Tabu oder Segen !?

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Thema: Pflegeeltern-Bewerber

Personen / Institutionen: Bertram Kasper

13.04.2017, letzte Aktualisierung am 17.05.2017
Mit der Eignungsdiagnostik im Kontext von Personalauswahl und Personalentwicklung scheint sich der Bereich der Sozialwirtschaft eher schwer zu tun. Bisher kommen Instrumente der Personaldiagnostik bezogen auf Mitarbeitende kaum vor. Ebenso werden solche Verfahren schon gar nicht bei der Auswahl von Pflegefamilien eingesetzt, obwohl dies ein besonders sensibles Feld der Hilfen zur Erziehung betrifft. profilingvalues® - ein psychometrisches Verfahren zur Objektivierung der Auswahl von Pflegefamilien beim Fachbereich Erziehungsstellen des St. Elisabeth-Vereins.

Tabu oder Segen...!?

profilingvalues® - ein psychometrisches Verfahren zur Objektivierung der Auswahl von Pflegefamilien beim Fachbereich Erziehungsstellen des St. Elisabeth-Vereins -

Bertram Kasper, Marburg

Mit der Eignungsdiagnostik im Kontext von Personalauswahl und Personalentwicklung scheint sich der Bereich der Sozialwirtschaft eher schwer zu tun. Bisher kommen Instrumente der Personaldiagnostik bezogen auf Mitarbeitende kaum vor. Ebenso werden solche Verfahren schon gar nicht bei der Auswahl von Pflegefamilien eingesetzt, obwohl dies ein besonders sensibles Feld der Hilfen zur Erziehung betrifft. Der folgende Artikel stellt das werteorientierte Verfahren profilingvalues® vor. Dabei werden die theoretischen Hintergründe dargestellt, das Verfahren im Vorgehen erläutert sowie die praktische Anwendung anhand von der Auswahl von Pflegefamilien demonstriert. Außerdem gibt es einen Ausblick auf weitere Anwendungsmöglichkeiten im Bereich von Pflegefamilien. Abschließend wird ein Fazit der Chancen und Risiken von profilingvalues® gezogen.

Einleitenden Gedanken

Werten Bedeutung zu geben, ist ein vielbeachteter Anspruch von Unternehmen in der Sozialwirtschaft. Neben den vorhandenen wirtschaftlichen Erfordernissen beachten Führungskräfte in Sozialunternehmen, dass die zu Betreuenden im Mittelpunkt des Handelns der Mitarbeitenden stehen. Werte und Haltungen wie Toleranz, Empathie, Authentizität und Wertschätzung sollen die Interaktion mit dem „Kunden“ lenken und leiten. Dabei nutzt die Sozialwirtschaft schon heute vielfältige Instrumente, um diese Prozesse in Gang zu halten und zu fördern. Dazu zählen beispielsweise Mitarbeitergespräche, Fortbildungen oder Workshops, die sich mit dem diakonischen oder karitativen Profil auseinandersetzen und die die Werteorientierung ihrer Mitarbeitenden schärfen sollen.

Doch wo fängt der Prozess der Wertebildung bei den Mitarbeitenden denn an?

Ausgehend von einer genetischen Disposition etwas zu werten, ist die Entwicklung des persönlichen Wertesystems ein Prozess im Lebensverlauf. Hat sich das eigene Wertesystem entwickelt, gilt es als eine der konstantesten Handlungsausrichtungen. Es gibt geradezu im Sinne von „Leitplanken“ das eigene Handeln vor. (siehe Abbildung 1, profilingvalues misst Werte und Einstellungen, Seminarunterlagen der Zertifizierung)

01 pyramide

profilingvalues® und die theoretischen Grundlagen

Vor diesem Hintergrund scheint es geradezu zwingend zu sein, das Wertesystem von Pflegefamilien im sensiblen und familiären Setting der Hilfen zur Erziehung genauer in den Blick zu nehmen und dies möglichst schon vor der Belegung mit Pflegekindern zu tun.
Grundlage dafür kann die von Robert S. Hartman entwickelte Wertewissenschaft sein. Sie geht von einem Wertebegriff aus, der „werten“ im Sinne von „Bedeutung geben“ in den Fokus stellt. Das Ziel von Hartman war es, naturwissenschaftliche Methoden auf den Bereich der Moral und Ethik zu übertragen. Er begründete damit die Lehre von den Werten - die Formale Axiologie. Im Laufe seines Schaffens entwickelte er ein logisch-mathematisches, deduktives Modell, ein „Formalkonzept des Guten“. Dabei geht Hartman davon aus, dass „Gut ist, was sein Konzept erfüllt“.

„Dadurch kann man unabhängig von unterschiedlichen moralisch-sittlichen Wertvorstellungen eine exakte Wissenschaft aufbauen und entsprechend mathematisch vorgehen. Gut ist demnach eine Übereinstimmung zwischen dem Konzept von „Etwas”, zum Beispiel einem Stuhl, und dem tatsächlich vorliegenden Objekt, etwa dem konkret beobachteten Stuhl (Konzept-Objekt-Relation). Dabei kommt es auf die funktionalen Eigenschaften (properties) des „Etwas” an. Hat ein realer Stuhl also eine Sitzfläche, eine Lehne und verfügt über eine kniehohe, selbst stehende Struktur, so erfüllt er das funktionale Stuhlkonzept und ist demnach ein guter Stuhl. Ist die Lehne abgeknickt und/oder die Sitzfläche durchbrochen, so kann man davon nicht sprechen. Je mehr Eigenschaften bei einem „Etwas” vorhanden sind, desto wertvoller ist es. Hartmanns mathematisch formuliertes Axiom lautet:

Vx = 2n - 1

Der Wert (Value = V) von „Etwas” (x) entspricht der Basis 2 hoch n, das die Anzahl der Eigenschaften des „Etwas” angibt, minus eins.“
(Hier findet der Leser, der mehr über den logischen-mathematischen Hintergrund erfahren möchte, vertiefende Informationen, direkt bei Ulrich Vogel)

Ausgehend von den mathematischen Überlegungen übertrug Hartman sein Modell in den psychologischen Bereich. Er geht dabei von drei zentralen Grundannahmen aus:

1. Menschen sind wertvoller als das Gegenständliche,
2. und das Gegenständliche ist wertvoller als das Gedanklich-Konstruierte – das Systemische, daraus ergibt sich Intrinsisch > Extrinsisch > Systemisch.
3. Und die Wahrnehmungen des Menschen lassen sich in zwei Bereiche aufteilen, die „Äußere Welt“ und das „Selbst“.

Das Verfahren passt also gut in das „menschenorientierte“ Arbeitsfeld des Sozialen Bereiches und damit auch in den Kontext von Pflegefamilien. Die folgende Matrix der Werte und Einstellungen , ergänzt um die jeweils erkenntnisleitenden Grundfragen, gibt einen ersten Überblick:

02 wertematrix

Betrachten wir die drei Wertedimensionen genauer.

Intrinsisch beschreibt die menschliche Wertedimension. In ihr wird in der äußeren Welt dargestellt, inwieweit wir mit unseren empathischen Fähigkeiten in der Lage sind, unser Gegenüber mit seiner Einzigartigkeit zu erkennen. Dazu kommt die Fähigkeit, unser Selbst in Verbindung mit den eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen, sich selbst anzunehmen und die eigene Selbstwirksamkeit zu erleben. Dabei wird der Empfindungsbereich in seiner ganzen Breite von „positiven“ bis „negativen“ Gefühlen erfasst.

Die extrinsische Wertedimension fokussiert den praktischen Bereich und steht für alles Gegenständliche um uns, das mit unseren „äußeren“ Sinnen zu erfassen ist.

„…die gesamte Natur und ihre Bedingungen, aber auch durchgeführte Prozesse, Argumentationsfolgen und zur Schau getragene Überzeugungen sind Teil der extrinsischen Wertedimension. Im Grunde ist alles um uns herum mit Ausnahme von Lebewesen (intrinsisch) und gedanklicher Konstrukte (systemisch) Teil der extrinsischen Wertedimension. Materielle Dinge wie Geld oder anderweitiges Vermögen gehören genauso dazu wie Bildungsmittel und zugängliches Wissen. Auch die Nahrung, die wir zu uns nehmen, ist extrinsisch und verdeutlicht, wie essenziell auch diese Wertedimension ist.“

Hartman konnte mit seiner Wertewissenschaft mathematisch darlegen, dass alles von Menschenhand Geschaffene nicht mit dem Wert eines einzelnen Menschen aufzuwiegen ist. Gerade in der aktuellen Diskussion um Kostendruck durch unsere Sozialsysteme drängt sich der Eindruck auf, dass die menschliche Wertedimension mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Hartman tritt mit seiner Wertewissenschaft dafür ein, dass in modernen und freien Systemen und Gesellschaften seine Wertedimensionen der schon oben angesprochenen Wertigkeit „Intrinsisch  Extrinsisch  Systemisch“ folgt.

Die systemische Wertedimension wird gespeist von der Grundfrage im „Außen“, „Wofür ist das um mich herum?“ und im „Selbst“, „Wofür bin ich selbst?“. Darin wird deutlich, dass die systemische Wertedimension Reflexionsfähigkeit voraussetzt. In dieser Dimension machen wir uns gleichsam Gedanken über das „Intrinsisch - Menschliche“ und das „Extrinsisch - Gegenständliche“ und setzen es in Beziehung zu uns selbst. Daraus entstehen Konstruktionen und Abstraktionen, mit deren Unterstützung wir die Welt für uns in eine formale Ordnung fassen. So ist es uns möglich, Systeme zu erkennen, zu beurteilen und die daraus resultierenden „Regeln“ zu beachten.

Abschließend zu den drei Wertedimensionen unterstreicht das folgende Zitat, wie wichtig es ist, sich immer wieder bewusst zu machen, wie und wofür wir werten.

„Wenn wir uns täglich bewusst machen, in welchen Dimensionen wir wie werten, dann bekommen wir auf die Dauer ein deutlich differenzierteres Bild unserer Umwelt und auch von uns selbst. …Die Beachtung der Wertedimensionen verhilft uns zu einer verbesserten Einschätzung der Bedeutung von Ereignissen, seien sie um uns herum oder in unserem Inneren.“

03 raute und balken

Das konkrete Verfahren profilingvalues®

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Bertram Kasper
Geschäftsbereichsleiter St. Elisabeth Verein und
Dipl. Sozialarbeiter
Dipl. Supervisor
Supervisor DGSv und Business Coach nach CoachPro®
Masterclass profilingvalues
St. Elisabeth Verein
Hermann-Jacobsohn-Weg 2
35039 Marburg
b.kasper@elisabeth-verein.de
www.elisabeth-verein.de

Autorenfoto -

Literatur

  • Kasper, Bertram (2014): profilingvalues® - ein psychometrisches Verfahren zur Objektivierung der Personalauswahl und der Personalentwicklung – eben auch für die Sozialwirtschaft. EREV Schriftenreihe
  • Kasper, Bertram (2014): Potenziale entdecken, Potenziale entwickeln. Sozialwirtschaft aktuell, Nomos Verlag
  • Vogel, Ulrich (2011): Herrschende Werte und Einstellungen am Arbeitsplatz, Profiling-Studie zum individuellen Wertesystem von Professionals und Führungskräften in Deutschland, Österreich und der Schweiz, München.
  • Vogel, Ulrich (2012): profilingvalues®: Handbuch, System, Anwendung und Interpretation des Reports, München.
  • Eichler, Hubertus / Vogel, Ulrich / Krautner, Patricia (2013): Psychometrische Verfahren zur Prüfung der Compliance-Kultur. In: ZRFC Risk, Fraud & Compliance, 8. Jahrgang, Februar 2013. S. 17–23.
Hinweis:

Bei Dr. Ulrich Vogel kann weiterführende Literatur, unter anderem eine wissenschaftliche Studie angefordert werden.
www.profilingvalues.com