Studie: Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher

Kategorien

Thema: Sexueller Missbrauch

Personen / Institutionen: Ludwig Stecher Sabine Maschke

02.07.2017, letzte Aktualisierung am 15.07.2017
Studie der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Univversität Giessen zur Frage von sexualisierter Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher

Am 8. Juni 2017 wurden in Wiesbaden die Ergebnisse der vom Hessischen Kultusministerium in Auftrag gegebenen SPEAK!-Studie über "Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher" vorgestellt. Es zeigte sich, dass das Hauptrisiko für sexualisierte Gewalt andere Jugendliche, das heißt Gleichaltrige sind.

Das Besondere an der Speak!-Studie ist, dass sie nicht nur die Perspektive der unmittelbar Betroffenen einbezieht, sondern auch die von Jugendlichen, die sexualisierte Gewalt beobachtet haben oder auch selbst ausgeübt haben. Der Blick auf drei Perspektiven erlaube auch eine Darstellung der Zusammenhänge von sexualisierter Gewalt und der Lebenswelt der Jugendlichen, zu der bspw. Schulfreude oder auch Pornografiekonsum gehörten.

Knapp ein Viertel der 14- bis 16-Jährigen berichtet über körperliche sexualisierte Gewalterfahrungen wie gegen den Willen angetatscht, geküsst oder am Geschlechtsteil berührt zu werden. Erfahrungen, die jedes dritte Mädchen in diesem Alter bereits mindestens einmal gemacht hat. Schwere Formen wiederholter körperlicher sexualisierter Gewalt erlebt mehr als jedes zehnte Mädchen (Jungen zu 3 Prozent).

Diese Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von insgesamt 2.719 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 und 10 im Alter zwischen 14 und 16 Jahren.

Die Studie endet mit den „Überlegungen zur Prävention“.

Auszüge aus der Studie:

Die Ableitung von Konsequenzen für die Präventionsarbeit aus den Befunden gehört zu den zentralen Zielen der Speak!-Studie. Hierzu bedarf es der intensiven Diskussion der Befunde mit Praktikerinnen und Praktikern, Beratungsstellen, den Fachreferaten des HKM, den Eltern- und Schülervertretungen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese Diskussion ist im Lichte bereits vorhandener Programme und Maßnahmen zu führen und braucht Zeit. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind es aus unserer Sicht vor allem drei Aspekte, die bei der Weiterentwicklung der Präventionsarbeit in Zukunft stärker zu berücksichtigen sind.

Wann soll Präventionsarbeit einsetzen?

Dies betrifft zum einen das Alter, zu dem Präventionsarbeit einsetzen muss.

  • Wir können zeigen, dass 74 Prozent derjenigen, die über Erfahrungen im Bereich nicht-körperlicher sexueller Gewalt berichten, diese Erfahrung bis zum Alter von 14 Jahren machen.
  • Ein starker Anstieg des Erfahrungsrisikos setzt mit dem 12. Lebensjahr ein. Das Erlebensrisiko steigt bis zum 13. Lebensjahr um fast 20 Prozentpunkte und im Jahr darauf um mehr als 30 Prozentpunkte. Das bedeutet, dass die Präventionsarbeit zur sexualisierten Gewalt spätestens mit Beginn der Pubertät – in etwa ab dem Alter von 11 Jahren – idealerweise in oder noch vor der Zeit des Übergangs an die weiterführende Schule stattfinden sollte.

Der wichtige Blick auf die Gleichaltrigen

Mit Blick auf die Rolle der Gleichaltrigen als Risikoquelle scheint es uns nicht ausreichend, den Fokus vornehmlich auf sexuellen Missbrauch und damit auf erwachsene Täterinnen und Täter zu richten. Zu berücksichtigen ist, dass die Entscheidung für „Ich sage NEIN“ für Heranwachsende in der sozialen Arena der Clique und der Freunde – mit ihren situativen Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen sowie in der Grauzone zwischen beginnender sexueller Attraktion, ko-konstruktiver sexueller Identitätsfindung (bei der die Gleichaltrigen eine wichtige Rolle spielen) und sexualisierter Gewalt – unter Umständen schwer zu treffen ist.

Spielt der Konsum von Pornografie eine Rolle?

Ein dritter Punkt betrifft den verstärkten Blick auf Pornografie in der Präventionsarbeit. Wenngleich wir nicht sagen können, ob Jugendliche, die sexualisierte Gewalt ausüben, dies tun, weil sie regelmäßig Pornos schauen, oder gewalttätige Jugendliche stärker dazu neigen, auf Pornos zuzugreifen, konnten wir zumindest einen signifikanten Zusammenhang zwischen beidem belegen. Und wir können auch zeigen, dass unterschiedliche Einstellungen zur Sexualität mit der Häufigkeit des Pornokonsums verbunden sind. Gehen wir mit Krahé (2009) davon aus, dass über Pornos sexuelle Rollenskripte verbreitet werden, die auf Macht, Gewalt und Dominanz von Männern gegenüber Frauen aufbauen, und betrachten wir die weite Verbreitung von Porno-Konsum – vor allem unter männlichen Jugendlichen – sehen wir hier einen klaren Schwerpunkt für die Präventionsarbeit.

Weiterbildung von Fachkräften

In der Studie werden Weiterbildungen von Fachkräften angeregt, die eine Auseinandersetzung mit den Vorstellungen von (altersspezifischer) ‚richtiger‘ Sexualität, Zugang und Umgang mit Medien beinhaltet.

Schule als Sozialisations- und Schutzraum

Die Studie konnte zeigen, dass (vor allem nicht-körperliche) sexualisierte Gewalt häufig in der Schule stattfindet, und dass darunter das Sicherheitsempfinden der Jugendlichen leidet. Das Sicherheitsgefühl in der Schule fällt umso negativer aus, je mehr die Jugendlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Dies trifft auch auf die ‚stillen Beobachterin-nen und Beobachter‘ sexualisierter Gewalt zu. Zudem wurde ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen dem Erleben von Mobbing (in der Schule) und sexualisierter Gewalt beschrieben.

Da die Schule die Mehrheit aller jungen Menschen erreicht;regt die Studie an, dass die Schule in der Präventionsarbeit die zentrale Rolle übernehmen und das Thema sexuelle Gewalt im Unterricht auf jeden Fall noch stärker verankern sollte.

Hier erhalten Sie die Studie als PDF-Datei.