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Belastungsfaktoren für die Kinder in Familienpflege

In ihrer Bachelorarbeit "Das Konzept der Pflegekinderhilfe in der Bundesrepublik Deutschland - Autonomie und Chancengleichheit von Pflegekindern ein phänomenales Anliegen an den Sozialstaat" beschäftigt sich die Autorin mit der Entwicklung und den Bedingungen der Pflegekinderhilfe, mit besonderem Blick auf die Bedingungen für die Pflegekinder und und deren Pflegeeltern. Mit Erlaubnis der Autorin können wir Teile der Bacherlorarbeit in verschiedenen Abschnitten veröffentlichen.

Das Kind erlebt mit der Herausnahme aus seiner Herkunftsfamilie den länger andauernden Verlust seiner primären Bindungspersonen. Je nach Alter hat es über einen sehr kurzen oder längeren Zeitraum ein Bindungssystem in seiner biologischen Familie kennengelernt und aufgebaut. Welche qualitativen und förderlichen Unterschiede es im Bindungsverhalten gibt, sind dabei für das Kind nicht relevant (vgl. Grossmann, 2014, S.79).

Das Kind ist gefordert zu familienfremden Personen eine erneute Bindung aufzubauen, auf der Basis der bisher entwickelten Bindungserfahrung. Es kann je nach Dauer der Unterbringung eine neue Verwurzelung erfahren. In den frühen Jahren der Kindheit organisiert das Kind eine schnelle Reorganisation der Bindung zu anderen Personen, um sein Überleben zu sichern (vgl. Grossmann, 2014, S. 78). Das Pflegeverhältnis orientiert sich primär an der Herkunftsfamilie und versucht dabei das Wohl des Kindes zu beachten und zu schützen (vgl. Groß, G., 2004, S. 414).

Je nach Unterbringungsperspektive und Verlauf im Herkunftssystem muss sich das Kind jedoch aus der neu entstandenen Verwurzelung wieder trennen, da der Herkunftsfamilie vorrangig das Recht der Zugehörigkeit obliegt (vgl. Groß, G., 2004, S. 411).

Die Kontaktregelung zum Herkunftssystem ist entscheidend im Pflegeverhältnis. Nicht selten kommt es zu jahrelangen Beziehungsabbrüchen zwischen Kind und Ursprungsfamilie. Diese ambivalente Beziehungserfahrungen und weitere Faktoren stellen das Kind im Pflegeverhältnis vor Herausforderungen. Auch ist für viele Kinder der Spagat zwischen alter und neuer Familie eine Belastung (vgl. Petri, C. S.114 ff). Manche Herkunftseltern können die Fremdunterbringung nicht akzeptieren oder schaffen es nicht. ihr Lebenskonzept neu zu ordnen oder in zuverlässige Bahnen zu lenken. Dennoch gewährt ihnen der Gesetzgeber einen größtmöglichen Spielraum, auch wenn das ambivalente Beziehungsangebot für das Kind als Belastung erlebt wird (vgl. Heilmann, S., Göttinger juristische Schriften,2013, S.91 -93).

Wegen der konsequenten Durchsetzung der Besuchsregelung von staatlicher Seite werden die Kinder mit vergangenen Erlebnissen und unreflektierten Gefühlen konfrontiert und ihr natürliches und individuelles Bedürfnis ihre Biografie zu ergründen, wird mit standardisierten Konzepten stereotyp umgesetzt. Die Frage der Retraumatisierung wird dabei in seinem Grundsatzverständnis getrübt dargestellt und nur gravierende elterliche Fehlhaltungen, wie Gewalt und sexueller Missbrauch als traumatische Erfahrung eingestuft (vgl. Weinberg, D., 2013, S.98, Zitelmann, M. 2001, S.277).

Das in §1684 Abs 1 BGB geregelte Umgangsrecht enthält das Recht des Kindes auf Umgang mit beiden Elternteilen. Es soll dem Wohl des Kindes dienen. Dieses Umgangsrecht enthält aber eine klare Zuordnung zu Familien bei denen die Eltern getrennt leben oder geschieden sind. Eine Differenzierung dieses Rechtes für fremd untergebrachte Kinder nimmt der Gesetzgeber nicht vor, obwohl bei einer Fremdunterbringung ganz andere Voraussetzungen vorhanden sind als bei getrenntlebenden Eltern (vgl. Heilmann, S., 2013, S.95).

Das Kind in Familienpflege hat neben seinem natürlichen heranwachsenden Entwicklungsprozess erhebliche Belastungen zu bewältigen, die den kindlichen Horizont oftmals überschreiten und zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Nicht selten haben die Kinder physische und psychische Gewalt, Vernachlässigung, toxische Erfahrungen im Mutterleib oder Verwahrlosung erlebt (vgl. Scheiwe, K., et.al., 2016, S.8).

Hinzu kommen nun neue Beziehungserfahrungen auf einer gesellschaftlich unbekannten Ebene, wie z.B. Gerichte, Vormundschaften, Jugendamt und neue Eltern. Die kindlichen Bedürfnisse stehen oftmals den auf der Erwachsenenebene liegenden Bedürfnissen gegenüber und finden selbst in Beistandschaften nur nachrangig Unterstützung (vgl. Zitelmann, M, 2001, S. 301ff).

Die Grundbedürfnisse eines Kindes liegen in der Kontinuität, Sicherheit und Geborgenheit und auch im Zugehörigkeitsgefühl zu einer Familie (vgl. Petri, C., S.116). Relevant ist dabei für das Kind nicht, ob es sich hierbei um eine biologische oder um eine anders entstandene soziale Gemeinschaft handelt. „Die bemutternde Person wird durch ihr fürsorgliches Verhalten zur Bindungsperson“ (Grossmann, 2014, S. 73).

Diese Kenntnis über das Bindungsverhalten garantiert den Erfolg der Pflegschaft. Daher werden bevorzugt Pflegeeltern eingesetzt, die Kindern die Fürsorge geben, die sie zum förderlichen Aufwachsen benötigen. Die für die Grundbedürfnisse des Kindes notwendigen fruchtbaren Rahmenbedingungen sollen unbedingt von der Pflegefamilie gewährleistet werden, jedoch vor dem Hintergrund der klaren professionellen Distanzierung und Bereitschaft der jederzeitigen Freigabe des Kindes an die Herkunftsfamilie. Damit erlebt das Kind wiederum ein ambivalentes Beziehungsverhalten. Diese klare Distanzierung in der Beziehung wird nicht nur von staatlicher Seite gefordert, sondern auch gesellschaftlich konstatiert (vgl. Scheiwe, K., et. al., 2011, S.15).

Weitere wesentliche Belastungsfaktoren für die Kinder liegen nicht nur im Bereich des Bindungssystems, in erlebten und erlittenen Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie, sondern auch im gesellschaftlichen Kontext. Juristisch wird ein Kind als eine Person unter 14 Jahren definiert (vgl. §7 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII). Ein Pflegekind wird definiert als eine minderjährige Person, welche zeitweise nicht bei ihren leiblichen Eltern lebt, sondern in einer anderen Familie betreut wird (vgl. o.V., 2022, www.Juraforum.de). Mit der Herausnahme aus der Herkunftsfamilie wird ein Kind juristisch und umgangssprachlich zum „Pflegekind“, obwohl es weiterhin die Bedingungen der Definition eines Kindes erfüllt und eben dieselben Grundbedürfnisse hat, wie nicht fremd untergebrachte Kinder.

Die damit verbundenen subjektiven und objektiven Ansichten und Einstellungen von Erziehern, Lehrern, Ärzten und anderen gesellschaftlichen Personen bündeln sich in dieser Neubezeichnung und damit auch die verbundenen Einstufungen und Urteile über das Kind und sein familiäres System.

Zur Autorin: Stephanie Kirchner ist  47 Jahre alt, verheiratet, Pflegemutter, Sozialarbeiterin B.A. und Heilpraktikerin für Psychotherapie

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Letzte Aktualisierung am: 
02.06.2022

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