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30.09.2020
Arbeitspapier

„Migrationshintergrund“ – alles klar?

In dem vom BMFSFJ geförderten Projekt "Ehrenamtliche Einzelvormundschaft und Pflegekinderhilfe - Chancen, Grenzen, Gestaltungsmöglichkeiten" beschäftigt sich das Kompetenzzentrum Pflegekinder e. V. u.a. mit den unterschiedlichen Aspekten und Ebenen, auf denen Haltung und Bewusstsein über Migrationsfragen zum Tragen kommen. Die Frage nach Migrationssensibilität muss auch für eine qualifizierte Arbeit in der Pflegekinderhilfe verstärkt in den Fokus genommen werden.

Auszüge aus dem Arbeitspapier

Wenn wir uns mit „Migrationssensibilität“ beschäftigen, dann geht es im Wortsinn neben der Migration – verstanden als Wanderung mit dem Ziel eines Wohnortwechsels1 – auch um „Sensibilität“, d.h. die bewusste Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit für etwas, in unserem Fall: für Migration. Für die Kinder- und Jugendhilfe und die Hilfen zu Erziehung ist Migration, wie für die gesamte bundesrepublikanische Gesellschaft, eine Tatsache – Migration ist in der gesellschaftlichen Realität angekommen und nicht zu bezweifeln; insofern geht es nicht (mehr) um das Ob. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, nachzuvollziehen, wie sich „Migration“ in den Beziehungen zwischen Menschen als Thema artikuliert, wer ihre Bedeutung(en) wie und mit welchen Konsequenzen verhandelt. 

Im Folgenden wird zunächst der Versuch unternommen, den Begriff „Migrationshintergrund“ auszuleuchten, um den Zusammenhang von „Zuschreibung“ und „Selbstbezeichnung“ bzw. die Festlegung von Menschen auf ein bestimmtes „Merkmal“ zu hinterfragen. Die dahinterstehende Annahme ist, dass die Überprüfung eines zentralen Begriffs bzw. Konzepts wie „Migrationshintergrund“ und die Erweiterung des Blickes von Zuschreibungs- auf Selbstbezeichnungsprozesse und Ressourcen eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von Bestandteilen eines Konzepts von „Migrationssensibilität“ ist.

„Migrationshintergrund“ in der Pflegekinderhilfe

Der Gegenstandsbereich der Pflegekinderhilfe ist die zeitweise oder dauerhafte Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen bei Pflegeeltern und damit außerhalb des Elternhauses als eine Form der Hilfen zu Erziehung. Kinder mit einer individuellen (Herkunfts-)Geschichte und spezifischen Prägungen wachsen nicht (bzw. nicht immer ausschließlich) bei ihren Eltern auf, sondern bei bestenfalls eigens dafür ausgesuchten und vorbereiteten Pflegeeltern. Aus Sicht der Pflegekinder heißt das, dass sie nicht nur Beziehungen zu neuen Personen, den Pflegeeltern, auf- und ausbauen (müssen), sondern dass auch der Kontakt zur Herkunftsfamilie weiterhin von großer Bedeutung sein kann und dass in den meisten Fällen damit zumindest ein umfassender Wechsel vollzogen werden muss, der individuelle Prägungen, Biografien, Geschichten und Sozialisationserfahrungen betrifft (vgl. Reimer 2017). 

Aufseiten öffentlicher oder freier Jugendhilfeträger sind Fachkräfte der Pflegekinderhilfe für das sogenannte Matching (Wer passt zu wem?) und die anschließende fachliche Begleitung und Unterstützung dieser verschiedenen Lebenswelten und Beziehungen zuständig. Im Matching können Merkmale wie Herkunft, soziale Schicht, Kultur, Ethnie und Religion, aber auch Bildungsaspekte eine Rolle spielen: Ihre Bedeutung wird verhandelt, unreflektiert kann dieszur Festschreibung von Stereotypen führen oder aber im günstigsten Fall zu ihrer Überwindung und damit zur Öffnung von Möglichkeitsräumen beitragen. Es finden (sowohl bewusst als auch unbewusst) Positionierungen und Platzierungen statt – und das bei allen Beteiligten, die aber mit jeweils unterschiedlicher Definitionsmacht ausgestattet sind. 

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