Experten fordern Mindestqualifiaktion für Gutachter und Familienrichter

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Thema: Gutachten

Personen / Institutionen: Verband Anwalt des Kindes e.V. (VAK)

01.06.2014, letzte Aktualisierung am 07.06.2014
Auf einer Podiumsdiskussion des Verbandes Anwalt des Kindes e.V. Berlin-Brandenburg forderten Experten Schulungen für Gutachter und Familienrichter. Gerichtsverfahren tragen die Züge einer Lotterie wurde bemängelt.

Auf einer Podiumsdiskussion im Berliner Haus der Demokratie forderten Experten eine Verbesserung der fachlichen Qualifikation familienpsychologischer Sachverständiger, die Gutachten für Gerichtsverfahren erstellen. Auf Einladung des Verbandes Anwalt des Kindes e. V. (VAK), Landesverband Berlin-Brandenburg, diskutierten am 21. Mai Vertreter aus Politik, Psychologie/Psychiatrie und Betroffene über „Wildwuchs bei Sachverständigen“. In der Fachwelt und bei Betroffenen sei hinlänglich bekannt, dass die Qualität und Zuverlässigkeit psychologischer Gutachten in familienrechtlichen Verfahren sehr häufig zu wünschen übrig lasse. Mängel hinsichtlich wissenschaftlicher Begründung, innerer Logik und Schlüssigkeit seien häufig sogar anhand des Aufbaus der Gutachten erkennbar, stellte Prof. em. Dr. phil. Karl Westhoff - Autor des Lehrbuches „Psychologische Gutachten schreiben und beurteilen“ - fest.

Richter delegieren oftmals komplette Fälle an Sachverständige, weil ihnen selbst der Sachverstand fehlt, so Dr. Christoph Mandla von Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: „Richter müssen Gutachten beurteilen. Es gibt sehr gute Richter die das können“. Das Grundproblem sei aber, man könne sich den Richter nicht aussuchen. Auch die Berliner Fachanwältin für Familienrecht Claudia Räthel kritisierte, dass Richter sogar teilweise auf eigene Beweiserhebung verzichten und die Entscheidungsbefugnis, z. B. zur kompletten Sorgerechtsregelung auf den Gutachter delegieren. Dessen Meinung wird meistens gefolgt, so Räthel. „Die Gerichtsverfahren tragen Züge einer Lotterie“, ergänzt Mandla.

„Die fachliche Qualifikation sogenannter familienpsychologischer Sachverständiger ist nirgends transparent und nachvollziehbar geregelt. Offenbar gibt es keine weiteren Anforderungen außer einem abgeschlossenen Psychologiestudium“, kritisierte Carola Storm-Knirsch, erste Vorsitzende des Verbandes Anwalt des Kindes Berlin-Brandenburg e.V. Die Psychotherapeutin Carola Storm-Knirsch bestätigte die Expertenmeinung aus der Praxis: „In der Realität folgen Richter meistens Gutachter. Der Sachverständige wird zum Richter.“

Von der Politik forderte Frau Storm-Knirsch Mindestqualifikation für Gutachter festzulegen. Auch käme es darauf an, dass in diesen Gerichtsverfahren mehr darauf geachtet wird, „Wahrheit und Gerechtigkeit“ zu dienen, worauf der Richter seinen Amtseid leistet (§ 38 Deutsches Richtergesetz). Die Bundespolitik hat das Problem mittlerweile erkannt: „Die Neutralität gerichtlich beigezogener Sachverständiger gewährleisten und in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden die Qualität von Gutachten insbesondere im familiengerichtlichen Bereich verbessern“, heißt es dazu im aktuellen Koalitionsvertrag der großen Koalition. Und schon 2005 hatte die damalige Große Koalition eine Weiterbildung von Familienrichtern im Koalitionsvertrag verankert. „Trotz vollmundiger Ankündigungen habe sich in diesem Bereich noch nichts bewegt“, kritisiert Niels, die für Bündnis 90/ Die Grünen im Rechtsausschuss des Brandenburger Landtags sitzt. „Gutachten vor Familiengerichten haben die unglaubliche Macht zu bewirken, dass Eltern ihr Kind genommen wird. Daher sollten hier die schärfsten Maßstäbe angelegt werden“, sagte Sabine Niels.