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04.06.2019

Kinder stärken für das Leben

Interkulturell ausgerichtete Pflegekinderhilfe

Beim 3. Fachforum des Zentrum für Pflegekinderhilfe Menden ging es um Migrationssensible Pflegefamilien und die Öffnung zu mehr kultureller Vielfalt in der Erziehungs- und Pflegekinderhilfe. Seit vielen Jahren begleitet die Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden auch Pflegefamilien mit Migrationsgeschichte Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg. Jede fünfte Bereitschaftspflegefamilie und die Hälfte der Familien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge weisen eigene Migrationserfahrungen auf.

3. Fachforum Pflegekinderhilfe in Menden

Nach dem großen, man muss eigentlich sagen: sehr großen Interesse an unseren ersten beiden Fachforen, hätten wir uns mehr als 80 Besucher zu unserem 3. Fachforum gewünscht. Zugegeben – das Thema ist nicht das Einfachste. Das stellt ja auch Prof. Dr. Klaus Wolf bereits in der Ankündigung seines Vortrages klar: Was genau soll eine migrationssensible Pflegekinderhilfe sein?
Im adventlich geschmückten Löbbeckesaal des Parktheaters in Iserlohn kommen vor allem Fachkräfte aus den verschiedensten Arbeitsbereichen zu interessanten Vorträgen zusammen. Schon der erste Vortrag hat es in sich und man bekommt den Eindruck, die Zuhörerinnen und Zuhörer können gar nicht genug bekommen von den Ausführungen von Lejla Bradaric zu Erziehungsvorstellungen „traditionell orientierter muslimischer Familien“ in Vorderasien und Nordafrika. Sich diese Unterschiede zu unserer Erziehungshaltung immer wieder bewusst zu machen, ist für den alltäglichen Umgang mit Familien mit Migrationsgeschichte, vor allem für die professionell helfenden Berufe, von großer Tragweite. Ob Fachkräfte der sozialpädagogischen Familienhilfe, Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten oder Lehrkräfte an Schulen, ihnen allen gab Frau Bradaric eine neue Sichtweise auf Erwartungen von Eltern mit Migrationsgeschichte an ihre Kinder, an Lehrerinnen und Lehrer, auch an „Fremde“ in zufälligen Begegnungen. So etwa im Wartezimmer beim Arzt, in dem wir erwarten, dass die Eltern ihre Kinder zu rücksichtsvollem Verhalten anhalten und diese wiederum erwarten, dass wir den Kindern Grenzen setzen. Kulturelle und religiöse Unterschiede in der Erziehung und in der Lebensführung zu verstehen, überhaupt verstehen zu wollen, ist - im Übrigen ganz im Sinne der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg - ein guter Weg zu einem konfliktfreieren Miteinander. Viele hätten noch mehr alltäglichen Beispielen zuhören können, aber der „halbe Fachtag“ lässt eine ausführliche Debatte nicht zu.

Kritisch betrachtet Prof. Dr. Klaus Wolf anschließend die Entwicklung und das Interesse der Pflegekinderhilfe an der aktiven Entwicklung einer migrationssensiblen Pflegekinderhilfe. Positiv vermerkt er, dass Fachtagungen und Workshops zu diesem Thema mittlerweile besser besucht werden. In seinen Thesen geht Wolf vor allem darauf ein, mit der Akquise und Vorbereitung von Pflegeeltern mit Migrationsgeschichte keine neuen Barrieren und Festschreibungen durch die Vorstellung, wir benötigten Pflegeeltern mit Migrationsgeschichte für Pflegkinder mit Migrationsgeschichte, zu errichten. Die interkulturelle Öffnung der Pflegekinderhilfe bedeutet vielmehr, dass eine Vielfalt von Familien unterschiedlicher kultureller und religiöser Ausrichtung ebenso wie allein Erziehende, Regenbogenfamilien, Klein- und Großfamilien die Vielfalt der Lebensentwürfe im Alltag widerspiegeln. Von der Angst vor einer sekundären Stigmatisierung, zusätzlich zur besonderen Lebenssituation „Pflegekind“ auch noch Pflegekind in einer Regenbogenfamilie zu leben, hat sich die Pflegekinderhilfe zum Glück befreit.

Während Klaus Wolf in Bezug auf die Vermeidung von Eingrenzungen von Pflegeeltern mit Migrationsgeschichte als prädestiniert für die Aufnahme von Kindern mit Migrationsgeschichte - wie es in England in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts um das „racial matching“ diskutiert wurde –, einen barrierefreien Zugang zur Pflegekinderhilfe anmahnt, weist Richard Müller-Schlotmann in seinem Vortrag auf Barrieren im Zugang zu Menschen mit Migrationsgeschichte als Pflegeeltern hin.

Das Projekt „PemM – Pflegeeltern mit Migrationshintergrund“ zählt auf, dass ein Großteil der MigrantInnenCommunity

  • über die Pflegekinderhilfe, insgesamt über die Jugendhilfe in Deutschland kaum Kenntnisse besitzen,
  • Bedenken gegen einen Kontakt zur Herkunftsfamilie haben,
  • sich skeptisch zu zeitlich begrenzten Pflegeverhältnissen äußern,  - Seite 2 der Leistungsbeschreibung Bereitschaftspflege
  • befürchten, als Verbündete des Jugendamtes wahrgenommen zu werden und
  • ein „kollektives“ Mitgefühl für die Familien aus der gleichen Migrant/innenCommunity empfindet.

Es ist ein arbeitsintensives und anstrengendes Geschäft, Pflegefamilien mit Migrationsgeschichte zu gewinnen. Es bedarf, eben weil die Zugänge anders sind, eines speziellen Konzeptes zur Akquise und Vorbereitung von Pflegeeltern mit Migrationsgeschichte. „Spezielle Konzepte“ bedeutet natürlich, einen Unterschied zu machen, aber eben nicht zwischen Bewerberinnen und Bewerbern mit und ohne Migrationsgeschichte, sondern die Entwicklung angemessener und erfolgversprechender Akquisestrategien. Dies sieht Müller-Schlotmann als Aufgabe und Herausforderung in der Pflegekinderhilfe, in der sowohl der Bedarf an Pflegefamilien als auch an Aufnahmemöglichkeiten für Kinder mit Migrationsgeschichte in den letzten Jahren immens gewachsen ist.

Die Vorträge des Fachforums können Sie auf der Homepage der Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden aufrufen.

Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden
Dr. Richard Müller-Schlotmann
Droste-Hülshoff-Str. 70
58708 Menden
www.ev-jugendhilfe-menden.de

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