis, um Übergänge erfolgreich zu gestalten?“ wurden Standards, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der Gestaltung verschiedener Übergänge in Arbeitsgruppen diskutiert. Weitere Good-Practice-Beispiele von öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern zur Übergangsgestaltung wurden in Arbeitsgruppen vorgestellt und diskutiert.

Zum Schutz neuer Familienbeziehungen ...

setzt das SGB VIII im Zuge des Bundeskinderschutzgesetzes bei der Sicherung der Hilfekontinuität nun anders an. Die Übergangsgestaltung aus rechtlich-organisatorischer Sicht erläuterte Diana Eschelbach, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht, Heidelberg. Sie stellte die Rechtsänderungen im § 37 und § 86 SGB VIII und deren Auswirkungen für die Praxis vor.
Sie verwies darauf, dass die Kontinuitätssicherung durch das BKiSchG rechtlich gut angegangen worden sei. Ob das Ziel auch in der Praxis erreicht wird, gilt es nun zu prüfen. Die Regelung der Sonderzuständigkeit (§ 86 Abs. 6 SGB VIII) steht immer wieder in der Kritik. Hauptkritikpunkte sind u.a., dass der Zuständigkeitswechsel eher Diskontinuität verursache, zu einer ungleichen Verteilung der Hilfefälle zwischen Stadt und Land, zu einem hohen Verwaltungsaufwand sowie einer hohen Kostenbelastung für die Jugendämter im ländlichen Raum führe.

Die Brücke zu "früher"!

Zum Thema „Biografiearbeit für Pflegekinder und mit Pflegekindern“ referierte Heidrun Sauer vom Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. Sie betonte, dass jedes Kind das Recht hat, seine Identität zu behalten, hierzu biete Biografiearbeit den Pflegekindern die Chance, ihre spezielle Lebenssituation zu rekonstruieren und besser zu verstehen. Damit der Blick zurück den Blick nach vorn erleichtert, entwickelte das Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. das „Erinnerungsbuch“, in dem das Leben des Pflegekindes kontinuierlich dokumentiert wird. Es soll beim Erinnern helfen und für Beständigkeit sorgen.

Puzzleteile zur Tagung ...

Die lebhaften Diskussionen auf der Tagung haben gezeigt, dass die Pflegekinderhilfe in Bewegung ist und das Thema „Übergänge“ die Fachkräfte sehr beschäftigt. Zum Abschluss fasste Dr. Thomas Meysen, Fachlicher Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht, die Sicht der Professionellen zusammen. Er betonte, dass die hohe Komplexität des Pflegekinderbereichs, die vielen verschiedenen Übergänge, die vielen unterschiedlichen Rahmensetzungen vor Ort etc. es erschweren, ein klares Gesamtbild zusammenzufügen, im Sinne von „So und nicht anders sind Übergänge zu gestalten“. Er präsentierte im Plenum einzelne Puzzleteile der Herausforderungen, Problem- und Fragestellungen der Praxis für eine sichere Übergangsgestaltung.

Diese Puzzleteile zusammensetzen können nur die Fachkräfte vor Ort. Dabei soll diese Dokumentation helfen.

Aus dem Inhalt der Dokumentation:

  • Eröffnung der Tagung:

Dr. HEIKE SCHMID-OBKIRCHNER, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin

  • Übergänge im Erleben von Pflegekindern und Qualitätsstandards

Prof. Dr. KLAUS WOLF, Universität Siegen

  • Sicherung der Hilfekontinuität bei Zuständigkeitswechsel durch das Bundeskinderschutzgesetz

DIANA ESCHELBACH, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) e.V., Heidelberg

  • Biografiearbeit für Pflegekinder und mit Pflegekindern

HEIDRUN SAUER, Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V., Berlin

  • Wie geht es Kindern, was brauchen Kinder, was braucht die Praxis, um Übergänge erfolgreich zu gestalten? Arbeitsgruppen

Inobhutnahme - erste Schritte aus der Krise + Perspektivklärung
SILVIA DUNKEL, Stadtjugendamt München

  • Zurück nach Hause? Rückführung in die Herkunftsfamilie als geplanter und gestalteter Übergang. Welche Kriterien sind entscheidend?

ASTRID SCHMIDT-WIELEPP, Pro Kind e.V., Schwerin

  • Gestaltung von Übergängen in die Pflegefamilien und Anschlusshilfen. Vorstellung und Diskussion fachlicher Standards für die Gestaltung dieser Übergänge und verschiedener Fallbeispiele

HELGA HEUGEL, Jugendamt Stuttgart

  • Wann ist es Zeit? Verselbstständigung erwachsener Pflegekinder - Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Begleitung

ANGELIKA FISCHER-STIER, Jugendamt Mannheim

  • Der richtige Platz für das Kind? Das erste Jahr in der Verwandtenpflege: Überprüfung und Begleitung der Familie

URSEL GREDING, Jugendamt Recklinghausen

  • Vorzeitige Beendigung/Abbruch von Pflegeverhältnissen: Kriterien an und für Anschlusshilfen

Prof. Dr. KLAUS MÜNSTERMANN, Kinder- und Jugendhilfe tibb, Ibbenbüren

  • Gestaltung von Übergängen - Best Practice Arbeitsgruppen

Übergänge für Pflegekinder bis zum fünften Lebensjahr von Familiärer Bereitschaftsbetreuung (FBB) in eine geeignete Pflegefamilie gestalten
ANDREAS SAHNEN, Jugendamt Düsseldorf

  • Kooperation ASD und PKD - Konzeptionelle Grundlagen der derzeitigen Neuorganisation des PKD im Jugendamt der Stadt Köln

KLAUS-PETER VÖLLMECKE, Amt für Kinder, Jugend und Familie, Köln

  • Clearing - Welche Ressourcen gibt es im sozialen Nahraum und wie kann Bindungsqualität gewährleistet werden?

ALEXANDRA SZYLOWICKI, Pflege- und Patenkinder Fachdienst für Familien (PFIFF) gGmbH, Hamburg

  • Verliebt, verlobt... Verwandtenpflege. Wenn Übergänge anders als geplant verlaufen - Best-Practice-Beispiele aus der Verwandtenpflege in Bremen

SABINE SIMON, PiB Pflegekinder in Bremen

  • Vorbereitung von Pflegepersonenbewerber/innen: Interessentengewinnung und Eignungsfeststellung

ELKE WAGNER, Landesjugendamt Brandenburg, Bernau

  • Gestaltung von Übergängen aus Sicht der Fachkräfte

Was brauchen ...

  • Professionelle Fachkräfte,
  • Pflegekinder,
  • Pflegefamilien,
  • Herkunftsfamilien?

Dr. THOMAS MEYSEN, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) e.V., Heidelberg

  • Literaturhinweise

Die Dokumentation können Sie hier für 19 € bestellen

Das könnte Sie auch interessieren

Fachartikel

von:

Wer erbt eigentlich unser Kind?

Nachlassvorsorge für Eltern von Adoptivkindern oder leiblichen Kindern. Pflegeeltern können diese Form der Nachlassvorsorge für ihre Pflegekinder nicht betreiben, da ihnen die rechtliche Postion dazu fehlt.
Fachartikel

von:

Das Kindeswohl des Pflegekindes unter dem Gesichtspunkt der Bindung

Grundlagen der Bindungstheorie, Die emotionale Korrektur durch die Pflegeeltern, Beziehungsmuster in der Interaktion zwischen Pflegeeltern und Pflegekind.
Fachartikel

von:

Schutz vor Herausnahme eines Pflegekindes aus seiner Pflegefamilie zwecks Adoption

Wenn sich Pflegeeltern mit einem Herausgabeverlangen des Verlangens des Jugendamtes zwecks Adoption konfrontiert sehen und sie aus Gründen des Kindeswohls die Adoption für eine Fehler halten, sollten sie zügig rechtliche Beratung in Anspruch nehmen. Ein rechtlicher Fachbeitrag von Ricarda Wilhelm, Steffen Siefert und Claudia Marquard, Rechtsanwälte.
Fachartikel

von:

Angststrukturen im Kopf

Aggression und kindliche Gewalttätigkeit ihrer Pflegekinder sind eines der auffälligsten Verhalten, mit dem Pflegeeltern umgehen müssen. Wenn sie schreien und brüllen, den Kopf an die Wand schlagen oder mit einem Hammer auf die liebsten Spielsachen einschlagen, hat es gewöhnlich auch nichts mit dem Trotz zu tun, den Kinder für ihre Ich-Entwicklung brauchen. Fachartikel von Kathrin Barbara Zatti
Bericht zur Veranstaltung

Das Pflegekindverhältnis - zeitlich befristete oder dauerhafte Lebensperspektive für Kinder?

Göttinger Juristische Schriften - Band 15 vereinigt die Referate des am 29. November 2013 veranstalteten 12. Göttinger Workshops zum Familienrecht, der sich dem Pflegekindverhältnis widmete.
Fachartikel

von:

Rechtliche Bedeutung von Traumatisierungen

Auch in rechtlicher Hinsicht können Traumatisierungen, die Pflegekinder erlitten haben bzw. die zu befürchten sind, erhebliche Bedeutung haben. Insbesondere sind Traumatisierungen geeignet, den unbestimmten Rechtsbegriff „Kindeswohl“ mit Inhalt zu füllen und dadurch einen Rechtsstreit letztlich zu entscheiden. Von Rechtsanwalt Steffen Siefert
Fachartikel

von:

Genehmigung der Taufe eines Pflegekindes - Bestimmung des religiösen Bekenntnisses

Viele Pflegeeltern stellen sich die Frage, ob sie die Religion ihres Pflegekindes bestimmen oder eventuell ändern können. Häufig erhält der Verfasser hier Anfragen von Pflegeeltern, ob nicht auch das Pflegekind katholisch getauft oder evangelisch erzogen werden kann oder ob das Kind eine sonst von den Pflegeeltern ausgeübte Religion annehmen kann.
Bericht zur Veranstaltung

Rückblick auf die Anhörung des Familienausschusses des Bundestages vom 26.9.

Neben anderen Themen war die ortsnahe Beratung der Pflegefamilien und die mögliche Veränderung des § 86.6 SGB VIII Themen der Anhörung
Fachartikel

von:

Adoption eines Pflegekindes durch seine Pflegeeltern

Die Adoption des Pflegekindes verändert völlig den rechtlichen Status des Kindes. Während das Pflegekind juristisch gesehen das Kind seiner Herkunftseltern geblieben ist, wird ein ehemaliges Pflegekind nach der Adoption rechtlich gesehen ein Kind der früheren Pflege- und jetzigen Adoptiveltern. Die Adoptiveltern haben dann alle Rechte und Pflichten gegenüber diesem Adoptivkind wie gegenüber ihren leiblichen Kindern. Volljährige Pflegekinder können einen entsprechenden Antrag bei Familiengericht stellen und dann wie Minderjährige durch ihre Pflegeeltern adoptiert werden.
Fachartikel

von:

Förderliche Rahmenbedingungen für das Leben mit einem Pflegekind

Dreizehn Thesen zu den Rahmenbedingungen für das Leben mit dem Pflegekind